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Manchmal braucht es einen Ausflug in phantastische Welten, um dem Alltag zu entfliehen. Doch was, wenn die Geduld oder Zeit nicht ausreicht, sich auf einen Roman einzulassen? Eine Möglichkeit ist, sich mit Rollenspielen oder Filmen zu beschäftigen. Doch es bieten sich weitere Lösungen: Teilzeithelden stellt euch zwei besondere Bücher vor.

Es macht Spaß, sich in fernen und unbekannten Welten zu verlieren. Vielleicht, weil die Mechanismen, nach denen unsere reale Welt funktioniert, außer Kraft gesetzt sind. Oder weil etwas hinzukommt, das einen großen Reiz ausmacht. Manche sind vielleicht fasziniert von den Wesen, die uns begegnen können und wieder andere davon, dass sie gewisse reale Schurk*innen in phantastischen Welten auf keinen Fall zu Gesicht bekommen.

In manchen Welten möchten wir Stunden verbringen und gleichzeitig die Möglichkeit haben, nach erlebten Abenteuern wieder zurückzukehren. Andere erschreckten uns und wir sind froh, dass wir nicht in ihnen leben müssen. Trotzdem begrüßen wir das wohlig-schaurige Gefühl, das uns überkommt, wenn wir an diese Orte und Geschehnisse, die die Welten zu dem machen, was sie sind, zurückdenken.

Zu viele Welten, zu wenig Zeit

Leider ist es selbst für Vielleser*innen manchmal schwierig oder unpassend, sich in aller Ruhe einem Roman, der in einer völlig neuen Welt spielt, zu widmen. Sei es, weil die Ruhe fehlt oder es an Zeit mangelt, sei es, weil der Kopf gerade von anderen Dingen beansprucht wird: Eine Lösung muss her, die das Bedürfnis nach ein wenig Eskapismus befriedigt.

Denn sind wir ehrlich: In diesen Zeiten brauchen wir unser Hobby mehr denn je, um Abstand zu allen kleinen und großen Krisen, die von nah und fern in unser Leben eindringen, zu bekommen. Doch gerade im Angesicht dieser Krisen kann es schwerfallen, sich auf einen ganzen Roman einzulassen, komplett abzuschalten und in phantastischen Welten zu versinken.

Allerdings gibt es auch positive Gegebenheiten, die uns nicht immer die Zeit lassen, uns mit unseren Lieblingswelten zu beschäftigen: Kinder und Familie. So gerne wir mit unseren Lieben Zeit verbringen, der Mental Load wird nicht weniger und so kann es passieren, dass man unfreiwillig weniger Zeit an phantastischen Orten verbringt als gewünscht.

Ein Weg aus derlei Dilemmata kann sein, das Medium zu wechseln: Mit einem Film oder einer Serie ist es möglich, sich in einem Bruchteil der Zeit, die man zum Lesen eines Romans brauchen würde, in andere Realitäten zu begeben. Oder ein klassischer Oneshot-Rollenspielabend verbindet das Ganze mit sozialer Aktivität und somit sind zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Doch für diejenigen, die trotz mangelnder Zeit oder Muße dem Medium Buch treu bleiben und trotzdem phantastische Welten (wieder-) entdecken möchten, gibt es eine Lösung: Sammelbände, die uns ebendiese Welten vorstellen. Diese Hausbücher machen es möglich, sich kurze Zeit mit bekannten und unbekannten Orten und Szenerien und den darin stattfindenden Geschichten zu beschäftigen. Zwei gelungene Exemplare möchten wir an dieser Stelle vorstellen.

Für die ganze Familie: In einem Land vor langer Zeit (Kate Davies)

Mit dieser Sammlung von zwölf phantastischen Geschichten ist im Prestel-Verlag ein Gesamtkunstwerk erschienen. Schon beim Blick auf das Cover überkommt einen die Lust, sich in die Geschichten hineinzuwerfen und sich von ihnen verschlingen zu lassen. Wir sehen ein Schloss, Feen, Tiere, Menschen, Wesen, Gebäude und noch vieles mehr, verziert mit Goldfolie. All dies verheißt ein phantastisches Lesevergnügen.

Auch nach dem Aufschlagen setzt sich der gute Eindruck fort: Es findet sich abermals ein Sammelsurium an Ausschnitten aus Geschichten, mit einem Feld zum Eintragen des Namens. Dies gibt den Lesenden die Möglichkeit, sich das Buch im wahrsten Sinne des Wortes zu eigen zu machen. Der*die Leser*in wird auch sogleich persönlich angesprochen und der Reiseaspekt und der Wert der Schauplätze, an denen die Ereignisse ihren jeweiligen Lauf nehmen, betont:

„Denn wie so oft sind nicht etwa die Zauberer oder Prinzessinnen oder das Happy End das Zauberhafteste an einem Märchen, sondern die eigenwilligen und wundervollen Landschaften, in denen die Geschichten spielen.“

Die zwölf Geschichten, in die uns dieses Buch mittels Nacherzählungen reisen lässt, dürften den meisten zumindest dem Namen nach bekannt sein: Wir fallen mit Alice ins Kaninchenloch, suchen die Schatzinsel, fliehen mit Schneewittchen zu den sieben Zwergen, verstecken uns mit Robin Hood im Sherwood Forest und vieles mehr. Die erste Geschichte führt uns nach Meertopolis, zur kleinen Meerjungfrau. Diese Erzählung wird hier näher vorgestellt, alle Geschichten des Buches sind nach dem gleichen Muster präsentiert.

Die kleine Meerjungfrau ist die erste Geschichte des Buches.

Eingeleitet wird die Geschichte mit der abgebildeten Doppelseite. Es wird in die Welt, die uns erwartet, sowohl optisch als auch mit einer kurzen Beschreibung, die zugleich den Anfang der Geschichte darstellt, eingeführt. Ein langer Blick lohnt sich: Die hervorragenden Illustrationen von Lucille Clerc strotzen vor Details, die es sich zu entdecken lohnen, und beeindrucken mit ihrer Farbgebung, die uns in die richtige Stimmung versetzt, um die Welt, in die wir eintauchen, erleben zu können.

Auf den darauffolgenden zwei Doppelseiten wird die Geschichte der Meerjungfrau, die sich in einen Menschen verliebt und von der Welt über dem Meer fasziniert ist, erzählt. Sie verkauft ihre Stimme an die Meerhexe und bekommt die Möglichkeit, als Mensch zu leben und ihren Prinzen zu erobern, bis sie schließlich mithilfe ihrer Schwestern die Möglichkeit erhält, die Schönheit ihrer Welt zu erkennen und in diese zurückzukehren.

Einige kleinere, dennoch passende Ausschnitte, wie das Wiedersehen zwischen der kleinen Meerjungfrau und ihren Schwestern, illustrieren diese Seiten und bieten so, vor allem für kleinere Kinder, einen zusätzlichen Anreiz beim Lesen und werten die Seiten, die ansonsten schmucklos nur Text beinhalten, auf.

Auf der Rückseite des Buches erfahren wir, welche Geschichten uns erwarten.

Das, was dieses Buch zu einem wahren Highlight macht, folgt am Ende jeder Geschichte: Eine abermals farbig gestaltete Doppelseite, die es uns ermöglicht, noch länger in der Welt zu verweilen und in Kontakt mit ihr zu treten. Es gibt Handlungsaufforderungen („Der Palast des Meereskönigs Neptun. Klopf an, vielleicht ist er ja zu Hause.“) und weitere Beschreibungen der Welt („Athenas Garten sieht aus wie eine Schnecke und besteht aus Muscheln.“). Somit wird eine tiefgehende Immersion ermöglicht und die Lesenden, oder auch diejenigen Personen, die den Text vorgelesen bekommen, können entscheiden, ob sie das erlebte Abenteuer noch einmal Revue passieren lassen oder sich in ein vollkommen neues Abenteuer in Meertopolis stürzen.

Autorin Kate Davies und Illustratorin Lucille Clerk präsentieren uns mit In einem Land vor unserer Zeit. Die schönsten Märchen und Geschichten einen wahren Schatz an Welten, die wir entdecken können. Empfohlen für Kinder ab fünf Jahren, eignet sich das Buch zum gemeinsamen Entdecken von und Eintauchen in phantastische Welten. Doch auch für Erwachsene bietet die Sammlung einen Quell der Freude. Vor allem durch die Welten-Doppelseite im Anschluss an jede Geschichte gelingt es dem Buch, uns den Alltag vergessen zu lassen.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Prestel
  • Autor*in: Kate Davies
  • Illustrator*in: Lucille Clerk
  • Erscheinungsdatum: 19.10.2022
  • Sprache: Deutsch (aus dem Englischen übersetzt von Anna Schaub)
  • Format: Hardcover, gebunden
  • Seitenanzahl: 112
  • ISBN: 978-3-7913-7521-2
  • Preis: 26 EUR (Print)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (deutsch und englisch), idealo

 

Für Wissbegierige: Wonderlands von Laura Miller (Hrsg.)

Wer mehr als bloße Verzauberung und Immersion von einem kurzen Ausflug in phantastische Welten erwartet, wird bei Wonderlands. Die fantastischen Welten von Lewis Carroll, J.K. Rowling, Stephen King, J.R.R. Tolkien, Haruki Murakami u.v.a. fündig.

Obwohl der Untertitel, leider etwas irreführend, impliziert, dass es bei diesem Sammelband um neuere Literatur geht, behandelt das Buch Werke mit fiktiven Welten aus allen Epochen. Gerade dies macht unter anderem seine Stärke aus. Auch das Cover wird der Fülle an Informationen, die das Buch ausmachen, nicht gerecht, sind doch nur wenige Anhaltspunkte für phantastische Welten in einem skizzenartigen Stil abgebildet.

Die Herausgeberin erweitert die Perspektive in ihrer Einleitung von den Orten der Geschichten, indem sie auf die Implikationen für die Gegenwart verweist. Insbesondere im Bereich der Science-Fiction ist dies nicht von der Hand zu weisen, doch auch eine Sozialkritik, wie sie beispielsweise in Tribute von Panem zu finden ist, kann zu einem Umdenken bei Leser*innen führen und so zu „einem Dialog mit der realen Welt“ werden.

100 Essays locken, die Hintergründe wichtiger Welten der Phantastik zu entdecken. Miller geht dabei chronologisch vor und unterteilt die Werke in fünf Oberkategorien: Alte Mythen & Legenden (Werke von 1750 v. Chr. – 1666), Wissenschaft & Romantik (1726 – 1900), Das goldene Zeitalter der Fantasy (1906 – 1945), Neue Weltordnung (1946 – 1979) und Das Computerzeitalter (1982 – 2015).

Besonders hervorzuheben ist die erste Gruppe, die den längsten Zeitraum abbildet: die der alten Mythen und Legenden. In der Kurzeinordnung dieses Kapitels wird richtigerweise erläutert, dass diese Werke die Vorläufer heutiger phantastischer Literatur darstellen. Beispielsweise wird im Essay zu Ovids Metamorphosen, neben Informationen zu seiner Entstehungsgeschichte und Autor, aufgezeigt, welche Motive Eingang in spätere Literatur, wie beispielweise Harry Potter oder Der König von Narnia, gefunden haben. Ein steter Blick wird auch auf andere Genres wie Kunst oder Film geworfen. Jedes Essay ist entsprechend dieser Querverweise ansprechend bebildert.

Ansprechend sind die Bilder, die uns verschiedene Kunstgattungen, hier Filmposter, zeigen.

Auch zu Wonderlands werden wir einen näheren Blick auf ein exemplarisches Essay werfen. Hierzu schauen wir uns den Artikel zu Die Brautprinzessin von William Golding an, der in der Rubrik Neue Weltordnung verortet ist. Wir finden in einer Spalte zusammengefasst die wichtigsten Rahmendaten: Wann es auf Englisch und Deutsch erschien, eine kurze Information zum*zur Autor*in und jeweils ein Bild des (englischen) Covers und des*der Autor*in.

Im Haupttext werden Informationen zum Ort Florin geliefert, aber auch auf die Mechanismen eingegangen, die Golding verwendet, um die Handlung so zu gestalten, wie es ihm gelegen kommt: ein Ort, geschaffen als Kulisse für Abenteuer und Romantik. Die Widersprüche und Anachronismen werden gekonnt aufgezeigt, um damit zugleich den Grundplot des Buches zu schildern als auch zu belegen, weswegen dieser Roman und damit das Reich Florin etwas Besonderes ist. Ein großes Bild der beiden Charaktere Vizzini und Butterblume aus dem Film Die Braut des Prinzen ziert die zweite Seite.

Vergleichbar sind die Essays in Wonderlands nur bedingt, da sie eine große Bandbreite an Welten abbilden. Eines ist jedoch gewiss: Alle sind auf ihre Weise informativ, liefern Hintergrundwissen und regen an, sich (noch) einmal mit den Büchern zu beschäftigen. Häppchenweise kann man sich so durch verschiedene Welten und Zeiten bewegen.

Die harten Fakten:

  • Verlag: wbg THEISS
  • Herausgeber*in: Laura Miller
  • Erscheinungsdatum: 12.10.2020
  • Sprache: Deutsch (aus dem Englischen übersetzt von Hanne Henninger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN: 978-3-8062-4072-6
  • Preis: 28 EUR (Print)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (deutsch und englisch), idealo

 

Wunderbare Kurzreisen in phantastische Welten

Wenn uns der Alltag schafft und wir nicht die Zeit oder Geduld haben, uns auf einem Roman einzulassen, um eine Weile gedanklich in ferne Reiche zu reisen, bieten Wonderlands und In einem Land vor langer Zeit einen Ausweg. Mit ihnen erhalten wir die Kurzfassungen ganz vieler Welten und noch viel mehr. Während ersteres uns ein interessantes Hintergrundwissen und Querverweise zwischen den Welten liefert, besticht zweiteres durch wunderschöne Illustrationen und Immersionsanreize, was es zu einem sehr schönen Vorlese- und Entdeckungsbuch auch für Familien macht. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Wonderlands eher etwas für den Kopf ist und In einem Land vor langer Zeit fürs Herz. Empfehlenswert sind beide allemal.

 

Artikelbilder: © wbg THEISS, © Prestel
Layout und Satz: Verena Bach
Lektorat: Sabrina Plote
Fotografien: Jessica Albert
In einem Land vor langer Zeit wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
Wonderlands wurde privat finanziert.

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