Michael Fuchs ist begeis­ter­ter Spie­ler von nahezu allem, was sich auf einen Tisch packen lässt. Beson­ders ange­tan haben es ihm Spiele mit Minia­tu­ren, Deckbau-Spiele und das Cthulhu-Rollenspiel. Michael unter­stützt die Teil­zeit­hel­den im Bereich Table­top und Brett-/Kartenspiel. Mehr über ihn erfahrt ihr mit einem Klick auf seinen Namen im Kopf des Artikels.

 

Musik&Hörspiele
März 2, 2016 Geschrieben von Michael Fuchs

Kurzcheck: ASP – Verfallen, Folge 1: Astoria

Kurzcheck: ASP – Verfallen, Folge 1: Astoria

Die Gothic-Rocker ASP zählen heute, über 16 Jahre nach Gründung, zu den bedeutendsten und einflussreichsten Bands des Genres in Deutschland. Dass sie, beziehungsweise Mastermind Alexander Sprenger, genannt Asp, auch eine Vorliebe für Literatur haben, dürfte spätestens nach Zaubererbruder, einem von Ottfried Preußlers Roman Krabat inspiriertem Konzeptwerk, bekannt sein.

Für das Doppelalbum Verfallen, ließ die Band sich erneut inspirieren: diesmal von Kai Meyer, Autor unter anderem von Arkadien, Die Alchimistin und Die Seiten der Welt. Dessen Kurzgeschichte Das Fleisch der Vielen bildete die Grundlage für das neue musikalische Werk und wird zudem exklusiv in der „Limited Novel Edition“ des Albums enthalten sein, welche wir nun betrachten werden.

Inhalt

Die Story der Kurzgeschichte

Siebenunddreißig Seiten des Booklets füllt Kai Meyers Kurzgeschichte. Hier erleben wir Jana und Tim, die vor der Eskalation einer Demonstration ins verfallene Hotel Astoria flüchten. Einst Luxushotel, ist die am Leipziger Hauptbahnhof gelegene Unterkunft heute, als Folge des jahrelangen Leerstands, im Verfall begriffen. Die vermeintliche Rettung vor Straßenschlachten erweist sich für die beiden Protagonisten jedoch als zweifelhaftes Vergnügen. Stück für Stück wird klar, dass hier vielleicht nicht alles so ruhig ist, wie es sein sollte.

Kai Meyer beweist sein Talent für schleichenden Horror in diesem Werk. Ohne Einführung der Charaktere wird dennoch schnell ein Spannungsbogen aufgebaut, der sich nach und nach weiter entfaltet. Was geht im Hotel vor? Oder handelt es sich nur um Einbildung? Das Grauen ist subtil, immer nah, doch nicht fassbar. Schnell fiebert man mit und erlebt trotz der Kürze eine Geschichte, die sich zu lesen lohnt.

Die Story des Albums

Kai Meyer (c) www.kai-meyer.de

Kai Meyer (c) www.kai-meyer.de

Nach dem ersten Hören mag man verwundert sein: Das Album ist keine musikalische Umsetzung der Kurzgeschichte, wie man möglicherweise denken könnte. Stattdessen wird eine gänzlich andere Geschichte erzählt, die im Jahr 1919 spielt. Hier begleiten wir Paul, der erfolglos Berlin verlässt, um in Leipzig sein Glück zu suchen. Dort verliebt er sich gleich in das wunderschöne Hotel und schafft es auch, die Stelle eines Hausmeisters zu bekommen. Er beginnt das Hotel zu lieben, bezeichnet sich selbst als dem Bau „verfallen“, und personifiziert das Gebäude. Oder ist es tatsächlich ein lebendes Wesen? Im Verlauf der Handlung gleitet Paul mehr und mehr ins Besessene ab, wird dem Hotel hörig, und überschreitet am Ende seine eigenen Grenzen, um den Wünschen des Baus gerecht zu werden.

Da es sich um ein Doppelalbum handelt, ist noch unklar, wie die Geschichte sich weiter entwickelt und eventuell noch mehr Verknüpfungen zu Meyers Vorlage offenbart. Die zweite Folge namens Fassaden ist für den 1. April dieses Jahres terminiert.

Aber auch so zeigt sich das Potenzial des Albums: Nach langsamen, seichten Beginn steigert sich die Geschichte mehr und mehr ins Düstere, Morbide, Groteske. Wie bereits in der Vorlage wird hier subtil, schleichend eine Geschichte inszeniert, die weniger direkt kommuniziert wird. Man sollte sich Zeit nehmen, das Album in Ruhe am Stück zu hören, sich auf das Erlebnis einlassen – in dem Fall wird man mit einem spannenden musikalischen Werk belohnt. Wer dagegen nur nebenbei hört, wird zu viel verpassen, als dass sich die Handlung erschließt. Wermutstropfen bleibt jedoch das offene Ende. Dass das folgende Album zwingend benötigt wird, sofern man eine vollständige Handlung haben will, sollte einem bewusst sein.

Musik

Die dreizehn Titel teilen sich in neun Songs und vier „Zwischentöne“ auf. Letztere sind jedoch auch Musik: Gesang, Melodie, alles ist vorhanden. Stilistisch ist das Album überwiegend ruhig gehalten. Die Rock-Elemente sind eher dezent vorhanden, die Elektronik früherer ASP-Alben fehlt komplett. Stattdessen gibt es starke Melodien, die überwiegend von Akustik-Instrumenten getragen werden, dazu der markant-sphärische Gesang von Asp. Zuweilen finden sich auch völlig ungewohnte Klänge wie Tango-Elemente, fügen sich jedoch äußerst gut in das Gesamte ein.

Alles in allem fängt die Musik die Stimmung der Geschichte gut ein, wenngleich es sich überwiegend eben nicht um Rock handelt. Ein Probehören ist also empfohlen. Nach einigem Hören zünden viele der Lieder allerdings erst richtig, bohren sich ins Ohr und mit jedem „Hörgang“ überzeugt das Album mehr.

Preis-/Leistungsverhältnis

Für rund 30 EUR erhält man einen angemessenen Gegenwert. Über 73 Minuten Spielzeit bietet das eigentliche Album sowie eine Bonus-CD und die gut geschriebene Kurzgeschichte. Als Set mit atmosphärischer Gestaltung im Hardcover ist der Gegenwert absolut in Ordnung. Zudem lädt das Album zum wiederholten Hören ein, so dass man auch nach einigen Durchläufen noch keine Abnutzungserscheinungen hat.

Erscheinungsbild

Im stabilen Hardcover finden sich zwei CDs und das 80-seitige Booklet, welches fest verankert ist. Neben der Kurzgeschichte und den Liedtexten sind atmosphärische Bilder des namensgebenden Hotels enthalten, sowohl aus der glorreichen Vergangenheit wie auch der leerstehenden Gegenwart. Zusammen mit den hervorragenden Illustrationen von Joachim Luetke entsteht ein Augenschmaus, der in sich geschlossen passend Musik und Geschichte unterstreicht und bereits für sich allein inspiriert.

Die Seiten sind aus stabilem, festem Papier und vollständig in Farbe. Auch die Kurzgeschichte ist farblich hinterlegt. Einzig der Abdruck der Liedtexte ist kritikwürdig, da die verwendete Handschrift das Lesen fast unmöglich macht. Inzwischen gibt es hier jedoch bereits eine Lösung in Form eines digitalen Booklets mit anderer Schrift.

ASP - Verfallen Folge 1Die harten Fakten:

  • Verlag: Trisol Music Group GmbH
  • Autor(en): Asp (Alexander Sprenger), Kai Meyer
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Hardcover im Querformat (ca. 19,5 x 14.3 cm)
  • Seitenanzahl: 80
  • Spiellänge: 73:15 (Album), 38:47 (Bonus-CD)
  • ISBN: 4260063945243
  • Preis: 29,99 EUR
  • Bezugsquelle: Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Der vorgestellten Edition liegt eine Bonus-CD bei, welche zwei kurze Lesungen von Kai Meyer als auch zwei ASP-Songs enthält, allesamt beim gemeinsamen Auftritt auf dem Mera Luna-Festival 2013 aufgenommen.

Online finden sich zudem ein PDF-Booklet mit allen Albentexten in leserlicher Schrift sowie Musikvideos zu den Titeln „Astoria verfallen“ und „Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen“.

Fazit

Sowohl die enthaltene Kurzgeschichte von Kai Meyer als auch das Album selbst können überzeugen. Subtiler Horror, intelligent erzählte Handlungen und wundervolle Grafiken runden das Paket zu einem stimmigen Set ab. Voraussetzung ist jedoch, dass man sich auf das Kunstwerk einlässt. Zum reinen Nebenbeihören ist das Werk nicht geeignet und Fans von Rockmusik könnten enttäuscht sein.

Davon abgesehen handelt es sich um eine fast perfekte Symbiose, der lediglich die Vollendung der Geschichte (die im April folgt) und etwas mehr mitreißende Stücke fehlen. Nach unzähligen Hörgängen habe ich das Album nach und nach liebgewonnen, um nicht zu sagen: Ich bin ihm „verfallen“.

Daumen4Maennlich

Mit Tendenz nach Oben

Artikelbild: Trisol Music Group GmbH
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

 


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2 Kommentare

  • 2spooky4me

  • ASP ist Super. Ich mag sie sehr. Gerade die Geschichten die sie erzählen. Das sie auch anders wie Rock können weiß man seit „Zauberbrüder – Der Krabat Liederzyklus“

    Ich sehe gerade das es auf Spotify schon verfügbar ist. Gleich reinhören. Danke für den Tipp….und die CD bestellen….

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