Andreas‘ Charakter-Hintergrundfragen

Jul 18

Andreas‘ Charakter-Hintergrundfragen

Es gibt einige Arten, eine Rol­len­spiel­gruppe zu lei­ten. Man kann sich strikt an ein gekauf­tes Aben­teuer hal­ten, gewisse Rah­men­punkte für Plots set­zen oder ein­fach so drauf los spie­len und schauen, was kommt. Brau­chen wir in einem sol­cher Fälle vom Spie­ler einen Hin­ter­grund zu sei­nem Charakter?

Ich meine ja, und zwar für alle Fälle, sei es bei einem Kaufaben­teuer, bei rela­tiv freiem Spiel oder auch bei kom­plet­ten „Sand­bo­xing“, also der Spiel­art, bei wel­cher die Spie­ler alleine ent­schei­den, wo die Reise lang­ge­hen soll. Wieso ich der Mei­nung bin, möchte ich nun erklä­ren. Ebenso zeige ich auf, wie ich in Zukunft in mei­nen Run­den lösen möchte.

Ich habe in die­sem Jahr mit zwei neuen Rol­len­spiel­run­den ange­fan­gen. Mit bei­den Run­den spiele ich Aborea. In einer Runde spie­len wir die Aben­teuer, die auf der Web­site des 13Mann Ver­la­ges zu fin­den sind, mit der zwei­ten Runde gebe ich nur grobe Ereig­nisse in der Welt vor, und meine Runde ent­schei­det selbst,was sie gerne machen mag. Auch wenn sie zuge­ge­be­ner­ma­ßen genau in die Rich­tung gehen, in der ich sie gerne sehe und ihnen viel bie­ten kann.

Wofür nun einen Hintergrund?

Ganz ein­fach: Wenn ich von mei­nen Spie­ler­cha­rak­te­ren einen Hin­ter­grund habe, kann ich ver­su­chen, sehr geplant Aben­teuer zu erschaf­fen, die sich um die Geschichte des Cha­rak­ters dre­hen und gege­be­nen­falls den Spie­lern mehr Spaß brin­gen. Sie ver­fol­gen nicht nur eine Hand­lung, nein sie sind der Grund für die Handlung.

Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass sich dar­über nahezu jeder Spie­ler freut und es mit hohem Ein­satz belohnt. Natür­lich sollte man in einer Runde alle Spie­ler ein­mal anspie­len um die Freude gleich­mä­ßig zu verteilen.

Des­wei­te­ren ist es mög­lich, dass in einem vor­ge­fer­tig­ten Aben­teuer ein alter­na­ti­ver Lösungs­weg ange­strebt wird, eben weil der Cha­rak­ter einen pas­sen­den Back­ground hat.

Fol­gen­des Bei­spiel: Die Gruppe soll von Punkt A nach B mit einem Schiff rei­sen. Ein Zwerg will aber par­tout nicht aufs Was­ser. Was also tun? Natür­lich ist es hier auch am Spiel­lei­ter, sich etwas aus­zu­den­ken, aber schö­ner ist es doch, wenn von einem Cha­rak­ter die Idee kommt. Diese andere Cha­rak­ter ist also aus einem Noma­den­stamm und die die als undurch­dring­lich gel­tende Wüste, wird von den Kara­wa­nen sei­ner Fami­lie schon sehr lange durch­reist. Das ver­ein­facht für mich als Spiel­lei­ter ein­fach alles. Zwar muss ich mir noch Ein­zel­hei­ten zur Reise aus­den­ken, aber die grobe Rich­tung gibt der Spie­ler vor. Aller­dings benö­tige ich natür­lich eine gewisse Impro­vi­sa­ti­ons­gabe, auf die Ideen der Spie­ler und deren Hin­ter­gründe spon­tan rea­gie­ren zu können

Cha­rak­ter­spiel

Nun kom­men wir vor allem zum Punkt Cha­rak­ter­spiel. Jeder Spie­ler han­delt. Die Frage ist doch: Han­delt er als Spie­ler oder han­delt der Cha­rak­ter? In einem frü­he­ren Arti­kel habe ich ein­mal gesagt:“Kenne dei­nen Cha­rak­ter“ Wenn wir das Bei­spiel von vor­hin auf­grei­fen, würde der han­delnde Spie­ler mit sei­nem Zwerg das Boot betre­ten, sie fah­ren den Fluß ent­lang, und alles ist gut.

Das ist natür­lich ein sehr über­spitz­tes Bei­spiel. Es kann jedoch auch sein, daß der Spie­ler sagt „Nein, ich betrete das Boot nicht, beim Barte mei­ner Groß­mut­ter!“ Das wäre dann Cha­rak­ter­spiel. Natür­lich, ein Zwerg geht doch nicht frei­wil­lig auf ein Boot! Die­ses Ver­hal­ten fin­det man in vie­len Fantasy-Settings.

Tie­fer geht es natür­lich, wenn es um emo­tio­nale Dinge geht, die einen Spie­ler dazu brin­gen, in einer gewis­sen Art und Weise zu han­deln, weil es sich eben aus sei­nem Hin­ter­grund so ergibt. Ein Spie­ler der einige Zeit in Skla­ve­rei lebt, wird viel­leicht nicht auf das Boot stei­gen, weil er vor­her noch die Skla­ven vom Markt befreien will, ja viel­leicht sogar aus Selbst­über­zeu­gung muss.

Warum ist das für mich wich­tig? Zum einen spielt der Spie­ler sei­nen Cha­rak­ter bes­ser, was ich beloh­nen kann, sei es mit Erfah­rungs­punk­ten, Ben­nys oder gar Neben– oder Haupt­plots. Zum ande­ren kann ich viel­leicht erahnen,wie die Runde han­delt und was even­tu­ell pas­sie­ren könnte. Das erspart manch große Überraschung.

Ich bereue, dass ich von mei­nen bei­den lau­fen­den Grup­pen gerade nur einen Hin­ter­grund habe. Die Arbeit möchte sich nicht jeder machen, und viele Spie­ler sind in sol­chen Din­gen nicht unbe­dingt die Krea­tivs­ten. Ich habe nun nach einer schnel­len Methode gesucht, die ich als Fun­da­ment für alle wei­te­ren Cha­rak­tere ver­wen­den möchte, und sei es nur für OneShot Cha­rak­tere. Es soll nicht nur mir hel­fen, son­dern dem Spie­ler die Gele­gen­heit geben, seinen/ihren Cha­rak­ter bes­ser ken­nen zu ler­nen, und mehr Freude an ihm zu haben.

Mein Ergeb­nis sind diese Fra­gen. Man kann sie in weni­gen Wor­ten beant­wor­ten und sie geben einem den Anstoß zu den­ken. Ich schreibe gleich dazu Bei­spiel­ant­wor­ten, die als Leit­fa­den die­nen kann.

Andreas‘ Cha­rak­ter­fra­gen

Wo hast du wie deine Kind­heit ver­bracht? Was hat dich dabei beson­ders geprägt?

Meine Kind­heit habe ich in den Ebe­nen von Gor­tha ver­bracht, beson­ders geprägt hat mich die Karg­heit die­ser Wüs­ten­re­gion. Nah­rung war nicht selbst­ver­ständ­lich jeden Tag und per­sön­li­cher Besitz sehr rar.

Wo hast du wie deine Jugend ver­bracht? Wel­ches war das Ereig­nis, das dazu führte, dass du nun dei­nen Pfad bestreitest?

Meine Jugend habe ich damit ver­bracht, einige dürre Zie­gen zu hüten. Ich war nicht im Dorf, als es von Rei­tern aus Tama­sar über­fal­len wurde und sie mein Dorf in die Skla­ve­rei führ­ten. Ich schwor Rache und schloss mich einer Söld­ner­ein­heit an.

Was hat dich erwach­sen wer­den lassen?

Unter Män­ner auf­zu­wach­sen und wie sie, für das Töten von Men­schen, bezahlt zu wer­den. So führte ich den Säbel sechs Jahre für das Klin­gen von Geld.

Was ist dein wich­tigs­ter Besitz?

Mein wich­tigs­ter Besitz ist eine Kette. Sie gehörte mei­ner Mut­ter, und ich fand sie vor der aus­ge­brann­ten Lehmhütte.

Wenn du eine Per­son auf der Welt hasst, wer ist das?

Es ist nicht eine Per­son, son­dern es sind alle, die mit der Skla­ve­rei zu haben. Jeder von ihnen ver­dient den Tod.

Durchs Feuer gehen wür­dest du für wen und warum?

Ich gehe gerade durchs Feuer, und zwar für mein Dorf. Ich schwor Rache, und das ist gerade der Weg, den ich gehe. Er brennt unter mei­nen Füßen, denn ich kämpfe für Geld. Das ist mit zuwi­der, doch was soll ich tun? 

Ein Betrun­ke­ner sucht in einer Gast­stätte Streit mit dir, wie han­delst du?

Ich werde ihn zu Boden schla­gen, ich darf vor den ande­ren aus der Ein­heit nicht mein Gesicht ver­lie­ren und schwäch­lich wirken.

Auf wel­ches Ziel arbei­test du hin?

Ich sammle so viel Geld, damit ich den Auf­trag bezah­len kann, dass diese skru­pel­lo­sen Men­schen, mit denen ich unter­wegs bin, mit mir zu den Rei­tern aus Tama­sar gehen und wir dort jedes Kind, jede Frau und jeden Mann töten werden.

Was ist dein größ­ter Fehler? 

Ich ver­schließe meine Augen vor dem Recht, um Unrecht zu bekämp­fen. Ich töte für Geld, um mei­nen Krieg finan­zie­ren zu können.

Wen du mit all dei­nen Aben­teuer fer­tig bist, wie willst du Leben?

Ich möchte mir eine Frau suchen, eine Dat­tel­plan­tage betrei­ben und zwei Kin­der, natür­lich Söhne, aufziehen.


Nun, dies sind meine Fra­gen, aus denen ich für mich denke, so viele Infor­ma­tio­nen aus einem Cha­rak­ter zie­hen zu kön­nen, dass ich damit etwas anfan­gen kann. Natür­lich ist das nicht der Weis­heit letz­ter Schluss, aber ich werde es hier­mit pro­bie­ren. Ich denke die Beant­wor­tung kann schnell gehen, und über jedes Mehr an Ant­wor­ten freue ich mich.

 Ich frage mich, wie ich das beloh­nen werde, gebe ich dafür ein­mal Extra Erfah­rung als Anreiz? Ich weiß es noch nicht. Wie wür­det ihr es machen? Wie hand­habt ihr es mit euren Spie­ler­cha­rak­te­ren und deren Hintergründen?

 

 

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8 Kommentare

  1. Andreas Verchin via Facebook /

    Die „20 fra­gen zum Cha­rak­ter “ gibt es ja schon seit gefühl­ten 30 Jah­ren in der Rol­len­spiel­szene, was mich aber nicht davon abhält, Andreas voll­kom­men zuzu­stim­men. Wenn ich spiele, sol­len bitte alle Cha­rak­tere in die Welt pas­sen und einen Hin­ter­grund haben.

  2. White Wolf hat schon lange sowas in sei­nen Grund­re­gel­wer­ken bei der Cha­rak­ter­er­schaf­fung. ^roger

  3. Iris Aleit via Facebook /

    Wenn man sich durch Fra­gen an den Cha­rak­ter mit dem Cha­rak­ter aus­ein­an­der set­zen muss, dann wird die­ser auch oft viel inten­si­ver erfah­ren und gespielt. Mein abso­lu­tes High­light, was das angeht, war ne Spon­tan­runde und zwar mit dem Sys­tem: DREAD (genau das mit dem Jen­ga­turm). Da wer­den die Cha­rak­tere nur in einem Fra­ge­bo­gen beschrie­ben, aber nicht so 0−8−15 Fra­gen, son­dern indi­vi­du­elle Fra­gen spe­zi­ell für den Cha­rak­ter, die manch­mal total hirn­ris­sig erschei­nen, aber eben genau das bewir­ken sol­len, was viele nor­male Fra­gen nicht tun: Echte Denk­an­stösse und ech­tes sich mit dem Cha­rak­ter beschäf­ti­gen. 0−8−15 Fra­gen bekom­men halt lei­der oft auch so stan­dard­ant­wor­ten >.< Meine Pro­be­spie­ler waren jeden­falls erst ein­mal von der Cha­ra­er­stel­lung wie vor den Kopf geschla­gen, die Köpfe rauch­ten förm­lich und im Nach­hin­ein meinte jeder von ihnen, dass sie ihre Cha­rak­tere durch die Erstel­lung so inten­siv schon gekannt haben, dass sie nicht woll­ten, dass ihnen was Schlim­mes pas­siert. Somit erlebte auch jeder von Ihnen den Ner­ven­kit­zel, den das Spiel aus­macht :) Fand ich als Meis­ter auch eine geniale Erfah­rung und ich freu mich schon auf Hal­lo­ween, wenn wie­der ne Dread-Runde ansteht :D

  4. Henning /

    Oh ja, was Cha­rak­ter­fra­gen angeht, hat’s Dread in sich … aber der Jengaturm …

  5. Das ein­zige Rol­len­spiel, wo ich sowas noch­mal aus­fül­len würde, wäre Dread. Ansons­ten nehm ich das ganze als War­nung, dass ich auf diese Runde wohl ver­zich­ten kann … „Heroes were made not born“ sollte sich auch dar­auf bezie­hen, dass ich keine Vor­ge­schichte brau­che, um zu erklä­ren, was das Lieb­lings­ge­tränk mei­nes SC ist und woran die Groß­mut­ter ver­stor­ben ist.

  6. Hm, ich finde die Fra­gen eigent­lich immer wie­der schick, aber in der Pra­xis endet es meist damit, dass die Ant­wor­ten sehr banal sind und für das Spiel nichts brin­gen. Die Fra­gen soll­ten also ent­we­der rich­tig pro­vo­zie­rend sein (ich kenne Dread lei­der nicht) oder man muss ein­fach das biss­chen Hin­ter­grund im Spiel anspie­len, das man bekom­men hat uns treuen, dass ein Hin­ter­grund mehr Spiel­spass bringt. Dann machen das die Spie­ler, die es wol­len auch und die, die es nicht wol­len, kriegt man eh nicht dazu einen ver­nünf­ti­gen Hin­ter­grund zu machen.

  7. Ja, rich­tig. Statt zu fra­gen „Wie­viel Geschwis­ter hat Dein Cha­rak­ter?“ z.B. „Warum sind Deine Geschwis­ter gestor­ben?“. Oder, ganz im Dread-Stil „Warum bist Du am Tod dei­ner Geschwis­ter schuld?“. Natür­lich geben sol­che fra­gen dann Fak­ten vor, mag auch nicht jeder, eig­net sich eher bei Oneshots oder Kam­pa­gnen. Aber man kann ja bei Kam­pa­gnen z.B. zehn sol­cher Fra­gen sam­meln und „Beant­worte 3″ vor­ge­ben. Ansons­ten find ich diese Fishing-Technik auch ein bes­se­res Mit­tel:
    -> http://3w20.wordpress.com/2012/07/04/rollenspieltechnik-fishing/

    Oder, wie beim DCC-Trichter: Man beginnt wirk­lich bei „0“ und die Hel­den­wer­dung fin­det gerade statt.

    Jeden­falls: Mir gefällt es, wenn mög­lichst viel Cha­rak­ter­kram im Spiel ent­steht und nicht außer­halb. Als Hin­ter­grund find ich z.B. auch die­ses Kon­zept der 50-Wort-Begrenzung super. Man lese z.B. mal hier die 50 Family Units: -> http://www.goodman-games.com/4372preview.html
    Ich behaupte in die­sen knap­pen Absät­zen (Arti­kel im Preview-pdf) steckt mehr Cha­rakt­er­for­men­des und Anspiel­ba­res in 80–90% der Fra­ge­bö­gen. Die PC Pearls sind im übri­gen all­ge­mein sehr empfehlenswert!

  8. „Warum bist Du am Tod dei­ner Geschwis­ter schuld?“ Cool. Ich denke auch, dass man da mit etwas Wahl­mög­lich­kei­ten schon jedem Spie­ler gerecht wer­den kann. Man kann ja die Fra­gen auch etwas nach dem Kon­zept des Cha­rak­ters aus­rich­ten, den Spie­ler etwas Inter­pre­ta­ti­ons­raum geben oder eben neue Fra­gen über­le­gen, wenn der Spie­ler ein begrün­de­tes Veto einlegt.

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