Rezension: Kaltgeschminkt (Rona Walter)

Sep 21

Rezension: Kaltgeschminkt (Rona Walter)

„Kalt­ge­schminkt“ ist das Debut der schott­land­stäm­mi­gen Ham­bur­ger Auto­rin Rona Wal­ter, in wel­chem Sie uns in die skur­rile Welt von zu beson­de­ren Auf­ga­ben erwähl­ten Toten­be­stat­tern entführt.

 

 

 

 

Erschei­nungs­bild

Die uns vor­lie­gende Aus­gabe des Romans war die pdf-Version. Daher muss die Bewer­tung des Erschei­nungs­bil­des auf Ein­drü­cke einer Pro­be­an­sicht aus einem hei­mi­schen Buch­la­den beruhen.

Bereits der Ein­band hebt sich schon von vie­len ande­ren Pro­duk­ten ab, han­delt es sich doch um eine eng­li­sche Bro­schur mit Klap­pen­um­schlag. Auch der genutzte Kar­ton fühlt sich hoch­wer­tig an. 

Erwäh­nens­wert ist, dass es sich um Recycling-Druckpapier han­delt, aber das ist in Zei­ten der Nach­hal­tig­keit nicht unge­wöhn­lich. Das Cover wird von einer blau­schwar­zen Farb­kom­po­si­tion ver­ziert und man muss erst genau hin­se­hen, um fest­zu­stel­len, was es zeigt.

Wie zu erwar­ten deu­tet das Cover bereits den Inhalt an: Wir sehen einen ver­meint­li­chen Bestat­ter an einen Grab­stein gelehnt, der auf die Fins­ter­nis zwi­schen den Grä­bern starrt. Eine pas­sende Eröff­nung also für den mor­bi­den Inhalt.

Im Vor­wort benutzt der fik­tive Erzäh­ler ein Zitat aus der Wiki­pe­dia. Das hat mich etwas ver­wun­dert, ist doch das Zitie­ren aus der Wiki­pe­dia in wis­sen­schaft­li­chen Krei­sen ver­pönt. Inwie­weit lite­ra­ri­sche Kreise jedoch davon betrof­fen sind, kann ich nicht sagen.

Aller­dings lässt der genutzte Ton des Erzäh­lers auch auf Spott und Häme schlie­ßen und letzt­end­lich han­delt es sich hier bereits um einen Teil der Erzäh­lung und kein Vor­wort der Auto­rin selbst.

Die har­ten Fakten:

  • Bro­schiert: 288 Seiten
  • Ver­lag: Luzi­fer; Auf­lage: 1., 1. Auf­lage (5. April 2012)
  • Spra­che: Deutsch
  • ISBN-10: 3943408043
  • ISBN-13: 978–394340
  • Preis: 14,50 EUR (Druck) oder 3,99 EUR (Kindle)
  • Bezugs­quelle: Ama­zon (Klick)

Story

Worum es geht, deute ich im ers­ten Satz die­ses Arti­kels an – um einen fürch­ter­lich mis­an­thro­pi­schen Bestat­ter, der emo­ti­ons­lo­ser nicht sein könnte. Auf den zwei­ten Blick merkt man, dass er kein Mis­an­throp ist, er hat nur nie gelernt, Emo­tio­nen in sei­nem ewi­gen Mar­ty­rium des Lebens zu zei­gen. Er wurde bereits sein gesam­tes Leben vom Pech ver­folgt und selbst dann, als er sich das Leben neh­men will – zuge­ge­ben, auf sehr schmerz­hafte und auch ein wenig feige Weise, beginnt die Geschichte erst.

Denn ohne, dass es Har­ris McLiod weiß, diente sein her­ri­scher Aus­bil­der weit höhe­ren Daseins­for­men, den Göt­tern des Toten­rei­ches. Ich nenne sie der Ein­fach­heit hal­ber so, denn ich möchte nichts vor­weg neh­men. Diese bemes­sen, wer in wel­ches Reich des Jen­seits wech­seln darf. Dabei spie­len die manch­mal auch sehr ruch­lo­sen Taten zu Leb­zei­ten eine Rolle. Lei­der aber sind die Göt­ter nur allzu mensch­lich und spie­len um die See­len ihrer „Opfer“ in einem infer­na­len Zeitvertreib.

Was das alles mit dem Bestat­ter von oben zu tun hat? Er tritt die Nach­folge sei­nes Lehr­meis­ters an. Genau genom­men will er sie nicht antre­ten, wird dann aber in einen Stru­del von Ereig­nis­sen hin­ein­ge­zo­gen, dem er sich nicht mehr ent­zie­hen kann.

Auf die­ser Reise trifft er den vor­he­ri­gen Lehr­ling sei­nes Aus­bil­ders, der schon län­ger auf die­sem unhei­li­gen Pfad wan­delt, aber sein eige­nes Spiel mit den Her­ren des Toten­rei­ches treibt und dafür frü­her oder spä­ter bezah­len wer­den muss.

Und als ob das nicht genug wäre, tritt noch die Gothic-Schönheit Rachelle auf den Plan, die das höl­li­sche Duo bei­der Bestat­ter ergänzt und auf eine abwei­chende Spur bringt – und zudem ihr ganz eige­nes magi­sches Geheim­nis hat. Nein, sie ist kein Vam­pir und Sex­sze­nen gibt es nur zwei kurze, diese haben jedoch wenig mit dem so char­mant mit FFÜ beti­tel­ten Genre zu tun. Erfri­schend wenig!

Der Roman nimmt an Fahrt auf, als Har­ris McLiod, der Toten­grä­ber und Prä­pa­ra­tor, mit Hilfe der attrak­ti­ven Rachelle aus dem Pakt mit den Toten­göt­tern zu ent­kom­men ver­sucht. Mehr wird an die­ser Stelle nicht über die Hand­lung verraten.

Die Geschichte beginnt mit einer klei­nen Rück­blende, ent­wi­ckelt sich dann aber linear und ohne große uner­war­tete Wen­dun­gen, baut aber logisch und schlüs­sig auf die mor­bide und skur­rile Gedan­ken­welt auf, die von der Auto­rin erson­nen wurde.

Beson­ders gefällt mir der para­bel­hafte Auf­bau des Romans, der unwei­ger­lich dahin führt, wo alles begon­nen hat. Nicht gefal­len hat mir ein Ein­schub, des­sen Titel auf wei­tere Infor­ma­tio­nen zu der Rolle von Rachelle hof­fen lässt, aber dann doch weit­aus weni­ger offenbart.

Ich möchte der Auto­rin hier zu aller­erst unter­stel­len, dass ihre Absicht beim Schrei­ben des Romans war, den Leser auf eine mor­bide und zugleich unter­halt­same Reise mit­zu­neh­men. Für mich jedoch klingt die Aus­sage durch, dass alles Ster­ben vor dem unaus­weich­li­chen Ende sinn­los ist und daher das Leben in allen Zügen genos­sen wer­den soll. „Nimm mit, was Du kriegst, bevor Du vor die Ewi­gen trittst“

Der Roman spielt in sowohl Schott­land, als auch in Ham­burg an rea­len Orten, die die Auto­rin selbst kennt und besucht hat. Die­ses merkt man an vie­len Stel­len, sei es bei Beschrei­bun­gen der Orte an sich oder auch der trans­por­tier­ten Atmosphäre.

Mir hat die skur­rile Geschichte durch­aus gut gefal­len, auch wenn sie klei­nere erzäh­le­ri­sche Schwä­chen auf­wies, die aber im Gesamt­bild nicht schwer wie­gen. Gemes­sen an dem Umfang von knapp unter 300 Sei­ten habe ich ledig­lich sie­ben Stun­den gebraucht, um das Buch ganz zu lesen. Das spricht an sich für einen gelun­ge­nen Span­nungs­auf­bau und dem Hun­ger des Lesers, mehr zu erfah­ren und zu lesen, wie die Geschichte ausgeht.

Schreib­stil

So reiz­voll und gut insze­niert die Geschichte ist, so sehr stol­pert man hier und da über den Schreib­stil. Durch­weg aus der Ich-Perspektive erzählt, gelingt es Rona Wal­ter die innere Gefühls­welt des nach Außen so gleich­gül­tig wir­ken­den An(Pro)tagonisten gut dazu­stel­len. Unwill­kür­lich wird man in sei­nen Hass auf die Welt hin­ein­ge­zo­gen. Man mag ihn sogar spä­tes­tens ab der Roman­hälfte. Genauso gut gelingt es, wenn bedeu­tende Orte und Per­so­nen das erste Mal beschrie­ben wer­den – wort– und bild­ge­wal­tig frä­sen sich wun­der­schöne Beschrei­bun­gen in das innere Kopfkino.

Dann aber, und im kras­sen Wan­del zu den genann­ten Berei­chen, wer­den die Sätze plötz­lich sehr kurz, wir­ken fast abge­hackt und pras­seln als Stac­cato auf den Leser ein. Glei­ches gilt bei eini­gen Dia­lo­gen – ledig­lich von Kom­mata oder Gedan­ken­stri­chen getrennt, lau­fen Unter­hal­tun­gen zwi­schen meh­re­ren Anwe­sen­den nur durch Anfüh­rungs­stri­che eingerahmt.

Im spä­te­ren Ver­lauf kommt es zu einem Gespräch zwi­schen Har­ris und den Hütern der Toten­rei­che, hier musste ich teils Absätze drei Mal lesen, um zu ver­ste­hen, wer mit wem spricht. Ähn­lich ist es bei Dia­lo­gen zwi­schen Har­ris und James, dem ehe­ma­li­gen Lehr­ling etwa zur Mitte des Buches. Hier gelingt die Zuord­nung nur über den jeweils genutz­ten Wortschatz.

Kei­nes­falls will ich hier von einem schlech­ten Schreib­stil schrei­ben, ich denke aber, dass dort noch Luft nach oben ist, um den Leser ein kon­gru­en­tes Ver­gnü­gen zu bereiten.

Sprach­lich muss ich auch das Lek­to­rat bemän­geln. Auch wenn viele der noch aus dem Ursprungs­skript stam­men­den Feh­ler aus­ge­merzt wur­den, fin­den sich nach wie vor kleine Stol­per­steine wie feh­lende Kom­mata oder Tipp­feh­ler im Buch. Kei­ner davon beson­ders ekla­tant, aber doch den Lese­fluss hemmend.

Preis-/Leistungsverhältnis

Mit 14,50 EUR ist der Preis hoch. Der Inhalt hat mich aber durch­aus amü­siert und Kurz­weil ver­schafft. Ledig­lich die ange­merk­ten Feh­ler des Lek­to­ra­tes kön­nen in den Leis­tungs­as­pekt hin­ein­ge­zo­gen wer­den und wären Grund für einen leicht nied­ri­ge­ren Preis. Mit etwas unter 300 Sei­ten bewe­gen wir uns aber knapp im fai­ren Bereich und man darf auch nicht ver­ges­sen, dass der Luzi­fer Ver­lag noch recht klein ist und erst seine Mar­gen ein­spie­len muss.

Beson­ders freut mich im digi­ta­len Zeit­al­ter, dass eine Kindle-Version erhält­lich ist.

Fazit

„Kalt­ge­schminkt“ ist eine tur­bu­lente Reise in die Abgründe der mensch­li­chen Selbst­sucht, des Stre­bens nach Macht und dem Preis, den wir alle irgend­wann für all unser Stre­ben zah­len. Die drei Haupt­cha­rak­tere sind glaub­haft dar­ge­stellt und es macht Spaß, ihnen allen bei ihrem Absturz in den Abgrund zu folgen.

Der echte Hor­ror kommt in der zwei­ten Hälfte des Buches nicht zu kurz.

Mehr als ange­nehm ent­hebt sich diese Remi­nis­zenz des vik­to­ria­ni­schen Hor­rors von der sonst so belieb­ten Romantasy.

Span­nungs­bo­gen und bild­li­cher Auf­bau stim­men, auch der von man­chen Rezen­sen­ten bemän­gelte Gothic-Touch kommt in mei­nen Augen nicht zu stark her­aus. Ich spüre in Rona Wal­ter durch­aus Talent, sie wird aber noch wach­sen müs­sen, um zu den wich­ti­gen deut­schen Auto­ren der düs­te­ren Phantastik-Literatur gehö­ren zu können.

Mir hat das Buch gut gefal­len und ich freue mich zu lesen, was noch aus ihrer Feder kom­men wird in den fol­gen­den Jahren.

Bonus/Downloadcontent

Es gibt kei­nen wei­te­ren Con­tent, jedoch einige Videos, die sich der inter­es­sierte Leser anse­hen kann:

Rona Wal­ter liest

Kalt­ge­schminkt — Rona Wal­ter [Roman-Teaser]


Unsere Bewer­tung

Erschei­nungs­bild ★★★★☆
Eng­li­sche Bro­schur, etwas zu dunk­les Cover ohne echte Eyecatcher
Story ★★★★☆
Eine skur­rile und mor­bide Para­bel über die Welt der Toten und das Schick­sal, das mora­lisch schlechte Men­schen erwartet.
Schreib­stil ★★½☆☆
Wech­selnd zwi­schen bild­ge­wal­tig und abge­hackt, Dia­loge schwer zu ver­fol­gen. Gut, aber unge­wöhn­lich. Schlech­tes Lektorat
Preis-/Leistungsverhältnis ★★★☆☆
Dem Preis ist etwas hoch, die Geschichte bügelt das schlechte Lek­to­rat wie­der ein wenig aus 
Gesamt ★★★½☆
 

 

Auch lesens­wert:

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