
Viele kennen es: Eine Figur schwirrt im Kopf herum, Kostüm und Accessoires nehmen Gestalt an, bis eine Vision entsteht. Genau diese Visionen wurden beim Cosplay-Contest der RatCon 2026 lebendig. Die Organisator*innen gewährten Einblicke hinter die Kulissen, während Teilnehmende ihre persönlichen Erfahrungen teilten.
Samstag, 10.08.2026, 10 Uhr. Nach einer kurzen Begrüßung durch Markus Plötz, Inhaber und Geschäftsführer von Ulisses Spiele, öffnen sich die Tore der Stadthalle Langen und die Besucher*innen strömen hinein. Unter ihnen sind bereits etliche Cosplayer*innen zu sehen, die Stimmung ist gelöst und entspannt. Sofort verteilen sich die Besucher*innen in der Stadthalle und im Außengelände, erkunden die Stände und melden sich für Workshops und Spielrunden an, unter anderem auch für den Cosplay-Contest.
Die Organisatoren*innen und die Geburt des Contests
Veranstaltet wird der Contest von der Shigwal Ottajasko aus Innsbruck, einer Gruppe von eingeschworenen DSA-Spieler*innen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die RatCon mit diesem Contest zu bereichern.
Entstanden ist diese Idee bereits nach ihrem ersten Besuch auf der RatCon vor vier Jahren, als die Gruppe als eine von wenigen im Cosplay erschien. Bereits ein Jahr darauf schien sich das Bild auf der Convention verändert zu haben, es waren bereits deutlich mehr Leute im Cosplay zu sehen als im Jahr zuvor und die Ottajasko rund um Meister Stefan hatte einen Entschluss gefasst: dieser Art der Kreativität muss mehr Raum gegeben werden.
Auf der Rückfahrt nach Innsbruck entstanden direkt erste Konzeptideen, die später verfeinert wurden. Und noch bevor der Veranstalter der RatCon, Ulisses Spiele, überhaupt eine Chance hatte auf diese Idee zu reagieren, hatte bereits Bernhard Hennen, Autor von unter anderem der Phileasson-Saga, zugestimmt, die Ottajasko in ihrem Vorhaben als Jury-Mitglied zu unterstützen.
Nach intensivem Kontakt und Austausch mit Ulisses Spiele wurde ein passendes Konzept entwickelt und erstmals auf der RatCon 2025 erfolgreich durchgeführt.
Eine Bühne voller Geschichten

Bereits im Vorfeld, vor dem eigentlichen Gang auf die Bühne, gab es ein sogenanntes Pre-Judging (Vorbewertung) ohne öffentliches Publikum. Hierbei nahm sich die Jury, bestehend aus Bernhard Hennen, Jan-Henrik Sievers, Mary, Fanalanthir und Stefan, pro Teilnehmenden etwa 10 Minuten Zeit, um das Handwerk zu begutachten und zu bestaunen. Dabei kam es der Jury vor allem auf den Gesamteindruck an. Egal ob gekauft, komplett selbst hergestellt oder wild durcheinander gewürfelt, das Zusammenspiel der Details war ausschlaggebend für die Punktevergabe der Jury. Hierbei wurde alles genau unter die Lupe genommen, von der handgewebten Borte bis hin zum selbst hergestellten Boronsrad (Symbol des Gottes Boron aus Aventurien). Besonders beeindruckt war die Jury davon, wie viele Teilnehmenden sich extra für die Erstellung ihres Cosplays neue Fertigkeiten selbst beigebracht haben, wie zum Beispiel Sticken, Nähen und Brettchenweben.
Zudem hat sich die Jury nicht nur das Handwerk angeschaut, sondern sich auch die Geschichten zu den Charakteren angehört, der Kern, der das Cosplay erst lebendig macht.
Das Pre-Judging wurde in diesem Jahr erstmalig eingeführt, nachdem die Organisator*innen, sowie die Jury im letzten Jahr festgestellt haben, dass 90 Sekunden auf einer Bühne einfach nicht ausreichen, alle Cosplays in ausreichender und gebührender Zeit in Gänze zu betrachten und zu beurteilen. So soll sichergestellt werden, dass kein Detail, keine spannende Geschichte untergeht.
Nacheinander stellten sich also die Cosplayer*innen mit ihren Charakteren vor, viele davon aus dem Universum von Das Schwarze Auge, aber auch einige aus Serien, wie zum Beispiel Charlie Morningstar aus der Serie Hazbin Hotel.
Um 16 Uhr öffnete sich die Mainstage, nahezu alle freien Sitzplätze wurden vom Publikum besetzt und alle blickten gespannt zur Bühne. Nach einer äußerst sympathischen und humorvollen Anmoderation durch Mitglieder der Shigwal Ottajasko begann das Schaulaufen und die Präsentation der Cosplayer*innen vor dem Publikum und der Jury.
Jede teilnehmende Person hatte etwa 90 Sekunden Zeit, um ihr Cosplay mit einer kleinen Performance zu präsentieren. Die Jury verteilte weitere Punkte, die zur Auswertung abgegeben wurden. Die Performances waren vielfältig, über Gebete zu Gottheiten des jeweiligen Universums bis hin zu Tanzeinlagen, grimmigen Blicken und Jonglage mit LED Poi-Bällen. Jeder Auftritt wurde vom Publikum mit begeistertem Applaus begleitet. Insgesamt haben 19 Cosplayer*innen an diesem Contest teilgenommen.
Welche Charaktere wurden dargestellt?
Während des Pre-Judgings durfte ich sowohl die Jury als auch die Teilnehmenden begleiten und habe mit vielen von ihnen gesprochen. Dabei war eine der elementaren Fragen natürlich, welcher Charakter dargestellt wurde und welche Bedeutung dieser Charakter für die jeweilige Person hat. Viele Teilnehmende verbinden sehr viel Persönliches mit dem jeweiligen Charakter, egal ob OC („Original character“) oder fest existierender Charakter aus einem Franchise-Universum wie Resident Evil.
So verbindet der Darsteller von Septimus Perainewohl, ein Geweihter der Göttin Peraine aus Aventurien, seine persönliche Leidenschaft für Pflanzen und Natur mit eben diesem Charakter, der den Lehren der Göttin Peraine folgt und somit äußerst naturverbunden agiert. Dabei kombiniert der Darsteller seine berufliche Erfahrung als Gärtner in einer Baumschule mit dem innerweltlichen Wissen seines Geweihten.
Lena, Cosplayerin von Charlie Morningstar aus Hazbin Hotel, liebt es, dass Charlie solch eine Frohnatur ist und dass sie selbst als Cosplayerin ihre Leidenschaft für Animation und Musicals dadurch ausleben kann.
Für Raimati ist ihre Mayla eine Möglichkeit, sich mit ihrer eigenen Kultur näher auseinanderzusetzen. Als Adoptivkind aus Indien nutzt sie ihren Charakter der inneraventurischen Stadt Fasar (orientalisch angehaucht), um ihre eigenen kulturellen Wurzeln zu erforschen und mit in das Spiel einzubinden.
Nahezu alle Teilnehmenden haben eines gemeinsam: sie alle verbinden persönliche Leidenschaften und Eigenschaften mit ihren gewählten Charakteren und nutzen diese, um sich frei zu entfalten und zu entwickeln.
Von Geschichten und Wünschen
Natürlich hat nicht nur das Outfit die Jury und mich interessiert, sondern auch die Geschichten, die dahinterstecken. Also habe ich die Teilnehmenden nach ihren besten Geschichten und Wünschen mit und für ihre Charaktere gefragt.
Vor allem die Teilnehmenden, die ihren Charakter aus dem Pen-and-Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge zum Leben erweckt haben, konnten viele tolle Geschichten erzählen, die sie mit ihm bereits erlebt haben oder noch erleben wollen.
So erzählte mir Tamina, wie ihr Charakter Nia Nathariel Milqvist, eine profane Draconiterin, zusammen mit ihrer Spielgruppe ein schwieriges Rätsel löste und die Lösung am Ende dem Dorfvorsteher überbringen konnte. Besonders der Spaß am Rätsellösen ist ihr dabei im Gedächtnis geblieben.
Thorben berichtete, wie sein Charakter Edwulf Fortanimor von Rodenstein, ein Geweihter der Rondra, es schaffte, seine Ängstlichkeit zum Wohle anderer zu überwinden und Leute aus einem gefährlichen Wald voller Schattenwesen gerettet hat.
Die Avesgeweihte Sapeïdra wuchs in einer Meeresregion auf und als das Spiel sie wieder zurück ans Meer führte, erinnert sich die Spielerin der Geweihte an das warme Heimatgefühl, dass das Meer in ihr auslöste.
Zudem ist es vielen ein Anliegen, anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn sie mit ihren Cosplays unterwegs sind. Sie freuen sich über eine tolle Zeit, über viele Gespräche und neue Kontakte und auch darüber, wenn ihre Charaktere tatsächlich erkannt werden, so wie der Charakter von René, Warin Ambrosius Waddel, ein Professor aus dem Scheibenwelt-Universum von Terry Pratchett.
Wieviel Arbeit macht so ein Cosplay eigentlich?
Cosplays entstehen für gewöhnlich nicht über Nacht, also wollte ich wissen, wie lange die Teilnehmenden für die Erstellung ihres Cosplays gebraucht haben. Die Antworten waren allesamt unterschiedlich. Einige sehen ihr Cosplay als dauerhaftes Projekt, so zum Beispiel Florian mit seinem Charakter Leomar von Sturmfels. Sein Cosplay hat sich über die Zeit einfach immer weiterentwickelt, von einer einfachen Robe bis zum heutigen Ergebnis.
Gerade die Details und Accessoires sind es, die oft die meiste Zeit beanspruchen. Der Hund des Charakters Leah Grimm, ein OC aus dem Universum von Resident Evil von Lea, hat allein für den 3D-Druck ca. 70 Stunden benötigt.
Der Borongeweihte und Mitglied im Orden der Marbo, Vater Armenius hat für sein Cosplay das Symbol seines Gottes, das Boronsrad, sorgfältig per Hand aus einer Aluminiumplatte herausgefeilt.
Die Zeitspanne für die Erstellung eines Cosplays variierte bei den Teilnehmenden zwischen einigen Tagen und mehreren Wochen, in denen sie ihrer Vision des jeweiligen Charakters Leben einhauchten.
Besonders beeindruckend: die meisten Cosplayer*innen arbeiteten nicht nur mit den Fähigkeiten, die sie bereits hatten, sondern haben sich selbst neue Fertigkeiten beigebracht, wie zum Beispiel das Bearbeiten von EVA Foam, um sich Rüstungsteile selbst herzustellen.
Und die Gewinner sind…
Am Ende der Show gab es natürlich die Siegerehrung, zu der alle Teilnehmenden noch einmal auf die Bühne gebeten wurden. Feierlich wurden die Plätze eins bis drei verkündet.
Auf den dritten Platz hat es Tamina mit ihrem Charakter Nia Nathariel Milqvist geschafft. Sie stellte ihren Charakter aus Das Schwarze Auge dar, eine profane Draconiterin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Wissen zu sammeln und Rätsel zu lösen. Ihr Cosplay hat sie komplett per Hand zusammengestellt, das Fehlen einer Nähmaschine war dabei eine besondere Herausforderung. Sie beeindruckte die Jury mit ihren liebevoll ausgearbeiteten Details, wie zum Beispiel die selbst erstellte Schriftrolle und ihre Handstickereien.
Der zweite Platz wurde von der Darstellerin des Charakters Eydis Brai Aruna belegt, eine Schamanin aus der aventurischen Kultur der Gjalsker. Die Gjalsker sind mit Tiergeistern verbunden und können mit diesen kommunizieren. Vor allem die Detailarbeit mit den Federn war eine Herausforderung, erklärte mir Eydis. Mit ihrem schamanischen Tanz auf der Bühne schlug sie das Publikum sowie die Jury in ihren Bann.
Florian performte sich mit seinem Charakter Leomar von Sturmfels auf den ersten Platz. Sein Magier stammt aus der Halle des Quecksilbers zu Festum und ist ein Drachenforscher. Angefangen hat dieses Cosplay als einfache Robe und wurde mit der Zeit immer weiterentwickelt. Die liebevoll ausgearbeiteten Details stechen einem sofort ins Auge und mit seiner brandschutzfreundlichen Feuershow mit den Poi-Bällen hat er die Jury von sich überzeugt.
Was sagt die Jury?
Natürlich hat es mich auch interessiert, was die Gedankengänge der Jury waren.
Worauf haben sie besonders geachtet? Wie schwer oder leicht fiel ihnen die Entscheidung?
Ausschlaggebend für die Jury war vor allem nicht, ob das Cosplay gekauft oder komplett selbst hergestellt wurde. Geachtet wurde vor allem auf Stimmigkeit, auf das Zusammenspiel von Details, Geschichte und Performance. Hierbei war vor allem das Pre-Judging dieses Jahr sehr hilfreich, sodass diese Methode wohl auch für den nächsten Contest beibehalten wird.
Die Entscheidungsfindung sei schwer gewesen, da alle Teilnehmenden tolle Cosplays präsentiert haben. Oftmals war es nur eine Frage von winzigen Details, die die Entscheidung gebracht hat. Gerade weil die Cosplays alle so individuell sind, war es gar nicht so leicht, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Geholfen hat es vor allem, dass man wusste, man entscheidet nicht allein, sodass jede*r Teilnehmende eine faire Chance bekam.

Die Botschaft der Ottajasko
Eine Ottajasko ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Dieser Begriff stammt aus der thorwalschen Kultur aus Das Schwarze Auge und beschreibt eine Gemeinschaft, die zusammenhält, füreinander da ist und den Weg gemeinsam geht. Dabei ist es unerheblich, ob man durch familiäre Blutsbande oder durch Freundschaft eng verbunden ist.
Und genau das möchte die Shigwal Ottajasko allen Cosplayer*innen mitgeben. Ihre Botschaft: Traut euch! Habt Spaß!
Sie wollen Cosplayer*innen zusammenbringen, egal ob Profi oder absoluter Neuling. Wer an diesem Contest teilnimmt, wird Teil einer riesigen Ottajasko. Im Mittelpunkt steht nicht der Wettkampf, sondern das Miteinander, der Austausch und der gemeinsame Spaß.
Und der Traum der Shigwal Ottajasko? Dass dieser verbindende Contest zu einem festen Bestandteil der RatCon wird.

Artikelbilder: © Cara Kotthaus-Hohendahl
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Cara Kotthaus-Hohendahl
Über die Autorin

Cara stammt aus dem wunderschönen Bergischen Land, hat sich aber irgendwie nach Hessen verirrt und lebt dort mit ihrem Mann und ihren zwei Fellkindern. Mit der Liebe zu ihrem Mann trat auch die Liebe zu Pen-and-Paper in ihr Leben und so kommt es, dass sie nun seit fast 10 Jahren dieser Leidenschaft nachgeht. Ein Leben ohne gesellschaftlich akzeptierte gemeinschaftliche Halluzinationen ist für sie gar nicht mehr vorstellbar.






![Werde Teilzeitheld*in im Bereich Pen-and-Paper [GESCHLOSSEN]](https://i0.wp.com/www.teilzeithelden.de/wp-content/uploads/2023/06/Titelbild-Ausschreibung-PnP.jpg?resize=218%2C150&ssl=1)










