Holger Christiansen ist Redakteur der ersten Stunde bei Teilzeithelden und in nahezu allen Bereichen aktiv. Er ist Mitte 30, passionierter Brett- und Rollenspieler und verbindet diese beiden Elemente auch gerne, was ihn eher der gamistischen Spielerzunft zuordnet. Im LARP ist er fast ausschließlich auf Mythodea unterwegs. Mehr über Holger erfahrt ihr mit einem Klick auf seinen Namen im Kopf des Artikels.

 

LARP
Januar 2, 2016 Geschrieben von Holger Christiansen

Brettspiele im Fantasy-LARP – Es muss nicht immer Schach sein

Brettspiele im Fantasy-LARP – Es muss nicht immer Schach sein

Alle, die schon einmal im Winter auf einem LARP waren, kennen das Bild. In einem mehr oder weniger gemütlichen und ambientig eingerichteten Zimmer sitzen die Spieler und unterhalten sich miteinander. An vielen Tischen wird dabei auch etwas gespielt. Mit Würfeln oder Karten in vielen Varianten. Oder als Brettspiel. Dann aber meist nur in einer Variante: Schach! Ein Spiel, das historisch und vom Spielmaterial her ausgezeichnet für LARP geeignet ist. Dazu kommt, dass nahezu jeder Spieler die Regeln kennt.

Leider ist Schach aber auch ein Spiel, bei dem die Fähigkeiten der Spieler oftmals so weit auseinander liegen, dass wirklich gute und spannende Spiele relativ selten sind. Und vor dem Spielen mit einem unbekannten Spieler kann man auch kaum absehen, wie dessen Fähigkeiten sind. Und überhaupt: Wäre ein wenig mehr Abwechslung an der Stelle nicht wünschenswert? Gibt es denn keine anderen Spiele, die man stattdessen spielen könnte?

Doch, gibt es! Und zwar nicht einmal wenige. Doch wodurch ist ein Spiel überhaupt tauglich für LARP im Fantasy-Setting?

Grundlegende Überlegungen

Am einfachsten argumentieren kann man natürlich bei historisch belegten Spielen. Wenn diese Spiele in der realen Welt in der Zeit existierten, an die das Fantasy angelehnt ist, dann kann es sie auch dort geben. Ein Beispiel dafür ist eben das so oft gespielte Schach. Zwei weitere Spiele aus dieser Kategorie findet ihr weiter unten.

Was aber ist mit Spielen, die erst in jüngerer Vergangenheit erfunden wurden? Wodurch werden diese tauglich oder untauglich für Fantasy? Das offensichtlichste Merkmal ist das Spielmaterial. Ein Spiel, das aus vielen unterschiedlichen und bunt bedruckten Pappelementen besteht, wirkt einfach fehl am Platze. Ebenso Spielelemente aus buntem Plastik.

Aber auch abseits der, vielleicht ja sogar passender ersetzbaren, Teile gibt es Dinge zu beachten. So haben nahezu alle historisch belegten Spiele eines gemeinsam: Die Regeln sind im Vergleich zu heutigen Spielen relativ einfach zu erlernen. Die reichlich bebilderten Regeln der World Chess Federation lassen sich vollständig auf 7 Seiten unterbringen. Und Schach zählt auch regeltechnisch eher zu den komplexen überlieferten Spielen. Die meisten modernen Spiele haben weit komplexere Regelgerüste. Zum einen unterscheiden sie sich dadurch von der Art und Weise, wie Spiele historisch aussahen. Viel wichtiger fürs LARP ist aber sicherlich, dass sie dadurch auch schwerer zu erlernen und zu vermitteln sind. Wer will schon auf einem LARP erst einmal eine halbe Stunde lang erklärt bekommen, wie ein Spiel überhaupt funktioniert?

Der letzte Punkt, der anzumerken wäre, ist das Thema der Spiele. Heutige Spiele sind oftmals stark thematisch und bilden eine spezifische Situation ab. Historische Spiele hingegen waren eher abstrakt. Sie simulierten zwar auch Elemente der realen Welt, aber auf einem viel indirekteren Weg als dies heute üblich ist. Im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Punkten ist dieser aber kein K.O.-Kriterium. Spielbar sind stark thematische Spiele auch im LARP. Aber in den seltensten Fällen wird ein stark thematisches Spiel ein Thema behandeln, das im LARP relevant ist. Und damit wird so ein Spiel schnell wieder unpassend.

Zusammenfassend sollten geeignete Spiele einfach zu erlernen sein und möglichst aus Naturmaterialen hergestellt sein oder aus diesen nachzubauen sein. Und sie sollten entweder abstrakt sein oder ein Thema behandeln, das in der bespielten Welt auch von Relevanz ist.

Aber nun genug der Theorie. Kommen wir zu den versprochenen Spielen.

Historische Spiele

Neben Schach gibt es einige historische Spiele, die auch heute noch gebräuchlich sind. Zum Beispiel Dame, Mühle und Backgammon. All diese lassen sich problemlos auch im LARP spielen. Da sie aber eigentlich schon jeder kennt, brauche ich sie hier nicht noch extra vorstellen. Stattdessen will ich euch zwei andere Spiele nennen, die hervorragend fürs LARP geeignet sind:

Go

Go ist ein in Japan und China äußerst beliebtes Spiel, das in seiner Komplexität dem Schach in nichts nachsteht. Zumindest, was das Gewinnen des Spieles angeht, denn die Regeln sind erheblich einfacher. Dabei gibt es verschiedene Varianten der Regeln, die sich jedoch nur in Ausnahmefällen auf den Spielverlauf auswirken.

Gespielt wird Go auf einem Spielfeld von üblicherweise 19×19 Feldern, wobei hierbei die Schnittpunkte der Linien zählen und nicht die Quadrate. Ein Spieler spielt die weißen Steine, der andere die schwarzen. Abwechselnd können nun die Spieler immer entweder einen Stein ins Spiel bringen oder passen. Mit den eingesetzten Steinen versuchen die Spieler jeweils, möglichst große Gebiete komplett zu umschließen und so für sich selbst zu sichern. Gegnerische Steine, die man dabei umschließt, werden geschlagen und aus dem Spiel entfernt. Passen beide Spieler in direkter Folge, endet die Partie und es wird festgestellt, wer am meisten Felder kontrolliert. Wie schon bei den eigentlichen Spielregeln gibt es auch bei der Wertung am Ende unterschiedliche Varianten, die aber ebenfalls nur in Ausnahmefällen tatsächlich zu einem unterschiedlichen Ausgang der Partie führen.

Leider ist gerade der Anfang für Neulinge recht schwer und die Spiele lang, so dass es sich fürs LARP empfiehlt, nicht die vollen 19×19 Bretter zu verwenden, sondern die kleineren 9×9 oder 13×13. Dadurch sinken Spielzeit und Komplexität erheblich und das Spiel ist auch für Neulinge gut spielbar.

Als weitere Besonderheit sei hier noch angemerkt, dass die unterschiedliche Spielstärke der beteiligten Spieler durch sogenannte Vorgaben ausgeglichen werden kann. Dadurch erhält der eigentlich unterlegene Spieler einige Spielsteine, die sich bereits vor Spielbeginn auf dem Brett befinden, was die Siegchancen beider Spieler wieder angleicht.

Go - ein Spiel aus Asien

Go – ein Spiel aus Asien


Mancala / Kalaha

Als Mancala oder Bohnenspiele wird eine ganze Familie von Spielen bezeichnet. In allen Spielen aus dieser Familie geht es darum, Spielsteine (hier oftmals Bohnen, daher auch der Name) in Mulden zu platzieren. Es gibt mehrere hundert Varianten von Mancala, die meist aus dem asiatischen und afrikanischen Raum stammen. Hierzulande die bekannteste ist das Kalaha, das gar nicht so historisch ist, sondern erst 1940 in den USA erfunden wurde. Dennoch ist es aufgrund der Verfügbarkeit und der Bekanntheit in der LARP-Szene das geeignetste Beispiel.

Das Spielfeld beim Kalaha besteht aus zwei Reihen von jeweils sieben Mulden, sowie je einer großen Mulde für jeden der beiden Spieler. Zu Beginn des Spieles liegen in den 14 kleinen Mulden je nach Variante 3, 4, 5 oder 6 Steine. Die Spieler sind abwechselnd an der Reihe und müssen alle Steine aus einer der Mulden auf ihrer Seite nehmen und reihum auf die nachfolgenden Mulden verteilen. Steine, die in der eigenen großen Mulde landen, zählen am Ende des Spieles Punkte. In die gegnerische große Mulde kann man dabei keine Steine legen. Ist der letzte gelegte Stein in der eigenen großen Mulde, so ist man noch einmal an der Reihe. Kommt der letzte Stein in einer vorher leeren Mulde auf der eigenen Seite an, so erhält man sowohl diesen Stein als auch alle Steine in der gegenüberliegenden gegnerischen Mulde und legt sie in seine eigene große Mulde. Das Spiel endet, wenn auf einer der beiden Seiten keine Steine mehr liegen.

Das klingt auf Anhieb erst einmal sehr einfach, aber schon nach den ersten paar Zügen stellen auch Neulinge bald fest, dass diese einfachen Regeln dennoch ein durchaus komplexes Spiel ermöglichen. Je mehr Steine dabei zu Beginn in jeder Mulde liegen, desto komplexer und länger wird das Spiel. Ebenso kann man mit dem selben Spielmaterial auch erheblich anspruchsvollere Mancala-Varianten spielen. Als Beispiele seien hier das „Bohnenspiel“ und die weltweit meist gespielte Variante Oware genannt. Letztere ist sogar das Nationalspiel von Ghana. Beide bieten eine erheblich höhere Komplexität und damit auf lange Sicht mehr Spielanreize, sind dafür aber für Anfänger schwerer zu begreifen.

Besonders schön ist am Kalaha, dass es einige wirklich hübsche Varianten davon gibt, bei denen statt den üblichen Bohnen Ziersteine verwendet werden, die das Spiel auch optisch stark aufpeppen. Diese findet ihr zum Beispiel bei Amazon.

Kalaha - Das Bohnenspiel

Kalaha – Das Bohnenspiel


Moderne Spiele

Auch in den letzten paar Jahrzehnten wurden Spiele erdacht, die den oben genannten Kriterien genügen. Zum Beispiel gäbe es da Holzvarianten von Mensch ärgere dich nicht, Malefiz oder Vier gewinnt. Aber wie schon bei den historischen Spielen will ich euch statt dieser lieber zwei etwas weniger bekannte Spiele vorstellen.

Quarto!

Quarto! wurde 1985 von Schmidt Spiele zum ersten Mal auf den deutschen Markt gebracht. Das Spiel wirkt  auf den ersten Blick wie eine komplexere Variante von Tic-Tac-Toe. Aber dieser Schein trügt.

Ziel des Spieles ist es bei Quarto!, in seinem Spielzug eine Reihe aus vier Steinen zu bilden, die eine Eigenschaft gemeinsam haben. Alle Steine verfügen dabei über vier Eigenschaften. hell/dunkel, groß/klein, rund/eckig, hohl/solide. Das Spielfeld besteht aus 4×4 Feldern.

Der besondere Clou ist, dass man sich den Spielstein, den man setzt, nicht wie üblich selbst aussucht, sondern dieser vom Gegner ausgewählt wird.

Das Spiel zu lernen dauert keine fünf Minuten. Es zu meistern hingegen ist eine völlig andere Geschichte. Während des kompletten Spiels ist volle Konzentration angesagt, denn sonst übersieht man bald eine Kombination und verliert. Da aber eine Partie nur etwa 10-15 Minuten dauert, ist sowohl die Niederlage zu verkraften, als auch die nötige Konzentrationsspanne erträglich.

Erwerben kann man das Spiel zum Beispiel über Amazon. Oder man baut es sich einfach selbst nach. Denn drei der vier Eigenschaften sind extrem einfach herstellbar. Lediglich die ausgehöhlten Spielsteine können ohne das entsprechende Werkzeug problematisch werden, weshalb ich sie bei meinen Nachbauten durch in die Steine gesägte Kreuze (oder eben das Fehlen dieser) ersetzt habe. Als Spielfeld kann man dann die Innenseite des Lederbeutels nehmen, den man ohnehin braucht, um die Steine zu transportieren.

Quarto - sieht alt aus, kommt aber aus den 80ern

Quarto – sieht alt aus, kommt aber aus den 80ern


Sogo

Sogo (auch bekannt als Raummühle, 3D Mühle oder Vier gewinnt Professional) wurde 1974 von Ravensburger in Deutschland auf den Markt gebracht und ist nichts anderes als das gute alte Vier gewinnt in 3D. Statt einer Ebene mit 7×6 Feldern gibt es vier Ebenen mit jeweils 4×4 Feldern und die siegreiche Reihe aus vier Steinen kann horizontal, vertikal oder diagonal entstehen. Und das in jeder der je vier möglichen horizontalen, vertikalen und diagonalen Ebenen.

Wie schon bei Quarto! ist das Spielprinzip denkbar simpel zu erlernen, das Spiel aber nicht einfach zu meistern. Und auch hier gilt, dass höchste Konzentration gefordert ist, damit man nicht Siegmöglichkeiten für den Gegner übersieht. Anders als bei Quarto! hat hier jeder Spieler seine eigenen Spielsteine und baut somit direkter an seinen eigenen Siegmöglichkeiten.

Auch Sogo könnte man, das handwerkliche Geschick und die nötigen Werkzeuge vorausgesetzt, relativ einfach selber bauen. Oder man greift zu der praktischen Variante mit integrierter Transportbox, die es bei zum Beispiel bei Amazon gibt.

Sogo - Vier gewinnt mal anders

Sogo – Vier gewinnt mal anders


Fazit

Eingangs hatte ich die Frage gestellt, ob es denn immer Schach sein muss. Und ich hoffe, ich habe euch zeigen können, dass man diese Frage getrost mit Nein beantworten kann. Neben Schach gibt es sowohl historisch belegte als auch moderne Spiele, die im Fantasy-LARP gut spielbar sind. Dabei kann man entweder auf sein eigenes handwerkliches Können zurückgreifen und entsprechende Spiele selbst (nach-)bauen, oder man greift in die Geldkatze und kauft sich eine der fertigen Varianten.

Ob man dabei ein Spiel nimmt, das ohnehin schon jeder kennt oder ein ungewöhnlicheres, wie die hier näher beschriebenen vier Spiele, ist reine Geschmacksache. Die bekannten Spiele sind einfacher zu vermitteln, die unbekannteren hingegen wecken schneller die Neugier anderer Spieler.

Artikelfotografien: Holger Christiansen

 


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2 Kommentare

  • Mein guter, du hast das Spiel jedes gut betuchten Nord-Darstellers vergessen:
    Tafl oder auch Hnefatafl. 😉
    Ebenfalls unglaublich unkompliziert was die Regeln betrifft, aber in der Spielweise schwer zu meistern. Der Clou ist: in einem Spiel gibt es Verteidiger und Angreifer. Der Angreifer muss den König schlagen, der Verteidiger diesen in einen der vier Ecke des Spielfeldes in Sicherheit bringen. Klingt zwar einfach für den verteidiger, wenn dieser nicht von einem Angreifer von doppelter Figurenstärke ausgestattet wäre. Eine Partie hat man jedoch auch nur gewonnen, wenn man als Angreifer und Verteidiger in Folge gewinnt. Gewinnt man also als Angreifer, aber scheitert als Verteidiger, wird einfach weiter die Seite getauscht, bis einer der beiden Spieler eben in Folge gewinnt. Ein Spiel für lange Winterabende, zumindest bei ausgeglichenen Kontrahenten 😉

    Hoffe, ich konnte was beitragen
    LG
    Clemens

    • Hallo Clemens,

      Danke für diese Ergänzung. Neben den genannten gibt es natürlich auch noch eine ganze Reihe weiterer Spiele, die ich ebenfalls nicht erwähnt habe. Eine komplette Liste zu erstellen würde den Rahmen des Artikels weit sprengen und so musste ich eine Auswahl treffen. Tafl hat es dabei nicht in die endgültige Auswahl geschafft, ist aber auch ganz sicher ein guter Kandidat 🙂

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