Rezension: Max Barry — Machine Man

Aug 27

Rezension: Max Barry — Machine Man

Auf den ers­ten Blick kommt Machine Man eher wie eine High-Tech-Konzernsatire daher, die nur am Rand Bezüge zu den übri­gen hier statt­fin­den­den The­men hat. Schaut man unter die Ober­flä­che, sieht man, dass Max Barry in sei­nem aktu­el­len Roman ein Stück Post-Cyberpunk-Literatur ablie­fert, das mit den The­men des ursprüng­li­chen Gen­res spielt, aber die 80er und damit des­sen Hoch­zeit weit hin­ter sich lässt.

Erschei­nungs­bild

Die ame­ri­ka­ni­sche Aus­gabe kommt recht dezent daher. Je nach Laune finde ich das Äußere manch­mal „bil­lig“, aber meist im posi­ti­ven Sinne unprä­ten­tiös. Sehr viel weiß, dazu die fast Jules Verne-artig anmu­tende Zeich­nung eines Man­nes mit extrem futu­ris­tisch anmu­ten­den Bein­pro­the­sen. Auch der Schnitt der 274 Sei­ten fällt eher preis­be­wusst aus. Wäre ich nicht über die Rezen­sion der zur­zeit bei Heyne erschei­nen­den deut­schen Aus­gabe auf das Buch auf­merk­sam gewor­den, im Buch­la­den hätte es sicher keine Chance als Spontankauf-nach-Cover gehabt. Aber ich wollte ja auch kein Deko-Element fürs Bücher­re­gal kau­fen, son­dern was Lesenswertes.

Die har­ten Fakten:

  • Taschen­buch: 288 Seiten
  • Ver­lag: Vin­tage; Auf­lage: Ori­gi­nal (9. August 2011)
  • Spra­che: Eng­lisch
  • ISBN-10: 0307476898
  • ISBN-13: 978–0307476890
  • Preis: 11,90 EUR
  • Bezugs­quelle: Ama­zon (Klick | engl.) oder Ama­zon (Klick | deutsch)

Story

Der Roman beginnt mit dem mor­gend­li­chen Auf­ste­hen des Ich-Erzählers, eines ech­ten Sozi­o­pa­then. Nicht einer, wie ihn Bret Eas­ton Ellis („Ame­ri­can Psy­cho“) ersin­nen würde, wohl­ge­merkt. Viel­mehr ist Charles Neu­mann der Klischee-Ingenieur par excel­lence und hat eine weit inni­gere Bezie­hung zu sei­nem Smart­phone als zu irgend­wel­chen Arbeits­kol­le­gen – ganz zu schwei­gen von Wesen des ande­ren Geschlechts. Er will Nie­man­dem was Böses, ver­steht die vie­len fei­nen unge­schrie­be­nen Gesetze des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens aber ein­fach nicht. Aus dem zivi­li­sa­to­ri­schen Off ent­ste­hen dabei ein paar wun­der­bar wit­zige Bos­haf­tig­kei­ten in den Neben­sät­zen, die so man­ches Mal ganz schön hin­ter­sin­nig sind.

Bei einem Arbeits­un­fall ver­liert Neu­mann ein Bein und bekommt im Kran­ken­haus eine Pro­these ver­passt. Sein Arbeit­ge­ber, der (unter ande­rem) Rüs­tungs­kon­zern Bet­ter Future sorgt natür­lich für ein State-of-the-Art-Modell, das dem Tüft­ler aber bei wei­tem nicht aus­reicht. Er bas­telt daran herum und opti­miert es kaputt, bis er auf ein grund­sätz­li­ches Pro­blem stößt: passt man ein künst­li­ches Glied­maß an sein natür­li­ches Gegen­stück an, ist ent­we­der das künst­li­che nicht natür­lich genug, um wirk­lich gut zu sein, oder aber es könnte so viel bes­ser sein, dass das natür­li­che zum begren­zen­den Fak­tor wird. 

Da unser Inge­nieur ein ech­ter Fan von Effi­zi­enz ist, bas­telt er also wie beses­sen an der best­mög­li­chen Bein­pro­these, die sich nur noch bedingt am ange­bo­re­nen Vor­bild ori­en­tiert und diverse Spe­cials bis hin zum WLAN-Anschluss bie­tet. Um sich nicht „künst­lich“ zu limi­tie­ren, muss er nun nur noch das andere gesunde Bein los­wer­den. Gesagt, getan, lan­det er erst mal auf der Selbst­mord­sta­tion des Kran­ken­hau­ses und wird dann der Lei­ter einer der best­aus­ge­stat­te­ten Abtei­lun­gen von Bet­ter Future. Der Kon­zern freut sich näm­lich über die nur als bril­lant zu bezeich­nen­den Umtriebe sei­nes Ange­stell­ten, die sich sowohl als Waf­fen­tech­no­lo­gie als auch als Pro­the­sen für Gesunde ver­mark­ten las­sen. Wer da drau­ßen träumt nicht davon, schnel­ler, stär­ker und all so was zu sein? Und jedes Jahr ein Upgrade sorgt auch für zukünf­tige Absatzmöglichkeiten.

Wäh­rend der Haupt­cha­rak­ter immer neue tech­ni­sche Ver­bes­se­run­gen für sei­nen Kör­per ersinnt, wird er para­do­xer­weise immer mensch­li­cher. Okay, viel­leicht liegt das auch an der zart auf­kei­men­den Liebe zu Lola Shanks, ihres Zei­chens Pro­the­ti­ke­rin des Kran­ken­hau­ses und mit einem Hang zu zer­stör­ten Cha­rak­te­ren geplagt/gesegnet/wieauchimmer. Dum­mer­weise müsste Neu­mann für ein Tref­fen das Werks­ge­lände ver­las­sen, was mit zwei streng gehei­men Pro­to­ty­pen unter dem Hin­tern nicht das Wohl­wol­len sei­ner Arbeit­ge­ber fin­det. So nimmt die Geschichte im Ver­lauf ein paar unan­ge­nehme Wen­dun­gen, die sich am Anfang wohl keine der betei­lig­ten Per­so­nen und Par­teien so gedacht haben dürfte. Ja, okay, ein wenig vor­her­seh­bar ist das Ganze irgend­wann schon, aber der Weg ist ins­ge­samt extrem amü­sant und nimmt einige uner­war­tete Abzweigungen.

Erwähnt wer­den sollte hier noch das letzte Kapi­tel, das in sei­ner depri­mie­ren­den Kon­se­quenz zeigt, wohin der ganze Wahn­sinn mit­un­ter führt. Viel­leicht ist es doch ganz okay, nicht unbe­dingt 20 Meter hoch sprin­gen zu kön­nen, aber dafür auf eige­nen Bei­nen zu ste­hen und durch die Welt zu gehen…

Schreib­stil

So, wie der Haupt­cha­rak­ter, voll­zieht auch der Schreib­stil des Romans eine Wand­lung. Was nur schlüs­sig ist, schließ­lich ist Charles Neu­mann der Erzäh­ler. Am Anfang pas­siert es mehr als ein­mal, dass man ein lau­tes Her­ausprus­ten unter­drü­cken muss, weil mal wie­der ein Geis­tes­blitz so herr­lich böse und tref­fend ist und gleich­zei­tig doch von so weit drau­ßen kommt. Mit zuneh­men­der ‚Rei­fung’ ver­schiebt sich der Stil dann sub­til in Rich­tung Ver­zweif­lung, bis zum letz­ten Akt. Der bei­ßende Humor ver­schwin­det dabei zwar nicht völ­lig, aber tritt etwas in den Hin­ter­grund und trifft anders.

Der Roman liest sich extrem schnell. Ich habe keine Woche gebraucht und konnte das Ding zwi­schen­durch ein­fach nicht weg legen. Es gibt Action, Riva­li­tät, eine bizarre Lie­bes­ge­schichte, ein kaput­tes Sys­tem, davon getrie­bene Kon­zer­nobere und ganz viele schräge Figu­ren. Letz­tere sind zwar stark über­zeich­net, aber immer irgend­wie glaubhaft.

Bar­rys Eng­lisch finde ich ins­ge­samt gut ver­ständ­lich. Und wie gesagt, die deut­sche Ver­sion ist gerade auf dem Weg in den Han­del. Humor gehört aber mit zum Schwie­rigs­ten, wenn es um Über­set­zun­gen geht, so dass ich fürchte, dass man für die Bequem­lich­keit des Lesens in der eige­nen Mut­ter­spra­che an ande­rer Stelle einen hohen Preis zahlt.

Preis-/Leistungsverhältnis

Vom Preis der ame­ri­ka­ni­schen Aus­gabe war ich etwas über­rascht. Einer der Vor­züge von eng­lisch­spra­chi­ger Lite­ra­tur ist ja meist der mehr als faire Betrag, der auf dem Buch­rü­cken steht. Ich hab für die ver­linkte Taschen­buch­aus­gabe (bro­schiert, nicht mass-market) 13,95 Euro bezahlt. Das kommt mir etwas hoch vor. Bei Ama­zon ist das Buch aber für deut­lich ange­mes­se­nere 11,90 Euro zu bekom­men. Der Preis­wer­tung liegt der Amazon-Preis zugrunde. Die deut­sche Ver­sion liegt bei 14,99 Euro.

Fazit

Was soll ich sagen? Machine Man ist seit Jah­ren das erste Buch, das ich als Fort­füh­rung von Cyber­punk sehen würde, ohne dass es ein Wie­der­käuen der alten Klas­si­ker ist. Es ent­hält die klas­si­schen The­men und spielt mit ihnen. Aber auch abseits davon habe ich mich schlicht groß­ar­tig unter­hal­ten gefühlt. Dazu zähle ich nicht nur die vie­len Lacher und Action­sze­nen, son­dern auch die Momente, in denen ich nach­denk­lich vom Buch auf– und aus dem Fens­ter hin­aus geblickt habe. Hier stel­len sich ein­mal mehr die Fra­gen, ob der Mensch nur eine Ansamm­lung von bio­che­mi­schen Pro­zes­sen ist und ob alles Mach­bare auch wün­schens­wert ist. Auf jeder Ebene anspre­chen­der Lesestoff.

Bonus/Downloadcontent

Uns ist kein wei­te­rer Bonus­con­tent bekannt.


Unsere Bewer­tung 

Erschei­nungs­bild ★★★☆☆
Cover ist eher dezent, Sei­ten­schnitt sehr eng
Story ★★★★☆
Etwas vor­her­seh­bar, aber nie langweilig
Schreib­stil ★★★★★
Sehr flüs­sig und sich mit dem Erzäh­ler verändernd
Preis-/Leistungsverhältnis ★★★★☆
Für ein ame­ri­ka­ni­sches Buch rela­tiv teuer, aber sein Geld wert 
Gesamt ★★★★☆
Kurz­wei­li­ges Lese­ver­gnü­gen mit eini­gem Hintersinn

 

 

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