Los Angeles 2037: In den verregneten Straßen regt sich Widerstand gegen sein System, das Replikant*innen ausbeutet und tötet. Die Spieler*innen werden zu Rebell*innen und sabotieren das System aus dem Verborgenen heraus. Doch wem können sie vertrauen und wer wird sie bei der nächsten Gelegenheit verraten?
2022 erschien das Regelwerk zum Blade Runner RPG, das die Sci-Fi-Noir Filmreihe auf den Spieltisch brachte. Mittlerweile wurde das Grundregelwerk um zwei Abenteuerbände erweitert. Mit Replicant Rebellion erscheint nun eine Erweiterung, in der die Spieler*innen die Seiten wechseln. Während sie im Grundspiel die Rollen von Blade Runnern übernehmen und Jagd auf Replikant*innen machen, begeben sich die Spieler*innen in Replicant Rebellion in den Untergrund und versuchen mit Guerilla- und Sabotageaktionen, ihre Ziele zu verfolgen. Funktioniert der Perspektivenwechsel, den die Spielerweiterung machen möchte?
Replicant Rebellion wurde über Kickstarter finanziert und sollte eigentlich bereits Anfang 2025 erscheinen. Das Projekt verzögerte sich allerdings um über ein Jahr. Außer dem Zusatzband veröffentlichte Free League noch Solo-Regeln für das Grundspiel.
Charaktertod, Kidnapping, Experimente an Menschen, strukturelle Diskriminierung
Die Spielwelt – Nicht viel Neues aus Los Angeles
Replicant Rebellion wirft die Spieler*innen wie bereits das Grundregelwerk in eine düstere Welt, deren Existenz vor allem durch eines gesichert wird: die Ausbeutung von Replikant*innen, die zwar aussehen wie Menschen, allerdings künstlich erschaffene Wesen sind.
Schöpfer der neusten Generation von Replikant*innen ist Niander Wallace, Gründer der Wallace Corporation. Die Erweiterung zum Blade Runner-Grundregelwerk spielt 2037, also ein Jahr nach Einführung der Nexus-9-Replikant*innen. Bereits seit der Einführung der ersten Replikant*innen gibt es Stimmen, die sich gegen deren Ausbeutung aussprechen. Doch längst nicht alle Menschen sehen Replikant*innen als gleichberechtigte Wesen; manche von ihnen empfinden die Replikant*innen als Gefahr. Zwischen der pro-replikantischen Sympathy-Bewegung und der Empathy-Bewegung, die gegen Replikant*innen Stimmung macht, kommt es immer wieder zu Konflikten.

Schließlich entwickelt sich eine Untergrundbewegung, die Nexus-Modelle versteckt, tarnt und bei der Flucht in weit entfernte Weltraumkolonien verhilft. In Replicant Rebellion werden die Spieler*innen Teil dieser Untergrundbewegung.
Die Erweiterung beginnt wie das Grundregelwerk mit einem kurzen Abriss über die historischen Entwicklungen, die zur Gründung des Untergrunds geführt haben und schildert eindrücklich die schwierige Lage für Replikant*innen.
Inhaltlich sind sich die Texte in beiden Büchern relativ ähnlich, sodass Replicant Rebellion hier nicht so viel Mehrwert für Kenner*innen des Grundregelwerks hat. Allerdings sind die Texte aus einer anderen Perspektive geschrieben. Der Zusatzband wirkt, als sei er der Leitfaden für neue Rekrut*innen der Untergrundbewegung. Dadurch ist er sehr immersiv und gut zu lesen. Das gilt vor allem für die Textpassagen, die die neuen Rebell*innen auf ihre gefährlichen Aufgaben vorbereiten und die Ideologie des Widerstands aufzeigen.
Die Charaktere – Sechs neue Archetypen
Rebell*innen werden ganz ähnlich wie im Grundregelwerk gebaut, denn an den Würfelregeln ändert Replicant Rebellion nichts. Es gibt vier Attribute, Empathy, Intelligence, Agility und Strength, sowie 12 Skills. Die Werte von Attributen und Skills werden bei der Charaktererschaffung verbessert, abhängig davon, ob der Charakter ein Mensch, ein Nexus-8 oder ein Nexus-9 ist. Das ist ein Unterschied zum Grundregelwerk, wo die Anzahl der Verbesserungen davon abhängt, wie viele Jahre der Charakter bereits als Blade Runner arbeitet.

Das grundlegende Charakterkonzept heißt im Blade Runner RPG Archetyp. Davon gibt es in Replicant Rebellion sechs neue, die sehr gut auf das Setting zugeschnitten sind. Während zum Beispiel der Powerbroker aus der High Society stammt und seinen Einfluss für den Untergrund geltend machen kann, ist die Street Rat auf den Straßen von Los Angeles zu Hause und kennt alle dunklen Ecken.
Zu den neuen Archetypen kommen sechs neue Specialities, Fähigkeiten, die nicht mit Attributen oder Skills zusammenhängen, sondern anderweitige Boni gewähren. Die in Replicant Rebellion enthaltenen Specialities sind für den Spielablauf sinnvoll und passen stimmig ins Setting. Drei davon beziehen sich explizit auf Spielmechaniken der Erweiterung, die anderen drei lassen sich auch im Grundspiel verwenden.
Die Möglichkeiten zur Verbesserung des Charakters sind erneut denen im Grundspiel sehr ähnlich. Die Humanity und Promotion Points werden in Replicant Rebellion zu Rebel und Cover Points und werden von der Spielleitung verteilt. Diese können unter anderem genutzt werden, um Attribute und Skills zu verbessern.
Die neuen Spielmechaniken – Cover und Heat
Auf der einen Seite ist Replicant Rebellion eine Abkehr vom Grundregelwerk, in dem die Spieler*innen als Blade Runner Replikant*innen jagen und das Ermitteln im Fokus einer Spielsitzung steht. Statt Hinweise zu sammeln und Replikant*innen aufzuspüren, organisieren die Charaktere nun aus dem Untergrund heraus Sabotageakte und Rettungsmissionen. Dabei müssen sie vorsichtig agieren, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dies spiegelt sich in den Mechaniken für Heat und Cover im Erweiterungsband wider. Die eröffnen Spieler*innen eine spannende, neue Perspektive auf das dystopische Los Angeles der 2030er Jahre.

Bereits im Grundspiel mussten Spieler*innen darauf achten, ihre Charaktere nicht zu überlasten, um möglichst wenig Stress zu sammeln. Das bedeutet, pro Tag eine Schicht Pause einzulegen, um sich zu erholen. Da Rebell*innen im Geheimen und gegen ein System arbeiten, das sie am liebsten zum Schweigen bringen würde, müssen Rebell*innen nicht nur darauf achten, sich nicht zu überarbeiten, sondern gleichzeitig ihre Cover-Identität zu pflegen. Rebell*innen haben also eine weitere Ressource, die sie ständig im Auge haben sollten.
Jeder Charakter geht außerhalb seiner Untergrundaktivitäten einer normalen Arbeit nach, hat vielleicht eine Familie, um die er sich kümmern muss oder eine politische Karriere. Je nachdem, wie gut der Charakter diese Cover-Identität pflegt, desto besser ist der Status seines Covers. Der Status reicht von Secure bis Redacted und kann aufrechterhalten werden, indem der Charakter eine Schicht pro Tag seiner falschen Identität widmet. Tut er das nicht, sinkt der Status. Je niedriger der Status, desto schwieriger wird es für den Charakter, sich durch die Stadt zu bewegen, ohne sich konstant verstecken zu müssen. Im schlimmsten Fall wird der*die Rebell*in vollständig enttarnt und muss untertauchen. Das geht allerdings mit diversen Mali auf bestimmte Würfe einher.
Während Cover die einzelnen Charaktere betrifft, bezieht sich Heat auf die gesamte Spielwelt und motiviert Spieler*innen dazu, Konflikte möglichst unter dem Radar des Los Angeles Police Department (LAPD) auszutragen. Das Heat Level reicht von eins bis sechs. Je höher das Level, desto aktiver wird das LAPD in der Stadt.

Das Level wird vor allem dann erhöht, wenn illegale Aktivitäten unter den Augen der Öffentlichkeit passieren und das geht in Replicant Rebellion ziemlich schnell. Sobald das Level steigt, wird es schwieriger für die Rebell*innen unentdeckt zu bleiben. Manche Aktionen erfordern dann zusätzliche Würfe, andere Würfe bekommen Nachteil. Außerdem hängen Cover und Heat zusammen. Wenn das Heat Level steigt, haben Charaktere mit niedrigem Cover-Status größere Nachteile. Bestimmte Würfe, die durch Heat ausgelöst werden, senken bei Misserfolg den Cover-Status des Charakters.
Cover und Heat sind die größten Neuerungen in Replicant Rebellion im Gegensatz zum Grundregelwerk. In beiden Fällen gelingt der Versuch, die angespannte Lage der Rebell*innen in Spielmechaniken zu übersetzen. Schön ist, dass Heat und Cover interagieren und sich im schlimmsten Fall gegenseitig hochschaukeln. Was für die Charaktere von Nachteil ist, kann für die Spieler*innen zu Situationen führen, in denen sie sich ganz genau überlegen müssen, ob sie aktiv werden können oder lieber abwarten.
Da einzelne Abenteuer in Replicant Rebellion, genannt Operations, meistens bedeutend kürzer sind als eine Case File im Grundspiel, kommen beide Mechaniken jedoch vor allem in längeren Kampagnen am besten zur Geltung.
Die Kampagne – Justice For All
Ein großer Kritikpunkt am Blade Runner RPG ist, dass die Vorbereitung einer Sitzung für die Spielleitung mit enormem Aufwand verbunden ist, da die Case Files, wie das von Free League produzierte Abenteuer Fiery Angels, vor allem durch Tatortfotos und aufwändig gestaltete Handouts zu überzeugen wissen. Replicant Rebellion macht es der Spielleitung da um einiges einfacher. Die sogenannten Operations sind weit weniger kompliziert in der Vorbereitung, da die Spielleitung sich keine komplizierten Kriminalfälle ausdenken muss. Gleichzeitig sind die Operations dadurch weniger linear und lassen mehr Raum zur Improvisation.

Einen großen Teil der Erweiterung nimmt die Kampagne Justice For All ein. Die besteht aus fünf zusammenhängenden Operations. Laut Buch können diese entweder nacheinander oder alleinstehend gespielt werden. Letzteres ergibt jedoch wenig Sinn, da die Szenarien dafür zu eng miteinander verknüpft sind.
Die Geschichte, die die Kampagne erzählt, ist voller Intrigen und Twists und verlangt den Spieler*innen einiges an Aufmerksamkeit ab. Was mit einer einfachen Rettungsmission beginnt, endet mit Verrat und Verschwörungen auf hohen politischen Ebenen. Gleichzeitig bleiben wichtige Themen des Blade Runner RPG erhalten: Wem kann man vertrauen? Wie weit darf man für seine Überzeugungen gehen?

Die Operations sind für die Spielleitung gut aufbereitet, inklusive Karten und kompakt aufgeschriebenen Informationen zu den Nichtspielcharakteren. Allerdings sind die Karten und NSC-Porträts nicht als Handouts beigelegt, was unpraktisch ist. Die Handouts kann man theoretisch im Asset-Pack noch dazu kaufen.
Erscheinungsbild
Replicant Rebellion lehnt sich beim Design stark an die restlichen Teile des Blade Runner RPGs an. Kapitel beginnen mit doppelseitigen, stimmungsvollen Illustrationen, in denen meistens düster gekleidete Personen im Regen stehen. Der Illustrationsstil wendet sich jedoch ab von dem leicht verwaschenen Look im Grundregelwerk, sondern wirkt etwas chaotischer. Das passt gut zum Setting. Allerdings kann man dadurch deutlich erkennen, wo Illustrationen aus anderen Teilen der Reihe wiederverwendet wurden. Diese Bilder wirken wie Fremdkörper auf den sonst stimmig gestalteten Seiten.
Ansonsten ist das Buch sehr hochwertig. Die Texte sind gut lesbar und angenehm auf den Seiten angeordnet. Ein Inhaltsverzeichnis sowie ein Glossar sind vorhanden.

Die harten Fakten:
- Verlag: Free League
- Autor*in(nen): Joe Lefavi, Tomas Härenstam
- Illustrator*in(nen): Christian Granath, Eren Arik et al.
- Erscheinungsjahr: 2026
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover, PDF
- Seitenanzahl: 172
- ISBN:978-91-89765-64-1
- Preis: 39,42 EUR, 17,74 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG, Sphärenmeister
Fazit
Replicant Rebellion ist eine gelungene, immersive Erweiterung des Blade Runner RPG, in der die Spieler*innen auf die andere Seite wechseln und vom Blade Runner zu Rebell*innen werden. Das Buch bietet zwar nicht viel Neues in Hinblick auf Worldbuilding, fängt allerdings durch Schreibstil und Illustrationen die düstere Atmosphäre der Blade Runner-Reihe geschickt ein.
Zudem werden neue, interessante Spielmechaniken, wie Cover und Heat eingeführt, die das Leben von Rebell*innen erschweren. Diese führen außerdem zu angespannten Situationen, in denen die Spieler*innen abwägen müssen, wie weit sie sich für den Untergrund aufopfern wollen. Zusätzlich gibt es sechs neue Archetypen, um Rebell*innen zu erschaffen.
Eine gut geschriebene Kampagne rundet die Erweiterung ab. Einziger Minuspunkt ist hierbei, dass für die Kampagne keine Handouts beiliegen und, wenn gewollt, zusätzlich erworben werden müssen.

- Immersiv geschrieben
- Gelungene neue Mechaniken
- Vollständige Kampagne enthalten
- Wenig Worldbuilding
Artikelbilder: © Free League
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Lidia Strauch
Fotografien: Rebecca Haardt
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
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