Felix Münter ist Kolumnist bei Teilzeithelden. Seit 2014 ist er als Autor tätig und setzt sich mit dem Schreiben in unterschiedlichen Genres auseinander. Rollenspiel und komplexe Brettspiele machen große Teile seiner Freizeit aus und auch dem Tabletop ist er nicht abgeneigt – wenn da nicht das unselige Bemalen der Miniaturen wäre. Mehr über Felix erfahrt ihr nach einem Klick auf seinen Namen im Kopf des Artikels.

 

Phantastik-Feuilleton
März 22, 2016 Geschrieben von Felix Münter

Kolumne: Von Plagiaten in der Buchwelt – Der schamlose Ideenklau

Kolumne: Von Plagiaten in der Buchwelt – Der schamlose Ideenklau

In meiner Kolumne „Die letzte Seite“ möchte ich in regelmäßigen Abständen Schlaglichter auf Phantastik und Co. werfen. Heute geht es um Plagiarismus.

Mittlerweile vergeht eigentlich kaum eine Woche, in der man nicht irgendwo von Plagiaten lesen könnte. Die prominenten Fälle – zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Stoiber, Schmitt oder Schavan – schaffen es sogar in die Schlagzeilen der Medien. Im Grunde sind solche Fälle eine einfache Sache. Irgendwer war der Meinung, sich die eigene Arbeit erleichtern zu können und ist bei diesem Betrugsversuch aufgeflogen.

Plagiiert wurde wahrscheinlich schon immer und überall. Gelegenheit macht eben Diebe, und sobald jemand der Meinung ist, mit einem dreisten Betrug durchzukommen, wird er es versuchen. Persönlich glaube ich ja, dass jedes Plagiat irgendwann auffallen muss. Je mehr Menschen sich mit dem Produkt, meinetwegen einem Text, beschäftigen, umso größer ist die Chance, dass irgendeinem Leser Ungereimtheiten auffallen werden. 

Ein neues Phänomen?

Das dreiste Kopieren von geistigem Eigentum ist in meinen Augen kein neues Phänomen. Sicher: Im Gegensatz zu früher hört man heute viel öfter von solchen Betrugsfällen, so dass man schnell zu der Meinung kommen könnte, wir leben in einer Zeit, in der eben viel öfter abgeschrieben wird, als früher.

Ich denke, der Fall liegt jedoch anders. In der heutigen Zeit mag es einerseits so leicht wie noch nie sein, zu kopieren. Denn von der technischen Seite aus macht die Arbeit mit dem Computer und dem Internet es einfacher. Auf der anderen Seite sorgen Computer und Internet eben auch dafür, dass Betrugsfälle viel leichter aufgedeckt werden können als früher. Mittlerweile gibt es ganze Communitys, in denen man sich schnell austauschen kann sowie Software, die für die Suche nach dreisten Kopien konzipiert ist.

Dass es im Bereich der Literatur grundsätzlich kein neues Phänomen ist, beweist beispielsweise die Dissertation von Jacob Tomasius aus dem Jahr 1673 in Leipzig. Von Shakespeare nimmt man an, das er 31 seiner 32 Werke von anderen „ausgeborgt“ hat – und es ist eher davon auszugehen, dass es auch beim letzten Werk nicht anders war, man bisher nur eben die entsprechende Quelle noch nicht gefunden hat. Ebenso berühmt (und berüchtigt) ist Berthold Brecht, der bekanntlich einen Großteil der Balladen der Dreigroschenoper aus einer deutschen Übersetzung des französischen Dichters Villon übernommen hat. Letzterer Fall ist deshalb so pikant, weil gerade Brecht dafür bekannt war, es sehr genau beim Urheberrecht seiner eigenen Werke genommen zu haben.

Und da haben wir gleich zwei große Namen. Shakespeare und Brecht. Angesichts dessen, dass genügend Leute heute deren Werke kennen, trotz des Umstands, dass abgeschrieben und betrogen wurde, suggeriert dies mitunter, dass das Abschreiben im Grunde ja nicht so schlimm ist. Denn sie hatten ja Erfolg damit und werden trotz dieser Fehler heute immer noch gelobt und gelesen. Ein Irrweg.

Kein „Fehler“

Wenn unter Autoren ein Plagiator enttarnt wird, dann braucht es in der heutigen Zeit nicht lange, bis eine Erklärung des Täters durch die sozialen Netzwerke geistert. Häufig kommt es vor, dass in diesem Zusammenhang dann von einem „Fehler“ gesprochen wird.  Aber so einfach ist die Geschichte nicht. Wenn man von einem „Fehler“ redet, dann hat man gleich das Bild einer Kleinigkeit im Kopf, eines Aussetzers, der irgendwo übersehen wurde.

Plagiate sind alles, aber keine Fehler. Es sind ganz bewusste Täuschungsversuche. Am Leser einerseits, der ja Geld für ein Buch ausgegeben hat, vor allem aber am Kollegen, von dem man kopiert hat. Und vom Imageschaden, der sich schnell negativ auf die gesamte schreibereische Zunft auswirken kann, ganz zu schweigen. Mit dem Ansatz, Diebstahl als „Fehler“ abzutun, wird versucht, eine Straftat kleinzureden.

Der Unterschied ist eben die Energie, die dahinter steckt. Ein Fehler passiert im laufenden Betrieb, mitunter auch Profis. Fehler an sich sind menschlich und können immer vorkommen, egal wie viel Erfahrung vorhanden ist. Sie sind nicht angenehm (vor allem, wenn es sich um wiederkehrende Rechtschreib-, Grammatik oder gar Logikfehler handelt), aber sie gehören so oder so hinzu. Ich wage die Behauptung, dass es wahrscheinlich kein einziges Druckwerk gibt, das ohne solche Fehler auskommt. Das ist einfach der Natur der Sache geschuldet. Hinter einem Fehler steckt keine böse Absicht: Niemand baut bewusst Fehler in seine Texte ein, um damit irgendetwas zu erreichen.

Ein Plagiat jedoch setzt kriminelle Energie und die Täuschungsabsicht voraus. Hier hat jemand ganz bewusst geplant und abgewogen, sich dann für das Abschreiben entschieden.  Das Plagiat hat daher eine ganze andere Qualität als der Fehler, es passiert nicht, es ist der bewusste Versuch, zu täuschen und sich mit fremden Federn zu schmücken.

Und in meinen Augen ist es angemessen, genau so von dieser Tat zu sprechen. Nennt das Kind einfach beim Namen. Denn wenn man es nicht tut, wenn man es durch die Wahl des Begriffs „Fehler“ abschwächt, dann ist der Schritt, die ganze Tat einfach „klein“zureden, nicht mehr sonderlich weit. Und man sollte sich wundern, wie häufig das passiert.

Fans scheinen alles zu vergeben

Beobachtet man die Enthüllungen der letzten Wochen und Monate, so fällt eine Schlagrichtung besonders ins Auge. Da wird ein Autor des Abschreibens überführt, räumt diese Täuschung öffentlich ein – und dann dauert es nicht lange, bis die Hardcore-Fans aus allen Richtungen kommen und ihrem Idol zur Seite stehen.

In bedingungsloser Nibelungentreue stellen sie sich vor ihr Idol und verteidigen es, teils auch ausfällig und mit Zähnen und Klauen, gegen die Kritik der zurecht Aufgebrachten. Dass eben jene Fans, die hier in die Bresche springen, genau die sind, die von ihrem Idol nach Strich und Faden – Entschuldigung – verarscht wurden, spielt überhaupt keine Rolle. Der Autor hat seine Fans im Grunde abgezockt, ihnen das Geld aus der Tasche gezogen, und jetzt sind sie ihm auch noch dankbar dafür und verwandeln sich mitunter in einen pöbelnden Mob.

Natürlich gibt es auch die andere Richtung, jene Leser, die sich, nachdem sie die Wahrheit erfahren haben, von ihrem Idol abwenden. Am lautesten scheint jedoch immer der anderen Block zu sein. Und dass diese Nibelungentreue nicht nur eine zeitweilige Erscheinung ist, erkennt man wohl auch daran, dass es genügend Plagiatoren auf dem Markt gibt, die auch nach einem Skandal noch munter weiterveröffentlichen. Seitdem ich selbst schreibe, frage ich mich häufig genug, warum Leser das machen. Mich zumindest würde es mehr als nur ein bisschen stören, wenn ich wüsste, dass einer meiner „Lieblingsautoren“ mich bewusst belogen hat.

Der Schaden

Oben habe ich es bereits kurz erwähnt, aber ich möchte noch einmal ins Detail gehen. Der Schaden, der durch ein Plagiat angerichtet wird, ist immens. Streng genommen wird gleich auf vier Ebenen ausgeteilt.

Da wäre zuerst die persönliche Ebene. Ein Autor, der abschreibt, schadet sich selbst. Natürlich, man kann darauf hoffen, dass es auch noch genügend Fans geben wird, die die eigenen Werke kaufen werden, nachdem man aufgeflogen ist. Doch darauf würde ich mich nicht verlassen. Plagiate schaden der eigenen Glaubwürdigkeit und der Popularität, sie werden sich in den meisten Fällen negativ auf Verkaufszahlen auswirken.

Dann gibt es die kollegiale Ebene. Ein Plagiat bedeutet ja, dass ich bei irgendjemandem abgeschrieben haben muss. Und dessen Vertrauen ist in so einem Fall nicht nur völlig missbraucht, es entsteht ein mitunter großer finanzieller Schaden. Und jeder, der selbst veröffentlicht, wird wissen, wie schlecht es an dieser Front aussehen kann. In aller Regel schreibst du für ein „Taschengeld“ und dieser Lohn wird dir dann auch noch gestohlen. Natürlich gibt es auch die Fälle, in denen wir nicht von kleinen Summen reden, sondern von mehrstelligen Euro-Beträgen. Es gibt genügend Autoren, die von ihrer Schreiberei leben wollen und das ist mitunter kein einfacher Weg. Diesen dann auch noch ihren (gerechten?) Lohn zu nehmen, ist überhaupt nicht zu entschuldigen.

An dritter Stelle die Leserschaft. Ich habe es bereits erwähnt, mache es aber gerne noch einmal. Den Lesern ist unter bewusster Vortäuschung falscher Tatsachen das Geld aus der Tasche gezogen worden. Nun könnte man meinen, dass ein paar Euro (je nachdem, was das Buch nun gekostet hat) einen nicht stören müssen, aber das sehe ich anders. Mit jedem Euro wird der Plagiator in seinem Tun bestätigt und der geschädigte Autorum seinen ihm zustehenden Lohn gebracht. Abgesehen davon sollte man sich eben die Frage stellen, ob man sich gerne hinters Licht führen lässt.

Als Letztes wäre da noch die Wirkung auf die Szene. Wir laufen eh immer durch unser Leben und verallgemeinern, nutzen Vorurteile, Schubladen und Klischees, um uns das tägliche Geschäft einfacher zu machen. Und in diesem Sinne sind Autoren, die abschreiben und schamlos kopieren, enorm schlecht für die schreiberische Zunft. Sie können mitunter den Eindruck entstehen lassen, dass eben alle Autoren irgendwie abschreiben würden. Somit schadet jeder Plagiator im Grunde jedem anderen Autor, der sich noch nicht fest etabliert hat.

Kein Schutz

Zum Abschluss möchte ich noch einmal auf eines dieser Klischees zu sprechen kommen, das sich leider schnell in den Köpfen festsetzt und völlig falsch ist.

Ein Verlag ist kein Garant dafür, dass es sich bei einem Buch nicht um ein Plagiat handelt.

Warum ich das schreibe? Weil mir in den letzten Monaten auffällt, dass beim Thema des Abschreibens relativ schnell auf die Selfpublisher gedeutet wird. Dort heißt es dann, dass der Mangel an Qualitätskontrolle und die einfache Möglichkeit zu veröffentlichen den Plagiaten Tür und Tor öffne. Das ist – gelinde gesprochen – Schwachsinn und eben genau eines jener Klischees, die ich im vorherigen Abschnitt meinte. Plagiate gibt es bei Verlagen ebenso wie in der Welt der Selfpublisher. Es wäre völlig leichtsinnig anzunehmen, dass allein der Name eines Verlags mich als Konsumenten davor schützt, ein Plagiat zu lesen. Lektorat und Korrektorat eines Verlags können dafür sorgen, dass ein Plagiat aufgedeckt wird. Wer einmal mit offenen Augen durch die Welt geht und sieht, wie viele Veröffentlichungen es zu jedem Thema, in jedem Genre, gibt, dem muss klar sein, dass die Bearbeitung durch einen Verlag überhaupt kein Schutz sein kann. Nur weil ein Buch bei einem (namenhaften?) Verlag erschienen ist, ist das also nicht zwangsläufig eine Garantie für mich als Leser, dass nicht plagiiert wurde. Man darf sich also nicht vom vermeintlich guten Namen eines Hauses blenden lassen und sollte genau die gleiche Skepsis an den Tag legen, wie man es auch bei Selfbublishern tut. Betrogen werden kann man leider überall.

In diesem Sinne sollte man also nicht vorschnell irgendwen unter Generalverdacht stellen. Denn es gibt mehr als genug Selfpublisher, die richtig gute Arbeit leisten, die Perlen produzieren, die gelesen werden sollten.

Artikelbild: fotolia.de | Thomas Reimer

 


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2 Kommentare

  • Ich frage mich halt immer wo ein Plagiat anfängt und wo es aufhört. Ist es schon Plagiat wenn ich den selben Namen für ein Monster oder eine Organisation nehmen? Dann ist fast jeder Phantastikroman, in denen Orks drin vorkommen, ein Plagiat von Tolkien bzw. von Ludovico Ariostos Epos Orlando furioso, da dort auch schon Orks bwz. Orcs drin vorgekommen sind oder von diversen Sagen.
    Oder ist es erst ein Plagiat wenn ich ganze Sätze oder Satzteile eindeutig kopiert habe? Wobei der Satzteil „Harry ging…“ bestimmt vor Harry Potter (oder Harry Dresden) in diversen Büchern vorgekommen ist.
    Für mich ist ein Plagiat, wenn ganze Sätze oder sogar Textteile kopiert und unbearbeitet in einem eigenen Werk genutzt werden. Wenn jemand aber zufällig oder absichtlich die Organisation der Schattenjäger in seine Büchern nutzt und ein anderer Schreiber, hat die gleiche Organisation genutzt, dann ist zwar irgendwie merkwürdig aber, für mich, kein Plagiat. Wie siehst du das?

  • Der Unterschied bei Shakespeare ist allerdings, dass er die Stücke massiv überarbeitet hat und sie im Grunde eigentsändige Werke sind, die sich mit der Vorlage nur noch die Kernidee teilen.

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