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Ein fahrender Zirkus im 18. Jahrhundert, und ein Bibliothekar, der 200 Jahre später dessen Geschichte als wasserfleckiges Buch in den Händen hält. Darin entdeckt er einen Fluch, der alle Frauen seiner Familie am selben Tag umgebracht hat und den er jetzt brechen muss, um seine Schwester zu retten.

Erika Swyler legt mit ihrem Debüt Das Geheimnis der Schwimmerin eine Familiengeschichte vor, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird und sich nach und nach zu einem Ganzen zusammenfügt. In der Gegenwart geht es um den Bibliothekar Simon, sein verfallendes Haus an der Küste Long Islands und seine Schwester, die fest mit dem Zirkusleben verbunden ist, wie alle anderen Frauen ihrer Familie zuvor. In der Vergangenheit geht es um einen fahrenden Zirkus und einen stummen Jungen, der von einer Wahrsagerin mit Tarotkarten ausgebildet wird. Sie sind getrennt durch die Jahrhunderte, aber verbunden mit einem Fluch, der die Frauen der Familie ins Wasser zieht und sie dort umkommen lässt. Es klingt nach düsterer Phantastik, ist aber zart erzählt: Das Übersinnliche ist nur subtil eingearbeitet und bleibt die übergeordnete Bedrohung, während unter beiden Erzählungen die Frage nach dem Schicksal liegt. Und obwohl auch harte Themen behandelt werden, trifft die Haltung der Autorin ihren Figuren gegenüber einen Ton, der stellenweise cozy genannt werden kann: mit Geduld und Zärtlichkeit, ohne Verurteilung.

Triggerwarnungen

Suizid, Ertrinken, Gewalt

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Story

Die Geschichte beginnt am Tag nach einem heftigen Sturm an der Küste von Long Island. Wir begleiten Simon Watson dabei, wie er die neuesten Schäden an seinem Elternhaus inspiziert, das von ihm seit dem Tod seiner Eltern mühevoll zusammengehalten wird. Das Haus aus der Kolonialzeit braucht nur noch einen weiteren großen Sturm, um die Klippe hinunterzustürzen, und eigentlich bräuchte Simon ein kleines Vermögen, um die nötigen Sanierungen und Uferbefestigungen zu bezahlen, die genau diesen Absturz verhindern können. Leider verdient er als Bibliothekar nicht besonders viel Geld und wird zudem noch aus Einspargründen entlassen. Wie sein verstorbener Vater vor ihm, ist auch Simon spätestens jetzt überfordert und erschlagen von den Aufgaben, die er am und im Haus erledigen müsste. Gleichzeitig wird er angesichts seiner desaströsen finanziellen Situation durch eine fast schon depressive Antriebslosigkeit gelähmt.

Zu seinem Glück wird ihm ein wasserfleckiges Buch aus dem 18. Jahrhundert geschickt, und eingeklemmt zwischen Haus- und Fliegengittertür findet er es auf seiner Türschwelle. Absender des willkommenen Päckchens ist ein ihm unbekannter Antiquar und Simon, der Bücher und Rätsel über alles liebt, versinkt in der Lektüre dieses Buches. Es handelt sich um eine Art Tagebuch eines fahrenden Jahrmarktbetriebs und Simon findet darin nicht nur Zeichnungen von Tarotkarten, sondern auch den Namen seiner eigenen Großmutter. Was zunächst als interessantes Detail erscheint, wird bedrohlich, als ihm beim Blättern auffällt, dass sie am 24. Juli ertrunken ist. Das Datum trifft ihn wie ein Schlag, denn seine Mutter, die ebenfalls Zirkusschwimmerin war, ist auch an einem 24. Juli ertrunken; alle dachten, es sei ein Suizid gewesen. Mit Schrecken muss er feststellen, dass seit 250 Jahren sämtliche Frauen seiner Familie im Wasser den Tod fanden, und noch dazu immer am selben Tag.

Wir begleiten Simon dabei, das Rätsel um seine Familie zu lösen und versinken dabei immer tiefer in deren Geschichte. Als sich dann noch seine Schwester zum Besuch ankündigt und das unheilvolle Datum immer näher rückt, wird Simon wie besessen von diesem Rätsel.

Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Kapitelweise blendet der Roman zurück in die Welt, aus der das Buch stammt: zum fahrenden Zirkus. Im Zentrum dieser Erzählung steht Amos, ein stummer Junge, der von Peabody, dem Anführer des Wunder-Kabinetts, halb verwahrlost aufgelesen wird und ihn dann als „Wilden Jungen“ in einem Käfig zur Attraktion macht. Denn Amos beherrscht den Trick des Unsichtbarwerdens und eignet sich deshalb besonders gut zum Erschrecken des Publikums, wenn er wie aus dem Nichts wieder in seinem Käfig erscheint. Doch als aus dem Jungen ein Mann wird, der den Leuten zu große Angst einjagt, wird er von Madame Ryschkowa in Obhut genommen. Die Wahrsagerin des Zirkus weiht ihn in die Geheimnisse ihrer Tarot-Karton ein, mit deren Hilfe der stumme Amos bald zu kommunizieren lernt. Im weiteren Verlauf begreift er zunehmend, dass hinter den Nummern und Illusionen etwas Reales lauert und wird zum Spielball der Ereignisse, die als Erklärung für das Rätsel dienen, an denen Simon zweihundert Jahre später verzweifelt.

Alle Figuren in der Geschichte sind dreidimensional und nachvollziehbar gezeichnet und erleben eine Entwicklung, die maßgeblich an Simons sich erweiternder Perspektive gekoppelt ist. Dabei spielt die Autorin klug und umsichtig mit vorherrschenden Klischees, die sowohl die Lesenden als auch Simon bei Begegnungen im Kopf haben dürften, um sie dann plausibel und sehr behutsam zu brechen. Dabei verzichtet Swyler auf pädagogische Fingerzeige oder ausgeschriebene Aha-Momente in Simons Innenschau – ganz im Vertrauen auf die Intelligenz der Lesenden.

Auch die Frage, welches Mysterium zum tragischen Tod der Frauen seiner Familie führte und ob es ihm gelingen wird, dieses Schicksal von seiner Schwester abzuwenden, wird langsam entwickelt und entfaltet dabei eine bemerkenswerte Sogwirkung, ohne auf platte Cliffhanger und aufgesetzte Deus-ex-Machina-Momente zurückzugreifen.

Der Spannungsbogen verläuft in beiden Erzählungen packend, mit einem sauber getimten Finale. Der Ausklang stellt eine bildhafte und gedankliche Klammer zum Anfang dar, sodass die gesamte Geschichte sich rund und vollständig anfühlt. Die Simon-Erzählung wird nahezu perfekt mit allen offenen Plotsträngen aufgelöst und ist plausibel. Dem gegenüber wirkt die Amos-Erzählung etwas flacher in der Auflösung.

Schreibstil

Der Stil ist leichtgängig und flüssig mit einem guten Gespür für Tempo. In Simons Introspektiven, die in der Ich-Perspektive erzählt werden, wird den Lesenden über lange, gedehnte Sätze das Abdriften und auch die Trägheit des teils depressiven Simon vermittelt. Sobald die Handlung anzieht, werden die Sätze kürzer und das Lesetempo steigt mit der sich entwickelnden Geschwindigkeit der Geschichte. Die Bildsprache ist kongruent auf Wasser und Tarot-Karten ausgerichtet, sodass die Lesenden leicht in die Welt von Simon abtauchen können.

Die wechselnden Perspektiven, die in der dritten-Person geschrieben sind, helfen im zweiten Erzählstrang des Buches, die Geschichte um Amos und den Fluch umfassend zu zeigen und zu verstehen. Dabei funktionieren die Tarotkarten als Scharnier zwischen den beiden Erzählsträngen, findet Simon doch zweihundert Jahre später Zeichnungen dieser Karten in dem Buch. Und wie die Herkunft von Amos und Ryschkowa mit Wesen verbunden ist, die aus dem Wasser kamen und sich unter die Menschen mischten, deutet Swyler behutsam an und lässt es gewissermaßen als Slow Burn bis zum Schluss laufen.

Passend zum Genre der Literary Fiction werden übersinnliche Ereignisse durch den Filter der Figuren beschrieben, was vor allem im Amos-Strang oft zu einem phlegmatischen „Das ist eben so“ führt: Passend zur Frage der Tarotkarten und der damit verwobenen Über-Frage des Buches, ob wir letztlich unser Schicksal selbst bestimmen oder ihm nur ausgeliefert sind, werden vordergründig unerklärliche Ereignisse und Schicksalsschläge hingenommen und wenig hinterfragt. Selbst Simon, dem das Rätsellösen in der Natur liegt und der als Mensch der Moderne Zugang zu Wissenschaft und Recherchemöglichkeiten hat, treibt die Aufklärung der Tode zwar geradezu besessen voran, stößt dabei aber immer wieder an die Grenzen des Erklärbaren und muss letztlich auch hinnehmen, was sich rational nicht auflösen lässt. Wo es dagegen ums Persönliche geht, weicht er eher aus als nachzubohren: Seine Gefühle für seine Arbeitskollegin Alice hält er ebenso in der Schwebe wie die Sorge um seine fragile Schwester Enola. Diese Konstellation des Ertragens und nicht-weiter-Nachbohrens könnte bei Lesenden zu einem gewissen Frust führen. Doch hier schafft es die Autorin, ihre Figuren so lebendig und ihre Lebensumstände so plausibel zu zeichnen, und das mit wenigen, präzisen Sätzen, dass die Lesenden gerne dem Verlauf folgen wollen. Gerade im Amos-Strang werden oft Hintergründe erzählt, die die Lesenden zur beinahe allwissenden Instanz machen und sehenden Auges den Figuren in ihr Verderben folgen. Das ist fein kalibrierte Erzählkunst.

Zitat:
»Ich brauche einen Kaffee«, sagt sie. »Magst du auch einen?« Und dann, weil sie sich für mich über meine Familie beklagt, das Essen bezahlt und ein Kleid angezogen hat, weil wir in ein paar Wochen vielleicht keine Jobs mehr haben und weil sie auf eine ganz bestimmte Art die Augen schließt, als sie »Kaffee« sagt – und weil sie Alice ist und das den Unterschied macht, gehe ich das Risiko ein und beuge mich vor. Ihre Lippen sind weich und einladend. Und auch darin ist sie besser als ich. Perfekt.«

Darüber hinaus gelingt es der Autorin mit Leichtigkeit, die Anziehung von Alice auf ihn zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei in Klischees abzugleiten. Die Autorin schreibt über romantische Anziehung auf einer erwachsenen, durchweg ästhetischen Ebene, an der sich manch andere Autor*innen gerne orientieren dürften. Auch bemerkenswert: Es gibt hier keine klassischen Antagonist*innen. Die Tragik entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeiten, Entscheidungen und Timing, kurzum: dem Schicksal.

Abgesehen von der lebendigen Welt der Schaustellerei, die Swyler erschafft, gelingt ihr ganz nebenbei ein bemerkenswerter Blick in die Psyche von Simon: Den Suizid der Mutter betrauernd, klebt er im Haus der Erinnerungen fest und überträgt die schwelende Verlustangst auf dieses. Auch die Wirkung der Tarot-Karten auf ihn und seine Schwester sind subtil, aber deutlich eingeflochten, zwischenzeitlich kommen sogar Zweifel auf, ob Simon noch bei Verstand ist.

Leider wurde bei der deutschen Übersetzung durch Werner Löcher-Lawrence am Lektorat gespart, was sich nicht allein durch vereinzelte Tippfehler zeigt, sondern auch durch Satzkonstruktionen, die auf Englisch gut funktionieren, auf Deutsch aber eher unsinnig sind. Lesende, die sich dadurch leicht den Lesespaß verderben lassen, werden hier leider keine Freude haben und sollten lieber auf das englische Original zurückgreifen.

Die Autorin

Erika Swyler wuchs selbst an der Nordküste von Long Island (New York) auf und lernte schwimmen, ehe sie laufen konnte. Für ihren Debütroman verbrachte sie viel Zeit in Bibliotheken, um zur fahrenden Schaustellerei zu recherchieren. Auf deutsch ist außerdem von ihr noch erschienen: Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt (Light from other stars) sowie ihr letztes, bisher nur auf Englisch verfügbare Werk We lived on the horizon. Mit Das Wassermädchen ist eine kostenlose Kurzgeschichte als ePub verfügbar.

Erscheinungsbild

Im Zentrum des deutschen Covers steht ein Strudel in einem Einmachglas, welches von einer Frau in einem altertümlichen Kleid gehalten wird. Es fängt die Stimmung gut ein und wurde von der Münchner Designagentur BüroSüd erstellt.

GdS - Umschlag

Die harten Fakten:

  • Verlag: Limes Verlag
  • Autorin: Erika Swyler
  • Erscheinungsdatum: 10.2016
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN: ‎ 978-3809026488
  • Preis: nur gebraucht (Print), 6,99 EUR (E-Book englisch)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (E-Book, englisch)

 

Bonus/Downloadcontent

Die Kurzgeschichte Das Wassermädchen ist kostenlos bei Thalia als E-Book erhältlich.

Fazit

Von Anfang an entfaltet Das Geheimnis der Schwimmerin eine starke Sogwirkung, der sich insbesondere Lesende, die eine vorwärts gerichtete Geschichtsentwicklung mit Tempo und tiefgründigen Ausflügen in die Gedankenwelt von Protagonist*innen zu schätzen wissen, kaum entziehen können. Die Immersion im Erzählstrang von Simon ist stark, nicht zuletzt auch, weil sie in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Die Rätsel, vor denen Simon steht, werden im anderen Strang begründet oder ausgelöst. Hier hilft die nach Figuren wechselnde Perspektive in der dritten Person, um den Ursprung und das Mysterium von Wasser und Tarotkarten gut zu verstehen.

Das Lesevergnügen wird leider durch ein nachlässiges Lektorat in der Übersetzung getrübt, aber das ist Abwägungssache. Insgesamt erzählt Erika Swyler in ihrem Debüt eine packende, liebevoll erzählte Familiensage, die hinsichtlich der transportierten Ansichten und Klischee-Zerschlagungen durchweg als modern bezeichnet werden kann, obwohl der Roman im Original bereits rund zehn Jahre alt ist. Und das alles mit einem Fluch, der als Bedrohung über allem schwebt und einen deutlichen Payoff am Ende mit sich bringt. Schade nur, dass das Buch auf Deutsch aktuell nur noch gebraucht zu bekommen ist; wir hoffen sehr auf eine Neuauflage.

  • Dreidimensionale Figuren
  • Symbolismus
  • Sprache als Werkzeug
 

  • Lektorat

 

Artikelbilder: © Limes
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Sabrina Plote
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