Rungholt, das „Atlantis in der Nordsee“, war lange verschollen und wurde kürzlich wiederentdeckt. Das dramatische Schicksal der mittelalterlichen Handelsstadt hat über Jahrhunderte Legenden inspiriert. Wie man diese im Rollenspiel verwenden kann, und welche Verbindung Rungholt zum englischen Dunwich hat, lest ihr hier.
Versunkene Städte inspirieren Rollenspielende immer wieder. Die meisten sind frei erfunden und leben im Bereich der Mythen. Manche gibt es aber wirklich – und die sind kaum weniger spannend.
Projekt H.E.L.D.: Historische Ereignisse, Legendär Definiert.
Naturkatastrophen, Klimakrise, Ertrinken, Pest
Inhaltsverzeichnis
Zweimal „Atlantis der Nordsee“, bitte!
„Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren“, so beginnt Detlev von Liliencrons Gedicht „Trutz, Blanke Hans“ aus dem Jahr 1883. Die düstere Ballade erzählt von einer reichen Küstenstadt, die in einer einzigen Nacht durch eine Flut vernichtet wird.
Heute weiß man: Die Stadt, und die Flut, gab es wirklich, wenn auch etwas anders als in der Legende. In drei schicksalhaften Nächten im Jahr 1362 zerstörte eine Sturmflut zahlreiche Küstenorte an der Nordsee. Eine weitere einst glanzvolle Stadt, die der Katastrophe zum Opfer fiel, wenn auch zunächst nur teilweise, war Dunwich in der englischen Grafschaft Sussex. Auch um diese Stadt ranken sich lokale Legenden. Wir meinen: Aus diesen lassen sich trefflich Rollenspielszenarien spinnen.
Worum geht es? Die Rungholt-Sage
Jahrhundertelang hielt sich in Friesland die Legende von der sagenhaften Stadt Rungholt, die als Strafe für die zahlreichen Sünden ihrer Bevölkerung im Wattenmeer versank – auch wenn alsbald niemand mehr wusste, wo sie genau gelegen haben soll. Dieser Umstand brachte ihr gar den Beinamen „Atlantis des Nordens“ ein. Tatsächlich hat die Sage um Rungholt Gemeinsamkeiten mit Platos Allegorie der Stadt Atlantis. Die Herrschenden von Atlantis wurden nämlich mit dem Erfolg ihres Inselstaates so arrogant, dass sie göttlichen Zorn auf sich zogen (ein Verhalten, das in der griechischen Mythologie Hybris genannt wird und der Hauptperson des Mythos in aller Regel zum Verhängnis wird) und vom Angesicht der Erde getilgt wurden. In Rungholt soll sich im 14. Jahrhundert Ähnliches abgespielt haben.
Die bekannteste Version der Legende, niedergeschrieben im 19. Jahrhundert von verschiedenen Geschichtensammlern, erzählt von einer Handelsstadt, die so reich war, dass sie sich von Gott abwandte und der Sünde hingab. Die verschiedenen Versionen erzählen von wüsten Gotteslästerungen, etwa dem Verprügeln eines Priesters, den man zuvor zwingen wollte, einem Schwein die letzte Ölung zu geben. Der Priester, so heißt es, sei in derselben Nacht noch in einem prophetischen Traum gewarnt worden, das gottlose Land schnell zu verlassen, und nachdem er das getan hatte, sei die vernichtende Flut über Rungholt gekommen.
Hin und wieder, so wurde seither gemunkelt, höre man bei Flut die Glocken der Stadtkirche.
Worum geht es wirklich? Archäologische Entdeckungen
Tatsächlich verwüstete im Jahr 1362 eine Sturmflut die friesische Nordseeküste, genauer gesagt, zwischen dem 15. und dem 17. Januar, also um den Tag des heiligen Marcellus I. Deswegen wird sie auch als „zweite Marcellusflut“ bezeichnet. Im Friesischen jedoch trägt sie den Namen „Grote Manndränke“, was etwa so viel bedeutet wie „Großes Ertrinken“. Diese Bezeichnung deutet schon an, wie verheerend sie sich auf die Bevölkerung ausgewirkt hat. Zehntausende Menschen sollen der Flut zum Opfer gefallen sein. An alten Landkarten kann man erkennen, wie stark die Flut das Bild der Küste verändert hat: Wo einst ein breiter Küstenstreifen lag, schauen heute nur noch einige Halligen aus dem Meer. Rungholt selbst blieb jahrhundertelang verschollen. Doch immer wieder fand man im Watt um die Hallig Südfall im heutigen Schleswig-Holstein Spuren der Stadt: Keramikscherben, Ziegelreste, Rinderknochen und Pflugfurchen, die die Existenz einstiger Landwirtschaft belegten, ja sogar einige Schwerter. Anfang des 20. Jahrhunderts spülten heftige Stürme architektonische Überreste an den Strand.

Wissenschaftliche Ausgrabungen finden allerdings erst seit wenigen Jahren statt. Im Zuge eines immer noch andauernden Projekts konnte ein Team von Archäolog*innen und Geophysiker*innen von der Universität Kiel die genaue Lage der mittelalterlichen Stadt nachweisen. Durch mehrere Ausgrabungskampagnen im Watt, wo die Forschenden nur bei Ebbe und mit speziellem Gerät arbeiten konnten, wurde unter anderem die beeindruckende Stadtkirche von Rungholt entdeckt. Inzwischen haben die Wissenschaftler*innen sogar ein recht gutes Bild von der Ausdehnung der Stadt: Für eine Siedlung des 14. Jahrhunderts war sie beachtlich. Das ist besonders deswegen erstaunlich, da, laut historischen Aufzeichnungen, die moorige Wattenlandschaft von Nordfriesland erst im 12. Jahrhundert besiedelt wurde.
Ob diese Angabe der Realität entspricht, konnte archäologisch noch nicht nachgewiesen werden. Aber die Größe scheint gut zu Rungholts sagenhaftem Reichtum zu passen. Vermutlich kam die Stadt in relativ kurzer Zeit zu Vermögen, da sie als Hafenstadt schnell ein Umschlagplatz für den Handel entlang der Küste wurde. Zudem wurde aus dem Torf, auf den die Stadt gebaut war, Salz gewonnen – zur damaligen Zeit eine wertvolle Handelsware. Dieser Reichtum könnte jedoch auch den Weg für Rungholts Ende bereitet haben, da der Abbau des Salztorfs womöglich zum schrittweisen Absinken der Stadt unter den Meeresspiegel führte, wie einige Forschende vermuten. Als die Sturmflut die Deiche brach, schwemmte sie die eben noch florierende Handelsstadt geradezu davon.
Ein weiteres Opfer der Flut: Dunwich, Sussex
Doch nicht nur in Friesland wütete die Marcellusflut. Auch weiter nördlich und westlich hatte diese winterliche Sturmflut dramatische Auswirkungen. An der Ostküste von England etwa, wo schon seit römischer Zeit eine Siedlung lag, die inzwischen den Namen Dunwich trug. Mit achtzehn Kirchen und Klöstern war sie im 13. Jahrhundert eine der größten Städte Englands. Zeitweise war sie sogar Sitz des Königs von East Anglia gewesen. Doch schon 1328 wurden einige Gebäude bei einem Wintersturm ins Meer gerissen, und zur gleichen Zeit, als die Grote Manndränke 1362 Nordfriesland verwüstete und Rungholt versank, stürzte die Hälfte der einst so stolzen Metropole von der Klippe, auf die sie gebaut war. In den darauffolgenden Jahrhunderten fiel nach und nach fast die ganze Stadt der Küstenerosion zum Opfer, inklusive all ihrer Kirchen. Die letzte, die All Saints Church, stürzte 1922 in die Nordsee, nachdem sie lange Zeit als Ruine über dem Riff gethront hatte.

Rollenspielerische Ansätze
Versunkene Städte sind ein bekanntes Trope im Rollenspiel, sei es in semi-realistischen Szenarien, in denen mutige Abenteurer*innen sich auf die Suche nach Atlantis, El Dorado oder der „Stadt Z“ machen, sei es im High-Fantasy. Oft finden diese Held*innen sogar, was sie suchen, obwohl sie von ihrem Umfeld zuvor für verrückt oder fanatisch erklärt wurden. Im Falle von Rungholt wurde tatsächlich einmal eine versunkene Stadt wiederentdeckt, die über Jahrhunderte als beinahe mythisch galt – wobei man fairerweise sagen muss, dass die Forschung bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert davon ausging, dass die Stadt tatsächlich existiert hat. Trotz allem – der legendäre Charakter der mittelalterlichen Nordseemetropole, und ihres plötzlichen Verschwindens, taugt als Inspiration zum Rollenspiel.
Mittelalter-Fantasy und historische Inspiration
Eine offensichtliche Idee für den Untergang von Rungholt als Hintergrund wäre ein historisch inspiriertes Spiel, in dem die Spielendencharaktere selbst zur Bevölkerung Rungholts gehören, oder sich zumindest dort befinden, als es zur Katastrophe kommt. Was passiert wirklich in der wohlhabenden Handelsstadt, bevor die Flut sie im Watt verschwinden lässt? Aus historischer Sicht lässt sich sagen: Das 14. Jahrhundert war eine miese Zeit, um am Leben zu sein, zumindest in größeren Teilen Europas. Kriege, klimatische Veränderungen und die Pest machten es den Menschen schwer genug und würden sicher allein schon ein dramatisches Setting hergeben.
Aber natürlich geht es auch fantastischer. Vielleicht war es ja wirklich die Arroganz der Stadtbevölkerung, die göttlichen Zorn heraufbeschwor. Liliencrons Ballade deutet eine Rache der Nordsee selbst an, des „Blanken Hans“, dem die Rungholter*innen vom Deich aus ins Gesicht lachen. Die weitere Sage von den gottlosen Bürgern, die einen Priester verprügeln und dafür bestraft werden, bietet ebenfalls ein farbenfrohes Tableau, vor dem die eigentliche Handlung spielen könnte. Die Spielleitung hat freie Hand, was die Sturmflut letztlich auslöst. War es die Frevelei der Rungholter Bürger*innen? Oder etwas anderes? Hexen, Flüche, rachsüchtige Geister oder wütende Wattwürmer – alles, was in die Kampagne passt, geht. Und wie die Charaktere das Unglück überleben und aus der dem Untergang geweihten Stadt entkommen – das muss die Gruppe sich wohl selbst überlegen.
Indes funktioniert Rungholt auch für historische Settings, die zeitlich nicht ganz so fern sind wie das Mittelalter. Über die Jahrhunderte durchkämmten immer wieder Schatzsuchende bei Ebbe die Wattlandschaft Nordfrieslands, auf der Suche nach der sagenhaft reichen versunkenen Stadt, in der Hoffnung auf Gold und Glitzer. Gerade im romantischen 19. Jahrhundert, in dem auch die eingangs erwähnte Ballade entstand, war die Suche nach dem legendären „Atlantis in der Nordsee“ ein Zeitvertreib für Abenteuerlustige der höheren Klassen. Eine Gruppe von SC, die aus genau solchen besteht, könnte in einem „Gaslicht“-Szenario verschiedener Rollenspiel-Systeme finden, was sie gesucht hat – oder etwas ganz anderes. Wie oben beschrieben, sind jahrhundertealte Flüche und rachsüchtige Geister eigentlich immer möglich. Aber auch alles andere, was selbsternannte Hobbyarchäolog*innen der viktorianischen Ära so zu Tage fördern mögen. Dazu sei angemerkt, dass das Wattenmeer ein gefährlicher Ort ist, um einfach loszustiefeln und darin nach Schätzen zu graben: Wenn die Flut kommt, ist es für Wattwandernde ohne fachkundige Führung schnell zu spät, sich noch an Land zu retten. Dieser Umstand allein kann für dramatische Szenen sorgen. Ein Szenario aus dem 19. Jahrhundert muss allerdings nicht zwangsweise um Angehörige der gehobenen Einkommenschicht kreisen – auch Seeleute, die ja den Ruf haben, abergläubisch zu sein, könnten mit Spuren der versunkenen Städte am Nordseestrand in Berührung kommen. Hier bietet sich zum Beispiel ein Szenario aus dem düsteren System So Tief Die Schwere See an.
Cthulhu und andere Horror-Ideen
In seiner Ballade bemüht Liliencron das Bild eines riesigen Seeungeheuers, das am Meeresgrund lauert und Rungholt durch eine einzige Bewegung überflutet:
„Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.“

Im Gedicht sicher als Metapher zu verstehen, könnte diese Kreatur etwa in einem cthulhoiden Rollenspielsetting grauenhafte Realität sein. Ein riesenhaftes, schlafendes Monster, das Städte mit einer einzigen Bewegung vernichtet? Könnte das womöglich der Große Cthulhu selbst sein? Auf dem Grunde des Meeres finden Investigator*innen in dieser Art von Horror-Rollenspiel schließlich häufig Entsetzliches. Und wenn der Untergang Rungholts nicht direkt vom Großen Cthulhu persönlich ausgelöst wurde, dann gibt es noch allerlei andere Ideen, wer die Katastrophe verschuldet haben könnte. Tiefe Wesen zum Beispiel. Das Regelwerk von Cohors Cthulhu deutet an, dass solche sich in den Gewässern jenseits der friesischen Küstengebiete herumtreiben, zumindest noch in römischer Zeit. Ein paar Jahrhunderte später könnten sie immer noch dort leben und die menschliche Besiedlung nicht unbedingt goutieren. Ist Rungholt also einem Ritual der Tiefen Wesen zum Opfer gefallen? Oder andersherum: Könnte die Stadt eine Art Innsmouth des Mittelalters sein, eine Stadt, die von den Tiefen Wesen so sehr korrumpiert wurde, dass verzweifelte Held*innen selbst zu einem Ritual greifen, welches sie vom Angesicht der Erde tilgt?
Hier sei daran erinnert, dass die Grote Manndränke oder zweite Marcellusflut von 1362 auch zahlreiche andere Städte und Dörfer entlang der Nordseeküste zerstörte, darunter Dunwich, Sussex. Der Name dieses echten mittelalterlichen Ortes an der Ostküste von England gleicht wohl nur zufällig dem des fiktionalen Dunwich, Massachusetts, aus H. P. Lovecrafts Geschichte The Dunwich Horror, aber es ist doch ein zu schöner Zufall, um ihn einfach liegen zu lassen. Denn auch wenn es in The Dunwich Horror mehr um den Großen Alten Yog-Sothoth geht als um Meereskreaturen wie die Tiefen Wesen, so mag doch eine Verbindung zwischen den beiden Ansiedlungen bestehen. Immerhin sind nordamerikanische Orte, die ihren Namen aus Europa entliehen haben, nicht selten von Ausgewanderten aus genau diesen Orten gegründet worden. Welche Geheimnisse mögen sich dort wohl noch verbergen?
Fazit: Auf der Suche nach versunkenen Städten
Naturkatastrophen sind in der heutigen Zeit des Klimawandels genauso traurige Realität wie im Mittelalter. Im Horror- oder Fantasy-Rollenspiel lassen sich solche dramatischen Szenarien für allerlei Held*innentaten nutzen. Vorbilder aus der Geschichte sind dabei allerdings besser geeignet, den Wunsch nach Eskapismus zu bedienen, als solche aus der Gegenwart. Besonders dann, wenn das historische Ereignis, um das es geht, einen Hauch von Mysterium umweht, eine Legende von Hybris und Bestrafung, die tatsächlich Anklänge an Platos Atlantis-Allegorie zeigt.
Die zweite Marcellusflut oder Grote Manndränke hat die gesamte Nordseeküste verändert und das heutige Bild Nordfrieslands geprägt. Wo eben noch die florierende Stadt Rungholt stand, blieb anderntags nur das Watt zwischen ein paar einsamen Halligen. Die einstige Königsstadt Dunwich stürzte zur Hälfte ins Meer. Dass ganze (oder halbe) Städte so schnell verschwinden können, scheint unglaublich. Genau deswegen bieten sich Rungholt und Dunwich als Setting für Rollenspiele an. Denn wer liebt sie nicht, die verlorenen oder versunkenen Städte? Und, anders als Atlantis, sind diese wenigstens echt!
Artikelbilder: © Ralf Roletschek (CC_BY_SA_3.0), Johannes Mejer (gemeinfrei via WikiCommons), Postkarte (gemeinfrei via WikiCommons), Modiphius
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Lidia Strauch



















Sehr schöner Artikel!