Neid im Rollenspiel

Jul 16

Neid im Rollenspiel

Wir beschäf­ti­gen uns bereits etwas län­ger mit Emo­tio­nen im Rol­len­spiel, sei es deren Dar­stel­lung oder auch Hin­weise zu Aus­wir­kun­gen auf die Spiel­runde im Gesam­ten. Bis­lang haben wir Liebe, Sex und Lei­den­schaft, Hass und Trauer. Die­ser Arti­kel ist der vierte Teil der Arti­kel­se­rie und möchte sich mit Neid auseinandersetzen.

 

 

Defi­ni­tion

Was ver­steht man unter Neid? Neid ist das emo­tio­nale Übel­neh­men der Bes­ser­stel­lung des Ande­ren. Bes­ser kann hier vie­les hei­ßen – des­sen Besitz, Sta­tur, Aus­se­hen, Besitz, Erfolg , um einige Bei­spiele zu nen­nen. Es kann etwas geben, was man dem Ande­ren nicht gönnt und sich selbst viel mehr zuschreibt als dem jet­zi­gen Besit­zer.

Nah ver­knüpft ist die Miss­gunst. Neid ist jedoch wei­ter gefasst, bei der Miss­gunst geht es darum, dass man dem ande­ren etwas nicht gönnt. Beim Neid wird unter­schei­dend zur Miss­gunst der Fakt betont, dass der Nei­dende das Objekt der Begierde nicht hat. Bei Miss­gunst jedoch muss der „andere“ nicht zwin­gend bes­ser gestellt sein.Beide Gefühle tre­ten stel­len­weise mit­ein­an­der ver­wo­ben auf, kön­nen aber auch getrennt auf­tre­ten. In die­sem Arti­kel beleuchte ich den Neid.

„Neid macht krank.“ lau­tet ein Sprich­wort und tat­säch­lich kann Neid soweit gehen, dass man­che Men­schen kör­per­lich und see­lisch dar­un­ter lei­den, wenn sich der Neid zu tief frisst. Als äußerst inten­si­ves Gefühl kann er sogar zu tät­li­cher Gewalt ansta­cheln. In der Bibel stellt Neid z.B. den Grund für den Mord an Abel dar.

Einige sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien von unter ande­rem Hel­mut Schoeck gehen soweit zu sagen, dass der Neid auch eine gesunde Form anneh­men kann. Genau dann, wenn der Besitz des ande­ren einen selbst ansta­chelt, sich die­sen auch selbst zu erar­bei­ten. Im wei­te­ren Sinn wird auch vom Brot­neid gespro­chen, der es erst durch die Furcht, den Neid ande­rer anzu­sta­cheln, ermög­licht, in Grup­pen zusam­men zu leben.

Viele Kul­tu­ren und Reli­gio­nen gehen davon aus, dass der Neid ein schlech­tes Gefühl ist, dass es zu besie­gen gilt.

Rele­vanz im Rollenspiel

Die­ser Abschnitt möchte sich mit der Dar­stel­lung des Neids in der Rolle beschäf­ti­gen, sowohl für NSC (als Spiel­lei­ter) als auch für Spielercharaktere.

Wann kann Neid auf­tau­chen? Neid wird immer dann auf­tre­ten, wenn eine Rolle etwas der ande­ren nicht gönnt, es jedoch selbst nicht hat. Neid unter Spie­ler­cha­rak­te­ren ist ein gefähr­li­ches Gut, was leicht auch aus der Rolle her­aus auf dem Tisch schwap­pen kann. Das bemühe ich mich, wei­ter unten zu beleuchten.

Daher möchte ich mich hier damit beschäf­ti­gen, wie man den Neid dar­stel­len kann, so dass er das Grup­pen­emp­fin­den des Spiels auf­wer­tet und mehrt. Und damit bege­ben wir uns auf wacke­li­ges Ter­rain, denn immer dann, wenn nega­tive Emo­tio­nen zwi­schen Spie­ler­cha­rak­te­ren herr­schen, wird die Lage gespannt.

Was kann also pas­sie­ren? Neh­men wir an, dass in einem Aben­teuer in einer Fantasy-Welt in der Gruppe zwei gute Schwert­kämp­fer sind. Nun trägt es sich zu, dass nach dem bestan­de­nen Kampf gegen den Groß­dra­chen in des­sen Hort ein ein­zig­ar­ti­ges mäch­ti­ges Schwert zu fin­den ist, wel­ches sogar einen Namen trägt. Beide Cha­rak­tere wol­len diese Tro­phäe ihr Eigen nen­nen und müs­sen her­aus­fin­den, wer es tra­gen soll. Sie eini­gen sich viel­leicht auf Basis des Stär­ke­ren, des im Schwert­kampf bes­se­ren oder ande­ren Über­le­gun­gen, der andere hat das Nachsehen.

Wie spielt er nun den Neid aus? Ich würde hier anra­ten, ihn auf einer sub­ti­len, ruhi­gen Ebene dar­zu­stel­len. Kleine Sti­che­leien sind durch­aus noch drin, viel­leicht aber sind es stete Bli­cke auf die Waffe, der Ver­such, im Kampf noch etwas sty­li­scher aus­zu­se­hen, den Gefähr­ten auf andere Art und Weise über­trump­fen. Aus Neid kann also mit geeig­ne­ter Dar­stel­lung eine Form freund­li­chen Wett­kamp­fes erwach­sen. Das ist nicht ein­fach, aber die betei­lig­ten Par­teien könn­ten sich außer­halb des Spiels zusam­men­set­zen und unter ein­an­der bespre­chen, wie sie die­ses Gefühl so spie­len, dass die Runde etwas davon hat.

Eine bit­tere Bos­haf­tig­keit, die sich zwi­schen den Cha­rak­te­ren auf­baut, kann durch­aus gewinn­brin­gend sein, jedoch müs­sen beide Betei­ligte über eine große Dis­tanz zur Rolle und gleich­zei­ti­ger tie­fer Immer­sion ver­fü­gen. Bei einem solch nega­ti­ven Gefühl ist immer die Gefahr gege­ben, dass sie von der Spiel­welt an den Spiel­tisch herüberschwappt.

Neid kann auch eska­lie­ren und zu Wut wer­den. Wieso nicht ein kur­zer Zusam­men­prall mit Klin­gen? Oder eine Schlä­ge­rei der Cha­rak­tere? Dage­gen spricht nicht viel. Ich würde aber den Tipp geben, dass die­ser Aus­bruch an Wut und Gewalt so gespielt wird, dass er eine Form der Befrei­ung dar­stellt, um den Frust freien Lauf zu las­sen, als Druck­ab­bau und dass danach der Neid besiegt ist.

Zusam­men­fas­send: Es spricht nichts dage­gen, den Neid dar­zu­stel­len, auch in einer ver­schärf­ten Form, aber die Spie­ler soll­ten sicher­stel­len, dass es die Atmo­sphäre zwi­schen den Spie­lern nicht stört. Dazu spricht man am bes­ten mit­ein­an­der. Defi­ni­tiv sollte der Neid nicht ein schwe­len­des Feuer sein, wel­ches als ewi­ges Gift zwi­schen den Cha­rak­te­ren lauert.

Neid als Effekt z.B. eines Flu­ches (viel­leicht aus als Aus­wir­kung einer Hor­ror Mark in Earth­dawn) ist eine ganz andere Geschichte, da sie nicht vom Spie­ler aus­ge­hen. Eine Hil­fe­stel­lung ist der Spiel­lei­ter, der in die­sem Fall die Kräfte, die  den Neid aus­ge­löst haben, erklä­ren und Tipps zur Dar­stel­lung geben kann.

Rele­vanz am Rol­len­spiel­tisch (oder „Rea­ler Neid“)

Neid am Tisch ist ein ganz ande­res Pro­blem und tritt meist , mei­nes Beob­ach­tung nach, bei jün­ge­ren Spie­lern oder auch bei neuen Rol­len­spie­lern auf. Der Grund des Neids ist meist etwas Mess­ba­res: Der bes­sere Cha­rak­ter, die bes­sere Waffe, die bes­sere Punk­te­ver­tei­lung, mehr Auf­merk­sam­keit vom SL. Bes­ser bedeu­tet hier­bei bes­ser in den Augen des­je­ni­gen, der neidet.

Neid ist ein Gefühl am Spiel­tisch, wel­ches ganz schnell den Spaß aller zer­stört, da die bestän­di­gen Spitz­fin­dig­kei­ten und Frust­mo­mente ein bit­te­res Gift sind, das es schnell aus­zu­mer­zen gilt.

Wie kann man dem begeg­nen? „Das ist doch nur ein Spiel“, zu sagen, ist ein mög­li­cher Ansatz, aber nicht ziel­füh­rend in mei­nen Augen. Rol­len­spiele bedient man mit dem Werk­zeug, das man hat, hier haupt­säch­lich dem eige­nen Cha­rak­ter. Ein schlecht funk­tio­nie­ren­des Hand­werk­zeug zer­stört auch den Spaß beim Wer­keln. Das Spiel „her­ab­zu­spie­len“ ist ein siche­rer Weg, das Erle­ben des Rol­len­spiels zu zer­stö­ren. Natür­lich – man darf und soll nicht das Ganze zu ernst neh­men, aber einer gewis­sen Wid­mung für Rol­len­spiele bedarf es schon, um sie rich­tig zu erle­ben. Also, was tun?

Gerade bei Neu– oder Jung­spie­lern rate ich an, die Spot­lights für ein­zelne Cha­rak­tere sehr gerecht auf­zu­tei­len. Jeder sollte seine/ihre Szene haben. Wird ein Spie­ler zu stark beleuch­tet, ist es für die ande­ren nur sel­ten schön und inter­es­sant. Aller­dings ist das ein Tipp, der auf jede Runde zutrifft.

Wich­ti­ger finde ich, dass bereits die Aus­gang­s­cha­rak­tere alle in unge­fähr gleich gewich­tet und aus­ge­gli­chen sind. Kei­ner sollte bei Start bereits deut­lich mehr als andere kön­nen. Alle Cha­rak­tere soll­ten ihre Mög­lich­kei­ten haben, an der gemein­sam erzähl­ten und gewür­fel­ten Geschichte mit­zu­wir­ken. Das mag für jede Runde gel­ten, fin­det in mei­nen Augen bei Star­ter­run­den eine deut­lich stär­kere Anwendung.

Dem Anwach­sen von Macht durch die Aus­gabe von Erfah­rungs­punk­ten kann und sollte man nicht ent­ge­gen wir­ken, auch wenn ein­mal etwas dazu geschrie­ben habe, wie man die­sen Anstieg brem­sen kann. Lei­der ist damit auch ver­bun­den, dass man­che Klas­sen mehr kön­nen als andere. Ein klas­si­sches Bei­spiel sind Magier aus Shado­wrun der älte­ren Edi­tio­nen. Irgend­wann sind diese so mäch­tig, dass die Stra­ßen­sa­mu­rais nichts oder nicht mehr viel im Gefecht zu tun haben. Neid, der dadurch aus­ge­löst wird, kann man nur ganz schlecht aus dem Weg räu­men. Hier hel­fen wie­der spe­zi­elle Sze­nen, die genau die Fähig­kei­ten des Nicht-Magiers benötigen.

Zusam­men­fas­send: Rea­ler Neid am Spiel­tisch ist gefähr­lich, da er die Runde zer­stö­ren kann. Man kann ihm begeg­nen, indem man die Spie­ler auf die Spiel­welt eicht und ihnen die Bedeu­tung des Grup­pen­spiels nahe bringt. Alle Cha­rak­tere soll­ten gerecht behan­delt wer­den, wie auch die dazu­ge­hö­ri­gen Spie­ler. Alle bekom­men im glei­chen Maß Auf­merk­sam­keit und man sollte dafür sor­gen, dass jeder sei­nen Cha­rak­ter ein­set­zen kann. Und natür­lich, wenn Pro­bleme auf­kom­men – legt man die Wür­fel bei­seite, schenkt Euch was zu trin­ken ein und redet ein­fach darüber.


Hat­tet ihr schon mal Neid-Situationen am Spiel­tisch? Oder in der Rolle? Erzählt mir dar­über und wie ihr damit umge­gan­gen seid?!

 

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4 Kommentare

  1. Neid zwi­schen den Spie­lern — nicht inGame — ist ein abso­lu­ter Kil­ler!
    Ich hab das am eige­nen Leib mit­er­lebt (mein Dieb hatte stän­dig mehr Geld als die ande­ren Cha­rak­tere — komisch, oder?) und zwei der Spie­ler konn­ten das nicht ver­kraf­ten.
    Da war es sehr wich­tig, dass man­che Ses­si­ons, gerade die, bei denen mein Char grö­ßere Men­gen erbeu­tet hat, ohne die betref­fen­den Spie­ler abge­hal­ten wur­den.
    Denn der Grund­satz „Was man nicht weiß …“ gilt auch im Rollenspiel.

  2. Holger /

    Da sind wir bei einer ganz ande­ren Frage, Ste­fan… klar, ein Dieb stiehlt Dinge. Und ein Kämp­fer, zum Bei­spiel, erschlägt Dinge.

    Das eine davon, das Steh­len, wird mit der Resource „Geld“ belohnt. Das andere, das Erschla­gen, in den meis­ten Sys­te­men mit XP.
    Wäh­rend der Dieb aber die Beloh­nung alleine erhält, wer­den die XP meis­tens auf die gesamte Gruppe verteilt.

    Ist das einen nun Fair und das andere nicht?
    In Sys­te­men, wo Aus­rüs­tung extre­men Ein­fluss auf die Fähig­kei­ten der Cha­rak­tere, und damit auf das Balan­cing inner­halb der Gruppe, hat, würde ich das Ver­hal­ten dei­nes Cha­rak­ters auch als stö­rend emp­fin­den, da es ein Ungleich­ge­wicht schafft, das ein­fach nicht sein muss.

    Es kann aber auch sein, dass ich ein­fach zu sehr dar­auf fixiert bin, dass man Hel­den spielt — und die steh­len, wenn über­haupt, in den meis­ten Fäl­len nicht aus Eigennutz…

  3. Jan F /

    Ich spiele auch gerne eher die­bi­sche Cha­rak­tere, aber so, dass sie ver­su­chen eben auch nicht von der Gruppe dabei erwischt zu wer­den. Und wenn sie ertappt wer­den, dann gibt’s auch was auf den Deckel, dass es kracht. (Bei einer Spherechild-Runde hätte mich unser Kämp­fer fast in nem Brun­nen ertränkt, weil ich 3 (in Wor­ten: DREI) Kup­fer­mün­zen geklaut habe, die auf einem Tich rum­la­gen. Also man kann das auch von sich aus balancen

  4. Das die­bi­sche an sich ist ja auch kein Thema, eher die Grup­pen­ak­zep­tanz in der Spiel­welt. Dass scheint ja auch bei Euch zu klappen.

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