Als Teil der Rep-Detect Unit des Los Angeles Police Department überwachen und verfolgen sie Replikanten in einer konzerngesteuerten und dystopischen Welt. Sie müssen Entscheidungen treffen, die keiner treffen will, und eine Arbeit verrichten, die sie an die Grenzen ihrer moralischen Grundsätze bringt: Blade Runner.
Inhaltsverzeichnis
Die Spielwelt
Die Welt von Blade Runner ist der Urtyp des dystopischen Cyberpunks. In einer sterbenden Welt, beherrscht von Konzernen und immerwährendem Regen, wird die Frage gestellt, was einen Menschen zum Menschen macht.
Als Mittelpunkt des Geschehens dient Los Angeles im Jahr 2037. Krieg, industrielle Verschmutzung und die Vernachlässigung durch den Menschen haben die Umwelt zerstört, und die, die überlebt haben, sammeln sich in konzernbeherrschten Mega-Städten – einzig die UN ist als eigenständige Regierung verblieben. Während die Reichen und Mächtigen Mond, Mars und weitere außerirdische Orte besiedeln, bleiben alle anderen auf der Erde zurück und kämpfen ums Überleben.
Die Industrie – vor allem außerhalb der Erdatmosphäre – wird von Androiden der Nexus-Reihe aufrechterhalten, die später Replikanten genannt werden. Als jedoch ein Anschlag die gesamte Region von Las Vegas in eine nukleare Wüste verwandelt und den Replikanten die Schuld dafür gegeben wurde, entbrannten viele Konflikte, insbesondere zwischen Anti-Nexus-Gruppierungen und Aktivist*innen für Nexus-Rechte.

Der Konflikt gipfelte in dem Verbot der Replikanten und der Einführung einer eigenen Einheit zu ihrer Aufspürung und Beseitigung. Doch ohne die Arbeitskraft der Nexus-Reihe geriet die Industrie ins Wanken, und es folgte eine Hungersnot.
Inzwischen gibt es wieder eine Lockerung des Replicant Prohibition Acts. Da die alten Nexus-6-Modelle ausgelaufen sind, hatten sie doch eine vierjährige Halbwertszeit, soll mit der Einführung der neuen Nexus-9-Modelle alles besser werden – AI-Unterstützung in allen wichtigen Lebensbereichen inklusive. Die Rep-Detect Unit (genannt: Blade Runner) gibt es noch immer, um die als Bürger zweiter Klasse behandelten Replikanten im Zaum zu halten und ein zweites Las Vegas zu verhindern.
Als Teil dieser Spezialeinheit der LAPD ist man in einer dysfunktionalen Polizeifamilie immer auf der Suche nach dem nächsten Fall. Dabei geraten die Blade Runner in actiongeladene Verfolgungsjagden, müssen persönliche Charakterdramen durchleben oder Intrigen der Konzerne durchschauen. Am Ende stehen oft schwierige Entscheidungen und das Ausrichten des eigenen moralischen Kompasses.
Die Regeln
Blade Runner legt viel Wert auf intensive Immersion und Erzählspiel. Gleichzeitig darf die Action nicht zu kurz kommen. Im Gegensatz zu den vielen MY:0-Systemen von Free League werden die Würfel in Los Angeles etwas anders gehandhabt.
Auch in Blade Runner gibt es einen Würfelpool, der immer aus zwei Basiswürfeln besteht, die sich aus dem Attribut und dem damit verbundenen Skill ergeben. So wird ein kräftiger Fausthieb ins Gesicht mit Hand-to-Hand Combat und Strength ausgeführt, die Erstversorgung einer Wunde mit Medical Aid und Intelligence. Je besser ein Charakter in einem Skill ist und je stärker seine Attribute ausgeprägt sind, desto größer wird der Würfel, der genutzt werden darf: ein W6 ist dabei die niedrigste Möglichkeit, ein W12 die höchste. Würfelt man mindestens eine 6 hat man einen Erfolg, ab einer gewürfelten 10 sogar zwei.
Viele Erfolge erhöhen dabei den Schaden oder sorgen für kritische Erfolge, die Bonuseffekte auslösen – auch außerhalb des Kampfes. Fehlschläge sollen – wie in anderen Rollenspielen von Free League auch – in Blade Runner als Chance genutzt werden, das Narrativ weiterzuspinnen. So können bei fehlgeschlagenen Recherchen die benötigten Informationen zwar in den Akten gefunden werden, aber eine Kamera könnte alles aufnehmen, oder die Suche so lange dauern, dass sich das Treffen mit einem*r Informant*in ungünstig verschiebt. Das Konzept des Vorwärtsscheiterns ist bereits aus anderen Veröffentlichungen von Free League bekannt.
Genauso kennt man bereits das Prinzip, Würfe zu wiederholen. Ein wiederholter Wurf sorgt für Stress oder sogar körperlichen Schaden. Diese Option ist für kritische Momente gedacht, in denen es darauf ankommt, Erfolg zu haben. An dieser Stelle unterscheidet sich auch ein menschlicher von einem Replikanten-SC: Replikanten können ihren Wurf zweimal wiederholen, Menschen nur einmal. Außerdem erhalten Replikanten niemals Schaden, sondern immer Stress, wenn sie dies tun.
Charaktere können zusammenbrechen, wenn sie zu viel Schaden oder Stress erhalten. Dann müssen sie mit kritischen Verletzungen klarkommen, die von ausgeschlagenen Zähnen über eine punktierte Lunge bis zum zerschmetterten Schädel oder gar dem Verlust des Lebenswillens reichen. Die dystopische Zukunft ist kein Zuckerschlecken.
Charaktererschaffung
Die Charakteroptionen sind vom Setting her begrenzt, da alle Spieler*innen Blade Runner verkörpern. Diese Prämisse sollte im Vorfeld klar sein, damit niemand enttäuscht ist.
Die Erstellung verläuft in 15 Schritten, wobei viele Schritte entweder frei wählbar oder per Würfelwurf zu entscheiden sind. Blade Runner können Menschen oder Replikanten (vielleicht sogar, ohne es selbst zu wissen) sein und werden in sieben Archetypen unterteilt. Die Archetypen unterscheiden sich eher wenig voneinander und haben teils Überlappungen in den Spezialgebieten. Gedacht sind die Archetypen auch nicht als Jobbezeichnungen, sondern eher „Typen“ in der LAPD: Enforcer sind direkter im Umgang mit Verdächtigen, hauen vielleicht schneller zu, während ein Analyst eine diskretere Verfolgung anstrebt. Mit der Auswahl eines Archetyps kommen Kernattribute und -skills sowie Spezialisierungsmöglichkeiten.
Die Attribute werden über Attribute Scores festgelegt, wobei langjährige Polizist*innen zwar niedrigere Attribute haben als Rookies, aber dafür wesentlich bessere Skills und Spezialgebiete. Neben den Beziehungen, die einen SC in der Welt verankern, gilt es noch, eine spezielle Erinnerung auszuwählen. Diese Erinnerung kann den Charakter antreiben, ihn belasten und vieles mehr. Einmal pro Spielsitzung kann damit ein Wurf verbessert werden, wenn es eine sinnvolle Begründung gibt. Dieses Spielelement kennt man zum Beispiel schon als Stolz aus Tales from the Loop und ist eine spannende Verbindung zwischen Erzählen und Würfeln.
Neben der Standardausrüstung, zu der natürlich die Marke des LAPD gehört, wählt man auch ein Signature Item, das Stress reduziert, wenn man damit interagiert. Dies ist ein weiteres Element zur Bildung eines umfangreichen Narrativs um den Charakter. Der Wohlstand des Charakters wird abstrakt mit Chinyen Points dargestellt, wobei das Department eine Wohnung in Sektor 5 nahe dem LAPD-Hauptquartier stellt – sonst könnte man sich hier sicher keine leisten.
Gesteigert wird ein Charakter über Promotion Points und Humanity Points. Mit ersteren können unter anderem neue Spezialisierungen erhalten werden, mit denen man zum*r Verhörspezialist*in werden kann oder Stress beim Origamifalten abbaut. Man erhält sie am Ende einer Sitzung für gute Arbeit oder schon währenddessen. Bei Vernachlässigung der eigenen Pflichten ist man sie aber auch schnell wieder los. Mit Humanity Points, die man beispielsweise für mitfühlendes Verhalten anderen gegenüber erhält, können Skills gesteigert werden.
Die Charaktererstellung ist der Beginn einer Reise in die dunkle und verregnete Welt des L.A. von 2037. Die Auswahl ist nicht sehr umfangreich, aber dafür dauert es auch nicht lange, einen Blade Runner zu erschaffen. Nach der Erstellung eines SC ist man auch sofort in der richtigen Stimmung, um sich eine Akte zu schnappen und den nächsten Fall zu lösen.
Spielbarkeit aus Spielleitungssicht
Das Einlesen in die Spielwelt und Ausdenken von spannenden Fällen macht uneingeschränkt Spaß. Man will die Filme noch einmal sehen oder gar das Buch lesen, auf dem alles mehr oder minder basiert. Aber dann beginnt die Vorbereitung, und man ist etwas verloren.
Im letzten Abschnitt des Grundregelwerkes wird auf wenigen Seiten erklärt, wie das Spiel zu leiten ist und wie man Abenteuer (Case Files) aufbaut. Es gibt auch einen Case File Generator, aber für mehr als einen One Shot reicht das nicht aus. Tatsächlich wird man nur mit dem Starter Set eine sinnvolle Vorstellung davon bekommen, wie Blade Runner vorzubereiten ist.
Sieht man sich den Case File Electric Dreams (eine Anspielung auf den Originaltitel des Buches Do Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick) aus dem Starter Set an, wird langsam klar, dass eine längerfristige Runde oder Kampagne unverhältnismäßig viel Vorbereitungszeit verlangt. Anhand des Verlaufsdiagramms von Electric Dreams mit seinen zahlreichen Verschränkungen und den unzähligen Handouts zur Recherche sowie Schauplatzkarten lässt sich ableiten, wie lange es dauert, ähnliches Material für eigene Fälle zu erstellen. So kann man also entweder diese Zeit investieren oder auf die angekündigte Veröffentlichung neuer Case Files warten.
Spielbarkeit aus Spieler*innensicht
Für Cyberpunk-Fans ist das Eintauchen in die Welt eine mehr als lohnende Erfahrung. Zwar bleiben nicht viele Charakteroptionen, aber ein Cop im LA im Jahre 2037 zu sein, fühlt sich nach allem an, was man in den Filmen gesehen hat – und mehr.
Die Charaktere entwickeln sich schnell, und auch Rückschläge spornen an. Als Spieler*in kann man die Stimmung aufsaugen, den Regen schmecken (auch wenn er wahrscheinlich auf der Zunge brennt) und wünscht sich nichts sehnlicher, als im LAPD Spinner die nächsten Verdächtigen zu jagen.

Man würfelt eher selten und muss keine stundenlangen Kämpfe erwarten, es gibt viel Recherche und Gespräche mit Kontakten, Verhöre oder Observierungen. Mit dem richtigen Material spielt sich Blade Runner wie eine Mischung aus Actionfilm und Detektivabenteuer mit einer gehörigen Portion Existenzfragen und moralischen Scheidewegen. Das macht einfach nur Spaß!
Erscheinungsbild
Wenn man das Grundregelwerk in die Hand nimmt, merkt man am Gewicht, dem Einband und den glänzenden Seiten, dass es ein wertiges Produkt ist. Beim Durchblättern ist man immer wieder von der Gestaltung überrascht, wenn von den schwarzen Seiten beeindruckende Charakterillustrationen in Neonfarben strahlen oder sich hinter den Textboxen eine wilde Szene aus den Straßen von Los Angeles abspielt. Das gesamte Buch packt Lesende und zieht sie mit jeder Seite tiefer in die Spielwelt.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Während des Lesens zum reinen Amüsement ist die Gestaltung hervorragend, wenn auch teilweise mit etwas kleiner Schrift versehen. Spätestens beim Nachschlagen während des Spiels oder der gezielten Suche einer Passage ist nicht nur die Schriftgröße, sondern auch der starke Kontrast mit dem dunklen Hintergrund ein wenig anstrengend. Gleichzeitig möchte man sie nicht missen.
Der Index hilft zumindest, die richtige Stelle leichter zu finden, wobei man sich immer wieder dabei erwischt, abzuschweifen und doch lieber noch einmal das SYNTH-Interview mit Niander Wallace, dem CEO der Wallace Corporation, zu lesen.
Wer ein Regelwerk erwartet, bei dem der Leitspruch „Funktion über Form“ eingehalten wurde, ist in Blade Runner falsch. Wer aber ein Regelwerk sucht, das beim Lesen nicht eine Sekunde Zweifel daran lässt, dass man diese Spielwelt erleben will, kann die Suche beenden.
Die harten Fakten:
- Verlag: Free League Publishing
- Autor*in(nen): Tomas Härenstam, Joe LeFavi
- Erscheinungsjahr: 2022
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover/PDF
- Seitenanzahl: 233
- ISBN: 9789189143739
- Preis: 49,99 EUR (Hardcover), 24,99 USD (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, idealo, DriveThruRPG (PDF), Sphärenmeister
Bonus/Downloadcontent
Bei Free League gibt es im Downloadbereich Charakterbögen und Time Tracker.
Fazit
Das Blade Runner RPG widmet sich einer Vorlage, die ein ganzes Genre gegründet hat. Egal ob Cyberpunk Red/2020/2077, Shadowrun oder Der Sprawl: All diese Rollenspiele referieren auf diese Vorlage. Und Free League setzt das Setting perfekt um, reißt einen in den Moloch Los Angeles, wo man im ewigen Regen seinen Mantel zuzieht und dabei die Hand fest um die Marke des LAPD klammert. Der nächste Replikant könnte gefährlich sein, das ist klar.
Die Charakteroptionen sind natürlich beschränkt, da alle Charaktere Polizist*innen des LAPD in der gleichen Abteilung sind, aber der Fokus liegt sowieso auf dem Erzählerischen. Dort können alle Geschichten erzählt werden, die einem nur einfallen.

Jeder Text und jede Illustration ist stimmig und hervorragend umgesetzt, um eine düstere und dystopische Zukunft zu vermitteln, in der die Charaktere als Blade Runner auf die Jagd nach Replikanten gehen. Da mag der Textsatz ein wenig klein und das Nachschlagen wegen der dunklen Seiten manchmal etwas anstrengend sein, doch das nimmt man in Kauf.
Die größte Kritik am Blade Runner RPG ist, dass die Anforderungen an eine Spielleitung in puncto Vorbereitung sehr hoch sind und die SL dabei wenig geführt wird. Zwar gibt es mit dem separat erhältlichen Starter Set eine erste Anlaufstation, aber sie ist eben nicht im Grundregelwerk zu finden. Wen das nicht stört, der erhält mit Blade Runner ein wahres Dystopie-Kunstwerk in Papierform.
Voller Erwartung möchte man seine Marke und den PK-D 5223 Blaster „Detective Special“ nehmen, in seinen Spinner steigen und auf den Straßen von Los Angeles seinen verdammten Job machen.

- Immersive Gestaltung
- Einfaches Regelsystem
- Extrem spannendes Setting
- Vorbereitung enorm umfangreich
Artikelbilder: © Free League Publishing
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Rick Davids
Dieses Produkt wurde privat finanziert.


















