Das Rollenspiel im Spiegel der akademischen Disziplinen

Nov 01

Das Rollenspiel im Spiegel der akademischen Disziplinen

Der letzte Arti­kel die­ser Serie hat die bei­den ‚Zugänge‘ zur theo­re­ti­schen Unter­su­chung von Rol­len­spiel von­ein­an­der unter­schie­den und ihre jewei­li­gen Schwer­punkte und Inter­es­sen dar­ge­stellt. In die­sem drit­ten Teil der Arti­kel­reihe über das Rol­len­spiel als theo­re­ti­schen Gegen­stand soll es nun zum Abschluss noch um die unter­schied­li­chen Blick­win­kel gehen, unter denen ein­zelne aka­de­mi­sche Dis­zi­pli­nen das Rol­len­spiel betrachten.

Das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel im Spie­gel der aka­de­mi­schen Disziplinen

Das aka­de­mi­sche Inter­esse hat das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel für sich ent­deckt. Inwie­weit ist nun seine Erfor­schung ‚ein gewal­ti­ges Vor­ha­ben‘1?

Zunächst ein­mal könnte man die Not­wen­dig­keit sehen, das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel einem Fach­ge­biet zuzu­ord­nen – dies gestal­tet sich aber pro­ble­ma­tisch. Denn bei der Erfor­schung des phan­tas­ti­schen Rol­len­spiels kön­nen „Sprach­wis­sen­schaf­ten (Lin­gu­is­tik, Semio­tik), Sozi­al­wis­sen­schaf­ten (Kultur-, Medien-, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft, Sozio­lo­gie), Psy­cho­lo­gie sowie in bestimm­tem Maße die Struk­tur­wis­sen­schaf­ten (Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik) alle gute Argu­mente vor­brin­gen, warum des­sen Erfor­schung jeweils in ihren Zustän­dig­keits­be­reich fällt.“2 Hinzu kom­men die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Kunst­wis­sen­schaft, Päd­ago­gik, Philosophie…kurz und gut: Das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel ist ein kom­ple­xer Gegen­stand, der unter dem einen oder and­ren Aspekt für jede Dis­zi­plin inter­es­sant sein kann. Flo­rian Ber­ger führt hier einige Mög­lich­kei­ten etwas genauer aus. Als mög­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen nennt er die

  • Beschrei­bung von Rol­len­spiel als sprach­li­che Kommunikation
  • Beschrei­bung ablau­fen­der semio­ti­scher Prozesse
  • Beschrei­bung der kul­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen und der kul­tu­rel­len Einbettung
  • Beschrei­bung der sozio­lo­gi­schen Aspekte von Spie­lern und Spiel­grup­pen (u.a. Mikro­so­zio­lo­gie, Rituale, …)
  • Psy­cho­lo­gi­sche Ana­lyse von Rol­len­spie­len (die Ver­wandt­schaft zum Psy­cho­drama ist unübersehbar)
  • Beschrei­bung der durch Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik fass­ba­ren Teil­be­rei­che (klas­si­sche Spiel­theo­rie, Optimierungsprobleme)
  • Ein­ord­nung in eine kul­tur­his­to­ri­sche Betrach­tung mensch­li­chen Spiels3

Wel­che kon­kre­ten Frage könnte eine aka­de­mi­sche Dis­zi­plin also an das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel stel­len? Da ich mich ja schon län­ger mit dem Thema befasse, habe ich einige Ansätze kennengelernt.

Die Päd­ago­gik und die Didak­tik haben das sog. ‚edu­ka­tive Rol­len­spiel‘ ent­deckt. Edu­ka­ti­ves Rol­len­spiel berei­tet Lern­in­halte auf, indem es ein Spiel ent­wi­ckelt, des­sen Hand­lung auf dem auf­baut, was gelernt wer­den soll. Die Østers­ko­vEf­ters­kole4 in Däne­mark z.B. wen­det diese Lehr­me­thode an – und ent­wi­ckelt so z.B. ein Rol­len­spiel zum Thema ‚Drei­ßig­jäh­ri­ger Krieg‘, in wel­chem die Schü­ler viel­leicht die Rolle eines Fuß­sol­da­ten oder einer Mar­ke­ten­de­rin einnehmen.

Die Poli­tik­wis­sen­schaf­ten und die poli­ti­sche Bil­dung ken­nen das Alter­nate Rea­lity Game – die Spiel­in­halte sind unse­rer rea­len Lebens­welt ent­nom­men und the­ma­ti­sie­ren oft gesell­schaft­li­che Pro­blem­stel­lun­gen wie Rechts-Extremismus o.ä. Inti­tu­tute mit einem ent­spre­chen­den Bil­dungs­auf­trag bie­ten sol­che Spiele immer wie­der ein­mal an, so z.B. die Lan­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung NRW: http://www.politische-bildung.nrw.de/veranstaltungen/index.html oder der basa e.V. in Zusam­men­ar­beit mit den ‚Wal­drit­tern‘: http://www.waldritter.de/index.php?view=details&id=173%3Aarg-gegen-rechts&option=com_eventlist&Itemid=61.

Die Kunst­wis­sen­schaft, Kunst­er­zie­hung und die Ästhe­tik sehen im phan­tas­ti­schen Rol­len­spiel eine Aus­drucks­form, die als eine kunst­ver­wandte Betä­ti­gung ver­stan­den wer­den kann. Ent­spre­chend befasst sie sich mit der Frage, wel­che Merk­male von Kunst das Rol­len­spiel auf­wei­sen kann, wel­che krea­ti­ven Mög­lich­kei­ten es ent­hält etc. Daniel Mackay hat hier mit sei­ner Arbeit The Fan­tasy Role-Playing Game: A New Per­for­ming Art ein brei­tes Fun­da­ment gelegt.

Die Psy­cho­lo­gie kann das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel zum Teil sogar als the­ra­peu­ti­schen Ansatz nut­zen – ähn­lich der Gestal­tungs– bzw. Kunst­the­ra­pie geht es hier darum, dem Pati­en­ten durch eigene krea­tive Betä­ti­gung neue Aus­drucks­mög­lich­kei­ten zu eröff­nen. Der The­ra­peut wie­derum kann aus die­sen ‚Pro­duk­ten‘ Rück­schlüsse auf die psy­chi­sche Ver­fas­sung sei­ner Kli­en­ten zie­hen. Inter­es­sant ist hier z.B. der Arti­kel von Omar Diniz: RPG as Auxi­li­ary in Psy­cho­the­rapy. In: CAR-PG a News­let­ter, May1994.

Jede Dis­zi­plin hat also ihre eige­nen Zugänge und Her­an­ge­hens­wei­sen an den Gegen­stand. Nichts­des­to­we­ni­ger ist die ‚Land­karte‘ der For­schungs­land­schaft noch über­wie­gend weiß – was zum einen daran liegt, dass das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel nach aka­de­mi­scher Zeit­rech­nung rela­tiv jung ist. Und, dass es ein ‚leben­di­ger‘ Gegen­stand ist, der nicht in dem Sinne abge­schlos­sen ist wie ein Stück Lite­ra­tur, eine neue medi­zi­ni­sche Behand­lungs­me­thode oder ein neu ent­deck­tes Ster­nen­sys­tem. Das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel ent­wi­ckelt sich auch als Medium wei­ter, bringt neue For­men, Typen und Ideen her­vor, erwei­tert seine Mög­lich­kei­ten. Die For­schung wird also wohl noch lange Zeit kaum Hoff­nung haben, mit ihrer Arbeit ‚fer­tig‘ zu wer­den! Einige ‚hand­feste‘ Ergeb­nisse lie­gen natür­lich inzwi­schen vor – des­halb kann die obige Aus­füh­rung auch ein wenig als ‚Sta­tus Quo der Rol­len­spiel­for­schung‘ gele­sen werden.

Aus­blick: Ein Sta­tus Quo der Rollenspielforschung

Trotz der z.T. beacht­li­chen Leis­tun­gen, wel­che die aka­de­mi­schen Dis­zi­pli­nen in Bezug auf das Rol­len­spiel bereits her­vor­ge­bracht haben, kann von einer sys­te­ma­ti­schen ‚Rol­len­spiel­wis­sen­schaft‘ noch lange nicht die Rede sein – und viel­leicht wird es das auch nie. Denn der Begriff ‚Rol­len­spiel­wis­sen­schaft‘ legt nahe, dass so etwas wie ein ein­heit­li­cher metho­di­scher Zugang oder zumin­dest eine Ver­stän­di­gung über die anzu­wen­den­den Unter­su­chungs­in­stru­mente exis­tiert, und das ist (noch) nicht der Fall. Viel­leicht kann man also, was über die ‚Rol­len­spiel­theo­rie‘ gesagt wird, auch für die inter­dis­zi­pli­näre aka­de­mi­sche Rol­len­spiel­for­schung in Anspruch neh­men: „Die ver­schie­de­nen Ansätze und Modelle unter­schei­den sich häu­fig grund­le­gend in ihrer Ziel­set­zung und haben ledig­lich gemein, dass sie über Rol­len­spiel reden [bzw. Rol­len­spiel erfor­schen, Erg. LF]. Ver­glei­che der Ansätze unter­ein­an­der, ohne dabei die unter­schied­li­chen Ziel­set­zun­gen im Auge zu behal­ten, sind daher oft zweck­los.“5

Bei Beden­ken der viel­fa­chen Mög­lich­kei­ten, wel­che die ein­zel­nen aka­de­mi­schen Fel­der mit­brin­gen, wäre eine Ver­ein­heit­li­chung der Metho­dik viel­leicht auch gar nicht wün­schens­wert. Denn das müsste ja bedeu­ten, einige Ansätze zuguns­ten eines Kon­sen­ses aus­zu­schlie­ßen. Damit wür­den einige spe­zi­elle Fra­gen, die viel­leicht sehr inter­es­sant sind, nie an den Gegen­stand gestellt – und das wäre womög­lich schade. Schließ­lich ist es ja gerade seine Viel­sei­tig­keit, die das phan­tas­ti­sche Rol­len­spiel zu so einem fas­zi­nie­ren­den Hobby – und For­schungs­ge­gen­stand! – macht.

 

Laura Flö­ter hat an der Uni­ver­si­tät Duisburg-Essen Kunst­päd­ago­gik, Deutsch und Phi­lo­so­phie auf Lehr­amt stu­diert. Seit 2010 arbei­tet sie am Insti­tut für Kunst und Kunst­wis­sen­schaft an ihrer Dis­ser­ta­tion über die Ästhe­tik des phan­tas­ti­schen Rol­len­spiels – seit 2011 ist sie auch Mit­glied der „Gesell­schaft für Fan­tas­tik­for­schung“. Neben ihrer aka­de­mi­schen Tätig­keit ist sie als Auto­rin (DER ENGEL­SE­HER, NIR­GEND­LAND) und frei­schaf­fende Künst­le­rin tätig. Seit sie sich vor mehr als zehn Jah­ren mit „RPG“ infi­ziert hat, ist Rol­len­spiel nicht nur ihr Hobby, son­dern ihre Phi­lo­so­phie. Mehr über Laura fin­det man auf ihrer Web­site: http://laurafloeter.de/


4vgl. http://osterskov.dk/?page_id=213 und diverse Videos auf YouTube

5vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rollenspieltheorie, Abschnitt „Rol­len­spiel­theo­rie“ [25.06.12, 15:01h]

 

 

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8 Kommentare

  1. Warum eigent­lich so oft Flo­rian Ber­ger? Ich fand das, was ich von ihm gele­sen habe meist ziem­lich nichtssagend.

  2. Hej Jan!

    Was Flo­rian Ber­ger über die Inter­es­sen der ein­zel­nen Disz­pli­nen und die ‚Rol­len­spiel­theo­rie‘, soweit ich sie jetzt bespro­chen habe, geschrie­ben hat, ist eben ein­fach von ihm. Was ich ver­wen­det habe, ist soweit gutes Mate­rial — und ich habe es woan­ders lei­der noch nicht in der Form gefun­den ;) Des­halb habe ich mir die Arbeit gespart, es noch­mal neu zusam­men­zu­schrei­ben und ihn ein­fach hie und da zitiert — alles andre wäre ein­fach unfein. So ein­fach ist das :)

  3. Laurel /

    Wer sich aus wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive mit dem phan­tas­ti­schen Rol­len­spiel befas­sen möchte, begeg­net frü­her oder spä­ter Aus­sa­gen wie die­sen – und eigen­ar­ti­ger­weise stam­men sie genauso aus der Szene selbst wie von Leu­ten, die über Rol­len­spiele nur das wis­sen, was in die Kate­go­rie ‚Kli­schee‘ fal­len dürfte. Die Quint­es­senz meint unge­fähr: ‚Rol­len­spiel ist kein Gegen­stand für echte wis­sen­schaft­li­che For­schung. Also kann Rol­len­spiel­wis­sen­schaft auch keine ‚echte‘ Wis­sen­schaft sein!‘ Was ist ‚dran‘ an die­ser Argumentation?

  4. Ich wollte auch nicht ver­lan­gen, dass Du ihn „gut­tem­bergst“ ;) Ich fand sein Mate­rial halt nicht so gut, aber wenn es sonst dazu nichts gibt und du es gut fin­dest, dann erklärt es das.

  5. ‚gut­ten­bergst‘ :D knal­ler, den merk ich mir!!!

  6. @Laurel: Du beschäf­tigst dich wis­sen­schaft­lich oder möch­test es? Join our group! http://www.facebook.com/groups/236968106398521/
    Ohne Face­book? http://germanlarpstudies.iphpbb3.com/forum/index.php?nxu=28470587nx52478

  7. Sehr schö­ner Arti­kel und vor allem der Aus­blick deckt sich mit mei­nen Beob­ach­tun­gen in mehr als 17 Jah­ren Rol­len­spiel. Auch wenn das Rol­len­spiel Grund­lage für sehr viele Magister-, Diplom-, Bache­lor– und Mas­ter­ar­bei­ten war und sicher­lich auch in der Zukunft sein wird, ist und bleibt es ein phan­tas­ti­sches Hobby, eine Pas­sion und Leidenschaft.

    In den letz­ten Jah­ren ist lei­der ein Trend auf­ge­kom­men, den ich gerne die „theo­re­ti­sie­rung des Rol­len­spiels“ bezeichne. Die­sen kann man in fast jeder Online-Community und auch in den Ver­ei­nen und Stamm­ti­schen erken­nen und mit­er­le­ben. Die­ser Trend geht mit dem stei­gen­den Inter­esse am Rol­len­spiel in wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten einher.

    Ich per­sön­lich hoffe, dass die­ser Trend in den kom­men­den Jah­ren abnimmt.

  8. hallo ste­fan!

    inter­es­sante sicht­weise — warum hoffst du, dass die­ser trend abflaut? das fänd ich span­nend zu wis­sen :)

    LG!

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