Rezension: Reamde (Neal Stephenson)

Jan 11

Rezension: Reamde (Neal Stephenson)

Der neue Ste­phen­son ist end­lich wie­der High Tech, wenn er es auch nur bis in die Gegen­wart geschafft hat. Als beson­de­res Schman­kerl für das hie­sige Blog sei erwähnt, dass ein MMORPG eine zen­trale Rolle spielt. Aber auch außer­halb von T’Rain macht der Roman eine Menge Spaß.

Erschei­nungs­bild

Als ich das Buch bei mei­nem loka­len Händ­ler bestellt habe, war ich erst­mal baff ob des Prei­ses: knappe 20€ für ein eng­li­sches Paper­back (bei Ama­zon 15€)?! Die lie­gen doch sonst eher um die sie­ben?! Was soll’s. Snow Crash war einer der bes­ten Romane der zwei­ten Gene­ra­tion des Cyberpunk-Genres und Cryp­to­no­mi­con war ein her­aus­ra­gen­der High Tech-Thriller für alle Tech­nik Freaks und Com­pu­ter Geeks. Nach­dem ich den Barock-Zyklus irgend­wie ver­schla­fen habe, lockt Ste­phen­sons aktu­el­ler Roman, Reamde, nun mit einer Story, die sich um MMOR­PGs dreht. Her damit.

Als das Buch dann da war, habe ich ver­stan­den. 1,2 Kg bringt der Schmö­ker auf die Waage und sprengt mit sei­nem übergro­ßen For­mat zumin­dest meine Vor­stel­lung von einem ‚Taschen­buch’. Trotz des Umfan­ges von über 1000 Sei­ten kann man es ver­nünf­tig lesen, ohne dass die Bin­dung zer­fled­dert oder sich auch nur diese häss­li­chen Wülste am Buch­rü­cken bil­den. Wer noch die guten alten Heyne Taschen­bü­cher kennt, weiß das sicher­lich zu schät­zen (ich sag nur: Moor­cocks Sage vom Ende der Zeit). Auch der Sei­ten­schnitt ist aus­rei­chend groß­zü­gig bemes­sen, so dass dem Lese­ver­gnü­gen weder Fin­ger noch der Mit­tel­knick im Weg sind. Das Cover kommt im edlen Prä­ge­druck. Warum habe ich nur immer wie­der den Ein­druck, dass in UK und USA mehr Liebe in die Gestal­tung gesteckt wird als in Deutschland?

Die Fak­ten:

  • Autor: Neal Stephenson
  • Bro­schiert: 1044 Sei­ten
  • Ver­lag: Atlan­tic Books; Auf­lage: Trade Paper­back. (Sep­tem­ber 2011)
  • Spra­che: Englisch
  • ISBN-10: 1848874502
  • ISBN-13: 978–1848874503
  • Bezugs­quelle: Ama­zon (Link zum Arti­kel)

Story

Wie auch in sei­nen ande­ren Büchern lie­fert Ste­phen­son hier eine Menge sehr plau­si­bler Cha­rak­tere mit eige­nen Moti­va­tio­nen, wor­aus sich gleich meh­rere Hand­lungs­stränge erge­ben. Diese wer­den immer wie­der anhand unter­schied­lichs­ter Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen und Ereig­nisse ver­knüpft, um sich danach wie­der ihrem eige­nen Fort­gang zu widmen.

Die zwei Ein­stiegs­plots seien kurz ange­ris­sen: Richard Forthrast, ein sym­pa­thi­scher ehe­ma­li­ger Marihuana-Schmuggler, hat sein Ver­mö­gen in ein MMORPG namens T’Rain inves­tiert und dank eines sehr cle­ve­ren Mar­ke­tings sowie zahl­rei­cher gran­dio­ser Details den bis­he­ri­gen Markt­füh­rer WoW an den Rand gedrängt. Wer schon seit län­ge­rem ein Online-RPG zu pro­gram­mie­ren plant, sollte sich allein schon als Inspi­ra­tion für ein Geschäfts­mo­dell Ste­phen­sons Wäl­zer zule­gen ;) Geheim­nis des Erfol­ges ist unter ande­rem, dass das Spiel einige Fea­tures bie­tet, die chi­ne­si­schen Gold­far­mern die Arbeit mas­siv erleich­tert. Einige beson­ders krea­tive Ver­die­ner sind nun auf die Idee gekom­men, per Virus die Daten ein­zel­ner Spie­ler zu ver­schlüs­seln und sie erst dann wie­der frei­zu­ge­ben, wenn in einem bestimm­ten Land­strich T’Rains eine Menge Gold­stü­cke depo­niert wurde.

Dum­mer­weise wird mit die­sem Virus auch der Com­pu­ter eines Mit­tels­man­nes der rus­si­schen Mafia infi­ziert, als die­ser gestoh­lene Kre­dit­kar­ten­da­ten ein­kauft. Seine Auf­trag­ge­ber sind dar­über natür­lich gar nicht glück­lich und kid­nap­pen kur­zer­hand den Ver­käu­fer der Daten sowie des­sen Freun­din — eine Nichte Forthrasts -, um mit deren bei­den Computer-Know How die Virus­pro­gram­mie­rer aus­fin­dig zu machen und zu stel­len. Der Sturm auf die Unter­kunft der Hacker in einem Wohn­block in Süd­china führt dabei zu einer sehr ent­schei­den­den Wen­dung des Romans, die zwar sehr unwahr­schein­lich ist, aber nichts­des­to­trotz mög­lich. Ab hier geht’s dann rich­tig rund.

Schreib­stil

Reamde kommt in gut ver­ständ­li­chem Eng­lisch daher. Leute mit nur klei­nem Voka­bu­lar soll­ten aber zur Sicher­heit ein Wör­ter­buch dane­ben lie­gen haben. Man merkt, dass da jemand nicht nur beim Ersin­nen der Story krea­tiv ist, son­dern auch mit Spra­che umge­hen kann. Ins­ge­samt liest sich das Buch daher sehr flüs­sig und schnell. Auch der für Ste­phen­son typi­sche Humor ist ver­tre­ten, wenn­gleich er hier etwas dezen­ter daher­kommt (des­we­gen aber nicht weni­ger witzig).

Was nega­tiv auf­fällt ist, dass der Autor zwi­schen­durch den Über­blick ver­lo­ren zu haben scheint, so dass es zu unnö­ti­gen Dop­pel­be­schrei­bun­gen und Anschluss­feh­lern in ein­zel­nen Sze­nen kommt. Dabei geht es wohl­ge­merkt nicht um Dinge, die rele­vant für die Story sind, aber läs­tig ist es alle­mal. Als Bei­spiel seien Gäste genannt, die ein bereits lee­res Inter­net­cafe wäh­rend einer Kon­fron­ta­tion zwi­schen Haupt­cha­rak­te­ren ver­las­sen, oder eine Figur, die sich erst mit fal­schem Namen vor­stellt, aber spä­ter trotz­dem für beide Sei­ten völ­lig selbst­ver­ständ­lich mit ihrem rich­ti­gen Namen ange­spro­chen wird.

Preis-/Leistungsverhältnis

Ich weiß ja nicht, wo der­zeit der Papier­preis liegt, aber ich habe durch­aus schon weni­ger Buch für mehr Geld gekauft. Und ich habe mich auch schon bei glei­chem Preis schlech­ter unter­hal­ten gefühlt. Das hier ist ein ech­ter ‚Bang for the buck’. Ich wäre nicht über­rascht, wenn die deut­sche Aus­gabe in zwei Bän­den á 15€ käme. Wer die­ses Buch aber in der Bahn lesen will, sollte die zusätz­li­che Anschaf­fung eines klei­nen Ruck­sacks mit ein­pla­nen ;)

Fazit

Bis auf die erwähn­ten, klei­ne­ren Man­kos ein groß­ar­ti­ges Buch. Reamde lie­fert ein paar süf­fi­sante Sei­ten­hiebe auf WoW und Kon­sor­ten, legt etwa ab Seite 250 ein Tempo vor, dass man den Roman nur schwer wie­der bei­seite legen kann — und behält die­ses bis zum Ende fast durch­gän­gig bei. Dabei gibt es sowohl in der vir­tu­el­len als auch in der rea­len Welt eine Menge Action, die die der jeweils ande­ren immer wie­der beein­flusst. Defi­ni­tive Kauf­emp­feh­lung für alle Fans von kom­ple­xen High Tech Thril­lern, Leser mit einer Vor­liebe für schnelle, unter­halt­same Geschich­ten sowie zur Selbst­iro­nie fähige Spie­ler von MMORPGs.


Unsere Bewer­tung

Erschei­nungs­bild ★★★★★ 
Story ★★★★½ 
Schreib­stil ★★★★☆
Preis-/Leistungsverhältnis ★★★★★
Gesamt ★★★★½

 

 

 

2 Kommentare

  1. Sonja /

    Schöne Rezi (und vor allem umfang­reich!), hört sich gut an und klingt nach einem Buch für mich :) Aller­dings schreckt mich der schiere Umfang doch etwas ab, da ich nor­ma­ler­weise eher weni­ger mit einem Ruck­sack unter­wegs bin… mal gucken.

  2. Holger /

    Was Umfang und auch Preis angeht hilft dann ein Kindle / die Kindle App auf einem Tablet nach Wahl… da kos­tet das „Buch“ dann auch unter 6 EUR :)

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