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Zwischen Drachen, Magie und dampfendem Milchschaum hat sich ein neues Lieblingsgenre etabliert: Cozy Fantasy. Es erzählt von Freundschaft statt Krieg, von Fürsorge statt Held*innentum und trifft damit den Nerv der Zeit. Doch steckt hinter all der Gemütlichkeit vielleicht mehr, als es scheint?

Phantastik galt lange als das Genre der großen Abenteuer. Doch in den letzten Jahren hat sich in diesem traditionsreichen Feld einiges verschoben. Zwischen all den Drachen, König*innenreichen und dunklen Mächten hat still und heimlich ein neues Subgenre die Herzen erobert: Cozy Fantasy. Statt um das Schicksal ganzer Welten geht es hier um das Leben im Kleinen.

Dass Cozy Fantasy kein vorübergehender Trend ist, zeigt auch die aktuelle Literaturlandschaft. In diesem Jahr war das Subgenre die Sonderkategorie des PAN-Stipendiums 2025, dessen Gewinnerin Anna Hager mit Wildflower Witch auf der Frankfurter Buchmesse verkündet wurde. In den einschlägigen Foren wurde im Vorfeld eifrig diskutiert, ob der eigene Text „noch“ in die Grenzen des Genres falle, oder vielleicht schon darüber hinausginge.

Ein guter Anlass also, sich dieses Phänomen noch einmal genauer anzusehen. Was steckt hinter dem seit Jahren so beliebten Subgenre? Und kann Cozy Fantasy tatsächlich mehr, als nur eine gemütliche Zuflucht vor der Realität bieten?

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Warm, heilend und kuschelig: Was ist Cozy Fantasy?

Die meisten Leser*innen dürften bereits eine gewisse Vorstellung davon haben, was sich hinter dem Begriff Cozy Fantasy, im britischen Englisch auch Cosy Fantasy, verbirgt. Vielleicht ist er einem auf TikTok, zwischen den unzähligen Buchempfehlungen unter dem Hashtag BookTok, begegnet, in den Goodreads-Listen der „comfort reads“ oder durch gezieltes Verlagsmarketing, das das neue Wohlfühl-Subgenre der Phantastik für sich entdeckt hat. Seinen ersten großen Hype erlebte das Subgenre während der Corona-Pandemie, als viele Menschen in Geschichten Zuflucht suchten, die Geborgenheit und Hoffnung vermittelten. Seitdem hat das Genre seinen Zauber nicht verloren.

Wenn über Cozy Fantasy gesprochen wird, steht meist der Rückzugscharakter im Vordergrund. Häufig ist von Wärme, Trost oder sogar einer heilenden Wirkung die Rede. Diese Geschichten sollen als kleine, sichere Räume dienen: Das Happy End ist fast immer gewiss, Konflikte bleiben überschaubar, und Gewalt oder Tragik werden höchstens angedeutet.

Doch was das Subgenre tatsächlich prägt, geht über bloße Behaglichkeit hinaus. Den Lesenden begegnen durchaus Konflikte. Statt epischer Schlachten sind diese im Alltag verwurzelt: herausfordernde Neuanfänge, Selbstzweifel oder die Suche nach einem Platz in der Welt. Die Erzählweise ist oft episodisch, ruhig und stark auf Kooperation ausgerichtet. Damit stellt Cozy Fantasy eine Art Gegenentwurf zur klassischen Heldenreise dar, die immer noch viele Geschichten der Phantastik dominiert. Statt der einsamen, kämpfenden Held*innen wird der „quiet heroism“ gefeiert. Leise Formen von Mut, die sich im Mitgefühl, in Fürsorge und im gemeinsamen Überwinden von Hindernissen zeigen.

Ein zentrales Thema ist dabei die Gemeinschaft und Familie, allerdings selten im traditionellen, blutsverwandten Sinn. Vielmehr geht es um die Menschen, die man im Laufe des Lebens findet und zu seiner Wahlfamilie macht. Die vor allem unter dem englischen Begriff „found family“ bekannte Trope steht nicht nur für den emotionalen Kern vieler Geschichten, sondern dient auch im Marketing als Hinweis für Leser*innen, die gezielt nach Wärme und dem Gefühl von Zugehörigkeit suchen.

Der Fokus der Erzählungen in Cozy Fantasy-Büchern liegt stark auf den Beziehungen zwischen den Charakteren und auf ihrer inneren Entwicklung. Es sind nicht die äußeren Bedrohungen, die die Handlung antreiben, sondern Fragen nach Identität und Zugehörigkeit. Figuren setzen sich mit sich selbst auseinander und wachsen über ihre Ängste hinaus.

Oft spielen diese Geschichten in kleineren, überschaubaren Orten innerhalb größerer Welten. Als hätte man den Fokus ein Stück weit von den üblichen weltrettenden Verdächtigen weggedreht und richtet ihn nun auf jene, die sonst im Hintergrund bleiben: die Tavernenbesitzerin, den Kräutersammler oder die Bibliothekar*in eines abgelegenen Dorfs.

Nicht jede Cozy Fantasy endet klassisch glücklich, doch der Ton ist hoffnungsvoll. Selbst wenn Schwierigkeiten bestehen bleiben, bieten diese Geschichten immer einen Lösungsansatz für den aufgebauten Konflikt.

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Ein besonders prägendes Beispiel für das heutige Verständnis von Cozy Fantasy in der Buchwelt der sozialen Medien ist Magie und Milchschaum (Legends & Lattes) von Travis Baldree aus dem Jahr 2022. Ganz in der Tradition des Subgenres steht hier kein episches Abenteuer im Mittelpunkt, sondern die Eröffnung eines kleinen Geschäfts. Die Geschichte folgt der Orkin Viv, die sich von ihrem früheren Leben als Abenteurerin lossagt, das Schwert niederlegt und gemeinsam mit dem Halbling Cal in der Hafenstadt Thune ein Kaffeehaus eröffnet.

Ursprünglich war das Buch als Selbstverlagsprojekt gedacht, doch es wurde rasch zu einem viralen Phänomen, nachdem sich Bestsellerautorin Seanan McGuire begeistert darüber äußerte. Von da an verbreitete sich Magie und Milchschaum auf TikTok und Instagram mit rasender Geschwindigkeit und wurde zu einer Art Blaupause für das, was viele heute unter Cozy Fantasy verstehen.

Dass Cozy Fantasy nicht zwangsläufig mit Eskapismus gleichzusetzen ist, zeigt sich besonders eindrücklich im Werk von Becky Chambers, die mit ihrem Wayfarer-Universum und der Monk & Robot-Reihe das Subgenre in die Science-Fiction gebracht hat. Chambers löst sich in ihren Geschichten immer wieder bewusst von den traditionellen Mustern der Science-Fiction, die lange von patriarchalen und hierarchischen Strukturen geprägt war. Stattdessen stellt sie vielfältige Beziehungsformen, queere Figuren und gemeinschaftsorientierte Lebensweisen ins Zentrum ihrer Erzählungen.

Diese Cozy Fantasy-Romane legt euch die Redaktion von Teilzeithelden besonders ans Herz:
Emily Wildes Enzyklopädie der Feen von Heather Fawcett, erschienen am 24.Mai 2023 bei Fischer Tor.

Spellshop von Sarah Beth Durst, erschienen am 25. September 2024 bei Fischer Tor.
Can’t Spell Treason without Tea von Rebecca Thorne, erschienen am 24. Oktober 2024 bei Piper.
Die Wahrsagerin kleiner Schicksale von Julie Leong, erschienen am 16. April 2025 bei Heyne.

Mehr als nur ein Rückzugsort…

Nicht zuletzt in den Kopf gesetzt durch den Untertitel von Legends & LattesA Novel of High Fantasy and Low Stakes, wird Cozy Fantasy häufig der Vorwurf gemacht, in diesen Geschichten gehe es um nichts „Wirkliches“. Doch dieser Eindruck trügt. Zwar steht hier nicht der Untergang ganzer Welten auf dem Spiel, doch die Konflikte, die erzählt werden, sind keineswegs belanglos. Gerade weil sie aus dem Alltag, aus zwischenmenschlichen Beziehungen und persönlichen Entscheidungen erwachsen, wirken sie oft unmittelbarer und emotional greifbarer als jede epische Schlacht. Die Gemeinschaft, in der sich die Figuren bewegen, spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist selten bloß Kulisse, sondern aktiver Teil der Konfliktlösung. Indem Figuren einander zuhören, unterstützen und gemeinsam Verantwortung übernehmen, transportiert Cozy Fantasy eine Haltung, die im Kern einem demokratischen Verständnis von Gesellschaft entspricht: Probleme lassen sich nicht im Alleingang lösen.

Diese Offenheit macht das Subgenre besonders zugänglich. Weil es von Situationen erzählt, die vielen vertraut sind, können sich Leser*innen leicht wiederfinden. Die Nähe zu emotionalen Erfahrungen aus dem echten Leben schafft Inklusion. Zugleich nimmt das Subgenre in Fragen der Repräsentation eine wichtige Rolle ein. Viele Geschichten stammen von queeren, weiblichen oder nicht westlichen Autor*innen, und die Texte selbst reflektieren diese Vielfalt. Themen wie Selbstbestimmung, Identität oder das Finden einer Wahlfamilie sind eng mit queeren Lebensrealitäten verbunden und werden mit Selbstverständlichkeit erzählt.

Dass viele dieser Werke zunächst im Selbstverlag erscheinen, ist kein Zufall. Cozy Fantasy entsteht häufig außerhalb traditioneller Verlagsstrukturen, getragen von Communitys, die durch Plattformen wie BookTok oder Goodreads direkten Einfluss auf Sichtbarkeit und Erfolg nehmen. Diese Dynamik verleiht dem Genre eine bemerkenswerte Unabhängigkeit.

Die Absage gegenüber Gewalt

Die exzessive Darstellung von Gewalt hat in der Phantastik eine lange Tradition. In den letzten Jahrzehnten ist dieses Motiv zwar zurückgegangen, aber es bleibt ein zentrales Thema der Genre-Debatte. Auf dem PAN-Branchentreffen diskutierten die Autor*innen auch dieses Jahr mit großer Leidenschaft darüber, ob und in welchem Maß Gewalt heute noch Teil phantastischer Erzählungen sein sollte.

Und genau hier beginnt Cozy Fantasy, andere Wege zu gehen. Kaum ein anderes Subgenre der Phantastik verweigert sich der Darstellung von Gewalt so konsequent. Wenn Gewalt überhaupt vorkommt, dann nicht beiläufig, sondern als einschneidendes, folgenreiches Ereignis. Niemand wird hier „mal eben“ zusammengeschlagen und steht im nächsten Kapitel unversehrt wieder auf. In Becky Chambers Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten etwa wird die Crew von Pirat*innen überfallen: und das Erlebte hat Konsequenzen. Die Figuren müssen den Schock verarbeiten, das Vertrauen wiederherstellen und lernen, mit der Erinnerung an die Bedrohung zu leben. Gewalt wird hier nicht als Spannungselement instrumentalisiert, sondern als Erfahrung, die Empathie und Gemeinschaft erfordert.

Gewalt ist kein neutraler erzählerischer Kniff. Sie ist in unserer Gesellschaft geschlechtsspezifisch verteilt. Körperliche Übergriffe treffen in der Realität überproportional oft Frauen und marginalisierte Gruppen, und wer Gewalt als zentrales Mittel der Konfliktlösung inszeniert, reproduziert unweigerlich diese Machtverhältnisse.

Cozy Fantasy bietet dagegen alternative Konfliktlösungen, die realistischer und inklusiver wirken. Ihre Figuren begegnen Problemen mit Kommunikation, Kooperation und emotionaler Intelligenz; Fähigkeiten, die in patriarchalen Erzählstrukturen oft unbedeutend sind. Doch gerade darin liegt ihre Stärke: in der Weigerung, Schmerz, Trauma und Unterdrückung zu trivialisieren, und im Mut, Zärtlichkeit als politische Haltung ernst zu nehmen.

Fazit

Mit Phantastik kann man die Welt bewegen, zumindest im Kleinen. Was wir lesen, beeinflusst wie wir denken, durchbricht selbstgesetzte und gesellschaftliche Grenzen und schafft neue Horizonte.

Cozy Fantasy leistet dazu einen eigenen wichtigen Beitrag. Es ist kein Wunder, dass sich viele Leser*innen zu diesem Subgenre hingezogen fühlen. Natürlich bietet es auch eine Form der Flucht; ein Rückzugsort vor den Zumutungen und Krisen der Gegenwart, ein beruhigendes Versprechen darauf, dass am Ende alles gut werden kann. Doch unter dieser Oberfläche steckt mehr. Das Subgenre ist zugänglich und inklusiv. Und es erinnert daran, dass Veränderung oft im Kleinen beginnt: Im Zuhören, im Miteinander und im Vertrauen darauf, dass das eigene Handeln zählt.

Am Ende erzählt Cozy Fantasy nicht von Welten, die gerettet werden müssen, sondern von Welten, die wir miteinander gestalten können.

 

Artikelbilder: © siehe Bildunterschriften
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Rick Davids

2 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Artikel und besonders treffend sehe ich die Überschrift.
    Denn ich sehe Cozy Fantasy genaue wie im Artikel beschrieben; eine stille Gegenbewegung zu bekannten Fantasythemen. Auch im Rollenspielbereich zeigen sich mehr und mehr Cozy Systeme.
    Das Thema ist bei mir präsent, da ich kürzlich habe ich den gelungen Nachfolgeband von Magie &Milchschaum fertig gelesen habe und sehr davon angetan war.

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