Rezension: Marvel Heroic Roleplaying Game

Sep 26

Rezension: Marvel Heroic Roleplaying Game

Mar­ga­ret Weis Pro­duc­tions hat sich vor eini­ger Zeit eine wei­tere große Lizenz gesi­chert: Mar­vel. Nach unter ande­rem Lever­age, Small­ville und Superna­tu­ral rollt also hier wie­der eine neue Welle eines in mei­nen Augen unge­wöhn­li­chen, wie zugleich visio­nä­ren Rol­len­spiels heran.

 

 

 

Erschei­nungs­bild

Die mir vor­lie­gen­den pdf-Dokumente hauen mich um. Wirk­lich. Das Design der ver­schie­de­nen Unter­la­gen strotzt vor sty­li­schem Marvel-Artwork. Auf fast jeder Seite sehe ich Spi­der­man, Iron Man, Cap­tain Ame­rica, Wol­ve­rine, Storm und viele andere.

Der Text ist extrem gut les­bar gesetzt, wich­tige Sätze oder Stich­worte sind farb­lich anders gedruckt, so dass sie sofort ins Auge ste­chen. Auf dem Rand fast jeder Seite finde ich Ver­weise, auf wel­chen Sei­ten ich die pas­sen­den Regeln finde.

Die Augen fin­den immer etwas Beson­de­res zum kurz­zei­ti­gen Ver­wei­len. Der Textwand-Eindruck vie­ler ande­rer Grund­re­gel­werke kommt hier erst gar nicht auf. Das ist bild­hübsch und macht Spaß zu lesen! Gut, natür­lich nur, wenn man Comics mag… die Grund­far­ben Blau und Grau wer­den gut ein­ge­setzt, um opti­sche Kon­traste und Leser­lich­keit zu erzielen.

Zum Umfang des pdf-Bundles gehört:

  • Core Rules – Die Grundregeln
  • Example of Play – Ein kur­zer Kampf durch­ge­wür­felt mit erklä­ren­den Tex­ten. Wertvoll!
  • MHR Player Sheet – Kurz­über­sicht über die Wür­fe­leien und Mög­lich­kei­ten als Spieler
  • MHR Wat­cher Sheet – Kurz­über­sicht über die Wür­fe­leien und Mög­lich­kei­ten als Spiel­lei­ter, hier Wat­cher genannt.
  • MHR Data Files – 24 Marvel-Charaktere mit Spiel­wer­ten, Kurz­his­to­rie, Per­sön­lich­keit und Fähigkeiten
  • MHR Ran­dom Data File Gene­ra­tor – Erschaf­fung eige­ner Cha­rak­tere über Zufallstabellen

Was mir in mei­ner Ver­sion fehlt, sind ver­linkte Inhalte. Aus den vie­len Schlag­wor­ten und Ver­wei­sen zu Regel­stel­len hätte man wun­der­bar klick­bare Links machen können.

Die har­ten Fak­ten:

  • For­mat: pdf
  • Sei­ten: 234 (+ wei­tere durch Hilfsdokumente)
  • Ver­lag: Mar­ga­ret Weis Pro­duc­tions; Auf­lage: Brdgm (17. April 2012)
  • Spra­che: Eng­lisch
  • ISBN-10: 1936685167
  • ISBN-13: 978–1936685165
  • Preis: 9,99 USD (pdf) oder 18,99 EUR (Buch)
  • Bezugs­quelle: Dri­ve­ThruRPG (pdf | Klick) oder Ama­zon (Buch | Klick)

Das Buch kommt mit nur 128 Sei­ten daher laut Ama­zon, ich weiß jedoch nicht, ob die Sei­ten anders for­ma­tiert sind oder ob Inhalte fehlen.

Die Spiel­welt

Über die Spiel­welt muss man nicht viele Worte ver­lie­ren. Es ist das Marvel-Universum in sei­ner gan­zen Band­breite. Ich meine mich zu ent­sin­nen, dass es über 8000 Cha­rak­tere gibt, die man ver­kör­pern oder als Ant­ago­nis­ten nut­zen kann.

 X-Men, S.H.I.E.L.D., Aven­gers, die Fan­tas­ti­schen Vier – alle sind hier und noch viel mehr, wie z.B. Daredevil.

 Ich weiß gar nicht, wo ich anfan­gen sollte, diese Spiel­welt zu beschrei­ben. Fakt ist aber, dass im Regel­werk keine Wel­ten­be­schrei­bung beinhal­tet ist. Man kann eini­ges ablei­ten aus den Hin­ter­grün­den der ver­schie­de­nen Hel­den als auch des beinhal­te­ten Mini-Events, aber ohne Lek­türe der Comics, gra­fi­scher Novel­len und auch viel­leicht das Anschauen der Filme kommt man hier nicht weit.

 Ich kann ver­ste­hen, dass das Uni­ver­sum von Mar­vel ein­fach zu umfang­reich ist, um in einem Grund­re­gel­werk abge­bil­det zu wer­den. In künf­ti­gen Event-Bänden wird jedoch mehr erklärt. Events sind Kampagnen.

 Zur­zeit liegt mir der Band für die Civil War Kam­pa­gne vor, den ich zu einem spä­te­ren Zeit­punkt beleuch­ten werde.

Die Regeln

Eins muss ich vor­weg neh­men. In Mar­vel Heroic Role­play­ing Game spielt man eigent­lich keine selbster­schaf­fe­nen Cha­rak­tere (auch wenn die Mög­lich­keit dazu da ist), man spielt fer­tige Super­hel­den aus dem Mar­vel­uni­ver­sum und hat die Mög­lich­keit, diese zu evolutionieren.

 Die anfol­gend beschrie­be­nen Regeln sind stark auf die erzäh­le­ri­sche Kom­po­nente des Rol­len­spiels aus­ge­legt und kön­nen nur funk­tio­nie­ren, wenn offen am Tisch gewür­felt wird. Also, Spiel­lei­ter aller Her­ren Län­der, kommt hin­ter euren Schir­men her­vor. Ihr raubt euch und euren Spie­lern sonst viel der Span­nung, die wir in die­sem Spiel haben. Ich beschreibe nicht alle Regeln, son­dern nur einen Aus­schnitt. Es wäre sonst zu viel.

 Bes­ser und Schlech­ter wird durch Wür­fel­ty­pen klas­si­fi­ziert. Ein D4 ist schlech­ter als ein D6 als ein D8 und so wei­ter. Der höchste Wür­fel ist der D12. Wür­fel kön­nen durch bestimmte Vor­aus­set­zun­gen ver­bes­sert oder ver­schlech­tert wer­den. Das Regel­werk nennt die­ses „step up“ oder „step down“. Ein D6, der geu­pstep­ped (man ver­zeihe mir diese Wort­krea­tion) wird, wird zu einem D8. Gewür­felt wird nur, wenn das Ergeb­nis wirk­lich zwei­fel­haft ist, ein Cha­rak­ter eine Show machen möchte oder es um einen Zusam­men­stoß mit ande­ren NSCs und Cha­rak­te­ren geht.

Wie so oft sind die Regeln und Wür­fel­ein­la­gen eng an die Werte des Cha­rak­ters gekop­pelt. Am bes­ten erkläre ich alles an einem Bei­spiel, weil es sonst sehr abs­trakt wird. Schauen wir uns also Wol­ve­rine an. (Ankli­cken zum Vergrössern)

Pri­mär dreht sich alles um Wür­fel­pools. Schauen wir auf den Bogen, sehen wir 4 Pool­re­le­vante Berei­che. Wir haben noch mehr Mög­lich­kei­ten, aber dazu wei­ter unten.

Wenn ein Spie­ler nun wür­felt, baut er sich den Pool nach den Berei­chen auf. Ist er alleine? Also affi­lia­tion „Solo“ – zack, ein D10 in den Pool. Man­che Hel­den agie­ren bes­ser alleine, man­che bes­ser zu zweit, man­che gar bes­ser im Team.

Dann kommt die dis­tinc­tion ins Spiel. Hier­bei han­delt es sich immer um drei Phra­sen, die den Hel­den pro­sa­isch beschrei­ben, also das dar­stel­len, was ihn aus­macht. Passt eine der dis­tinc­tions auf die Wür­fel­si­tua­tion, kommt ein D8 in den Pool. Ein Spie­ler kann aber auch ent­schei­den, dass Ihn seine dis­tinc­tion behin­dert und nimmt dann einen D4 in den Pool. Das macht ihn schlech­ter, bringt aber einen soge­nann­ten Plot Point. Auch dar­auf komme ich später.

Mit den Power Sets kom­men die Kräfte ins Spiel. Auch diese brin­gen einen Wür­fel mit, kön­nen über die SFX noch Zusatz­ef­fekte mit­brin­gen und haben auch ein Limit. Mit Limits wer­den Teil­kräfte für eine ganze Zeit deak­ti­viert, dafür wer­den aber andere mächtiger.

Letzt­lich haben wir noch die special­ties. Die­ses sind Aus­drü­cke des Trai­nings und der Aus­bil­dung des Hel­den und brin­gen auch noch einen Wür­fel hinzu.

Scha­den oder Belas­tung wird in MHR durch stress aus­ge­drückt. Die­ser Scha­den kann phy­sisch, men­tal oder emo­tio­nal sein. Optio­nal kann der Scha­den auch eine Situa­tion sein, die die Per­son im Spiel behin­dert, hier com­pli­ca­tion genannt. Anders ist hier, dass der Scha­den sich nicht nega­tiv auf die eige­nen Wür­fel­pols aus­wirkt, son­dern Scha­den oder Behin­de­rung des Geg­ners posi­tiv auf den eige­nen Wür­fel­pool. In ande­ren Wor­ten wird es einem leich­ter gemacht, wenn der Geg­ner nicht mehr frei agie­ren kann.

Die­ser stress oder com­pli­ca­tion Wür­fel kommt auch in den eige­nen Pool.

Hilft einem ein ande­rer Cha­rak­ter oder NSC (oder man sich selbst),  dann kann die­ses einen asset erzeu­gen. assets sind kurz­zei­tig wir­kende Effekte, die auch Zusatz­wür­fel geben. Und was pas­siert mit dem? Auch in den Pool – zack.

Und als ob damit noch nicht der vie­len Wür­fel genüge getan wäre, gibt es noch den stunt. Stunts gene­rie­ren auch Wür­fel und sind beson­dere Anwen­dun­gen eige­ner Fähig­kei­ten, die nicht stan­dard­mä­ßig ver­wen­det wer­den würden.

Ein Bei­spiel: Cyclops ver­wen­det sei­nen Ener­gie­strahl in geschwäch­ter Vari­ante, um alle Spie­gel blind wer­den zu las­sen. Der Strahl wird tau­send­fach reflek­tiert und schal­tet so alle Spie­gel­bil­der aus, so dass der echte Ant­ago­nist gefun­den wird und vom letz­ten Strahl getrof­fen wird.

All diese Wür­fel wer­den nun gewür­felt. Ein­sen wer­den bei­sei­te­ge­legt. Die übli­cher­weise bei­den höchs­ten Wür­fel bil­den das total. Ein drit­ter gewür­fel­ter Wür­fel ist der effect dice. Der Spiel­lei­ter, hier wat­cher genannt, macht das glei­che in ähn­li­cher Art für seine Charaktere.

Bei­spiel: Wol­ve­rine ist alleine und kämpft gegen Dead­pool. Solo – D8. I’m the best there at what i do – D8 Ada­man­tium Claws – D10 Com­bat Mas­ter — D10. Dead­pool ist unver­letzt, also keine wei­te­ren Wür­fel, ebenso gibt es keine Hel­fer und Wol­ve­rine hat auch gerade keine Lust auf unge­wöhn­li­che Neu­an­wen­dung sei­ner Kräfte.

D8: 5, D8: 3, D10: 7, D10: 4. Wol­ve­rine nimmt die bei­den höchs­ten als total, das sind also 7+5=12. Einen D10 nimmt er als Effektwürfel.

Für das Bei­spiel hat Dead­pool den glei­chen Wür­fel­pool und wür­felt D8: 4, D8: 4, D10: 6, D10:5. Er nimmt 6+5=11 als total, D8 als Effektwürfel.

Wol­ve­rine war bei 12, er bei 11. Wol­ve­rine hat also „gewon­nen“. Der D10 Effekt­wür­fel ver­ur­sacht nun genann­ten stress oder eine com­pli­ca­tion. Alle künf­ti­gen Würfe haben für Wol­ve­rine einen D10 mehr im Pool.

stress wird durch wei­tere ver­lo­rene Pro­ben ver­stärkt. Ist der nächste Effekt­wür­fel vom Wür­fel­typ her klei­ner oder gleich dem vor­han­de­nen Stress­wür­fel, wird die­ser um eine Stufe hoch­dreht. Aus einem D10 wird also ein D12. Ist er grö­ßer als der Stress­wür­fel, wer­den die Wür­fel getauscht. Hat man bereits einen D6 und der nächste ist ein D10, kriegt man den D10. Würde nach D12 noch­mal hoch­ge­dreht wer­den, wird der Cha­rak­ter schach­matt. Aus stress wird dann trauma, wel­ches eine weit­aus höhere Gene­sungs­zeit und –behand­lung braucht.

Plot­points braucht man u.a. um ent­we­der Kräfte zu akti­vie­ren, einen drit­ten total dice zu behal­ten oder einen zwei­ten effect dice zu wäh­len. Man bekommt sie, indem man ent­we­der Ein­sen wür­felt oder seine dis­tinc­tion mit einem D4 wählt. Auch andere Mög­lich­kei­ten existieren.

Ein­sen gene­rie­ren aber auch Wür­fel in den soge­nann­ten doom­pool des Wat­chers. Die­ser kann die Wür­fel in dem Pool benut­zen, um die Fähig­kei­ten sei­ner Gegen­spie­ler zu akti­vie­ren oder zu ver­bes­sern. Wür­felt der wat­cher Ein­sen, kön­nen die Spie­ler diese als oppor­tu­nity akti­vie­ren und somit Vor­teile für sich selbst schaffen.

Daher ist es so wich­tig, offen und für alle ein­sich­tig zu wür­feln. Ster­ben kann man in MHR eher sel­ten, wenn nicht gar niemals.

Das ist nur ein Aus­schnitt der Regeln, der aber zeigt, worum es geht. Um den direk­ten Ver­gleich zweier Wür­fel­pools, der Wür­fel­ty­pen und die Inter­ak­tion zwi­schen SL und Spie­ler. Es geht fast immer um Aktion und Reak­tion, das Ver­glei­chen der Ergeb­nisse zweier Würfelpools.

Ich schrieb wei­ter oben, dass das Sys­tem stark auf den erzäh­le­ri­schen Part aus­ge­rich­tet ist. Ich kann mir gut vor­stel­len, dass der Ein­druck nun etwas geschmä­lert wurde durch den Exkurs in das Regel­sys­tem, muss aber anmer­ken, dass so ziem­lich jeder Spiel­be­richt, den ich bis­lang las, davon spricht, dass die Regeln schnell und flüs­sig lau­fen, vor allem, weil man die ganze Zeit alle Werte vor Augen hat, sieht, wie groß der doom­pool ist, was der eigene und die ande­ren Cha­rak­tere kön­nen. Ein klei­ner Selbst­test hat das bestätigt.

Ein Wort noch zur Initia­tive in Kämp­fen: sie wird nicht gewür­felt, die Spie­ler ent­schei­den, wer anfängt. Es gibt ein paar Hin­weise, woran man es fest­ma­chen kann, aber das war es auch schon. Als SL kann ich jedoch ent­schei­den, die Spie­ler zu unter­bre­chen und selbst zu agie­ren, in dem ich Wür­fel aus dem doom­pool verwende.

Mich begeis­tert vor allem, dass hier zu einer sehr gro­ßen Lizenz Regeln gewählt wur­den, die eher dem Indie-Sektor zuzu­schrei­ben sind und wie naht­los sie inein­an­der grei­fen. Auch wenn MHR zum Cor­tex+ Regel­set gehört, muss man wis­sen, dass Mar­ga­ret Weis Pro­duc­tions Ltd die­ses Regel­set auf jede der Publi­ka­tio­nen anpasst, um das gewählte Set­ting opti­mal zu unter­stüt­zen. Eine Kennt­nis der ande­ren Cor­tex+ Sys­teme hilft nicht bei MHR. Man muss sich ggf. neu einlesen.

Cha­rak­ter­er­schaf­fung

Wie bereits geschrie­ben exis­tiert eine Cha­rak­ter­er­schaf­fung nur im beschränk­ten Maß. In dem bei­lie­gen­dem MHR Ran­dom Data File Gene­ra­tor wird der inter­es­sierte Leser durch eine Reihe von Tabel­len gelei­tet, auf die es zu wür­feln gilt. Aus den Ergeb­nis­sen resul­tie­ren dann obig beschrie­bene Kern­werte des Charakters.

Im Regel­werk selbst sind die ver­schie­de­nen Fähig­kei­ten sehr gut beschrie­ben, auch was mit ihnen mög­lich ist und in wel­chem Umfang der Cha­rak­ter mit der Spiel­welt dadurch inter­agie­ren kann. Auf die­sem mehr­sei­ti­gen Pas­sus erfährt der Leser wert­volle Infor­ma­tio­nen, wel­che Mög­lich­kei­ten der Cha­rak­ter hat.

MHR ist ein­deu­tig dar­auf aus­ge­legt, mit den bekann­ten Mar­vel­hel­den zu spie­len und sie ins Aben­teuer zu füh­ren. Eine Cha­rak­ter­er­schaf­fung ist mög­lich, birgt aber das Risiko in sich, das erwünschte Spiel­ge­fühl nicht ein­tre­ten zu lassen.

Einer der Foki des Sys­tems ist ein­deu­tig das Anspre­chen der gro­ßen Comicfan-Bewegung in den USA und das Ani­mie­ren der­sel­ben, Rol­len­spiele aus­zu­tes­ten und zu spie­len. Daher ist die­ser Ansatz unter dem, was das Regel­werk möchte, voll­kom­men legitim.

Und mal ehr­lich – wel­cher Comic­freund hat sich nicht schon mal gewünscht, so man­ches Ereig­nis haut­nah mitzuerleben?

Spiel­bar­keit aus Spielleitersicht

Wie ich bereits schrieb, sind die Regeln teils mehr­fach gut beschrie­ben und das Regel­werk glänzt durch Quer­ver­weise, die die erste Arbeit des SL, das Ein­le­sen, deut­lich vereinfachen.

Die Metho­den und Mög­lich­kei­ten, die einem als wat­cher gege­ben wer­den, sind dra­ma­tur­gisch gut durch­dacht und bie­ten einige Chan­cen, das Spiel wirk­lich auf­re­gend und inten­siv zu hal­ten. Ein Spiel­lei­ter hat zum Bei­spiel die Mög­lich­keit, ganze Sze­nen dra­ma­tur­gisch enden zu las­sen. Für einen sol­chen Abbruch jedoch wer­den Spie­ler mit Erfah­rungs­punk­ten entlohnt.

Die Offen­heit, mit der ein SL hier agiert, dadurch, dass er unter ande­rem auch offen wür­felt, sind Kern­punkte des Spiels.

Zur Arbeit des SL gehört natür­lich auch das Aus­ar­bei­ten einer Kam­pa­gne, hier event genannt. Selbst­ver­ständ­lich emp­fiehlt es sich, diese events an Mar­vel­er­eig­nis­sen zu ori­en­tie­ren. Und so ist auch im Grund­re­gel­werk ein Mini-Event beinhal­tet, der sich um einen Gefäng­nis­aus­bruch aus dem Raft dreht und sich an die Hand­lung aus New Aven­gers 1–6 anlehnt.

events tei­len sich in acts auf. Das sind quasi umfas­sende Sze­nen und Kapi­tel. Acts wie­derum tei­len sich in sce­nes auf, wobei unter­schie­den wird zwi­schen action sce­nes und tran­si­tion sce­nes. Wäh­rend erste aktio­nis­tisch getrie­bene Sze­nen sind (nicht unbe­dingt kampflas­tig), sind zwei­tere Inter­ak­ti­ons– und Nachforschungszenen.

Noch fein­glied­ri­ger ist das panel. Hier­bei han­delt es sich um genau einen Moment der umfas­sen­den Szene. Der Begriff rührt daher, dass die­ser Moment in einem Comi­c­bild auf­ge­fan­gen wer­den kann.

Die genannte inklu­dierte Mini­kam­pa­gne ist über­ra­schend wenig linear und bie­tet viele Mög­lich­kei­ten zum Ende zu kom­men. Das Nötigste ist beschrie­ben und ist gut genug, um direkt mit nur wenig Vor­ar­beit über­nom­men zu werden.

Eine Beson­der­heit muss ich der Spiel­bar­keit aus Spie­ler­sicht vor­weg­neh­men, denn sie bestimmt auch den All­tag des wat­cher. Cha­rak­tere haben miles­to­nes. Das sind quasi per­sön­li­che Ent­wick­lungs­ziele, auf die Spie­ler selbst­ge­wählt hinzu arbei­ten kön­nen. Die Spie­ler tei­len übli­cher­weise dem wat­cher mit, wel­che sie errei­chen möch­ten und die­ser kann ent­spre­chende Situa­tio­nen schaf­fen, so er möchte.

Par­al­lel dazu gibt es auch miles­to­nes für Events. Nun kann man argu­men­tie­ren, dass man den Spie­lern diese nicht mit­tei­len sollte, weil Ihnen sonst die Über­ra­schung genom­men wird, was alles pas­sie­ren kann. Der Umkehr­schluss ist der Fall. In der Tat muss der wat­cher den Spie­lern sogar diese miles­to­nes erklä­ren und auf­zei­gen und die Spie­ler kön­nen selbst ent­schei­den, wel­chen Weg sie gehen. Das ähnelt einer Mischung der SL Tech­nik des fores­ha­do­wing und dem Anse­hen eines Kinotrailers.

Spiel­bar­keit aus Spielersicht

Was gibt es hier viel mehr zu sagen, außer, dass es sich ein­fach gut anfühlt, einen Marvel-Charakter zu füh­ren? Ande­rer­seits ist auch genau das ein Manko, denn wenn auch eigene Cha­rak­tere erschaff­bar sind, tritt ein­fach nicht das erwünschte Spiel­ge­fühl ein.

Wobei – was unter­schei­det es eigent­lich vom Spiel­ge­fühl her, wenn man auf einem Con einen vor­ge­ne­rier­ten Cha­rak­ter spielt oder in MHR einen vor­ge­ne­rier­ten Super­hel­den spielt? Ich finde eigent­lich nicht viel. Außer, dass man durch Filme und Comics ein deut­lich bes­se­res Bild des eige­nen Cha­rak­ters bereits ver­in­ner­licht hat.

Die Regeln wir­ken nur im ers­ten Moment kom­plex, ver­selbst­stän­di­gen sich aber schnell. Beach­tens­wert ist die Spieler-(Erzähl)-Macht, die das Regel­werk ihnen gibt und damit für den einen oder ande­ren neu, weil so oft­mals nicht in klas­si­schen Sys­te­men beinhal­tet ist.

Durch die Kennt­nis der miles­to­nes des Cha­rak­ters wie auch des events ist der Spie­ler ein Stück weit der Immer­sion ent­ho­ben, ist aber gleich­zei­tig nah am Gesche­hen und kann als Spie­ler den Cha­rak­ter ent­spre­chend len­ken zur Erfül­lung der miles­to­nes.

Eine beson­dere Rolle spie­len noch die unlo­cka­bles. Hier­bei han­delt es sich um frei­zu­spie­lende Inhalte im Rah­men des events. Das kann ein Cha­rak­ter sein (auf den dann ein Spie­ler wech­selt) oder z.B. eine Tech­no­lo­gie, die dann wie­derum als Even­tres­source die­nen kann. Das erin­nert mich etwas an Achie­ve­ments aus ein­schlä­gi­gen MMOR­PGs, ist aber weit­aus mehr, denn es ist nicht nur eine Medaille, was man tol­les geschafft hat, son­dern es erwei­tert die Mög­lich­kei­ten der Spie­ler ungemein.

Auch in die­sen Bereich gehört die mög­li­che Cha­rak­ter­ent­wick­lung. Natür­lich, auch diese ist ein­ge­baut und wird durch Erfah­rungs­punkte gesteu­ert. Wer gele­sen hat, dass es sich um vor­ge­ne­rierte Cha­rak­tere han­delt, braucht keine Sor­gen zu haben, dass die Werte sich nie ändern wer­den. Erfah­rungs­punkte gewinnt man durch das Errei­chen der miles­to­nes.

Preis-/Leistungsverhältnis

Ich kann mich hier nur auf das pdf-Bundle bezie­hen, wel­ches mir vor­liegt. Allein der Umfang (s.o.)  aus vie­len ver­schie­de­nen Doku­men­ten, alle lie­be­voll desi­gned und voll­ge­stopft mit gut ver­ständ­li­chen Inhal­ten recht fer­tigt den Preis mehr als nur gerade eben.

Art­work, Auf­be­rei­tung der Texte und Spiel­bar­keit des gesam­ten Sys­tems ist sub­jek­tiv ein­ge­schätzt unter den Spie­len, die ich bis­lang lesen durfte, in den Top 5. Und das alles für unter 10 USD? Wer Super­hel­den mag, Rol­len­spiele mag und einem alter­na­ti­ven Ansatz nicht abge­neigt ist, kann hier ein­fach nichts falsch machen.

Fazit

Ich könnte noch viel mehr schrei­ben, würde aber dann voll­stän­dig den Umfang die­ser Rezen­sion sprengen.

Mar­vel Heroic Role­play­ing Game hat mich selbst über­rascht, da ich das Kon­zept, einen exis­ten­ten Super­hel­den durch exis­tente Mar­vel Geschich­ten zu füh­ren, als äußerst linear, rail­roadig und lang­wei­lig erwar­tet habe.

Was ich aber nach zwei­fa­cher Lek­türe nun vom Sys­tem ver­stan­den habe, offen­bar ein actionge­trie­be­nes und mit­rei­ßen­des Rol­len­spiel der etwas ande­ren Art. Mit Cor­tex+ hatte ich bis­lang noch keine Erfah­run­gen und finde sehr gut, was im Fall von MHR dar­aus gemacht wurde.

Natür­lich bewegt man sich ent­lang einer gewis­sen linea­ren Füh­rung, wenn es darum geht, Mar­ve­levents nach– oder auch mit­zu­er­le­ben, aber auch nicht linea­rer als in ande­ren Rol­len­spiel­aben­teu­ern. Eine Sand­box bekomme ich hier natür­lich nicht, aber das will das Spiel auch nicht.

Ich finde durch die Bank gut, was ich hier auf dem Schirm habe und freue mich, den Event­band Civil War zu lesen. Vor kur­zem nun erschie­nen auch die nächs­ten Band 50 Sta­tes Initia­tive und Civil War: Young Aven­gers.

Ich hoffe auf eine Spiel­runde dazu im Freun­des­kreis und wenn ich sie selbst lei­ten muss. Das ist ein­fach cool und genau auf Mar­vel Action zuge­schnit­ten. Und auch wenn es schon tau­send­fach im Zusam­men­hang mit die­sem Spiel gesagt wurde: Aven­gers Assemble!

Eine etwas andere Sicht­weise auf das Regel­werk fin­det ihr in der Rezen­sion des Würfelhelden

Bonus/Downloadcontent

Auf der Down­load­seite der Mar­ga­ret Weis Pro­duc­tions Web­site fin­det man einige hilf­rei­che Dinge wie auch neue Datas­heets für Marvelcharaktere.


Unsere Bewer­tung

Erschei­nungs­bild ★★★★★
Tod­schick mit Unmen­gen von Mar­vel Art­work, gut auf­be­rei­tete Texte
Spiel­welt ★★★☆☆
Keine Spiel­welt­be­schrei­bung beinhal­tet, man muss Mar­vel ken­nen. Ledig­lich Hin­weise bei den Cha­rak­te­ren und dem Mini-Event geben Hin­weise. Die Wer­tung bezieht sich auf den Umfang der gelie­fer­ten Informationen.
Regeln ★★★★☆
Auf den ers­ten Blick kom­plex und stark inter­ak­tiv, dann doch ziem­lich flüssig
Cha­rak­ter­er­schaf­fung Nicht gewer­tet
Auch wenn eine Cha­rak­ter­er­schaf­fung beinhal­tet ist, spielt man vor­ge­ne­rierte Charaktere
Spiel­bar­keit aus Spielleitersicht ★★★★☆
Viele Mög­lich­kei­ten zum Auf­bau von cine­as­ti­schen Aben­teu­ern, Mar­vel­kennt­nis jedoch nötig. Etli­che dra­ma­tur­gi­sche Steuerungsmöglichkeiten
Spiel­bar­keit aus Spielersicht ★★★★☆
Sehr viel Erzähl­macht beim Spie­ler, „In“ dem Cha­rak­ter sein und Ihn doch gezielt auf vor­her bekannte Ziele lenken
Preis-/Leistungsverhältnis ★★★★☆
Unter 10 USD für ein extrem gutes, wenn auch unge­wöhn­li­ches Regelwerk  
Gesamt ★★★★☆
Ein Muß für jeden Marvel-Fan!

 

 

 

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8 Kommentare

  1. Hi,
    klasse Rezi!

    Ich mach hier dann auch mal Wer­bung! :-)
    Eine wei­te­rer Rezi fin­det man unter:

    http://wuerfelheld.wordpress.com/2012/07/10/rezi-marvel-heroic-roleplaying/

    Gruß

  2. Immer gern. Nur meh­rere Sicht­weise auf ein Pro­dukt geben ein voll­stän­di­ges Bild

  3. André Skora via Facebook /

    ver­link die Rezi auch gleich!

  4. Ich habe in unser Fazit auch deine Rezen­sion ver­linkt, da sie eine andere Sicht­weise gibt

  5. Joe Bloggs via Facebook /

    D’accord. Ihr soll­tet euch dann in dem Zusam­men­hang auch mal Civil War anschauen, denk ich.

  6. Hab ich vor­lie­gen, wie auch 50 Sta­tes und Civil War: Young Aven­gers. Aber erst­mal müs­sen wir ande­res Zeug lesen ;)

  7. Joe Bloggs via Facebook /

    Druck­ver­sion oder PDF?

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