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Klassische Vampirgeschichten gibt es zur Genüge und doch bleiben sie faszinierend. Transsylvanien, die Heimat von Bram Stokers berühmtem Untoten, kann auch für das Wohlfühl-Horror-Rollenspiel Vaesen eine fantastische Kulisse sein. Denn die slawische Folklore bietet noch viel mehr mythologische Figuren als „nur“ Dracula und darüber hinaus eine Vielzahl an geheimnisvollen Orten.

Liest man sich in Vaesen ein, stößt man schnell auf „die Gesellschaft“, deren bewegte Vergangenheit bereits im Grundregelwerk beschrieben wird. Diese Gruppe von Menschen mit der Fähigkeit, das Übernatürliche wahrzunehmen, residiert im schwedischen Uppsala. Im Konflikt zwischen technologischem Fortschritt, Christianisierung, alten Bräuchen und mythischen Wesen versuchen sie zu vermitteln, um den Frieden zu wahren, von dem kaum jemand weiß, dass er auf dem Spiel steht.

Doch – Achtung, Spoiler! – die von Carl Linnaeus benannte „Gesellschaft für Studien der Unsichtbaren und Schutz der Menschheit“ ist nicht die einzige ihrer Art auf der Welt. Sie entstand aus dem Orden der Artemis und ihr Einflussbereich ist der skandinavische Raum. Darüber hinaus gibt es beispielsweise noch die Splittergruppe der Rosenberger, aber auch andere der Gesellschaft ähnliche Gruppen. Die „Apollonian Society“ wurde uns in Mythic Britain & Ireland vorgestellt und agiert von London aus auf den britischen Inseln.

Im neuesten Teil der Reihe, Mythic Carpathia, geht es ins wunderschöne Prag, um sich dort der Pravda anzuschließen.

Triggerwarnungen

Blut, Tod, Gewalt, Misshandlung, Mord, Gedankenkontrolle, Antisemitismus

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Inhalt

Pravda: Das ist nicht nur der Name einer Tageszeitung und das russische Wort für Wahrheit, sondern auch die Prager Gesellschaft, die sich vollständig „The Society for the Integration and Adaptation of the Carpathian Tradition, Based in Prague“ nennt.

Die Karpaten und Prag

Prag, das vielen als Hauptstadt des heutigen Tschechiens bekannt sein wird oder durch den ein oder anderen Fenstersturz, liegt im 19. Jahrhundert in der mythischen Welt von Vaesen noch immer an einer Schnittstelle zwischen Russischem Zarenreich, Preußen (beziehungsweise Deutschem Reich) und Österreich-Ungarn. Hinzu kommt im Süden das Osmanische Reich und außerdem führt Napoleon seine Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit erheblichem Einfluss auf die Lebensbedingungen der Menschen Europas. 1848 beginnt dann mit der Märzrevolution die Nationalbewegung im sogenannten Zeitalter der Revolutionen.

Im Buch werden die verschiedenen Aspekte und ihre Auswirkungen für das östliche Kontinentaleuropa überblickshaft dargestellt, wobei der Fokus natürlich auf Prag und den Karpaten liegt. Da Vaesen nie mit einer klaren Jahreszahl im Blick erzählt wird, sondern es eher ein Gefühl für die Zeit braucht und Vermischungen der einzelnen historischen Elemente kein Problem darstellen, hilft dieser Überblick natürlich sehr.

Im Powder Gate liegt das Hauptquartier von Pravda. Die Räumlichkeiten sind eingeschränkter als es im Schloss Gyllenkreutz in Uppsala oder im Rose House in London der Fall ist. Das schlägt sich vor allem darin nieder, dass weniger Ausbauten vorgenommen werden können. Aber es gibt auch ein paar neue Verbesserungen, aus denen gewählt werden kann: eine Fluchtroute zum Beispiel oder ein Panoptikum. Kontakte wie eine*n Puppenspieler*in können weitere Vorteile liefern.

Einer dieser Kontakte ist der „Usurer“, womit ein Geldverleiher gemeint ist. Heute würde man wohl „loan shark“, also Kredithai dazu sagen. Die deutsche Entsprechung „Wucherer“ wird oft abfällig mit Juden in Verbindung gebracht und sollte deshalb mit Vorsicht genutzt werden. Denn auch in Prag gibt es das Ghetto Josefov und die jüdische Minderheit kämpft mit allerlei Problemen: darunter Armut und Vorurteile.

Ein schönes Detail hingegen sind die neuen Bücher des Übernatürlichen in der geheimen Bibliothek Pravdas. Darin findet sich nämlich unter anderem ein Buch über die berühmte Baba Yaga und andere Hexen, aber auch der Malleus Maleficarum, der berühmte Hexenhammer. Diese Bücher werden für Charaktere sicher hilfreiche Informationen bereithalten.

Geführt wird Pravda von Ältesten und alle fünf Jahre findet ein Konzil statt, um die wichtigsten Entscheidungen zu treffen. Je qualifizierter ein Mitglied ist, desto weiter kann es aufsteigen: vom normalen Mitglied der Gesellschaft zum Mitglied im Konzil bis hin zu den Sons/Daughters of the Ancients. Eine gute Organisation ist für Pravda wichtig, da es stetig den Bedrohungen Prags entgegenstehen muss: Journalist*innen, die die Geheimnisse der Gesellschaft offenlegen wollen, oder Unruhen in der Stadt sind dabei nur einige Möglichkeiten.

Charaktere und Vaesen

Der neue Archetyp des Vampirjägers darf in Transsylvanien natürlich nicht fehlen.
Der neue Archetyp des Vampirjägers darf in Transsylvanien natürlich nicht fehlen.

Für Charaktere wird ein neuer Archetyp eingeführt: Vampire Hunter. Dieser ist dem Namen entsprechend besonders gut mit dem Pfahl und gegen Blutsauger. Doch sind die Karpaten nur voller Hexen und Vampire? Nein, es gibt auch andere Vaesen außer Baba Yaga und den verschiedenen lokalen Formen von Vampiren wie Strigoi oder Nachzehrer. Untote Wassernymphen, Rusalka genannt, zum Beispiel oder die künstlich erschaffenen Homunculi. Es findet sich der legendäre Golem und neben Babai auch verschiedenste Geisterarten.

Typisch für Vaesen werden die übernatürlichen Wesen komplett mit Werten, Kräften und umfangreichen Beschreibungen vermerkt. Es gibt eine Passage über Rituale zur Bekämpfung und ein besonderes Geheimnis über jedes Vaesen sowie mehrere Beispiele, bei welchen Konflikten sie angetroffen werden können. Statt Einführungstexten von Carl Linnaeus steht diesen Unsichtbaren übrigens eine handschriftliche Passage von Antoine Augustine Calmet voran, einem französischen Benediktinermönch, der sich mit dem Okkulten befasste: Engel, Dämonen, Vampire oder Wiedergänger gleichermaßen. Die fiktiven Auszüge sind seinem Buch „Treatise on the Apparitions of Spirits and Vampires or Revenants of Hungary, Moravia, et al.” zugeordnet.

Die Auswahl der mythischen Kreaturen ist ausgezeichnet und bietet eine gute Mischung aus gefährlichen, aber auch nicht unbedingt unleugbar bösen Gegenspieler*innen. Viele Vaesen treten durch die intensiven Illustrationen von Johan Egerkrans noch einmal besonders hervor.

Abenteuer

Drei ausgearbeitete Abenteuer mitsamt Handouts, Karten und teils bebilderten NSCs schließen das Buch ab. Diese sind sehr unterschiedlich, bedienen für die Region klassische Themen und auch ganz neue Geschichten. Insgesamt eine gelungene Mischung mit interessanten Charakteren und überraschenden Wendungen.

Damit sich die Spoiler auf ein Minimum begrenzen, wird hier nur ein kurzer Überblick über die Abenteuer gegeben, aber selbst diesen sollten Spielende lieber nicht lesen, um das volle Spielerlebnis zu genießen.

A Treaty of Blood führt die Mitglieder von Pravda im Winter nach Transsylvanien. Auf Einladung von Knez Vlad dem Achten reisen sie ins Bralnic Valley, um ihm zu helfen, seine Untertan*innen vor einem gefährlichen Biest zu schützen. Knez ist ein slawischer Herrschertitel, der in etwa einem Fürsten entspricht und sprachlich mit dem deutschen Wort König verwandt ist. Es ist ein sehr klassisches Abenteuer mit einigen interessanten Wendungen, bei dem es eine wahre Herausforderung ist, sich nicht von Spieler*innenwissen in die Irre führen zu lassen.

Josef Strasser, einer der NSCs aus dem Abenteuer „The Gathering Storm“.
Josef Strasser, einer der NSCs aus dem Abenteuer „The Gathering Storm“.

The Gathering Storm spielt in der heutigen Ukraine, im herbstlichen Lemberg beziehungsweise Lwiw. Vom Aufseher des dortigen Gefängnisses gerufen, müssen die Charaktere sich an strenge Regeln halten, denn im Brygidki-Gefängnis sind weder Feuerquellen und scharfe Gegenstände erlaubt noch Geld oder gar Medizin. Auch wenn die erzwungene Materialnot sich zu Beginn befremdlich anfühlen kann, trägt das zur Atmosphäre bei. Die Nachforschungen in diesem Abenteuer können sehr intensiv sein und die Lösung des Rätsels weist auf ein eher unbekanntes Vaesen. Das vielleicht beste Abenteuer des Buchs.

The Secret of the Maharal spielt mitten in Prag. Im Mittelpunkt steht die Geschichte um den Golem von Judah Löw beziehungsweise Jehuda ben Bezel’el Löw, dem Prager Rabbi. Allerdings ist diese Geschichte den Charakteren nicht bekannt und außerdem schon 250 Jahre her, wenn diese in Prag zur Hilfe gerufen werden, um einige Morde aufzuklären. Wie die Geschehnisse zusammenhängen und was die Charaktere auf dem Weg zur Lösung der Morde herausfinden, eignet sich gut als Einstiegsabenteuer für Prag.

Erscheinungsbild

Eine der beiden Seiten der Karte zeigt Prag.
Eine der beiden Seiten der Karte zeigt Prag.

Gestalterisch ist Mythic Carpathia ein wahrer Hingucker. Schon auf dem Titelbild des Hardcover-Bandes strahlt der Mond hinter einem Vampirwesen verhängnisvoll über die nächtliche Landschaft. Die Struktur entspricht gewohnt den anderen Vaesen-Büchern und mit Inhaltsverzeichnis und Index kann sich niemand im Buch verlaufen. Die Autor*innen haben interessanterweise eine Bibliografie tschechischer, polnischer, englischer und ukrainischer Bücher hinzugefügt, was die Sorgfalt der Recherche für das Buch zeigt.

Als Highlight stechen natürlich wie immer die Kunstwerke von Johan Egerkrans hervor, die den Kreaturen Leben einhauchen, die Orte noch mystischer wirken lassen und den Charakteren ihr gewisses Etwas verleihen. Es liegt dem Buch außerdem eine doppelseitige Karte von etwa 43x43cm bei, auf dessen einer Seite das Gebiet der Karpaten mit wichtigen Ortschaften wie Prag, Belgrad oder Buda und Pest sowie landschaftliche Merkmale abgebildet sind und auf der anderen Seite ein Stadtplan von Prag ähnlich dem von Uppsala für das Grundregelwerk ist.

© Free League
© Free League

Die harten Fakten:

  • Verlag: Free League
  • Autor*in(nen): Remigiusz Zygarowicz, Mykhailo Chepel, Sviatoslav Demchenko und andere
  • Illustrator*in(nen): Johan Egerkrans, Anton Vitus und andere
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: Englisch
  • Format: Hardcover/PDF
  • Seitenanzahl: 136
  • ISBN: 9789189765702
  • Preis: 41,95 EUR(Hardcover), 14,30 EUR (PDF)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Bonus/Downloadcontent

Im Zuge des Crowdfundings wurden auch VTT-Module für Foundry und Roll20 finanziert. Sie kosten um die 20 USD. Die für Alchemy RPG angekündigte Version ist bisher nicht im Marketplace zu finden.

Fazit

Drei Dinge bietet Mythic Carpathia: Einen neuen Hauptschauplatz mit Hauptquartier und der Gesellschaft Pravda, neue Vaesen und drei Abenteuer. Es ist schwierig, „das Gleiche nur anders“ zu machen, wenn neue Elemente für ein bestehendes System herausgebracht werden. Free League gelingt dieser Spagat zwischen gewohntem Vaesen-Feeling und neuen Aspekten mit Mythic Carpathia gut.

Baba Yaga lebt an der Grenze zwischen Tod und Leben, hat eiserne Zähne und ist sehr mächtig.
Baba Yaga lebt an der Grenze zwischen Tod und Leben, hat eiserne Zähne und ist sehr mächtig.

Prag und Pravda sind hervorragend aufeinander abgestimmt und fühlen sich anders an als Uppsala oder London beziehungsweise deren Gesellschaften – auch durch die räumlichen Einschränkungen des Powder Gate. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen, was das Buch auch widerspiegelt. Pravda hat eine feste Struktur und ist nicht erst jüngst von den Toten wiederaufgestanden, sondern erfreut sich einer 600 Jahre alten Tradition. Auch ist sie kämpferischer, was nicht zuletzt durch ihre Vampirjäger*innen deutlich wird.

Die Kreaturen aus der slawischen Folklore versprühen ihren dunklen, bedrohlichen Charme, wobei die Illustrationen von Johan Egerkrans ihnen zur Ehre gereichen. Neben altbekannten Figuren werden aber auch eher unbekannte Monster aufgelistet, denen sich die SCs entgegenstellen können. Die Mischung ist durchaus gelungen.

Die drei Abenteuer bedienen klassische Elemente der Genres, aber überraschen auch immer wieder mit bewussten Brüchen des Erwartbaren. Sie machen in jedem Fall Lust auf mehr mythologische Ereignisse in den Karpaten. Insgesamt ist Mythic Carpathia ein Buch für alle, die das Konzept von Vaesen mögen oder kennenlernen wollen und denen die skandinavische Mythologie nicht blutig genug ist: Eine dunklere Facette des Spiels wartet im Osten Europas auf Spielende.

Wir vergeben vier von fünf Knoblauchzehen und schließen den Sargdeckel.

  • Spannende und lebhafte Stadt als neuer Ausgangsort
  • Klassische slawische Mythologie
  • Weniger märchenhaft, dafür gewollt dunkler und blutiger
 

  • Abenteuer durch viel Vorwissen Spielender gegebenenfalls belastet
  • Eingeschränkt ausbaubares Hauptquartier

 

Artikelbilder: © Free League
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Katrin Holst
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