Die Drachenzwinge — Rollenspiel via Teamspeak

Jun 28

Die Drachenzwinge — Rollenspiel via Teamspeak

Von Eva „Lyshira“ Förs­ter und Simone „Iona“ Bischof

„Pen & Paper-Rollenspiele online über Team­speak? Nee, ich spiel lie­ber mit rich­ti­gen Men­schen“ – so oder so ähn­lich waren die Worte von Hen­ning, als er zum ers­ten Mal von der Dra­chen­zwinge und deren Idee gehört hat.

Nach einem kur­zen Stirn­run­zeln ent­lockte mir die­ser Satz aller­dings nur ein Schmun­zeln. Ich spiele auch gerne mit „rich­ti­gen Men­schen“ – aber am liebs­ten so oft und regel­mä­ßig wie mög­lich und ohne, dass Ent­fer­nun­gen eine Rolle spielen.

Die Idee ist sicher­lich nicht neu. In Zei­ten, wo Voicechat-Programme wie Skype oder Team­speak in vie­len Berei­chen genutzt wer­den liegt es nahe, diese Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel für sein Hobby zu nut­zen. Brief-, Chat– und Foren­rol­len­spiele gibt es schließ­lich schon sehr lange.

Und wie ist das so?

Viele, mich nicht aus­ge­nom­men, sind erstaunt, wenn sie das erste Mal bei einer Spiel­runde im Team­speak zuhö­ren. Schließ­lich gehö­ren doch das gemüt­li­che Bei­sam­men­sein, der mit Knab­ber­kram über­häufte Tisch und die mit Kaf­fee­rän­dern ver­zier­ten Cha­rak­ter­blät­tern zum Pen & Paper genauso wie der meter­hohe Sta­pel an Regel­werk. Ande­rer­seits sind es oft genau diese Rituale, die den Spiel­be­ginn hin­aus­zö­gern oder den Spiel­fluss immer wie­der hemmen.

Außer, dass man sich nicht sieht und weni­ger durch­ein­an­der­re­den kann, ist der Ablauf also genau wie bei einer Runde am Tisch!

Es kann gewür­felt werden!Der Spiel­lei­ter lei­tet das Spiel, die Spie­ler spie­len ihre Rol­len. Auch die Mecha­nik kommt auf­grund eini­ger sehr nütz­li­cher Pro­gramme nicht zu kurz. Bil­der und Kar­ten kön­nen aus­ge­tauscht wer­den, mit klei­nen Cha­rak­ter­bil­dern kön­nen Posi­tio­nen mar­kiert und beson­ders wichtig:

Hier benut­zen viele Grup­pen so genannte Rule­sets, die in den jewei­li­gen Pro­gram­men abge­stimmt auf das Spiel­sys­tem sogar berech­nen, ob ein Wurf erfolg­reich ist oder nicht und Auf­schläge und Abzüge mit ein­be­zie­hen. Beson­ders bei Kämp­fen kann dies bei dem einen oder ande­ren Sys­tem eine gute Hilfe sein. Auch die Cha­rak­ter­ver­wal­tung kann von die­sen Pro­gram­men über­nom­men wer­den. Werte und Eigen­schaf­ten kön­nen dort hin­ter­legt wer­den und sind wäh­rend des Spiels für Spie­ler und Spiel­lei­ter stets prä­sent und einsehbar.

Auch die Stim­mung kommt nicht zu kurz, wenn man alleine am hei­mi­schen PC sitzt, das Head­set auf den Ohren. Die Kar­ten­tools und Pro­gramme zur musi­ka­li­schen Unter­ma­lung bie­ten dem Spiel­lei­ter zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, den Spie­lern einen Ein­druck von der Umge­bung und deren Wir­kung auf die Hel­den zu vermitteln.

Chat­funk­tio­nen der Pro­gramme bie­ten dar­über hin­aus eine wei­tere Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebene. Hier kön­nen Cha­rak­ter­ak­tio­nen beschrie­ben oder ange­kün­digt wer­den, Gesprä­che kön­nen par­al­lel zum gespro­che­nen Wort im Voicechat ohne zu stö­ren geführt wer­den und auch „geheime“ Bot­schaf­ten kön­nen aus­ge­tauscht wer­den. Das belebt und berei­chert das Spiel, da Wis­sens­ebe­nen kon­se­quen­ter getrennt wer­den kön­nen, als es am Tisch oft der Fall ist. Und ganz im Ver­bor­ge­nen kön­nen hier dann genau die Gesprä­che über das letzte Fuß­ball­spiel oder die Erleb­nisse des Tages geführt wer­den, die den Ablauf der Runde meist zum Ärger der am Gespräch Unbe­tei­lig­ten verzögern.

Ges­tik und Mimik

In die­sem Punkt muss man natür­lich Abstri­che machen. Ges­tik und Mimik sind nicht direkt über­trag­bar und müs­sen mit bei der Beschrei­bung, was ein Cha­rak­ter grade tut, mit erwähnt werden.

Doch auch hier kann man Vor­teile sehen. Durch die reine ver­bale Beschrei­bung ist es leich­ter, sich die Figur, die der Spie­ler dar­stellt, vor­zu­stel­len und nicht den Spie­ler. Beson­ders beim Spiel nicht­mensch­li­cher Figu­ren oder Cross­gen­der kann dies wert­voll sein — wenn auch eine tiefe, männ­li­che Stimme die Illu­sion einer zart­glied­ri­gen Elfin nicht gerade för­dert. Hier ist nach wie vor die Phan­ta­sie von Spie­ler und Spiel­lei­ter gefragt.

Gerade für schüch­terne oder uner­fah­rene Spie­ler kann es auch hilf­reich sein, dass sie nie­mand sieht, wenn sie bei ihrer ers­ten impro­vi­sier­ten Rede oder dem ers­ten aus­ge­spiel­ten Gefühls­aus­bruch ihres Cha­rak­ters rot wer­den wie eine Tomate. Viel­leicht war es gerade die­ser Umstand, der sie am Tisch von der­ar­ti­gen Dar­stel­lun­gen immer abge­hal­ten hat. Mit der Gewiss­heit, dass ja kei­ner zuschaut, ver­lie­ren sie nach und nach ihre Scheu und ler­nen ganz neue Sei­ten an sich und ihren Cha­rak­te­ren kennen.

Psssst!

Ablen­kun­gen, wie das Rascheln der Chip­stüte, dem Duft der Knob­lauch­pizza des Mit­spie­lers oder das für den eige­nen Geschmack zu schumm­rige Licht fal­len bei die­ser Art zu spie­len eben­falls weg. Durch ein wenig Dis­zi­plin im Voicechat kann man nach Belie­ben rascheln, hus­ten, das Tele­fon ein­fach mal klin­geln las­sen, ohne, dass die Mit­spie­ler gestört wer­den. Team­speak bie­tet hier das „Push to Talk“-Prinzip (dies steu­ert, dass man nur gehört wird, wenn man eine bestimmte, selbst­ge­wählte Taste drückt), aber auch bei ande­ren Pro­gram­men kann das Mikro­phon meist rasch aus­ge­schal­tet wer­den. Jeder Spie­ler kann sich also die Atmo­sphäre schaf­fen, die er gerne haben möchte.

Auch viele Eltern schät­zen diese Alter­na­tive. Sie kön­nen spie­len, wäh­rend die Klei­nen im Neben­zim­mer ruhig schla­fen, müs­sen kei­nen Baby­sit­ter orga­ni­sie­ren oder Angst haben, dass der Lärm der Runde am Tisch den Schlaf stört. Fle­xi­bi­li­tät ist somit nicht nur für sie ein gro­ßes Plus. Wieso nicht den Abend, den man sonst viel­leicht vor dem Fern­se­her ver­bracht hat, mit ein paar Stun­den sei­nes Lieb­lings­hob­bies füllen?

Was ist die Drachenzwinge?Und hier kommt das Pro­jekt Dra­chen­zwinge ins Spiel. Spiel­sys­tem­neu­tral kön­nen hier Spie­ler und Grup­pen gefun­den wer­den, die den prä­fe­rier­ten Spiel­stil betrei­ben, lange Kam­pa­gnen aber auch klas­si­sche OneShots kön­nen geplant und gespielt werden.

Als Arne Nax, der Grün­der des Pro­jekts Dra­chen­zwinge, beruf­lich ins Aus­land zog, suchte er nach einer Mög­lich­keit, fernab von poten­ti­el­len Mit­spie­lern sei­nem Hobby nach­zu­ge­hen. Ohne lange Anrei­sen, wochen­lan­ges War­ten und Pla­nen. Da er zu die­sem Zeit­punkt Team­speak schon für diverse Multiplayer-Spiele nutzte, lie­ßen er und einige andere aus sei­nem Clan es auf einen Ver­such ankom­men, dort eine Pen & Paper-Runde statt­fin­den zu lassen.

Und es funk­tio­nierte! Rasch wur­den wei­tere Infor­ma­tio­nen ein­ge­holt und tat­säch­lich fan­den sie sogar schon einige Com­pu­ter­pro­gramme, die das Spiel über Voicechat unter­stüt­zen konn­ten.  Diese Erkennt­nis und die bis­lang im deutsch­spra­chi­gen Raum kaum bis gar nicht vor­ge­stell­ten Mög­lich­kei­ten ver­an­lass­ten ihn dazu, im Jahre 2006 die Dra­chen­zwinge wie sie heute exis­tiert zu gründen.

Hier wer­den Infor­ma­tio­nen rund um das Thema gestellt, Erfah­rungs­be­richte aus­ge­tauscht und nicht zuletzt auch ein Forum und ein Team­speak­ser­ver gebo­ten. Und das alles kos­ten­frei über Spen­den finan­ziert als Hobbyprojekt.

Wie hat das Pro­jekt sich entwickelt?

In den letz­ten fast schon 6 Jah­ren ist das Pro­jekt immer wei­ter gewach­sen. Im Forum kön­nen ange­mel­dete Grup­pen in eige­nen Berei­chen ihre Ter­mine und Spiel­run­den koor­di­nie­ren, Spie­ler und Grup­pen kön­nen gesucht wer­den und in so genann­ten Spon­tan­run­den kön­nen sich oft auch nur für einen Abend Spie­ler und Spiel­lei­ter zusammenfinden.

Mitt­ler­weile sind über 2500 Mit­glie­der regis­triert – knapp 800 sind in einer fes­ten, im Forum orga­ni­sier­ten Gruppe ein­ge­tra­gen und es ist nicht sel­ten, dass abends über 100 Per­so­nen auf dem Teamspeak-Server der Dra­chen­zwinge zuge­gen sind.

Das „Herz“ der Drachenzwinge

Aus dem frü­her eher beschau­li­chen Pro­jekt ist also mitt­ler­weile eine große Gemein­schaft gewor­den, die eini­ges an Arbeit hin­ter den Kulis­sen erfordert.

Dass dies natür­lich nicht von einer Per­son orga­ni­siert wer­den kann, liegt auf der Hand. In den Jah­ren hat sich ein Team eta­bliert, das ehren­amt­lich den rei­bungs­lo­sen Ablauf sicherstellt.

Neben den 5 Admi­nis­tra­to­ren, die das Pro­jekt lei­ten, koor­di­nie­ren und die Tech­nik betreuen gibt es noch 4 Mode­ra­to­ren. Diese sind eben­falls als feste Team­mit­glie­der für die Ein­hal­tung der Regeln und das gute Mit­ein­an­der ver­ant­wort­lich. Zu guter Letzt wer­den jedes Quar­tal von der gan­zen Gemein­schaft 5 Hel­fer gewählt, die für die Begrü­ßung neuer Mit­glie­der zustän­dig und erste Ansprech­part­ner in allen Belan­gen rund um das Pro­jekt sind.

Alle Team­mit­glie­der haben dar­über hin­aus Mode­ra­ti­ons­rechte auf dem Drachenzwinge-eigenen Teamspeak-Server.
Dazu gibt es die Ehren­gruppe der Dra­chen­rit­ter, in der Mit­glie­der, die sich in bemer­kens­wer­ter Art und Weise für das Pro­jekt ver­dient gemacht haben, beson­dere Aner­ken­nung finden.

Den Betrei­bern der Dra­chen­zwinge ist ein gutes, fast fami­liä­res Mit­ein­an­der sehr wich­tig. Nicht nur des­we­gen tref­fen sich regel­mä­ßig viele Mit­glie­der auf den gro­ßen Con­ven­ti­ons und Mes­sen. Ein beson­de­res High­light ist hier das jedes Jahr im Früh­jahr statt­fin­dende Tref­fen: Die Drachenzwinge-Convention. Seit 4 Jah­ren fin­det diese  mit um die 65 Dra­chen­zwing­lern zen­tral in Deutsch­land auf einem Guts­hof statt. Hier kann dann nach Belie­ben am Tisch gespielt wer­den, Work­shops und Wett­be­werbe wer­den aus­ge­tra­gen und man kann auch end­lich ein­mal sehen, wer sich hin­ter der Stimme im Team­speak verbirgt.

Neu­gie­rig geworden?

Beson­ders in Zei­ten, in denen räum­li­che Ver­än­de­run­gen keine Sel­ten­heit sind und auch die Frei­zeit ein wert­vol­les Gut ist, kann es eine sinn­volle und loh­nens­werte Alter­na­tive sein, mit sei­nem Hobby auf das Inter­net aus­zu­wei­chen. Auf drachenzwinge.de, dem dazu­ge­hö­ren­den Forum und Teamspeak-Server fin­det man Anlei­tung und Gele­gen­heit, wie man dies bei Pen & Paper Rol­len­spie­len tun kann.

Und hier trifft man sogar auf rich­tige Men­schen, die die­ser Vari­ante mitt­ler­weile sogar den Vor­zug geben. Pro­biert es doch ein­fach ein­mal aus!


Die­ser Arti­kel ent­stand im Rah­men des Kar­ne­vals der Rol­len­spiel­blogs „Das Hobby online [Juni 2012]“, der von Cla­w­deen orga­ni­siert wird. Ihren eröff­nen­den Bei­trag zum Umzug fin­det man hier: Klick.

 

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4 Kommentare

  1. The_Lux /

    Das werde ich mir defi­ni­tiv mal anschauen.
    Ich lieb­äugle auch schon lange mit einer „Online“ Rol­len­spiel­runde.
    Mal sehen ob das hier­mit Wirk­lich­keit wer­den kann.

  2. Es ist auch jeder­zeit mög­lich, auf dem TS3-Server der Dra­chen­zwinge bei Spiel­run­den zuzu­hö­ren. Habt hier keine Scheu! Das ver­mit­telt einen guten ers­ten Ein­druck und ver­rät, ob man sich damit anfreun­den kann oder nicht.

    Die meis­ten Run­den freuen sich über Zuhö­rer und abends ist immer etwas auf dem Ser­ver los.

  3. Auf der dies­jäh­ri­gen Rat­Con in Unna wird es auch einen Work­shop der Dra­chen­zwinge geben!

    Pen & Paper Rol­len­spiel über Voicechat — eine Alternative!

    Sams­tag 11.08.2012
    17:00 — 18:45 Uhr
    Work­sho­praum B

    Deine Mit­spie­ler zie­hen weg oder du fin­dest in dei­ner Gegend keine geeig­nete Gruppe für dein Lieb­lings­sys­tem?
    Viel­leicht ist dann das Spie­len über Voicechat (Team­speak, Skype etc.) eine Alter­na­tive?
    In die­sem Work­shop möch­ten wir euch diese Mög­lich­keit vor­stel­len, (tech­ni­sche) Tipps geben und das Pro­jekt „Dra­chen­zwinge“ vorstellen,das Know­How und Kon­takte rund um die­ses Thema bietet.

    von und mit igor & Iona

    Über rege Betei­li­gung wür­den wir uns sehr freuen!

    Gelbe Zet­tel wer­den euch den Weg zum mulit­me­dia­len Work­shop wei­sen, kein Head­set notwendig.

  4. online spiel mit avatar /

    Mich hat es auf jeden Fall neu­gie­rig gemacht! Wäre auf jeden Fall mal was ande­res, jeden­fals zu dem was ich sonst zocke.

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