Torben Schulze-Prüfer ist 1982 geboren und spielt seit über 20 Jahren mit Begeisterung Das Schwarze Auge und andere Rollenspiele. Besonders der Detailreichtum der Spielwelten und die durch narrativen Konstruktivismus geprägten Systeme haben in ihm den Wunsch geschürt, Rollenspielen als Bildungsmedium wieder mehr Aufmerksamkeit zukommen zulassen. Mehr über Torben erfahrt ihr mit einem Klick auf seinen Namen im Kopf des Artikels.

 

Pen&Paper - Rezensionen
Januar 30, 2016 Geschrieben von Torben Schulze-Prüfer

Rezension: Boron-Vademecum – Träume, Tod und Tenebrae (DSA)

Rezension: Boron-Vademecum – Träume, Tod und Tenebrae (DSA)

Als elftes Buch aus der Reihe der Vademeci – Brevier des reisenden Geweihten ist Ende letzten Jahres nun auch das Boron-Vademecum erschienen. Wenngleich die Meinung recht verbreitet ist, dass die Priester des Boron sehr schweigsam sind, so komme ich nicht umhin, meine eigene Meinung zu diesem Werk zu äußern. Lange schlaflose Nächte habe ich es studiert und werde davon nun berichten.

Boron - Katharina Nico

Boron – Katharina Nico

Es ist wohl angebracht, dem unkundigen Leser zunächst einen Exkurs in das aventurische Pantheon der Zwölfgötter zu ermöglichen, um eine Vorstellung davon zu vermitteln, wer Boron eigentlich ist.

Boron, der auch der Ewige, der Schweigsame oder der Unausweichliche genannt wird, verkörpert im aventurischen Zwölfgötterpantheon die Aspekte des Todes, des Schlafes, des Vergessens, des Schweigens, der Ruhe und der Dunkelheit. Seine Anhänger sehen ihre weltlichen Aufgaben in der Totenwache, der Bestattung oder der Traumdeutung. Es gibt einige Orden, die sich zudem mit Bereichen wie dem Kampf gegen Untote (Golgariten), der Sterbehilfe (Marbiden) oder der Seelsorge (Noioniten) beschäftigen.

Als heilige Tiere gelten die schwarzen Raben oder die aasfressenden Geier.

Inhalt

Schon das Vorwort weist darauf hin, dass sich auch dieses Brevier als „Ergänzung und Zusammenfassung von Texten“ zu bereits erschienenen Publikationen über die Götterwelt sieht. Das übersichtliche Inhaltsverzeichnis verspricht einige interessante Einblicke in die Kirchen und auch nützlichen Inhalt zur Ausgestaltung eines geweihten Helden. Auch der aventurische Autor Xeliandor lässt es sich nicht nehmen, in einem Geleitwort etwas zur Benutzung des Buches zu sagen. Es soll dem Geweihten als Hilfestellung dienen, um das Wirken des Unergründlichen nachzuvollziehen und in seinem Namen Segen zu spenden. Die Neugier in mir ist geweckt und auch wenn der Herr Boron Bedachtsamkeit predigt, kann ich es kaum erwarten, die nächsten Seiten zu lesen.

Das erste Kapitel handelt vom „Wesen der Gottheit“ und stellt die bereits erwähnten Aspekte vor. Grundlage der Informationen bieten größtenteils Zitate aus verschiedenen Quellen wie zum Beispiel das „Schwarze Buch“, das heiligste Werk der Boronkirche, welches sich als Zitatquelle noch häufiger im Vademecum finden lassen wird. Da der Herr aber unergründlich ist, so hat der Autor bereits auf Seite 18 Platz gelassen, dass ich „von eigener Hand ergänzen“ kann, was ich über das Wesen der Gottheit erfahren habe. Diese sogenannten Vakatseiten lassen sich ebenfalls über das gesamte Buch verteilt wiederfinden.

Im zweiten Kapitel erfahre ich etwas über die Heiligen und die gottgesandten Alveraniare der Kirche und derer gibt es viele. An dieser Stelle sollte vielleicht ergänzt werden, dass es zwei Kirchen gibt, die sich dem Glauben an Boron verschrieben haben und so gibt es in beiden Kirchen sowohl gemeinsame wie auch individuelle (oder lokalverehrte) Heilige. Zu den bekanntesten gehört Golgari, der Totenrabe, der die Seelen der Verstorbenen über das Nirgendmeer bringt, damit diese von der Seelenwaage Rethon geprüft werden können, um Eingang ins Totenreich oder die Paradiese zu erhalten. Aber auch Bishdariel (der Traumbringer), Marbo (die sanfte Tochter) oder Uthar (der Wächter des Totenreiches), sind den meisten Menschen in Aventurien ein Begriff.

Kapitel drei führt in die Strukturen der „Kirche von Punin“ ein. Dieser Zweig der Kirche zählt zu einer eher konservativen Auffassung, was den Umgang mit dem Tod angeht. Die Kirche wird in einer sehr strikten Hierarchie geführt und Prunk und allzu große Zier sind den Priestern, wie auch weltlicher Besitz, zuwider. In Demut scheren sich die meisten Priester den Schädel kahl, wenngleich es keine Vorschriften hierzu gibt. Auch Enthaltsamkeit wird von einigen Brüdern und Schwestern gelebt, das Wichtigste sind aber stets die Frömmigkeit und die Achtung des Glaubens. In der kurzen Beschreibung der Kirche lassen sich viele interessante Informationen gewinnen und auch für alte Hasen halten die Texte die eine oder andere Überraschung bereit. Für die Ausgestaltung am Spieltisch ist der Abschluss des Kapitels, der sich mit der Betreuung der Gläubigen auseinandersetzt, eine wichtige Bereicherung.

Auf die Puniner Kirche kann im vierten Kapitel nur die „Kirche des gekrönten Raben“ oder der „Al’Anfaner Kult“ folgen, wie sich die Boronkirche im Süden des Kontinents nennt. Hierarchie und Ämter werden auf wenigen Seiten beschrieben und bringen nicht nur einen guten Überblick, sondern lassen einen auch Vergleiche zur Puniner Kirche ziehen. In der Beschreibung von „Tracht und Ornat“ wird besonders deutlich, dass die südliche Kirche sich vor allem in ihrem Prunk von der Kirche des Nordens unterscheidet. Der Verzicht ist hier deutlich weniger üblich, kommen doch viele der Priester aus reichen und mächtigen Familien und Geld und Macht werden ganz im Sinne des Götterfürsten eingesetzt. Götterfürst nennt man in Al’Anfa und den südlichen Staaten den Herrn des Todes, denn entgegen der Lehren des Zwölfgötterglaubens wird hier nicht Praios als Herrscher in Alveran verehrt, sondern der Ewige. Diese andere Sichtweise auf die Hierarchie der Götter beeinflusst auch den Umgang mit den Gläubigen, denn für diese ist der Tod allgegenwärtig und dies zu vermitteln ist die Aufgabe seiner Priesterschaft.

Das fünfte Kapitel befasst sich auf 23 Seiten mit den Liturgien der Kirchen und neben bekannten Segnungen, welche schon als Novize erlernt werden können, lässt sich an dieser Stelle auch Neueres finden, das bei Salbungen, Weihen und Segnungen helfen kann. Mit „Bishdariels Auge“ lässt sich beispielsweise in fremde Träume blicken und „Nemekaths Bannfluch“ bringt einem Frevler schlimme Alpträume.

Das anschließende sechste Kapitel führt eine Reihe von Ritualen beider Kirchen auf und beschreibt ausführlich deren Gottesdienste. Zitate und Erfahrungsberichte bereichern das Kapitel und machen es wertvoll für die Benutzung am Spieltisch. Nicht nur der berühmte „Flug der Zehn“, ein ehrenhaftes Menschenopfer, wird ausführlich beschrieben, sondern auch die Durchführung von Gebeten, Traumdeutung, Visionssuche und Grablege

Auch das siebte Kapitel bindet sich hervorragend an die vorangegangenen an. Thematisch behandelt es die „Gebete beider Kirchen im Alltag“ und liefert damit weiteres, direkt umsetzbares Spielmaterial. Gebete, die innere Stärke, Ruhe und Trost geben sollen, lassen sich hier ebenso finden wie Abschieds- und Totenchoräle. Eine weitere Vakatseite für eigene Gebete und Choräle rundet das Kapitel ab.

Das achte Kapitel beginnt mit einer Beschreibung des „Schwarzen Buches“ und thematisiert in seiner Gesamtheit die „Talismane und Artefakte beider Kirchen“. Neben dem erwähnten Buch haben noch weitere zehn Artefakte Eingang in das Vademecum gefunden. Interessanterweise wird der berühmte „Stab des Vergessens“ nur sehr gekürzt beschrieben, was aber in seiner Rolle in den Abenteuern zum Jahr des Feuers begründet liegt.

Über zehn verschiedene Orden lässt sich im neunten Kapitel Wissenswertes finden. Die Leibgarde des Al’Anfaner Patriarchen, welche sich „Basaltfaust“ nennt, wird ebenso beschrieben wie die Meuchler der „Hand Borons“ oder die weniger bekannten und extrem konservativen „Zorkabiner“. Eine weitere leere Seite eignet sich dazu, an dieser Stelle eigene Sekten und Kulte zu ergänzen.

Seelenwaage Rethon - Katharina Nico

Seelenwaage Rethon – Katharina Nico

Wie wäre es beispielsweise mit einer alchimistischen Sekte von Giftmischern, die ihren Dienst darin sieht, ihrem Gott möglichst viele Seelen zu bringen, indem das verabreichte Gift sie vom körperlichen Leben erlöst? Der morbiden Phantasie sind zumindest in Aventurien keine Grenzen gesetzt.

Das kurze zehnte Kapitel befasst sich, über die aventurischen Grenzen hinaus, mit dem „dereweiten Wirken des Ewigen“. Oder anders gesagt, liefert es einen kleinen Überblick über Borons Wirken im Güldenland und dem noch relativ unerforschten Südkontinent Uthuria, der seinen Namen vom boronheiligen Uthar erhalten haben soll.

Für die Spielleiter und Spieler gleichermaßen mag das elfte Kapitel das wichtigste sein, bietet es doch detaillierte „Anregungen zur Ausgestaltung eines Boron-Geweihten“. Hier erfährt man von den Geboten und Verboten, denen eine Geweihter unterworfen ist und nach welchen Tugenden und Idealen er sein Leben gestalten sollte. Eine gute Selbstbeherrschung und Menschenkenntnis sind zum Beispiel von großer Bedeutung, um nur zwei zu nennen.

Ebenso wichtig ist es aber auch zu wissen, wie die Boronkirche zu den anderen Kirchen steht und welchen Wert sie in den Augen des Volkes einnimmt. Dass ein Boroni seine Selbstbeherrschung verliert, wenn ein Hesindepriester eine Leichenöffnung zur Obduktion vornehmen möchte, kann ebenso zu einer stimmigen Atmosphäre am Spieltisch führen wie die Angst eines einfachen, abergläubischen Bauern den „Raben in sein Haus zu lassen“.

Das Buch bietet zudem eine Reihe von Konzepten zum Spielen eines Boron-Geweihten. Ob Totengräberin oder Traumdeuter, Diplomat oder Glaubensforscherin, in den Boronkirchen finden alle ihren Platz. Den Abschluss des Kapitels machen eine Übersichtstabelle mit den Titularen und Anreden innerhalb der Kirchenhierarchien sowie nützliche Hinweise zur Einführung eines Geweihten in ein Abenteuer und der Ausgestaltung der Liturgien im Alltag des Helden.

Das einseitige zwölfte Kapitel, welches den Namen „Endnoten“ trägt, verweist darauf, dass einer der beschriebenen Choräle auf eine bekannte Melodie geschrieben wurde. Warum es dazu aber eines eigenen Kapitels bedarf, darüber schweigt sich der Text aus.

Das letzte und (frevelhafte) dreizehnte Kapitel enthält weiteres, das Spiel bereicherndes Material. Auf vier Seiten wird die „beispielhafte Weihe eines Boronangers“ – eines Friedhofes – dargestellt. Ausführlich wird beschrieben, was der Geweihte der die Weihe durchführt zu sagen hat und welche Gesten er dabei ausführen muss.

Preis-/Leistungsverhältnis

Wenngleich der Preis von 14,95 EUR für ein Buch mit nur 168 Seiten etwas hoch wirkt, ist er doch bei der gebotenen Qualität durchaus akzeptabel. Wer bereits andere Werke dieser Reihe besitzt, sollte beim gebotenen Inhalt nicht darauf verzichten, das Boron-Vademecum zu erstehen und ein paar gut investierte Silbertaler haben wohl noch niemanden unter die Erde gebracht.

Erscheinungsbild

Boron-VademecumDer stabile Einband in Lederoptik ist in schwarz gehalten und mit einem geflügelten Boronsrad (ein halbes Wagenrad) geprägt. Die fleckigen, auf alt getrimmten, matten Seiten geben ein stimmiges Bild ab und die Illustrationen von Katharina Nico tragen ihren Anteil an der Atmosphäre des düsteren Gebetsbuches bei. Im Gegensatz zu den anderen Vademeci wurden in diesem Buch Bilder benutzt, die in ihrer Beschaffenheit durchaus auch von einem Boron-Geweihten persönlich gestaltet worden sein könnten. Wenngleich mein erster Eindruck eine Assoziation zum noionagefälligen Rorschach-Test weckten, so musste ich diese doch revidieren und erkennen, dass die Zeichnungen einen Künstler widerspiegeln könnten, der sich den weltlichen Dingen abgewandt hat und die Schemen seiner borongefälligen Visionssuche zu Papier gebracht haben mag. Zierbilder an den oberen und unteren Rändern der Seiten sind perfekt der Thematik angepasst. Der geringen Schriftgröße, die für das Lesen von Nachteil ist, kann bei einem Buchformat von etwa DIN A6 verziehen werden.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Ulisses Spiele GmbH
  • Autor(en): Christian Bender, Tina Hagner, Martin Schmidt, Georg Blaudow
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: deutsch
  • Format: ungefähr DIN A6
  • Seitenanzahl: 168
  • ISBN: 978-3-95752-114-9
  • Preis: 14,95 EUR als gebundene Ausgabe; 7,99 EUR als PDF
  • Bezugsquelle: Amazon, Sphärenmeister,  Ulisses Ebooks

 

Bonus/Downloadcontent

Es gib keinen Bonus/Downloadcontent.

Fazit

In der Reihe der Vademeci sticht das Boron-Vademecum nicht nur wegen seiner Farbe hervor, sondern auch wegen seines ausgezeichneten Inhaltes. Das Werk bietet eine facettenreiche Darstellung der verschiedenen Boronkirchen und seines ebenso facettenreichen Gottes.

Besonders für die Ausgestaltung eines Boron-Geweihten bringt das Buch interessante Ideen mit sich und bereichert durch atmosphärische Ingame-Inhalte das Spiel. Egal ob Ordenskrieger, Seelsorger oder sogar Geheimagent, das Boron-Vademecum kann alle Wünsche im Spiel mit dem Gott der Ewigkeit erfüllen. Mit kleinen Abzügen in der B-Note, ist dieses Werk eines der besten aus der Vademeci-Reihe und für Spieleiter sowie ambitionierte Spieler von Boron-Geweihten ein Must-have.

Daumen5maennlich

Artikelbilder: Ulisses Spiele
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Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

 


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2 Kommentare

  • Ich habe es auch hier liegen und stimme dem positiven Urteil zu, wobei ich von der geringen Größe etwas überrascht und von der sehr geringen Schriftgrösse und schlechtem Kontrast enttäuscht war, welche das lesen sehr erschweren, falls die Beleuchtung etwas gedimmt ist.

  • Der Plural von Vademecum ist tatsächlich Vademecums und nicht pseudolateinisch Vademeci.
    Der Ausdruck entstand durch Zusammenziehung der lateinischen Aufforderung vade me cum! („geh mit mir!“).

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