Kein klassischer Kampf, keine Traumlande, kein König in Gelb – und trotzdem ein stimmungsvolles Rollenspiel ganz im Sinne des Lovecraftian Horror? Macabre Tales besticht durch sein liebevoll gestaltetes, retro anmutendes Gesamtpaket und ein exotisches Element: Statt zu würfeln, spielen wir Domino!
Macabre Tales ist ein Pen-and-Paper-Rollenspiel, das sich ganz dem Lovecraftian Horror verschrieben hat. Das System ist auf One-Shots ausgelegt und folgt dem Ansatz des One-On-One Gamings: Eine Spielleitung und ein*e Spieler*in (üb)erleben kosmischen Horror in kurzen Abenteuern, die Tales genannt werden. Die Spielmechanik wird getragen von Dominosteinen, die den Fortlauf des Tales bestimmen.
psychische Krankheiten, Gewalt
Die Spielwelt

Macabre Tales spielt in der Welt von Lovecrafts ersten Kurzgeschichten: dem Arkhamzyklus.
Schon auf den ersten Seiten stellt die Autorin klar, dass der Cthulhu-Mythos, wie viele ihn aus anderen großen Rollenspielen wie Cthulhu kennen, hier als solcher irrelevant ist.
Anders als andere Rollenspiele bezieht sich Macabre Tales nämlich ausschließlich auf die geschriebenen Werke von Lovecraft und ignoriert das über die Zeit hinzugekommene Material anderer Autor*innen wie Chambers oder Derleth. Auch den Traumzyklus klammert Macabre Tales aus. Fans von Itaquha, Hastur oder den Traumlanden werden also nicht auf ihre Kosten kommen.
Diese Entscheidung klingt zunächst limitierend, wurde jedoch mit der Intention getroffen, sich, wie Lovecraft, ausschließlich auf individuelle Geschichten einzelner Protagonist*innen zu konzentrieren und so besser das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit gegenüber den kosmischen Schrecken abzubilden.

Macabre Tales hat das Potenzial, dieses Gefühl zu übermitteln. Dies liegt zum einen daran, dass dem*der Spieler*in und der Spielleitung zahlreiche Informationen und detaillierte Beschreibungen zum Lovecraftian Horror sowie hilfreiche Tipps zum Erzeugen einer unheimlichen Atmosphäre an die Hand gegeben werden. Zum anderen wird das kosmische Grauen vor allem vom Ansatz des One-On-One Gamings getragen, in welchem der*die Spieler*in die Rolle der Hauptfigur ganz im Sinne einer Geschichte von Lovecraft einnimmt und der kosmischen Übermacht in der Hand der Spielleitung gegenübersteht.
Die Spielwelt wird beschrieben, indem relevante Orte, Bücher, Große Alte und Monster kurz vorgestellt werden. Die Beschreibungen sind knappgehalten, umfassen aber alle wichtigen Informationen, die normalerweise für einen One-Shot benötigt werden und sind zudem mit direkten Zitaten aus Lovecrafts Werken unterfüttert.
Da sich Macabre Tales ausschließlich auf Lovecrafts direkte Werke bezieht, ist der Umfang (verständlicherweise) entsprechend geringer als bei der großen Konkurrenz Cthulhu, und so werden als bespielbare Orte nur Arkham, Dunwich und Innsmouth vorgestellt.
Die Magie, wie viele sie aus Lovecrafts Geschichten kennen, gibt es auch hier als Spielelement. Leider wird dieser aber nur eine verknappte Beschreibung zuteil, die nicht wirklich ein stimmungsvolles oder verständliches Bild über den Einsatz von Zaubern oder Beschwörungen liefert.
Die Regeln
Macabre Tales legt viel Wert auf stimmungsvolles Rollenspiel, in dem das Erzählen im Vordergrund steht. Die Spielmechanik und -regeln sind geprägt vom narrativen Charakter des Spiels und wenig komplex, sodass man nach erstmaligem Spielen diese leicht in Erinnerung rufen kann. Die Spielmechanik wird getragen von zwei Sets an Dominosteinen, die dem*der Spieler*in während des gesamten Spiels als Pool zur Verfügung stehen.

Der Spieler*innencharakter selbst verfügt über drei Hauptattribute: Body, Mind und Soul. Jedes Hauptattribut wird einer Ausprägung zugeordnet: normal, good oder excellent. Weiterhin verfügt der Charakter über Fertigkeiten, die jeweils einem Hauptattribut zugeordnet werden. Diese Fertigkeiten haben einen numerischen Wert, welcher in der Charaktererschaffung festgelegt wird. Dieser reicht von 1, der SC hat diese Fertigkeit vor kurzem erlernt, bis 5, der SC gehört zu den Besten weltweit. Sie zeigen demnach an, was der Charakter besonders gut kann.
Das Tale (Abenteuer) wird initiiert von der Spielleitung, die den Rahmen der Geschichte festlegt und diese konstruiert. Im Verlauf des Tales konfrontiert sie den SC mit Herausforderungen, die dieser meistern muss. Die Spielleitung legt verdeckt eine Schwierigkeit für die entsprechende Herausforderung fest, die abhängig von der Komplexität der Handlung und der Situation ist, in der diese stattfindet. Erreicht der*die Spieler*in einen Wert, der gleich oder größer als die von der Spielleitung festgelegte Schwierigkeit ist, ist die Herausforderung erfolgreich bewältigt.
Doch wie wird dieser Wert berechnet? Hier kommen die Dominosteine zum Einsatz:
Der*die Spieler*in hat drei Dominosteine auf der Hand, die zuvor blind aus dem Pool gezogen wurden. Es gilt: Wird ein Stein ausgegeben, so wird sofort ein neuer nachgezogen. Damit wird sichergestellt, dass immer drei Steine auf der Hand verfügbar sind.
Sollte die Spielleitung eine Probe verlangen, wählt der*die Spieler*in einen Dominostein aus. Die Art der Handlung beziehungsweise der Probe legt fest, welches Attribut des Charakters nun relevant wird.
Die Ausprägung des Attributs bestimmt, welche Seite des Dominosteins für die Probe verwendet werden darf: die Niedrigere (normal), die Höhere (good) oder sogar beide addiert (excellent)? Besitzt der Charakter dann die Fertigkeit, die für die Probe relevant ist, darf der numerische Wert auf den Wert des Dominosteins addiert werden.
Die Spielleitung legt verdeckt eine Schwierigkeit von 6 fest, da die Tür verstärkt und das dicke Holz nach langen Jahren ganz verzogen ist. Sie legt weiterhin fest, dass diese Probe auf das Attribut Body mit der Fertigkeit Strength geht. Sofern die Spielerin Monika dieser bei der Charaktererschaffung Punkte zugeteilt hat, kann sie diesen Wert also in die Probe mit einbeziehen.
Da Andrew Webster mehr Muskeln als Verstand hat, hat sein Attribut Body die Ausprägung good. Auch hat er 2 Punkte in der Fertigkeit Strength. Die Spielerin wählt einen 1|4 Dominostein, den sie auf der Hand hat, aus.
Da das relevante Attribut good ist, nimmt sie die höhere Seite, also die 4. Sie addiert 2 Punkte von der Fertigkeit Strength hinzu und erhält somit einen Gesamtwert von 6. Die Schwierigkeit zum Öffnen der Tür lag ebenfalls bei 6. Monika gelingt demnach gerade so die Probe und Andrew Webster kann die alte Tür auframmen.
Eine weitere interessante Mechanik ist die Tension Scene. Tension Scenes treten immer dann auf, wenn sich die Handlung zuspitzt und Situationen eintreten, die potenziell das Spiel beenden könnten, beispielsweise weil der SC sterben oder wahnsinnig werden könnte. Tension Scenes umfassen daher auch Kämpfe, die ansonsten im Regelwerk nicht weiter aufgegriffen werden.
Diese kritischen Momente des Tales werden über eine Reihe von Proben erzählt, deren Ergebnis zum Erhalt (Probe geschafft) oder Verlust (Probe missglückt) von Momentum Points führt. Wird ein von der Spielleitung zu Beginn der Tension Scene festgelegter Zielwert an Momentum Points erreicht, entscheidet der SC die heikle Situation für sich. Fällt der Vorrat an Momentum Points auf 0 oder darunter, verliert er die Tension Scene.
Diese Niederlage kann entweder dazu führen, dass der Charakter einfach nur nicht erfolgreich ist; er beispielsweise eine Verletzung von einer Begegnung mit einem Ghul davonträgt, den flüchtenden Kultisten doch nicht einholt oder ähnliches. Sie kann aber auch dazu führen, dass das Tale an diesem Punkt endet, eben weil der SC gestorben oder wahnsinnig geworden ist. Ob die Tension Scene nur einfach nicht erfolgreich war oder ob sie in einem Spielende resultiert, wird mit einem zufällig aus dem Pool gezogenen Dominostein ermittelt. Verbleibt die Augenzahl unter einem festgelegten Wert, bedeutet dies das Ende des Spiels.
Das Spiel ermutigt den*die Spieler*in selbst zur Narration, indem diese*r für gutes und stimmungsvolles Rollenspiel oder für gute Ideen, die die Geschichte voranbringen, Genre Points erwerben kann.
Diese Genre Points können unter anderem verwendet werden, um Szenen zu modifizieren oder Boni auf bestimmte Proben zu erhalten, und stellen somit ein positives Element für den*die Spieler*in dar.
Die Spielleitung muss für den Erfolg der Handlungen von NSCs keine Dominosteine ziehen. Stattdessen legt sie fest, ob die Aktionen der supporting characters, wie sie hier genannt werden, erfolgreich sind oder nicht.
Dabei soll sie natürlich ganz im Sinne einer stimmungsvollen lovecraftschen Geschichte entscheiden.
Zusätzlich ist der Schwierigkeitsgrad einer Probe geheim; der*die Spieler*in erfährt also erst nach Wahl des Dominosteins, ob der Charakter erfolgreich ist.
Weiterhin erlangt die Spielleitung im Verlauf des Tales Dominosteine, mit denen sie das Leben ihres Spielers*ihrer Spielerin schwer machen können. Immer dann, wenn der*die Spieler*in einen Double spielt, also einen Dominostein, dessen Seiten beide den gleichen Wert haben, muss er*sie diesen nach der Probe direkt an die Spielleitung abgeben. Die Spielleitung kann die so erbeuteten Dominosteine dann einsetzen, um die Spezialfähigkeiten von Monstern zu aktivieren, Schwierigkeitsgrade für Proben zu erhöhen oder um den*die Spieler*in Dominosteine aus der Hand abwerfen zu lassen.
Der größer werdende Stapel Dominosteine auf Seiten der Spielleitung sorgt für Spannung am Spieltisch und trägt so gut zu der unheimlichen Stimmung bei, die ganz im Sinne von Macabre Tales ist.
Charaktererschaffung
Die Charaktererschaffung ist sehr überschaubar und kurz gehalten. Dies spiegelt sich auch im Charakterbogen wider, der übersichtlich und verständlich aufgebaut ist.
Etwa zehn Minuten dauert es, bis ein neuer SC in die Welt von Macabre Tales eintauchen kann.
Zuerst werden die Ausprägungen der Hauptattribute bestimmt. Hierzu wählt der*die Spieler*in eins der vier angebotenen Pakete, die verschiedene Kombinationen aus normal, good und excellent beinhalten, aus.
Anschließend werden zusätzliche Punkte auf Fertigkeiten verteilt. Die Umrechnung der Kosten für die Zuordnung von Punkten auf Fertigkeiten ist in den meisten Fällen eins zu eins, sodass es auch in diesem Schritt zu wenig Verwirrung kommen sollte.

Nun fehlen nur noch der Name des Charakters und eine stimmungsvolle Hintergrundgeschichte sowie ein paar persönliche Eigenschaften. Eine Tabelle im Regelwerk enthält verschiedene Beispiele, die der*die Spieler*in entweder exakt so übernehmen oder als Inspiration nutzen kann.
Zu guter Letzt werden die Taschen der Charaktere gefüllt, indem der*die Spieler*in die Gegenstände nennt, die der Charakter der Hintergrundgeschichte entsprechend dabeihaben könnte. Erst wenn diese von der Spielleitung abgenickt werden, können sie als Inventar eingetragen werden.
Fertig ist die Hauptfigur des nächsten Tales!
Da Macabre Tales auf One-Shots ausgelegt ist, ist keine Charakterentwicklung oder -steigerung vorgesehen und entsprechend werden auch keine Regeln hierfür angeboten.
Erscheinungsbild
Die Aufmachung erinnert an ein Pulp Magazine der 1930/40er Jahre und soll vermutlich eine Hommage an eben jene Magazine sein, in denen Lovecraft seinerzeit selbst veröffentlich hat. Vom Cover, über die Gestaltung des Seitenhintergrunds, der an altes, vergilbtes Papier erinnert, bis hin zu den „Werbeannoncen“ für eine Schildkrötenzucht: Das Rollenspiel ist liebevoll gestaltet.
Das Regelwerk, welches für den Ersteindruck als PDF-Dokument vorliegt, umfasst 93 Seiten. Ein Index ist vorhanden, sodass das gewünschte Stichwort schnell gefunden werden kann.
Illustrationen lockern die Seiten auf und sind, mit Ausnahme des Covers, in schwarz-weiß gehalten.
Generell ist der Text gut gesetzt, jedoch ist die Lesbarkeit durch die Hintergrundfarbe der Seiten ein wenig eingeschränkt. Diese ist zwar stimmungsvoll, jedoch erschwert der fehlende Kontrast zwischen Seiten- und Textfarbe auf Dauer das Lesen.
Die harten Fakten:

- Verlag: Spectrum Games
- Autor*in(nen): Cynthia Celeste Miller
- Illustrator*in(nen): Scott Harshbarger, Nicholas Shepherd, Ward Donovan, Jiří Dvorský, Sam Inabinet, Krum
- Erscheinungsjahr: 2011
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover, Softcover, PDF
- Seitenanzahl: 93
- ISBN: –
- Preis: 11,04 EUR (PDF), 25,58 EUR (Hardcover), 16,20 EUR (Softcover)
- Bezugsquelle: DriveThruRPG
Fazit
Der narrative Ansatz und die innovativen Spielmechaniken machen Macabre Tales zu einem stimmungsvollen Rollenspiel im Sinne des Lovecraftian Horrors. Das Geheimhalten der Schwierigkeiten und die Möglichkeit zur Erschwerung von Proben seitens der Spielleitung sorgt für eine unheimliche Stimmung und ein allgegenwärtiges Gefühl von drohendem Unheil am Spieltisch. Stein um Stein kämpft der SC um Leben und Verstand, und es ist nur die taktisch gut überlegte Verwendung der Dominosteine, die ihn retten kann.
Die Spielwelt ist durch die Fokussierung auf die direkten Werke Lovecrafts stark eingeschränkt und verbleibt ausschließlich in Neu-England. „Ausflüge“ in die Traumlande oder andere, sonst für den Cthulhu-Mythos relevanten Orte wie die Pyramiden in Ägypten sind nicht vorgesehen.
Die Spielregeln und -mechaniken sind einfach und schnell gelernt. Auch die Charaktererschaffung ist sehr überschaubar, sodass bereits nach zehn Minuten ein neuer SC in das Tale einsteigen kann. Zwar ist das Rollenspiel mit dem Hintergedanken entwickelt worden, möglichst wenig Vorbereitungszeit seitens der Spielleitung in Anspruch zu nehmen. Da das Regelwerk jedoch zu wenig Unterstützung zur Ausgestaltung der Tales bietet, muss die Spielleitung vor der Spielsession extra Zeit einplanen.
Das Regelwerk ist in einem stimmungsvollen Retro-Design gehalten, manchmal wegen der Gestaltung des Seitenhintergrunds jedoch schwierig lesbar.
Positiv hervorzuheben ist, dass Macabre Tales den Ansatz des One-On-One Gamings verfolgt, da es bisher nicht allzu viele solcher Rollenspiele auf dem Markt gibt.
Trotz seiner Einschränkungen in der Spielwelt bekommt man ab 11,04 EUR jedoch ein stimmungsvolles Rollenspiel für zwei Spielende. Für Fans von narrativen Rollenspielen oder von anderen Cthulhu-Mythos-zentrierten Rollenspielen wie Cthulhu, Fhtagn oder Ähnlichem könnte dieses doch eher unbekannte Rollenspiel eindeutig einen Reiz haben und eine interessante Abwechslung für den nächsten One-Shot darstellen.
Macabre Tales erhält von uns vier von fünf Punkten. Damit stehen die Sterne günstig für ein spannendes und unheimliches Investigativabenteuer zu zweit.

- Innovative Spielmechaniken
- Einfache Regeln
- Verfolgt den Ansatz des One-On-One Gamings
- Ausschließlicher Fokus auf den Arkham-Zyklus
- Viel Vorbereitungszeit für die Spielleitung
- Schwierige Lesbarkeit des PDFs
Artikelbilder: © Spectrum Games
Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Alexa Kasparek
Fotografien: Patricia Bourcevet
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
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