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LARP
April 14, 2015 Geschrieben von Michael Sierig

Con-Bericht: Modrowgorod 2015 – Der Abschied?

Con-Bericht: Modrowgorod 2015 – Der Abschied?

„Willkommen Genosse. Bitte legen Sie alle Ihre Waffen ab und halten Sie Ihren Passierschein und Impfausweis bereit. Bitte öffnen Sie Ihre Taschen. Ja, alle Taschen. Ja, auch die da. Was sind das für Papiere? Ach, das ist ‚Geld‘? Genosse, wegen Einschmuggelns kapitalistischer Tauschgüter und nicht der sozialistischen Grundhaltung entsprechender Indoktrination müssen wir Sie festsetzen. Bitte folgen Sie meinem Kollegen zur Befragung durch den Polit-Offizier in die Kommandantur.“

So oder ähnlich, in schwerem, russischen Akzent vorgetragen, wurden zwischen dem 26. und 29. März Besucher der Convention Modgowgorod 2015 – Vorwärts Immer der NRA-Orga in Twistringen begrüßt, wenn sie den Stützpunkt der Neuen Roten Armee (NRA) betreten wollten.

Aufbau im Ödland

Diese Convention fand auf dem Gelände einer alten Ziegelei statt, wobei die alten Gebäude die post-apokalyptische Stimmung sehr wirkungsvoll unterstrichen. Auf dem Außengelände war das zusammen gewürfelte Zeltlager in unmittelbarer Nähe zu den Gebäuden untergebracht, die moderne Welt des Dorfes wurde durch Sichtschutzzäune effektiv draußen gehalten. Die Lager waren von Spielerseite wirklich liebevoll verramscht aufgebaut, mit künstlich verdreckten Zelten, Feuerschalen aller Form, improvisierten Sitzgelegenheiten, Vorratsbehältern und so weiter. Es machte einfach Spaß über den Platz zu gehen und immer neue Dinge zu entdecken. Viele Charaktere brachten ihr Umfeld und ihre Waren bestens zur Geltung, ob nun Kinofilme und Getränke im „Sugarhole“, gegrillte Ödlandratten vom offenen Schrott-Grill oder Fundstücke der Alten Welt, die gegen Salz, Munition, Wertmarken oder die vielen Währungen des Ödlandes den Besitzer wechselten. Immer schlich sich ein Gefühl des Beobachtetwerdens ein, wenn die Soldaten der NRA vorbeidefilierten. Die eine oder andere Razzia und Personenkontrolle tat ihr übriges, um die Immersion zu verstärken. Ein Rundum gelungenes Szenario, das im Inneren der Ziegelei, welche den Bunker und Stützpunkt S-37 darstellte, sehr gelungen weitergeführt wurde.

Zwei Theken im Stil der 50er Jahre, der Korpus eines uralten, riesigen Ton-Extruders aus der Zeit, in der die Ziegelei noch als solche arbeitete, und eine große Bühne beherrschten den Hauptraum. Auch die improvisierte Küche aus zusammengesuchten Tischen und Kochplatten passte mehr als gut in das Gesamtbild. An dieser Stelle mein uneingeschränktes Lob und meine Bewunderung für die Köchin, welche mit einem Minimum an Hilfskräften und Material jeden Tag das Frühstück und ein warmes Abendessen für die über 200 Con-Teilnehmer zubereitete. Und zwar aus Frischware, also nicht aus Dosen oder ähnlichem. Eine wirklich große Leistung, und durch den anfallenden Arbeitsaufwand immer eine gute Anlaufstelle, um sich durch Mitarbeit eine Wertmarke für das Essen zu sichern.

In einem Nebenraum waren schlussendlich noch die Kommandantur, die Waffen- und Warenkammer und der medizinische Bereich untergebracht. Diese drei Punkte waren der ständige Dreh- und Angelpunkt der Convention. Denn hier, in der Schaltzentrale, der Kommandantur der NRA, liefen alle Informationen und die NSC Koordination zusammen. Auch die anscheinend niemals müde werdenden Medics, mit einer extrem umfangreichen und liebevoll gestalteten Ausrüstung, wurden sehr oft frequentiert. Und schließlich der Warenverwalter, bei dem gegen Wertmarken, oder nicht durch die Bücher gehendem Tauschhandel, alles erworben werden konnte was eben zurzeit da war. Gerade bei den letzten beiden Punkten, den Medics und dem Warenumschlagplatz wurde die Prämisse DKWDDK (Du kannst, was Du darstellen kannst) geradezu exzellent umgesetzt.

Die Medics bei der Arbeit

Die Medics bei der Arbeit

Seid nett zu den Medics

Aufgrund des recht harten Spiels, waren die Medics von S-37 den gesamten Con über im Dauereinsatz. Ich habe selten glaubhafteres Spiel sehen dürfen. Von der Vorauswahl draußen am Sammelpunkt für Verletzte, dem Einstufen des Verletzungsgrades bis zu Operationen und Nachversorgung, es war alles erlebbar und glaubwürdig. Die beiden Operationstische waren fast dauerhaft belegt, Herz-Lungen-Monitor, Beatmungsmaschinen, OP-Besteck, verschlossene Medikamentenschränke voll funktional, genau wie alle Details der dort vorhandenen Ausrüstung. Vor jedem Eingriff wurde dem Verletzten leise die Frage gestellt ob er „Glück“ oder „Pech“ haben wollte, und danach wurden in jedem Fall alle Register gezogen. Ich kann nur meinen Hut ziehen vor der Professionalität, die hier, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, nicht nur gespielt wurde. Das wüste, mit sächselndem Akzent behaftete Schreien des Chefarztes wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Aber auch seine Gehilfen und Schwestern waren immer präsent, aufmerksam, kompetent und freundlich.

Angrenzend an den medizinischen Bereich war direkt die hohe Theke der Waffenkammer untergebracht. Dort konnte man gegen Luxus- oder Munitionsmarken Waren bekommen. Oder natürlich auch mitgebrachte Waren gegen Marken oder andere Gegenstände eintauschen. Alle offiziellen Geschäfte wurden in einem Buch vermerkt. Die inoffiziellen Geschäfte, welche es hartnäckigen Gerüchten zufolge gegeben haben soll, wurden nach einem schnellen Seitenblick zur Kommandantur unter der Hand, oder besser unter der Fellmütze abgewickelt. Es war hochinteressant zu sehen, wie sich der Warenbestand im Laufe der Tage immer veränderte. Und ein kurzer Besuch und ein prüfender Blick lohnten sich oft, weil wieder neue Tauschwaren von einem der Ödländer hereingekommen waren.

Modgowgorod S-37 von Innen

Modgowgorod S-37 von Innen

 

Die Unergründlichkeit des Plots

Wie ich in meinem bisher recht kurzen Leben in der Endzeit schon früher feststellte, war ein Hauptplot schwer zu identifizieren. Aber Spielangebote gab es in solchen Massen, das jedem, dem langweilig war, nur „selber schuld!“ zugerufen werden kann. Es gab viel zu viel zu tun, immer und überall. Daher fällt es auch schwer einen Converlauf zu schildern. Dieser muss zwangsläufig extrem subjektiv bleiben, da jederzeit überall etwas passierte. Viele Spieler und Spielergruppen brachten ihre eigenen Geschichten mit, die sich mit denen anderer überkreuzten oder vermischten. Ob, und wenn ja, welcher Plot nun direkt von der Orga ausging, kann ich nicht genau sagen. Vieles geschah schlicht durch Interaktion, Missverständnisse, Eskalation von Ereignissen. Die „Höhepunkte“, bei denen praktisch alle Anwesenden eingebunden waren, war die zu Beginn der Con auftauchende Raiderbande, die Schutzgelder mit vorgehaltenen Waffen forderte und auch bekam. Sie trieben praktisch ungehindert ihr Unwesen, bis ihr Angriff auf den Hauptbunker im Kalaschnikow- und MG-Feuer der NRA sie restlos aufrieb.

Des Weiteren wäre das Ultimatum der Armee des Stahls zu nennen, die die Übergabe des Stützpunktes innerhalb von 48 Stunden zu unannehmbaren Konditionen forderte. Der Angriff dieser Truppe am nächsten Tag wurde dann mit vereinten Kräften und unter extremer Schaffung von Überstundenzetteln bei den Medics zerschlagen.

Und natürlich nicht zu vergessen die „Spartakiade“, bei der einige Mannschaften in endzeitlichen Sportarten wie Ringen, Handgranatenwurf, Spatenwerfen und Waldlauf gegeneinander antraten, und die Leistungen politisch und gesinnungsspezifisch bewertet und gewürdigt wurden.

Zu guter Letzt wäre der filmreif inszenierte Roboterangriff auf die Station sicherlich der Orga zuzuschreiben, bei denen alle Anwesenden in den Bunker getrieben wurden, und der Vorbeimarsch der riesigen Kriegsmaschine mit Lautsprechern recht eindrucksvoll simuliert wurde. Wir bekamen nur eine Drohne zu Gesicht, die sich durch die Lüftungssysteme ihren Weg ins Innere des Bunkers gebahnt hatte. Als Lehre aus diesem Ereignis werden alle Anwesenden die Erkenntnis mitnehmen, das vollautomatisches Feuer, geworfene Dynamitstangen sowie der Einsatz von Panzerfäusten in bis zum brechen gefüllten Räumen, durch die eine winzige Ziel-Drohne fliegt, eine nur suboptimale Lösung darstellt. Allerdings hatten danach, wie eigentlich immer, die Medics einiges an Arbeit.

Das Kino in den Slums - Das Sugarhole

Das Kino in den Slums – Das Sugarhole

Ordnung und Chaos

Redakteur bei der Arbeit

Redakteur bei der Arbeit

Die anwesenden Spielergruppen waren extrem unterschiedlich bezüglich der von ihnen bespielten Hintergründe. Verschiedene Zivilisationen rieben sich aneinander, und wo zuviel Reibung herrscht, kann auch schnell ein Feuer ausbrechen. Es dauerte nicht lange, bis das erste zu lodern begann.

Der Zenturio der „Legion“ sollte zur Befragung zu einem Todesfall in die Kommandantur geholt werden. Im Zuge dieser eigentlich einfachen Aufgabe durch Soldaten der NRA und sie verstärkende Milizen, eskalierte die Situation völlig. Von Seiten der Neuen Roten Armee wurde später zugegeben, zwei Schüsse abgefeuert zu haben. Allerdings wurde der zu Verhaftende von fünf Schüssen getötet, und drei danebenstehende, unbewaffnete Zivilisten durch weitere Schüsse verletzt. Ein weiteres Mal viel Arbeit für die Medics, und wutentbrannte Ödländer überall. Die NRA versuchte den Vorfall herunterzuspielen, degradierte den kommandierenden Gruppenführer, und versuchte den Mantel des Schweigens über den Vorfall zu legen. Dies hätte fast zur offenen Revolution geführt, und konnte nur durch den Rücktritt des Kommandanten von S-37 abgewendet werden.

Es gäbe noch so viel mehr zu berichten, nur würde das den Rahmen eines Con-Berichtes sprengen. Nur als Schlaglichter sollen hier noch die Jagd nach der mutierten Riesenforelle, die Bombenanschläge des „Kommandos Kronstadt“, der ewig dampfende und unstabile Tesla-Reaktor im Keller, die Filmvorführung im „Sugarhole“, und selbstverständlich der hervorragende Bandabend am letzten Tag mit den Gruppen Megabosch und Wladiwostok genannt werden.

Ein wirklich beeindruckend schöner Con, bei dem als einziger Wehrmutstropfen bleibt, dass diese Orga mit diesem Con ihre letzte Convention veranstaltet hat. Sie steht jedoch zurzeit in nicht näher kommentierten Verhandlungen, so dass es vielleicht auch nächstes Jahr wieder ein Modgowgorod geben könnte. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Nachfolger sehr große Füße haben. Denn die Spuren, die die jetzige Orga hinterlässt, sind gewaltig groß.

Fazit

Der Endzeitcon Modgowgorod – Vorwärts Immer war eine rundum gelungene Veranstaltung. Eindrucksvoll sowohl die gestellte Kulisse, als auch das von den Spielern aufgebaute Lager. Höhepunkte wie das Spiel der Medics und die dichte, klischee-russische Stimmung machten diese Convention zu einer mehr als schönen Abschiedsveranstaltung der Orga.

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Artikelbilder:  © 2015 NRA Endzeit Larp – die Neue Rote Armee


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1 Kommentar

  • Kann Michaels Rückblick vorbehaltlos zustimmen. Es war ein sehr schöner Con und hat sich wirklich gelohnt. Selbst das zunehmend schlechter werdende Wetter passte in die Atmosphäre und tat dem Con keinen Abbruch.

    MfG Zottel aka Viator, Prospektor des RG 1

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