Julia Weber ist Redakteurin im Bereich der Fantasy-Romane. Sie ist Anfang 20 und begeistert sich bereits seit ihrer frühen Kindheit für die Welt des Phantastischen. Wenn sie nicht gerade ein Buch nach dem nächsten verschlingt, entführt sie Spieler in die Welt von Dungeon and Dragons oder schlüpft beim LARP selber in andere Rollen. Mehr über Julia erfahrt ihr mit einem Klick auf den Namen im Kopf des Artikels.

 

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Januar 25, 2016 Geschrieben von Julia Weber

Rezension: Legenden von Nuareth – Die Stunde der Helden (Jörg Benne)

Rezension: Legenden von Nuareth – Die Stunde der Helden (Jörg Benne)

„Eine Legende von Nuareth“ – diese Worte kann man im Klappentext lesen, und sie beschreiben den Inhalt des Buches sehr treffend. So enthält die Story alles, was man für eine richtige Legende braucht: Helden, die keine Helden sein wollen, einen Barden, der mit Heldengeschichten berühmt werden möchte, viele Geplänkel, Schlachten und einen Hauch von Liebe. Und dennoch ist Die Stunde der Helden alles andere als die typische Der-weiße-Ritter-auf-stolzem-Ross-Geschichte.

Story

Felahar von Brickstein stammt aus einem verarmten Adelsgeschlecht und ist eigentlich Schreiber am Gerichtshof von Kela, einer der Haupthandelsstädte Nuareths. Doch in seinen Augen ist er mehr ­– er ist Poet. Und was tun Poeten? Richtig, sie erzählen Geschichten. Am besten mutige Heldengeschichten mit Drachen, Ehre und einer Jungfrau in Nöten. Doch in der Sicherheit Kelas leben keine Helden. Dort leben lediglich die Adeligen, die solche Geschichten hören wollen.

Angetrieben von dem Durst nach neuen Geschichten, macht sich Felahar alleine auf in die wilden, harten Nordlande. In einer Taverne lernt er durch Zufall die drei Helden kennen, über die er sich eben noch eine Geschichte aus den Fingern gesaugt hat – Dalagar, Huk und Wim. Nach langem Zureden gestatten die drei es ihm tatsächlich, sie auf ihrer nächsten Reise zu begleiten. Felahar, der sein Glück kaum fassen kann, muss jedoch schnell feststellen, dass Helden gar nicht so heldenhaft sind und Abenteuer viel mehr Spaß machen, wenn man sie nacherzählt, anstatt sie mitzuerleben. Und was anfangs noch lustig erscheint, wird am Ende blutiger Ernst.

Gerne würde ich jetzt schreiben: Direkt auf ihrer ersten Reise erleben die Helden ein Abenteuer, das vor Spannung nur so trieft und bei dem man nie weiß was als nächstes geschieht. Doch leider wäre es eine Lüge…

Die Story ist insofern spannend, als dass ich wissen wollte, wie es im Detail weitergeht. Der grobe Handlungsstrang jedoch war für mich leider sehr vorhersehbar. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl in einer Pen & Paper Runde zu sein – was prinzipiell ja nichts Schlechtes ist. Da man, mit wenigen Ausnahmen, nicht durch die Handlung überrascht wird, kann man der Story gut folgen; man kann das Buch also auch super als Bettlektüre nutzen. Um die Wege der Protagonisten besser nachverfolgen zu können, wäre allerdings eine Karte sehr hilfreich. Die Helden reisen von x nach y über z zurück nach x, so dass es mir wirklich schwer fiel, den Überblick zu behalten.

Intrigen oder Verrat kommen im Roman gar nicht vor; in erster Linie werden die Helden von einem Geplänkel ins nächste geschickt. Ganz nach diesem Schema gibt es auch keine zu langen Palaver, die Langeweile hervorrufen könnten. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, die Story würde keinem roten Faden folgen, sondern lediglich so vor sich hin dümpeln. Diese Meinung muss ich nun, wo ich die Story kenne, jedoch revidieren. Obwohl ich meistens wusste, was als nächstes geschieht, und ich das Gefühl hatte, die Story würde das typische Quest-beendet-nächste-Quest-Prinzip verfolgen, bauen die einzelnen Etappen aufeinander auf und der Leser wird nach und nach auf das Ende vorbereitet. Richtig spannend wird es aber leider erst gegen Ende.

Mit den Charakteren ist es ähnlich wie mit der Handlung: Es fehlt ihnen an Tiefe. In die Hauptfigur Felahar erhält man noch am meisten Einblick, was aber hauptsächlich daran liegt, dass die Story aus seiner Sicht geschildert wird. Von den Helden Dalagar, Huk und Wim, bzw. auch den später auftauchenden Nebenhelden Nassja und Belran, erfährt man kaum etwas, und das was man erfährt ist eher das typische Helden-Baukasten-System: toller gutaussehender Krieger fällt in Ungnade, wird eigener Herr und Weiberheld, doch dann kommt die große Wendung… Andererseits erzeugen gerade diese klischeehaften Rollenbilder amüsante Wortwechsel und sorgen für das ein oder andere Schmunzeln.

Schreibstil

Jörg Bennes Art zu schreiben ist sehr angenehm und die Story liest sich flüssig in einem runter, auch wenn er ab und an die Anwandlung hat Wörter zu benutzen, die zumindest in meinem Sprachgebrauch nicht mehr existieren, wie z.B. „deuteln“.

Anfangs war ich gar nicht begeistert, dass die Story aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, da auf den ersten 15 Seiten jeder zweite Satz mit ich, mich, mir oder meiner beginnt. Sobald aber ein paar mehr Charaktere etabliert sind, werden zum Glück auch andere Personalpronomen benutzt. Letztlich empfand ich es als sehr erfrischend, mal eine andere Sicht als den „allwissenden Erzähler“ geboten zu bekommen.

Sehr zu meiner Freude ist das Buch in Kapitel gegliedert und separate Geschichtsstränge werden nochmal extra kenntlich gemacht. Ein Hoch auf die Lesefreundlichkeit!

Der Autor

Jörg Benne ist 1975 in Bottrop geboren und wie die meisten Autoren ein Quereinsteiger in den Schriftstellerberuf. Mit seiner Roman-Trilogie Das Schicksal der Paladine, erschienen ab 2012 im Koios Verlag, führte der eigentliche Informatiker bereits in die Welt von Nuareth ein. Außerdem schreibt er Kurzgeschichten und Kinder- bzw. Jugendbücher. Auf seiner Autorenpage hält er seine Fans mit regelmäßigen Statusupdates auf dem Laufenden.

Preis-/Leistungsverhältnis

Preisleistungstechnisch kann man bei einem Preis von 12,95 EUR und ca. 350 Seiten, die eine andauernde Unterhaltung bieten, definitiv nicht meckern.

Erscheinungsbild

Legenden von Nuareth CoverDas Cover ist auf den ersten Blick eher nichtssagend und ich weiß nicht, ob ich mir den Roman in einem Buchladen ausgesucht hätte. Man sieht einen goldenen Schild, auf dem über Kreuz ein Schwert, ein Kriegshammer und eine Schwertlanze liegen. Man kann sich also denken, dass man keinen Liebesroman in der Hand hält. Die Zeichnung an sich hat großteils klare Konturen, die an einigen wenigen Stellen leicht verschwimmen. Alles in allem kann man aber von einem qualitativ gelungenen Artwork sprechen.

Die Schrift an sich hat eine angenehme Größe und ist in der oft verwendeten Schrifttype Garamont gehalten. Was jedoch den Textsatz betrifft, und generell die Typografie, ist das Buch definitiv überarbeitungswürdig. Jeder Absatz ist eingerückt, ebenso wie jede einzelne wörtliche Rede. Außerdem kommt es durchaus vor, dass die erste Zeile eines neuen Absatzes alleine auf einer Seite steht – nicht nur unschön, es stört auch den Lesefluss.

Das Papier hat eine angenehme Dicke, fühlt sich jedoch sehr holzig an. Außerdem ist das Buch sehr leicht, was durchaus positiv ist. Umso negativer ist die Tatsache, dass sich das Buch kaum öffnen lässt – wofür der Autor nichts kann, da es Verlagssache ist. Der Buchrücken ist so stark geklebt, dass es nur zwei Möglichkeiten zum Lesen gibt:

1) Das Buch kann nur im 80-Grad-Winkel geöffnet werden und muss dauerhaft stark auseinander gepresst werden, was auf die Dauer wirklich anstrengend wird.

oder

2) Das Buch wird richtig geöffnet, was zur Folge hat, dass sich die einzelnen Seitenblöcke lösen und herausfallen.

Für den Autoren ist zu hoffen, dass mein Exemplar ein Einzelfall in dieser Hinsicht war.

Ein Index ist nicht vorhanden, was bei der geringen Zahl der Charaktere allerdings auch nicht von Nachteil ist.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Mantikore
  • Autor(en): Jörg Benne
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Taschenbuch
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN: 978-3-945493-21-2
  • Preis: 12,95 EUR
  • Bezugsquelle: Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Jörg Benne hat eigens für die Welt von Nuareth eine eigene Website angelegt, auf der, neben einem Browsergame, auch zwei Karten der Welt zu finden sind. Leider sind die Karten jedoch eher grob umrissen, so dass man lediglich eine für Die Stunde der Helden relevante Stadt findet. Dafür kann man sich kostenlos ein Abenteuer der drei Helden herunterladen.

Fazit

Während des Lesens war ich die ganze Zeit hin- und hergerissen: Finde ich die Story jetzt richtig gut, oder wirklich schlecht? Nach der letzten Seite bin ich mir nun zumindest mit einer Sache sicher: Die Stunde der Helden ist ein grundsolider Unterhaltungsroman. Und das, obwohl die Story für jeden eingefleischten Phantastik-Leser leider meistens vorhersehbar ist und wenige Überraschungen birgt.

Jörg Bennes Schreibstil ist in der Regel einfach und angenehm, so dass man den Roman an einem Stück durchlesen kann. Man kann ihn aber auch sehr gut als Bettlektüre nutzen. Falls man beim Lesen einschlafen sollte, findet man ohne Probleme wieder den Anschluss. Die Story gab mir die ganze Zeit das Gefühl, in einem Pen & Paper Abenteuer zu sein, á la: der Meister versucht einen neuen Charakter in die Gruppe einzuführen und schickt sie gemeinsam auf Abenteuer. Die Geschichte erweckte bei mir also zum einen den Eindruck von Abgegriffenheit, zum anderen löste sie Vorfreude auf einen lustigen und geselligen Abend aus.

Auch die Charakterisierung der drei Helden trumpft nicht mit Neuem auf, erfüllen sie doch das typische 0815-Heldenklischee. Trotz allem vermittelt die Story eine Grundspannung, die durch Witz und Kämpfe definitiv für gute Unterhaltung sorgt. Ich würde den Roman nicht als „must-read“ empfehlen, aber ich würde auch niemandem davon abraten.

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Artikelbild: Mantikore Verlag
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestell

 


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