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Bei Titeln wie Balatro, Slay the Spire und Hades schlägt dein Herz höher? Dann solltest du dringend den Mythos des Sisyphos von Albert Camus lesen. Warum das miteinander zusammenhängt und wo wir diese fixe Idee herhaben, erklären wir euch in diesem Artikel.

Einigen wird der Name Albert Camus (französischer Schriftsteller und Philosoph, * 07. November 1913, † 04. Januar 1960) vielleicht aus Schulzeiten bekannt vorkommen. Doch die wenigsten werden ihn vermutlich in einem Artikel von Teilzeithelden zu lesen erwartet haben. Das ist gut, denn das bedeutet, dass wir schon mitten im Thema sind: Ist es nicht absurd, dass sich ein Phantastik-Webmagazin mit Philosophie beschäftigt? Wir finden, das passt zusammen und freuen uns, euch mit auf eine unserer ungewöhnlicheren Reisen zu nehmen.

Triggerwarnungen

Selbstmord, Religionskritik

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Warum Philosophie? Ich will doch nur spielen!

Je nachdem, wie wir unser Deck aufbauen, fühlen sich Runs in Balatro sehr unterschiedlich an.
Je nachdem, wie wir unser Deck aufbauen, fühlen sich Runs in Balatro sehr unterschiedlich an. © LocalThunk

Vielleicht kommt der Impuls, sich beim Thema Philosophie genervt abzuwenden, dem*der ein oder anderen bekannt vor. Philosophie, das ist doch etwas, womit sich alte weiße Männer in ihren bequemen Ohrensesseln beschäftigen; das hat mit uns in unseren ergonomischen Gaming-Stühlen doch nichts zu tun. Aber wenn wir mal genau darüber nachdenken, woher diese Ablehnung kommt, dann landen wir mit Kants kategorischem Imperativ vielleicht doch dabei, dass es uns sehr wohl etwas angeht. Denn Aufgabe der Philosophie ist es, dem Menschen Denkstrukturen vorzugeben, an denen man sein Handeln ausrichten kann. Wohlgemerkt kann, denn natürlich erfordert es zunächst einmal Aufwand, sich in eine Denkstruktur einzufinden und ihr dann auch zu folgen. Letztendlich wollen wir damit aber eine Rechtfertigung unseres alltäglichen Handelns erreichen, wir möchten gerne einen Grund haben, warum wir denken, dass das, was wir tun, gerechtfertigt und im besten Fall auch noch gut ist. Und weil das fürs Spielen vielleicht nicht unmittelbar auf der Hand liegt, versuchen wir einmal gemeinsam, die Gründe zu finden, warum wir tagtäglich spielen und Spaß daran haben.

Das Spiel als Kulturgut

Auch mir war es gar nicht so bewusst, aber das Videospiel ist in Deutschland bereits seit Jahren als Kulturgut anerkannt und es gibt viele Institutionen, die sich mit der Vermittlung zwischen digitalen Welten und realweltlichen Thematiken und Problemen auseinandersetzen. Nicht zuletzt wird außerdem schon lange jährlich der Deutsche Computerspielepreis verliehen, bei dessen Gewinnern euch sicherlich das ein oder andere Spiel bekannt vorkommen wird. Auch wenn die Auseinandersetzung mit diesen Dingen keine Voraussetzung ist, um am Spielen Spaß zu haben, ist doch der Gedanke schön, dass es Menschen gibt, die sich auch ernsthaft mit der Frage beschäftigen, wieso wir eigentlich unser Hobby so sehr lieben und versuchen, dies auch anderen zu nahezubringen. Und seien wir mal ehrlich: Damit sind sie wahrscheinlich erfolgreicher als wir, wenn wir versuchen, unserer Schwiegermutter zum fünfzehnten Mal zu erklären, warum es uns nicht verblöden lässt, wenn wir mal wieder viel zu viel Zeit in viel zu viele unerfolgreiche Runs bei Brotato gesteckt haben und trotzdem keinen missen wollen. Immerhin hängt nicht nur unser Herz an dem Spiel, sondern ein wenig vielleicht auch unser Seelenheil an dem Gedanken, dass wir nicht nur Zeit totschlagen, sondern damit tatsächlich auch etwas für uns tun. Die Frage ist: Was genau tun wir uns denn damit Gutes? Meine Schwiegermutter würde ja jetzt sagen, meinem Bauch täte ich damit sicher keinen Gefallen, ganz besonders nicht mit den meistens bereitstehenden Snacks neben dem PC oder auf dem Sofa vor der Konsole am Fernseher. Aber vielleicht ist es der Verstand, den ich damit schule? Hier kann uns Camus ganz schnell demotivieren:

Wenn man zu denken anfängt, beginnt man ausgehöhlt zu werden. (…) Der Wurm sitzt im Herzen des Menschen. Dort muss er auch gesucht werden.

Karten sind besonders prädestiniert für Roguelikes, nicht umsonst haben wir gleich drei in unserer Auswahl…
Karten sind besonders prädestiniert für Roguelikes, nicht umsonst haben wir gleich drei in unserer Auswahl…

Der Verstand scheidet somit nach Camus wohl also aus. Schade eigentlich, aber immerhin hat niemand behauptet, wir würden durch Spiele unseren IQ in luftige Höhen treiben können. Ist es am Ende also doch das Herz, dem wir mit unseren teils nächtelangen Zock-Abenteuern etwas Gutes tun? Wünschen wir uns nicht am Ende alle, wir könnten einmal die Held*innen unserer eigenen Geschichte werden, so wie wir immer die Held*innen in den Spielen zum Sieg führen, die wir so sehr lieben? Dann sollten wir uns nun dem Absurden zuwenden, um dem Rätsel, wieso wir zwar keine wahren Held*innen, aber doch wenigstens absurde Held*innen nach Albert Camus werden können, einen Schritt näherzukommen.

Eine absurde Betrachtung

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten.

Binding of Isaac oder Cult of the Lamb? Blutig wird es so oder so.© Edmund McMillen/Florian Himsl
Binding of Isaac oder Cult of the Lamb? Blutig wird es so oder so.© Edmund McMillen/Florian Himsl

Camus hat nicht den Anspruch, eine Philosophie des Absurden zu formulieren. Er setzt sich lediglich mit der Frage auseinander, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden. Die Antwort, die er auf den 175 Seiten der deutschen Ausgabe des Sisyphos findet, kommt zu dem Ergebnis, dass der Selbstmord nicht die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens darstellt, sondern eine Flucht vor ihr ist. Genauso, wie die Hoffnung, eine Antwort in etwas zu finden, das größer ist als der Mensch. Camus lehnt letztlich also nicht nur den Selbstmord ab, sondern auch die Erklärung des Daseins durch ein göttliches Wesen, weshalb sein Werk auch als religionskritisch eingestuft wird. Wir müssen uns in unserem Leben also damit abfinden, dass es nichts Größeres gibt als uns; und das kann bei all den Hiobsbotschaften, die uns aus aller Welt erreichen, oft schon ziemlich frustrierend sein. Die Absurdität dieses Daseins, das eines größeren Sinns beraubt ist, auszuhalten, macht nach Camus nun das absurde Heldentum in Literatur und Kultur aus. Absurd also, dass wir uns bei all der Negativität um uns herum noch auf so etwas Einfaches wie das Spielen konzentrieren können. Hat da jemand einfach geschrieben?

Absurde Roguelikes

Einfach ist sicher nicht das erste Wort, das jemandem einfällt, wenn die Person versucht zu beschreiben, was Roguelikes sind. Manche Vertreter des Genres sind nämlich das genaue Gegenteil von einfach: Nicht umsonst gibt es inzwischen sogar das Roguelite Genre, das es ermöglicht, meist durch dauerhaft freischaltbare Verbesserungen, auch zwischen den Runs ein Gefühl von Fortschritt zu erleben. Die Grenzen zwischen den beiden sind zwar fließend und wie mein Kollege Simon in seinem Artikel zu Against the Storm festgestellt hat, definiert sich ein Roguelike ja auch durch die Kombination mit anderen Genres, was es von anderen Spielen unterscheidet. Wo ich einem Final Fantasy seine Verwurzelung in der JRPG-Szene auch nach vielen Jahren und Veränderungen weiterhin ansehe, ist bei einem Roguelike nicht unbedingt so klar, welche Genreanteile überwiegen. Es gibt Vertreter wie Vampire Survivors, der das Genre der Reverse Bullethell definiert hat und sich damit recht klar einem einzigen anderen Genre zuordnen lässt. Oft enthalten die Spiele aber Anleihen diverser anderer Genregrößen und bedienen sich sowohl der Mechaniken als auch narrativer Ideen wie es gerade passt. Ein gutes Beispiel ist Hades, das nicht nur mit einer umfangreichen Geschichte und einem ausgefeilten Kampfsystem aufwartet, sondern auch Romancing Optionen, einen Housing-Aspekt und ein reichhaltiges Endgame bietet.

Mit Dave eine weitere Runde fischen gehen, um abends frisches Sushi servieren zu können…© Mintrocket
Mit Dave eine weitere Runde fischen gehen, um abends frisches Sushi servieren zu können…© Mintrocket

Absurd, wie viel Auswahl wir schon jetzt, nach nur knapp 1.000 Wörtern bereits haben oder nicht? Das ist das Schöne an diesem vielfältigen Genre: Es bietet genug Optionen an, dass für alle Spieler*innen eine Möglichkeit, Spaß zu finden, dabei ist. Ich würde ja wetten, dass sich heutzutage in mindestens jeder zweiten Steam Library wenigstens ein Roguelike finden lässt. Und sicherlich habe ich viele großartige Vertreter außer Acht gelassen. Dead Cells, Inscryption, Blue Prince, DAVE THE DIVER, The Binding of Isaac und viele andere hätten mehr als eine Honorable Mention verdient, doch selbst wenn ich unbegrenzten Platz für diesen Artikel hätte, würde ich doch nicht allen gerecht werden. Daher schließen wir nun mit einem kleinen Fazit und kommen endlich dazu, wie ihr den Held*innen eurer Lieblingsspiele einen Schritt näher kommen könnt.

Fazit

Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Wenn der Selbstmord also die Flucht bedeutet, ebenso wie die Hoffnung, mit dem nächsten Versuch ein Stückchen weiterzukommen, dann bedeutet das für uns Spielende, die wir uns am nächsten Run unseres präferierten Roguelikes versuchen, Folgendes: Aufgeben ist keine Option, Gewinnen aber auch keine Möglichkeit. Uns bleibt also nur, es immer wieder aufs Neue zu versuchen, den Stein einen Schritt weiter in Richtung Gipfel zu schieben. Und wenn er am Ende unweigerlich wieder hinunterrollt, werden wir nicht verzweifeln. Wir werden die absurden Held*innen sein und genau wie Sisyphos den Kampf erneut aufnehmen. Unser Kampf gegen den Gipfel sieht sicherlich anders aus, als Camus ihn sich vorgestellt hat. Ich denke aber doch, dass sich darin etwas Vergleichbares findet. Und damit wünsche ich euch viel Spaß für die nächste Runde!

Disclaimer: Auch wenn in diesem Artikel mit dem Thema Suizid eher flapsig umgegangen wird, ist es Teilzeithelden natürlich bewusst, dass es sich um ein ernstes Thema handelt und Betroffene Hilfe benötigen. Daher hier der Hinweis auf entsprechende Anlaufstellen, solltet ihr selbst von Suizidgedanken betroffen sein oder wenn ihr euch Sorgen um jemanden macht: Holt euch bitte umgehend Hilfe. Sprecht mit vertrauten Personen oder nutzt anonyme Beratungsangebote, von denen wir unten einige aufgelistet haben.

  • Telefonseelsorge Deutschland: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 (rund um die Uhr, kostenfrei).
  • Notruf: 112 (bei akuter Gefahr).
  • Online-Beratung für Jugendliche: U25 (via E-Mail).
  • Weitere Anlaufstellen: Deutsche Depressionshilfe, Krisendienste.

Artikelbilder: © LocalThunk, © Edmund McMillen/Florian Himsl, © Mintrocket, © Mega Crit
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Alexa Kasparek

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