Untote im LARP

Okt 15

Untote im LARP

Zom­bies! Schon wieder!

So oder so ähn­lich dachte ich in den letz­ten Jah­ren immer wie­der als Teil­neh­mer auf diver­sen LARPs. Und dabei han­delte es sich nicht um Zombie-Survival-Cons, son­dern um die ganz nor­ma­len Feld-, Wald– und Wiesen-Fantasy-Cons.

Warum ist das so und was für Aus­prä­gun­gen der Alternativ-Lebenden gibt es eigent­lich im LARP? Genau mit die­sen Fra­gen will ich mich in die­sem Arti­kel beschäftigen.

Untot ist nicht gleich Untot

Wie fast immer, wenn es um Rol­len­spiel geht, gibt es auch bei Unto­ten eine ganze Menge Aus­prä­gun­gen, von denen einige auch oder beson­ders im LARP ver­tre­ten sind:

Zom­bie Survival-Cons

Hier muss ich geste­hen, dass ich noch nie auf einer sol­chen war und das auch nicht vor­habe. Es ist ein­fach nicht mein Thema. Aber ich habe genug Bekannte, die mir davon berich­tet haben, um zumin­dest grob zu wis­sen, worum es dabei geht.

Auf Ver­an­stal­tun­gen die­ser Art geht es darum, dass, wodurch auch immer, ein Groß­teil der Mensch­heit zom­bi­fi­ziert wurde und man zu den letz­ten Über­le­ben­den gehört und ein­fach nur ver­sucht, zu überleben.

Manch­mal kann man auch noch ver­su­chen, ein Heil­mit­tel zu fin­den oder der Ursa­che des Gan­zen auf den Grund gehen. Gene­rell ist es aber eher so, dass man nicht mit der Erwar­tung auf eine sol­che Ver­an­stal­tung geht, dass der Cha­rak­ter sie über­lebt. Natür­lich ist hier der Tod mit­nich­ten das Ende, denn sollte man fal­len, kann man naht­los auf der ande­ren Seite wei­ter­spie­len und sei­nen Freun­den so rich­tig das Leben zur Hölle machen.

Auch ansons­ten ist das Spiel hier eher nicht auf Gemüt­lich­keit, son­dern auf Hor­ror aus­ge­legt. Wer also Spaß daran hat, sich erschre­cken zu las­sen, gru­se­lige und grau­en­hafte Kos­tüme mag (im posi­ti­ven Sinne) oder ein­fach nur mal sehen will, ob er bei der Zombie-Apokalypse über­le­ben würde, sollte sich das Ganze mal anschauen.

Vam­pire Live

Wäh­rend bei Survival-Cons die Unto­ten die Ant­ago­nis­ten sind, sind sie hier die Prot­ago­nis­ten. Basie­rend auf den Rol­len­spie­len Vam­pire — The Mas­quer­ade und Vam­pire — Requiem (beide von White Wolf) spie­len die Spie­ler hier fast aus­schließ­lich Vampire.

Je nach Domäne (so der Name der Herr­schafts­ge­biete in der ent­spre­chen­den Welt) und Chro­nik (Kam­pa­gne) fin­det sich hier so ziem­lich alles. Vom Spiel über den per­sön­li­chen Hor­ror und den Kampf mit dem Mons­ter in sich selbst im Stil von „Inter­view mit einem Vam­pir“ über eher action­las­ti­ges Spiel bis hin zur mei­ner Erfah­rung nach häu­figs­ten Vari­ante, dem poli­ti­schen Intri­gen­spiel (Vam­pi­ren wird über die Jahre lang­wei­lig, daher spie­len sie diverse „Spiele“ mit­ein­an­der, die meist über Intri­gen aus­ge­tra­gen wer­den) gibt es hier eine enorme Band­breite an erleb­ba­ren Din­gen. Die meis­ten Chro­ni­ken sind ein gesun­der Mix aus den ver­schie­de­nen Rich­tun­gen und bie­ten so für jeden Geschmack etwas.

Wer also nicht im Wald, son­dern zum Bei­spiel im Hin­ter­zim­mer einer Kneipe Liverol­len­spiel spie­len will, der wäre hier sicher­lich gut aufgehoben.

Die Tat­sa­che, dass das Tisch­rol­len­spiel zu Vam­pire –The Mas­quer­ade eigent­lich schon sehr lange Out-of-Print war, die Domä­nen aber den­noch unbe­irrt wei­ter­mach­ten, spricht Bände dar­über, wie hoch die Anzie­hungs­kraft des Set­tings ist.

Fan­tasy LARP

Die Zahl­meis­te­rin der Corps­dayle Loyals

Und dann wären da noch die ein­gangs bereits erwähn­ten Fantasy-Cons, auf denen es in den letz­ten Jah­ren eine regel­rechte Zom­bie­schwemme gab. Aber warum ist das so?

Über die Gründe an sich habe ich lange nach­ge­dacht, alleine und zusam­men mit befreun­de­ten Spie­lern und Orgas. Das Ergeb­nis war rela­tiv ein­deu­tig, aber spie­gelt natür­lich nur (m)einen Teil der Wahr­heit wie­der: Viel zu sehr rücken in den letz­ten Jah­ren die eigent­li­chen Geg­ner ins Blick­feld der Spieler.

Auf Mytho­dea bei­spiels­weise, und damit auf min­des­tens einem Dut­zend Cons pro Jahr, von denen einige extreme Besu­cher­zah­len haben und damit prä­gend für die gesamte LARP-Szene sind, kämpft so ziem­lich alles zusam­men, was sich nor­ma­ler­weise spin­ne­feind ist. Da steht der Drow neben dem Pala­din und beide kämp­fen gegen einen gemein­sa­men Feind. Klar, es gibt immer wie­der Rei­be­reien (und das ist auch gut so!), aber viele Leute haben ein­fach gelernt, dass auch die “Feinde” nicht nur böse sind. Und so ist es in der Ver­gan­gen­heit immer häu­fi­ger dazu gekom­men, dass ver­meint­lich ein­fa­che Bege­ben­hei­ten dadurch sehr ver­kom­pli­ziert wur­den, dass die Spie­ler die Geg­ner ein­fach nicht als Geg­ner akzep­tie­ren woll­ten, son­dern ver­such­ten, mit ihnen zu reden und Frie­den zu schließen.

Das mag für einige Con­rei­hen sicher­lich inter­es­sant und viel­leicht sogar gewollt sein, aber in vie­len ande­ren Situa­tio­nen sorgt es für mehr Pro­bleme als es löst. Also wurde ein Feind gesucht, den wirk­lich alle als Feind akzep­tie­ren kön­nen. Und mit den Unto­ten wurde auch ein sol­cher gefunden!

Mit Orks kann man reden, auch Drow haben Fami­lien und Cha­os­an­hän­ger Moti­va­tio­nen. Ein Zom­bie aller­dings, der ist ein­fach nur fins­ter und nie­mand hat Gewis­sens­bisse, wenn man ihn und seine unzäh­li­gen Lei­dens­ge­nos­sen von ihrem Dasein erlöst.

Oder?

Und damit sind wir schon wie­der bei Mytho­dea ange­langt. Nicht nur, dass dort auf Spie­ler­seite aller­lei “Gezum­pel” unter­wegs ist, auch bei den NSC gibt es eine gigan­ti­sche Frak­tion Unto­ter.

Und die sind nicht ein­fach nur hirn­los und Hirn suchend, nein, man kann mit ihnen reden, sie haben Fami­lien, Ängste, Ziele, eigent­lich alles, was ein nor­ma­ler Cha­rak­ter auch hat — mit der Aus­nahme von Leben. Also genau das, was schon ein­mal aus Mytho­dea auf den Rest der deut­schen LARP-Welt über­ge­schwappt ist, nur eben die­ses Mal mit einer der letz­ten Bas­tio­nen der kla­ren Feinde, die es noch gab.

Per­sön­lich finde ich das zwar abso­lut ver­ständ­lich — gab es doch mit dem Schwar­zen Eis bereits eine Frak­tion rela­tiv stump­fer Geg­ner ohne Indi­vi­dua­li­tät — aber ebenso auch sehr schade und bedenk­lich, da hier­durch ein wenig mehr des Schwarz-Weiß ver­schwin­det, das schon seit jeher Bestand­teil der Fan­tasyli­te­ra­tur, und auch einer Gründe für deren Erfolg, war.

Im Grunde ist es mir egal, ob Zom­bies schnell oder lang­sam sind, abso­lut hirn­los oder mit einer Art Schwar­min­tel­li­genz aus­ge­stat­tet. Aber sie sol­len bitte abso­lut fins­ter und zum Fürch­ten sein. Und das ein­zige Wort, das ich von ihnen hören will, sollte “Gehiiiirn!” sein!

Rol­len­spiel und LARP lebt von Kli­schees. Und man sollte nicht alle davon demontieren!


Die­ser Arti­kel ent­stand im Rah­men des Kar­ne­vals der Rol­len­spiel­blogs „From the grave [Okto­ber 2012]“, der von uns orga­ni­siert wird. Unse­ren eröff­nen­den Bei­trag zum Umzug fin­det man hier: Klick.  

 

 

Arti­kel­bil­der: Untote von den Corps­dale Loyals, Con­quest of Mytho­dea. Foto­gra­fie: Patrick Wichert

 

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3 Kommentare

  1. Chabneruk /

    Untote mit Gefüh­len gibt es doch spä­tes­tens seit den ewig lei­den­den Ver­fluch­ten auf den Pfa­den der Toten im „Herr der Ringe“ — wenn man mal unsere Per­spek­tive auf (zu vik­to­ria­ni­schen Zei­ten als böse ange­se­hene) sexu­ell befreite Vam­pire aus­klam­mert, vgl. Car­milla etc. Und V:TM würde ohne Gefühle doch gar nicht funktionieren.

    Wobei ich dir recht gebe, wenn du sagst, dass Zom­bies mit Gefüh­len eher selt­sam sind. Im Komö­di­en­sek­tor gab es das natür­lich schon (z.B. „Fido“), aber sonst kom­men die mir oft zu hirn­los (höhö) oder instinkt­ge­steu­ert vor, als dass sie über­haupt Gefühle zei­gen könn­ten. Aber ich rede natür­lich jetzt auch von Virus-/Space-Parasiten-/Ungeklärte-Aber-Pseudorealistische-Ursache-Zombies. In einem Fan­tasy­uni­ver­sum kann man ja alles mit „Magieeee!“ recht­fer­ti­gen. :D

  2. Holger /

    Erst ein­mal, nach einem Kom­men­tar auf Face­book, möchte ich klar­stel­len, dass ich das Spiel des Unto­ten Flei­sches auf Mytho­dea groß­ar­tig finde und die NSC ein­fach klasse sind.
    Es geht mir nur um die Grund­le­gende Tat­sa­che, dass durch das Kon­zept des UF ein gro­ßer Prä­zen­dez­fall geschaf­fen wurde, der mich nicht gefällt.

    Zu Chab­neruk: Ja, Untote mit Ver­stand gibt es schon sehr lange. Aber den­noch waren sie im Fan­tasy eigent­lich immer abgrund­tief böse…

  3. Chabneruk /

    Zumin­dest seit 1993 (und damit fast 20 Jah­ren) gibt es bei D&D den Bael­norn. Und der ist ein „guter“ Elfen­lich. Sicher­lich eher die Aus­nahme von der Regel, aber den­noch ein frü­her Vertreter.

    Ich denke, das ver­stärkte Auf­tre­ten „guter“ Unto­ter hat damit zu tun, dass in der heu­ti­gen Fan­tasy nicht mehr nur schwarz-weiß-Klischees bedient wer­den. Sicher, der Ober­schurke tut wei­ter­hin abscheu­li­che Dinge, aber er hat eine Moti­va­tion dafür — wie fehl­ge­lei­tet diese auch sein mag.

    Und diese Kom­ple­xi­tät wird nun eben auch auf Untote ange­wandt. Bei Vam­pi­ren ja ohne­hin schon lange (wo es auch nahe­liegt, da diese ja wei­ter­hin mensch­li­che Züge haben). Bei ande­ren Unto­ten, gerade in Fantasy-Welten, ist es da doch nur eine Frage der Zeit.

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