Bericht: Jenseits der Siegel

Mai 22

Bericht: Jenseits der Siegel

Die­ser Bericht ver­bin­det zwei Sicht­wei­sen über den am ver­gan­ge­nen Wochen­ende gespiel­ten LARP-Con  Jen­seits der Sie­gel, der in der Con­quest of Mytho­dea Rea­li­tät statt­fin­den. Hol­ger war als Spie­ler zuge­gen, Sebas­tian hin­ge­gen als Semi-NSC.

Unter dem Arti­kel zei­gen wir Euch einige Bil­der von Mar­tina Bauer, Fre­de­rike Howe, Karo­lin Kug­ler & Dami­tha Ster­nen­staub. Ihr fin­det wei­tere Pho­to­gra­fien ande­rer Anwe­sen­den im offi­zi­el­len Forum. Hier wer­den sie unter einem Thread gesam­melt: Klick.


Rück­blick auf das Jen­seits der Sie­gel 2012 – Aus Sicht eines sie­gel­freien Spielers

Für die unter euch, die nicht wis­sen, was das Jen­seits der Sie­gel oder das Con­quest of Mytho­dea ist, hier eine kleine Einführung:

Das Con­quest of Mytho­dea ist, laut Infor­ma­tio­nen des Ver­an­stal­ters Live Adven­ture, das größte Liverollenspiel-Event der Welt. Ob es nicht viel­leicht irgendwo ein grö­ße­res gibt, ver­mag ich nicht zu sagen, aber in Deutsch­land ist es das auf jeden Fall mit Besu­cher­zah­len, die seit Jah­ren im mitt­le­ren bis hohen vier­stel­li­gen Bereich liegen.

Bespielt wird dort der Kon­ti­nent „Mytho­dea“, wel­cher vor mitt­ler­weile 11 Jah­ren vom See­fah­rer Paolo Arma­tio wie­der­ent­deckt wurde und seit dem von Men­schen, Elfen, Zwer­gen, Orks (von denen es mehr zumin­dest gefühlt mehr als von den Zwer­gen gibt), Drow, Cha­os­an­hän­gern, Tier­we­sen und allem nur erdenk­li­chen besie­delt wird. Ich will hier gar nicht tie­fer auf die Story oder den Hin­ter­grund ein­ge­hen, aber lasst euch gesagt sein: Detail­liert aus­ge­ar­bei­tet ist eine Untertreibung!

Neben der Haupt­ver­an­stal­tung, dem Con­quest of Mytho­dea, gibt es seit vie­len Jah­ren auch den klei­ne­ren Bru­der Jen­seits der Sie­gel, auf dem es weni­ger um epi­sche Schlach­ten und große Aben­teuer geht, son­dern mehr um Ambi­ente und Diplo­ma­tie. Auch bie­tet sich hier die Mög­lich­keit, Plots­trän­gen nach­zu­ge­hen, die aus Zeit­man­gel lie­gen geblie­ben waren, aber zu wich­tig sind, als dass man sie igno­rie­ren könnte.

Eben jene Ver­an­stal­tung ging heute Mor­gen zu Ende und nun sitze ich hier, noch berauscht von dem Erleb­nis, vor mei­nem Rech­ner und will euch ein wenig dar­über berichten.

Zum zwei­ten Mal in Folge fand das Tref­fen, InTime wie Off­Time, am glei­chen Ort statt. Off­Time han­delt es sich dabei um die Burg Großl­ohra in Thü­rin­gen, InTime um den Ort Hab­an­nas Wacht an der Küste Mytho­deas. Bür­ger­meis­ter (gespro­chen BIER­ger­meis­ter) Anto­nio de la Tirolli hatte erneut zu einem Jahr­markt gela­den, wäh­rend die Nyame und der Archon des süd­li­chen Sie­gels (spi­ri­tu­elle und mili­tä­ri­scher Herr­scher eines Teils des Kon­ti­nents) zum Kon­vent der Ele­mente riefen.

Der Jahr­markt war, wie auch auf dem Con­quest of Mytho­dea, zum Teil eine Mög­lich­keit, für ech­tes Geld echte Waren zu erwer­ben, seien es nun Speis und Trank oder aber neue Aus­rüs­tung wie Waf­fen, Rüs­tun­gen, Taschen, oder ähnliches.

Im Ver­gleich zum gro­ßen Bru­der ist auf dem Jen­seits der Sie­gel aller­dings die atmo­sphä­ri­sche Dichte in der Stadt erheb­lich grö­ßer, ver­mut­lich weil es, zumin­dest antei­lig, wesent­lich mehr reine InTime Attrak­tio­nen gibt. Beson­ders schön fand ich die­ses Jahr die Wett­kämpfe auf dem zen­tra­len Markt­platz, die von Tau­zie­hen über Wet­tes­sen bis hin zu einem sehr gelun­ge­nen Faust­kampf­tur­nier reichten.

Aber auch abseits davon gab es ein Bade­haus (wo man fan­tas­ti­sche Rück­mas­sa­gen bekam), zwei Bor­delle (natür­lich nur InTime, Off­Time waren es eben­falls sehr gute Mas­sa­ge­häu­ser) die sich bekrieg­ten, diverse Gil­den (neu­er­dings sogar Anwälte! Man sollte sie direkt wie­der erschla­gen!), eine Volks­schule, eine stets prä­sente Stadt­wa­che und ein Schmier­blatt, das irgend­wann fast so viele Rich­tig­stel­lun­gen wie Arti­kel beinhal­tete (und min­des­tens einer der Arti­kel beinhal­tete einige recht bri­sante Infor­ma­tio­nen, die eigent­lich nie öffent­lich wer­den sollten…).

All diese Dinge sorg­ten für genü­gend Mög­lich­kei­ten, ein­fach nur zu spie­len, ohne irgend­wel­che Diplo­ma­tie, Plots, Rät­sel oder sonst etwas zu benö­ti­gen. Wollte man aller­dings auf die genann­ten Dinge nicht ver­zich­ten, so gab es auch hier genü­gend Möglichkeiten.

Da mein Cha­rak­ter sich in Sie­gel­statt nie­der­ge­las­sen hat, ein Ort, wel­cher kei­nem der vier gro­ßen Sie­gel ange­hört und dar­auf ach­tet, im Streit zwi­schen die­sen mög­lichst neu­tral zu sein, kann ich zu den diplo­ma­ti­schen Gescheh­nis­sen nicht viel sagen, aber ich habe mit­be­kom­men, dass die Sie­gel intern wie auch unter­ein­an­der eine Menge Sit­zun­gen abge­hal­ten und Poli­tik betrie­ben haben.

Plots gab es auch in ver­schie­de­nen Grö­ßen. Von der sams­täg­li­chen Eier­such­ak­tion über pöbelnde reli­giöse Fana­ti­ker, son­der­bare Kris­talle, die von star­ken Gefüh­len erfüllt waren, ver­schwun­de­nen Per­so­nen, Geis­tern, klei­nen Schlach­ten an diver­sen Orten (zu denen man durch ein Por­tal gelan­gen konnte) bis hin zu Din­gen, die auf höchs­ter Ebene mit dem Metaplot der Mythodea-Kampagne zu tun hat­ten, war für jeden Geschmack etwas dabei.

Von Mitt­woch bis Sonn­tag hat­ten also alle anwe­sen­den etwa 600 Per­so­nen genug Mög­lich­kei­ten, ihre Cha­rak­tere aus­zu­spie­len und tie­fer in die Welt von Mytho­dea ein­zu­tau­schen. Und das ohne die kon­stante Gefahr und den Druck, die auf dem all­jähr­li­chen Feld­zug herr­schen. Freund­schaf­ten wur­den ver­tieft, Ehen geschlos­sen, ein­fach nur Gesprä­che geführt, neue Freund gefun­den. Kurzum, eine tolle Mög­lich­keit, mit den ande­ren Spie­lern auf Mytho­dea in Kon­takt zu kommen.

Klingt jetzt alles ein biss­chen zu per­fekt, um wahr zu sein? Stimmt!

Per­fekt war es sicher nicht. Es gab Momente, wo wir ver­zwei­felt sind, Dinge pas­sier­ten, die ein­fach nur für Frust bei vie­len Betei­lig­ten sorg­ten, und sicher­lich in den Augen Eini­ger zu einer nicht so posi­ti­ven Sicht auf die Ver­an­stal­tung geführt haben. Ich kann für mich aber nur sagen: Ich bin froh, dass ich dort war und nicht auf­ge­ge­ben habe, auch wenn es Rück­schläge gab und nicht alles Spaß gemacht hat. Ich werde auf jeden Fall nie wie­der den Feh­ler machen, in Hör­weite einer SL zu sagen, dass ich fast ein wenig Lan­ge­weile hätte.

Anmer­kung der Redak­tion: Oh oh.…

Viel­leicht fragt ihr euch, warum ich hier zu den Gescheh­nis­sen nur sehr ober­fläch­li­che Details schreibe. Sollte dem so sein, lasst euch gesagt sein: Fin­det es InTime her­aus! Das macht erheb­lich mehr Spaß als es Off­Time zu lesen und sorgt für Kon­takt zu ande­ren Spielern.

Mein beson­de­rer Dank an die­ser Stelle geht an:

  • Die NSCs, die die roten Idio… ähm, ich meine den Roten Codex gespielt haben. Pöbeln­des Fana­ti­ker­pack! Echt super dar­ge­stellt! Beson­ders die Denker.
  • Paolo Arma­tio und seine fan­tas­ti­sche Crew, bei denen ich oft zu Gast sein durfte.
  • Die Naldar – Auch wenn ich einige echt ver­misst habe, ihr bleibt ein­fach die Besten!
  • Sil­ver Rikan – Einen bes­se­ren Leh­rer könnte man gar nicht haben.
  • Das SL Team – Ihr wart fast immer da, wenn man euch brauchte und habt auch durch­aus mal eure Pläne geän­dert, um das zu hono­rie­ren, was die Spie­ler so gemacht haben. So muss es sein!
  • Alle mög­li­chen ande­ren Leute, die auf­zu­zäh­len ein­fach zu lange dau­ern würde :-)

Hol­ger – InTime bekannt als Shiar Tal­vena, Schrift­ge­lehr­ter und Schü­ler und Schat­ten von Sil­ver Rikan


Rück­blick auf das Jen­seits Der Sie­gel aus Semi-NSC Seite.

Tja, so bin ich also wie­der daheim, der Rea­li­tät ver­haf­tet und muss mich wie­der in den All­tags­trott ein­fin­den. Das erste Gefühl das mich beschlich als ich auf dem hei­mi­schen Sofa saß, abge­se­hen von Durst und Hun­ger, war tat­säch­lich LANGEWEILE.

Anmer­kung der Redak­tion: Typi­scher Fall von Auswurfschock..

Auf dem von Hol­ger bereits so wun­der­bar beschrie­be­nen Con gab es immer etwas zu tun. Es gab immer etwas zu sehen und es gab immer jemand mit dem man spre­chen und etwas unter­neh­men konnte.

Ich als Semi-NSC, soge­nann­ter Tribe-Spieler, bin ein wenig mit für das Flair und die Auf­recht­er­hal­tung der Illu­sion eine fremde Welt zu betre­ten, ver­ant­wort­lich. Daher sind wir, soll hei­ßen ich und meine Mit­spie­ler der ande­ren „Tri­bes“, höchst bemüht in der Rolle zu blei­ben und vor allem, Infos an den Mann/die Frau zu bringen.

Dabei sind wir über die wah­ren Aus­maße vie­ler Plots nicht mal kom­plett infor­miert und besit­zen oft nur eben die Bruch­stü­cke die man uns sei­tens der SL in die Hand gibt, um sie bei Zei­ten an die Spie­ler wei­ter zu geben.

Uns ist erlaubt zu spie­len, jedoch ist es uns aus­drück­lich ver­bo­ten einen Plot allein zu lösen, bzw. einen direk­ten Hin­weis zu des­sen Lösung zu geben, wir dür­fen also sozu­sa­gen nie­mals das „Den­ken“ für die Spie­ler über­neh­men. Wir dür­fen sie anstub­sen, aber nie ihre Nasen auf die Lösung stoßen.

Daher bemü­hen wir uns Teil der Gemein­schaft zu sein und gleich­zei­tig aber eben auch aus die­ser etwas abge­son­dert zu sein. Es ist eine Grat­wan­de­rung, die jedoch einen Hei­den­spaß macht.

Gran­dios sind die Augen­bli­cke, in denen man prak­tisch zuse­hen kann wie die Fra­ge­zei­chen auf dem Gesicht eines Spie­lers klei­ner wer­den, wenn man ihnen grade das letzte Puz­zle­stück mit­ge­teilt hat, das ihre Frage beant­wor­tet, oder eben zur Lösung eines Plots bei­trägt. Min­des­tens genauso herr­lich sind Momente, in denen man ein­fach nur durch die eigene Dar­stel­lung zum Gelin­gen eines Unter­neh­mens bei­trägt. Sei es nun bei einem Ritual, oder durch den Kampf gegen Vollzeit-NSCs.

Als Tribe-Spieler hat man eine gewisse Ver­ant­wor­tung gegen­über dem Ver­an­stal­ter und den Spie­lern. Beide erwar­ten eine gute Show, sprich gute Dar­stel­lung von Dir. Was nicht immer leicht fällt, aber meis­tens allein durch die her­vor­ra­gende Atmo­sphäre der Ver­an­stal­tung sehr stark unter­stützt wird.

Im Grunde sind Cons wie das Jen­seits der Sie­gel Situa­tio­nen, die aus sich selbst her­aus wach­sen und die sich Auf­grund der Moti­va­tion und des Spa­ßes, den alle Teil­neh­mer haben, selbst tragen.

Ohne die Spie­ler, die in ihrer Rolle blei­ben, hät­ten wir (Semi) NSCs kei­nen Spaß, ohne uns die wir das Selbe tun, hät­ten die Spie­ler kei­nen Spaß.

Natür­lich kann es manch­mal pas­sie­ren, das man Auf­grund irgend­ei­ner Situa­tion doch in ein kur­zes OffTime-Gespräch rutscht, jedoch ist dies meinst nur von sehr kur­zer Dauer und meist in freund­li­cher, oder gar lus­ti­ger Absicht, was meist zu einem kur­zen Lacher führt, nach­dem man sich wie­der zusam­men reißt und wei­ter spielt. Das ist auch in mei­nen Augen nichts ver­werf­li­ches. Es hilft die Per­spek­tive zu sichern, es hilft die wun­der­bare Stim­mung zu schät­zen und zu genie­ßen. Ich muss sagen, das ich sogar bei einem Gespräch über Feu­er­lö­scher und die ver­schie­de­nen Ver­ord­nun­gen der Gemein­den, die einer der Futter-Stände bereist, Spaß hatte. Ganz ein­fach weil es ein net­tes und vor allem offe­nes Gespräch war, das abge­se­hen von eini­gen moder­nen Begrif­fen, ohne wei­te­res auch InTime hätte statt­fin­den können.

Was mir sehr viel Spaß macht, ist dass Live Adven­ture (der Orga­ni­sa­tor der Mythodea-Cons), durch die Hin­ter­gründe, die es für die Tri­bes vor­gibt, auch für reich­lich Kon­flikt­po­ten­tial gesorgt hat.

Zum Bei­spiel ist das Volk, dem mein Cha­rak­ter ange­hört, nicht son­der­lich gut auf sein Schwes­ter­volk zu spre­chen und auf einen gewis­sen Bund, der in den letz­ten Jah­ren auf­kam, da deren jewei­lige Vor­fah­ren in der Geschichte unse­res Vol­kes eine, sagen wir mal, „sub­op­ti­male“ Stel­lung ein­ge­nom­men haben, um ihnen nun wirk­lich freund­lich zu begegnen.

Dies führt immer wie­der zu ver­ba­len Sti­che­leien und auch ab und an zu lau­te­ren Wort­ge­fech­ten, aber wir rei­ßen uns zusam­men, da wir nun mal alle einem höhe­ren Ziel die­nen. Dem Sieg über die Ver­fem­ten Ele­mente.

Dies den Sied­lern klar zu machen, ist mit eine unse­rer Auf­ga­ben. Denn wie immer wenn sich Men­schen in Grup­pie­run­gen auf­tei­len, ist Kon­flikt vor­pro­gram­miert. Es ist man­ches mal zugleich frus­trie­rend und fas­zi­nie­rend mit an zu sehen, wie die Strei­te­reien zwi­schen den ver­schie­de­nen Grup­pen der Sied­ler, sprich Spie­ler, sich anfein­den und nahezu jede Gele­gen­heit nut­zen sich gegen­sei­tig die Suppe zu ver­sal­zen. Dabei will ich nicht ein­mal behaup­ten, auch nur die Hälfte der Dinge zu wis­sen, die da statt­fin­den. Es ist ein solch umfang­rei­ches Geflecht aus Poli­tik, Intri­gen, Schwü­ren und Schul­den, das einem schwin­de­lig wer­den könnte.

Aber, eben dazu ist das Jen­seits der Sie­gel da. Es soll den Spie­lern eine Bühne lie­fern, auf der sie sich dar­stel­le­risch aus­to­ben kön­nen, fast ohne bewaff­ne­ten Kon­flikt und fast ohne große Schlach­ten. Nur die Ent­schei­dun­gen zäh­len, und deren Nach­hall wird auf dem Som­mer­feld­zug, dem Con­quest of Mytho­dea, die­sen Jah­res zu spü­ren sein. Egal, wie sie ausfielen.

Ich bin stolz ein Teil der Welt zu sein und den Spie­lern ihren Spaß zu ermög­li­chen und ich bin dank­bar den Spie­lern gegen­über, die mich als sol­chen akzep­tie­ren und mir dadurch das Gefühl ver­mit­teln, meine Sache gut gemacht zu haben.

Sebas­tian — aka Kai-Se Genon-Chi, Linesti Soldat


Bil­der

Wart ihr auch auf dem Jen­seits der Sie­gel? Wie waren Eure Eindrücke?

 

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1 Kommentar

  1. „Aus­wurf­schock“ ist das coolste Wort, was ich die­ses Jahr gehört habe. Respekt. :-D

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