Victoriana – eine Welt aus Fantasy und Steampunk. Mitten in der Industrialisierung treffen Magie und Technik, profane Verbrecher*innen und übernatürliche Monster im Schmelztiegel London zusammen. In all dem befinden sich die Charaktere, die es sich als Irregulars zur Aufgabe gemacht haben, den Bürger*innen wenigstens etwas mehr Sicherheit zu bringen.
Nach erfolgreicher Kampagne auf Kickstarter im letzten Jahr, steht nun auch seit Anfang dieses Jahres ein Abenteuerband zur Verfügung, mit dem das System gespielt werden kann. Es nutzt dabei die Regeln der fünften Edition von Dungeons & Dragons mit einigen Abänderungen.
Gewalt, Verstümmelung, Klassengesellschaft, Übernatürliches, Dämonen
Inhaltsverzeichnis
Die Spielwelt, Regeln und Charaktererschaffung
Zentrum der Welt Victorianas ist London im Jahr 1887, als Königin Victoria seit fünfzig Jahren auf dem Thron des Empires sitzt. Elemente aus Fantasy und Steampunk gehen hier Hand in Hand: Magie existiert und findet ihre Anwendungen und dämonische Wesen aus anderen Ebenen drängen um Einlass in diese Realität. Gleichzeitig werden Erfindungen wie Luftschiffe und fortschrittliche Prothesen für verschiedenste Körperteile gemacht. Die Menschheit setzt sich aus sechs verschiedenen Abstammungen zusammen. So erinnern die Khaldi an Zwerge und die Púca weisen tierische Merkmale auf. Welcher dieser Abstammungen man angehört, ist in der Gesellschaft jedoch irrelevant. Wichtig ist der soziale Stand. Es bestimmt große Teile des Lebens, ob man Proletariat, Bourgeoisie oder Adel angehört.
Inmitten dieser Welt agieren die Spieler*innencharaktere als sogenannte Irregulars, um den Rest der Bevölkerung vor natürlichen und übernatürlichen Gefahren zu beschützen.

Victoriana nutzt die Regeln der fünften Edition von Dungeons & Dragons. Es muss also mit einem zwanzigseitigen Würfel plus bestimmten Modifikatoren über einen Zielwert gewürfelt werden. Einiges wurde angepasst oder verändert, um besser mit dem Setting zusammenzupassen, das deutlich mehr Wert auf investigative Arbeit und soziale Interaktionen legt als das klassische D&D.
Für die Charaktererschaffung stehen acht Klassen zur Auswahl, darunter Adventurer, Companion und Gadgeteer. Des Weiteren werden Dinge wie die soziale Klasse, der bisher ausgeübte Beruf, Kontakte, sowie ein Feat und zwei Complications festgelegt. Zusätzlich kann die Gruppe gemeinsam eine Assoziation erstellen, also eine Art Organisation, durch welche die Charaktere (mehr oder weniger) offiziell agieren und Aufträge ausführen.
Eine ausführlichere Beschreibung zu Welt und Regeln ist im Ersteindruck von Victoriana zu finden.
Spielbericht
Für den Spieltest wurde das erste Abenteuer „A Furious Imposition“ aus dem Band Dreadful Inquiries gespielt. Nach zwei abendlichen Sitzungen war es noch nicht beendet, dennoch sollten Spielende diesen Teil zur Vermeidung von Spoilern überspringen.

Die Charaktere
Emmett
Es ist schwierig, sein exaktes Alter auszumachen, denn er ist ein Elderen. Er wirkt wie Ende 30, ist hochgewachsen und trägt sein pechschwarzes Haar in dicken geflochtenen Zöpfen. Seine ebenfalls schwarze Haut ist mit silbernen Sommersprossen gesprenkelt und auch seine Augen sind silbrig-weiß. Zumeist trägt Emmett unauffällige Kleidung und hält sich im Hintergrund. Um ein Lächeln ist er allerdings nie verlegen.
Morgan Smallhand
Er ist ein Kahld von etwa 1,1 Metern. Der Teilzeitapotheker verbringt viel Zeit in seiner angemieteten Garage, die er als Werkstatt für seine Gadgets benutzt. Er ist jemand der sich Zeit lässt – durchaus auch manchmal in unangebrachten Momenten. Trotz seines Standes als Mitglied der Bourgeoisie diskriminiert er niemanden aus dem Proletariat, hat aber dennoch Respekt vor dem Adel.
Betsy Albashev
Sie ist eine hochgewachsene Muirloch und Teil des Proletariats. Man sieht ihr an, dass sie in ihrem Leben viel körperlich gearbeitet hat. Zum einen zeigt das die abgenutzte, auf Funktionalität orientierte Kleidung, zum anderen ist sie sehr, sehr kräftig gebaut. Ihre blonden Haare sind zu einem strengen Zopf nach hinten gebundenen und sie führt stets ihre viel genutzte und geliebte Axt mit sich.
Heather Westerfield
Eine athletisch gebaute Puck Ende 30, mit einem künstlichen rechten Arm, weißen Haaren und Merkmalen einer Schneeeule. Sie gehört dem Adel an, hat für diesen Stand aber nicht allzu viel übrig. So behandelt sie als Ärztin hauptsächlich Personen aus dem Proletariat. Dennoch verhält sie sich immer gerade so standesgemäß, um bei ihresgleichen nicht in Ungnade zu fallen. Insbesondere ihr Benehmen und die hochwertige Kleidung spiegeln diesen Umstand wider.
A Furious Imposition
Tagebucheintrag von Heather Westerfiel – Erster Entwurf
Am frühen Morgen eines regnerischen Tages werden wir von lautem Klopfen geweckt. Zwei Polizisten stehen vor der Tür und teilen uns mit, dass Inspektor Henry Anson vom Scotland Yard uns sprechen möchte. Ein neuer Auftrag scheint zu winken, weshalb wir mit einer Kutsche in die Nähe des Regent´s Park, einem Viertel des Adels, gefahren werden. Dort erwartet uns der Inspektor und bittet uns um Hilfe, da er selbst eigentlich unpässlich ist und mit seiner Erkältung im Bett liegen sollte. Es stellt sich heraus, dass Magister (ein lizensierter Magier) Edward Shadwicke, seine Dienstmagd und sein Butler grausam ermordet wurden.
Erste Hinweise deuten darauf hin, dass eine untrainierte und illegal Magie anwendende Person, ein*e Malefiz, dafür verantwortlich war. Der Nachbar Konrad Hocklen hat in der Nacht Geräusche gehört, die Leichen gefunden und die Polizei gerufen. Bevor wir jedoch mehr tun können, steigt eine kreischende schwarze schleimige Masse aus dem Kamin des Hauses, greift einen der Polizisten an und wendet sich uns zu. Nach einem harten Kampf können wir es besiegen und erkennen, dass es ein Dämon des zweiten Zirkels war. Diese werden gerne von Malefizen als Beschützer von Orten eingesetzt.

Das klingt ganz nach einem Fall für uns und wir versichern dem Inspektor, dass wir uns darum kümmern werden. Unsere Untersuchungen ergeben, dass die Opfer zum einen Würgemale am Hals haben, zum anderen von einem großen Messer oder Ähnlichem durchbohrt wurden. Zudem wurden zwei der Leichen nach ihrem Tod umplatziert und alle drei oben und unten an der Treppe arrangiert. Im Schlafzimmer des Hausherrn wurde das Fenster von der Seite des Balkons aus aufgebrochen und uns fällt ein Gestank nach Abwasser auf.
Bis der Geruch hoffentlich etwas verflogen ist, nehmen wir uns den Dachboden vor. Von dort dringt das leise Singen eines Kindes und wir sehen, dass dort tatsächlich jemand zu wohnen scheint. Das blutrote Pentagramm auf dem Boden ist jedoch äußerst beunruhigend. Ein kleines Wesen, das sich als Dämon des ersten Zirkels herausstellt, ist dort zugange und will sich einen Gastkörper beschaffen, um in unserer Existenzebene bleiben zu können. Um einen Kampf zu vermeiden, überreden wir den Dämon, erst einmal in unsere Fabrikhalle einzuziehen. Über alles weitere werden wir uns später Gedanken machen.
Vor dem Dämon scheint die getötete Dienerin auf dem Dachboden gewohnt zu haben. Wir finden ihr Tagebuch und entnehmen diesem, dass der Magister sich offenbar mit den bösen Mächten beschäftigt hat.
Entsprechend ist die Bücherei unser nächstes Ziel, in der Hoffnung, mehr darüber herauszufinden. Dort ist ein weiteres Pentagramm auf dem Boden, doch es ist zur Hälfte von einem Teppich bedeckt, wodurch eine erfolgreiche Beschwörung nicht möglich gewesen wäre. Von hier kann augenscheinlich keiner der beiden Dämonen beschworen worden sein. Neben angefangenen Liebesbriefen an eine gewisse Clarice ist ansonsten nichts Interessantes zu finden.
Im Zimmer des Butlers entdecken wir eine wertvolle Taschenuhr mit den Initialen R.H. Es gilt herauszufinden, zu wessen Namen sie gehören. Im Haus finden sich ansonsten keine weiteren Hinweise, weshalb wir den Nachbarn Mister Hocklen besuchen. Er kann uns sagen, dass er etwas großes Spinnenartiges am Haus gesehen hat und am Morgen eine Kutsche, aus der jemand einen leuchtenden Stab hielt. Noch können wir uns darauf keinen Reim machen.
Wir verabschieden uns und suchen nach einem schnellen Mittagessen die Bibliothek in der Hoffnung auf, etwas über die spinnenartige Kreatur herauszufinden. Leider haben wir keinen Erfolg, aber das Durchstöbern der Zeitungen fördert einen interessanten Artikel zutage…

Spielbarkeit aus Spielleitungssicht
Kenntnisse der D&D 5E-Regeln erleichtern sowohl Zugang als auch Einstieg in das System enorm, sind aber auch Voraussetzung, um Victoriana spielen zu können, denn die grundlegenden Regeln werden nicht noch einmal im Regelwerk mitgeliefert. Eines der Probleme blieb auch hier erhalten: Stufe 1-Charaktere sind aufgrund von niedrigen Lebenspunkten sehr anfällig in Kämpfen.
Beim Spielen wurde schnell ersichtlich, dass Fertigkeiten wie Perception und Investigation sehr häufig zum Einsatz kamen. Hier müssen sich sowohl Spielende als auch Spielleitung von den bisherigen D&D-Regeln umgewöhnen, denn Victoriana bietet zusätzliche Möglichkeiten, eine Investigation zu gestalten, als lediglich durch einfache Proben. Dadurch kann ebenfalls verhindert werden, dass ein wichtiger Hinweis nicht gefunden wird und Frust entsteht. Das gespielte Abenteuer hat leider nicht noch einmal auf diesen Umstand verwiesen, man muss sich dessen also bewusst sein.
Das Abenteuer selbst ist ansonsten gut strukturiert und kann das gewollte Flair des Settings vermitteln. Es verbindet als erstes Abenteuer und somit ersten Eindruck passend das viktorianische London mit Fantasy. Leider enthält es keine neuen Illustrationen.
Spielbarkeit aus Spieler*innensicht
Auch für die Spielenden waren die bereits vorhandenen Kenntnisse der D&D-Regeln von großem Vorteil. Die Charaktererschaffung und das Reinkommen ins Abenteuer gestalteten sich somit angenehm, wobei insbesondere die verschiedenen Möglichkeiten zur Individualisierung der Charaktere, sowie die Möglichkeit, sich gemeinsam eine Assoziation auszudenken, positiv hervorgehoben wurden.
Bereits im Vorfeld war eine Sorge der Gruppe die Tatsache, dass die D&D-Regeln einen Fokus auf Kämpfen haben, während Victoriana auch großen Wert auf soziale Interaktionen legt. Die hierfür vorgenommenen Anpassungen wurden während des Spielens positiv bewertet. So sind Bewegung und Abstand im Kampf vereinfacht und es gibt verschiedenste Faktoren wie sozialer Stand und Verhalten der SC, die Auswirkungen auf soziale Proben haben und aktiv oder passiv von den Charakteren beeinflusst werden können.
Weiterhin gibt es den Charakterbogen leider nicht als PDF. Kauft man sich den Abenteuerband Dreadful Inquiries, wird zwar einer mitgeliefert, dieser ist aber nicht die aktuelle Version aus dem Grundregelwerk, in welchem der Bogen noch einmal überarbeitet wurde. So heißen etwa die früheren „Plot Points“ jetzt „Hit Points“.

Die harten Fakten:
- Verlag: Cubicle 7 Games
- Autor*in(nen): Emmet Byrne, Alex Cahill, et. al.
- Illustrator*in(nen): Hannah Elizabeth Baker, Jog Brogzin et. al.
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover, PDF
- Seitenanzahl: 320
- ISBN: 978-1-913569-10-5
- Preis: 54,99 EUR (Hardcover), 30,04 EUR (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG
Fazit
Victoriana spielt in einer faszinierenden Welt, geprägt von einer stimmigen Mischung aus Fantasy und Steampunk. London als Schauplatz ist dabei zwar kein unverbrauchtes Setting, aber dennoch spannend genug gestaltet, um dort viele Abenteuer zu erleben, Aufträge zu erfüllen und die Stadt, zumindest für den Moment, etwas sicherer zu machen.
Die D&D-Regeln sind vermutlich nicht die allerbeste Wahl für dieses System. Noch besser wäre ein eigenes, zugeschnittenes System gewesen, dennoch geht das Spielkonzept bei Victoriana auf. Man merkt, dass diese Entscheidung bewusst getroffen wurde. Dinge, die in den ursprünglichen Regeln nicht zur Genüge abgedeckt oder gar nicht vorhanden sind, wurden passend erweitert oder ergänzt. Zudem ist durch das Verwenden dieser weithin bekannten Regeln der Zugang zu Victoriana sehr niedrigschwellig. Insgesamt konnte alles so verändert werden, um ein System zu schaffen, das sowohl Kämpfe und held*innenhafte Charaktere, als auch soziale Interaktionen und Investigationen unterstützt. Der Spieltest hat den Ersteindruck also im Großen und Ganzen bestätigt.

Wer die D&D-Regeln auch nur ansatzweise kennt und schon immer im viktorianischen London des Industrialisierungszeitalters Verbrechen aufklären und Monster bekämpfen wollte, ist mit Victoriana mehr als gut beraten.

- Gelungene Mischung aus Fantasy und Steampunk
- D&D-Regeln passend für das Setting verändert
- Einfacher Einstieg durch bekannte Grundregeln
- Kein aktueller Charakterbogen als PDF
- Kein selbstständiges Regelsystem
Artikelbilder: © Cubicle 7 Games
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Giovanna Pirillo
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