In Vaesen geht es um mystische Orte und wundersame Geschehnisse im Spannungsfeld zwischen alten Traditionen und christlichem Glauben. Die Keimzelle dieser Spielwelt liegt im kalten Norden Europas. Dort, im schwedischen Uppsala, setzt das Starter Set an und soll eine lang gestellte Frage klären: Wie kommen neue Charaktere nach Schloss Gyllenkreutz?
Für das Wohlfühl-Horror-Rollenspiel Vaesen sind in letzter Zeit viele Neuheiten erschienen. Ein überarbeitetes Grundregelwerk und das neue Starter Set machen dabei den Anfang in unserer Berichterstattung, während wir auch durch Mythic Carpathia und City of my Nightmares schmökern. Mehr dazu bald.
Tod, Selbstverletzung, Selbstmord, Verletzung von Kindern, Gedankenkontrolle
Inhaltsverzeichnis
Starter Set
Grundregelwerke sind umfangreich, können aber auch überfordern oder im schlimmsten Fall gefällt das System gar nicht und man hat ein teures Regelwerk im Schrank, das man nie mehr nutzt. Einsteigerboxen sollen da Abhilfe schaffen. Auch das Starter Set von Vaesen bietet allerhand Material, um als Donnerstagskinder in Uppsala Nachforschungen anzustellen.
Inhalt
Die Box beginnt mit einer kleinen Einführung für Rollenspielneulinge: Legt eine SL fest, welche dann Regeln und Abenteuer lesen sollte, sucht Charaktere aus und fangt an. Danach folgt der obligatorische Hinweis auf weiteres Spielmaterial, vornehmlich in Buchform. Wer Blut geleckt hat, hat also einen Haufen Material wie zum Beispiel The Lost Mountain Saga für zukünftige Spieltage.
In der Box gibt es Initiative-Karten und zehn W6 mit dem Vaesen-typischen Muster darauf. Im Gegensatz zu den schon geläufigen Würfeln, die verwittert und leicht gelblich aussehen, sind diese Würfel aber klar weiß und verlieren so ein wenig von ihrem Charme.
Fünf handliche Referenzkarten sollen Spielenden schnell einen Überblick über wiederkehrende Regeln ermöglichen. Diese sind wirklich sehr hilfreich, um nicht zu vergessen, wie Furcht-Proben zu absolvieren sind, wie man ausweicht oder mit welcher Fertigkeit Angriffe ausgeführt werden.
Außerhalb des Materials für das Abenteuer gibt es noch das Regelheft. Auf 16 Seiten sind die grundsätzlichen Spielregeln aufgelistet. Tatsächlich ist dieses Heft auch über das Starter Set hinaus ein durchaus nützlicher Begleiter am Spieltisch.
Eine Karte von Uppsala und dem mythischen Norden im A3-Format ist ebenfalls enthalten. Das wohl schönste Heft der Box ist der Codex Occultum, in dem die Spieler*innen gefundene Hinweise mit Informationen über Vaesen vergleichen, auch wenn der „Einband“ doch sehr glänzend aussieht und ein wenig die Optik stört. Darin finden sich auch Passagen aus dem Homo Ferus vom Gründer der Gesellschaft Carl Linnaeus sowie auch der Schwur der Gesellschaft, wodurch eine weitere Lücke geschlossen wird.
Das Abenteuer
Das Einführungsabenteuer „The Haunting of Castle Gyllencreutz“ schließt eine Lücke in der Erzählung von Vaesen. Denn die Gesellschaft ist zerschlagen und wenn neue Charaktere in die Welt des mythischen Nordens eintauchen, fangen sie ihre Reise immer bei den Ruinen des alten Schlosses an. Bei der Gesellschaft, eigentlich „Gesellschaft für Studien der Unsichtbaren und Schutz der Menschheit“, handelt es sich um eine Vereinigung, die bei Lösungen von Konflikten zwischen Menschen und Vaesen helfen will. Seit der Gründung ist eine bewegte Geschichte der Gesellschaft verzeichnet, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll, aber nach einem Angriff auf das Schloss mit vielen Toten konnte sie sich bisher nicht wieder etablieren. Eine der wenigen Überlebenden dieser Zeit und der einzige Kontakt der SCs ist eine alte Frau namens Linnea Elfeklint, die aber immer wieder Schübe von mentaler Instabilität hat.

Wie genau das erste Zusammentreffen aber stattfindet, blieb bisher gänzlich der SL überlassen. Das Einführungsabenteuer „The Dance of Dreams“ aus dem Grundregelwerk enthält keinen Vorschlag dafür, aber es wird in Kapitel 6 beschrieben, dass die Charaktere Linnea bereits kontaktiert hätten und zu Beginn des Spiels das Schloss betreten, um es wiederaufzubauen. Wie es dazu gekommen sein könnte, erzählt das Starter Set-Abenteuer.
Die fünf vorgefertigten Charaktere sind dabei eine gelungene Mischung aus dem Grundregelwerk: ein Vagabund, eine Autorin, ein Priester, ein Offizier und eine Jägerin. Damit lässt sich alles abdecken, was typische Abenteuer so zu bieten haben. Aber das Abenteuer bietet nicht viele Möglichkeiten, verschiedene Stärken auszuleben. Es fokussiert sich stark auf Ermittlungsarbeit.
Auch der klassische Aufbau ist im Abenteuer nur in Teilen zu finden: Vom Prolog mal ganz abgesehen, in dem die Charaktere normalerweise eine eigene Szene erhalten, gibt es zwar eine Einladung, aber sowohl die Reise als auch die Vorbereitung der Charaktere auf das, was da kommen mag, entfallen. Das ist natürlich ein bisschen der Situation geschuldet, dass die Charaktere noch nicht als Teil der Gesellschaft agieren, aber um das System ausreichend kennenzulernen, ist es dennoch unpraktisch.

Der restliche Aufbau ist ziemlich den Regeln entsprechend und spannend. Der Countdown sorgt für genügend mysteriöse Momente und auch Roland, den die Charaktere treffen können, ist eine Bereicherung für das Abenteuer. Am Ende wird hoffentlich das richtige Vaesen identifiziert und der Fall gelöst, sodass die Charaktere ihrer Bestimmung als Donnerstagskinder und Mitglieder der Gesellschaft folgen können.

Unterstützt wird das Abenteuer von drei kleinen Handouts, der bezaubernden doppelseitigen Karte von Uppsala und dem mythischen Norden und einer Darstellung des Schlosses in seiner ganzen Pracht. Eine kleine Logiklücke gilt es noch zu verschmerzen: Wo ist der Butler Algot Frisk geblieben?
Updated Core Rulebook
Nach drei Jahren ist nun eine überarbeitete Version des Grundregelwerkes von Vaesen erschienen. Im Grunde geht es bei dieser wie auch vielen anderen Überarbeitungen eher darum, Fehler auszumergeln, Unklarheiten zu beseitigen oder an der Übersichtlichkeit zu schrauben und weniger darum, Neuerungen einzuführen. Einige kleine Veränderungen finden sich dennoch in der Neuausgabe.
Korrekturen/Anpassungen
Das Talent Emergency Medicine des Doktors sorgt nun korrekterweise dafür, dass er körperliche Zustände ignorieren kann, wenn er die Fähigkeit Medicine benutzt.
Im Ausrüstungskapitel wurde eine Passage eingefügt, in der deutlich geklärt ist, welche Ausrüstung Charaktere über die Abenteuer hinweg behalten können: nämlich nur die persönliche Ausrüstung, es sei denn, im Hauptquartier wurde der Cellar Vault (das Kellergewölbe) ausgebaut. Aber selbst diese Option ist nicht mehr so stark wie zuvor (siehe unten).
Neuerungen
Initiative wird in der Regel mit Karten von 1-10, die zufällig gezogen werden, bestimmt. Als optionale Regel wird nun vorgeschlagen, zuerst die SCs und dann die NSCs handeln zu lassen oder es davon abhängig zu machen, welche Gruppe den Kampf begonnen hat. Innerhalb der Gruppen darf man sich einfach absprechen, in welcher Reihenfolge gehandelt wird.

Eine weitere Regel befasst sich mit kritischen Verletzungen. Normalerweise erhält ein Charakter, von dem ein Attribut auf Null gesunken ist, er also gebrochen wurde, eine kritische Verletzung. Diese wird auf einer Tabelle ausgewürfelt und kann von einer leichten Fußverletzung bis zum sofortigen Tod reichen beziehungsweise von leichter Verwirrung bis zu einer unwiederbringlichen mentalen Instabilität. Auch bei leichten Verletzungen können bleibende Schäden davongetragen werden. Mit der vereinfachten Regel entfällt dieses System und es werden Todesrettungswürfe mit Force (für körperliche Verletzungen) oder Observation (für mentale Traumata) gewürfelt, ähnlich der Mechanik, die man von D&D gewohnt ist.
Wenn ein Charakter verängstigt ist, kann er nun jede Runde erneut würfeln, um die Furcht zu überwinden und sich wieder zusammenzureißen. Das ist eine ziemlich starke Änderung, denn im schlimmsten Fall konnte ein Charakter sechs Kampfrunden in Furcht erstarrt sein, zu fliehen versuchen, ohnmächtig herumliegen oder sogar in eine wilde Raserei verfallen.
Einige Ausbauten für das Hauptquartier wurden angepasst: Kellergewölbe und Okkultes Archiv können nur noch einen Gegenstand pro Rang lagern, der Botanische Garten heilt einen statt zwei mentaler Zustände und die örtliche Taverne gibt nur einen Bonus von +1 auf den körperlichen Wiederherstellungswurf – in der vorigen Version war der Bonus noch +2.
Erscheinungsbild
Das Starter Set ist in der typischen Box zusammengestellt, die von der bekannten Illustration der Nixe (sjörå) von Johan Egerkrans geschmückt ist. Der Codex Occultum ist in einem etwas unpassend glänzendem Cover gehalten, aber insgesamt sehr schön. Besonders die Karte vom Schloss besticht durch ihren reizenden Querschnitt und durch das Abenteuer hat nun auch Linnea ein Charakterbild.
Das neue Grundregelwerk ist verständlicherweise kaum im Layout verändert, sondern lediglich dort angepasst, wo Passagen verändert wurden. Es behält seine gewohnt gute Qualität, das raue und griffige Papier mitsamt dem hervorragenden Einband.
Besonders positiv fällt die Neugestaltung der Charakter- und Hauptquartierbögen auf. Diese sind nun quer über die Seite angeordnet. Beim Hauptquartierbogen sorgt das für etwas mehr Platz für die Historie, aber entscheidend ist es für den Charakterbogen. Durch die neue Anordnung werden nämlich Attribute, Zustände und Skills sinnvoll untereinander angeordnet, sodass ihre Beziehung zueinander sofort ersichtlich ist – eine klare Verbesserung.

Die harten Fakten:
- Verlag: Free League
- Autor*in(nen): Nils Hintze, Tomas Härenstam
- Illustrator*in(nen): Johan Egerkrans, Anton Vitus
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Englisch
- Format: Box/Hardcover
- Seitenanzahl: 232 (updated CRB)
- ISBN: 9789189765726 (Starter Set), 9789189143920 (updated CRB)
- Preis: 27,99 EUR (Starter Set), 49,95 EUR (updated CRB)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (Starter Set/updated CRB), DriveThruRPG (Starter Set/updated CRB), Sphärenmeister (Starter Set/updated CRB)
Bonus/Downloadcontent
Die neuen Charakterbögen gibt es auch digital als Download bei Free League.
Fazit
Das Starter Set zum Kennenlernen von Vaesen ist eine schöne Box, die sich durchaus eignet, um einen kleinen Ausflug in das System und die Spielwelt des mythischen Nordens zu machen. Während dieser Reise kann man mit vorgefertigten Charakteren erleben, wie die Gesellschaft wiederbelebt wird. Zumindest ist das der Plan. So ganz schafft es die Box nicht, das Spielgefühl von Vaesen zu transportieren. Spielende werden stark an die Hand genommen und mit mehr Informationen gefüttert als normalerweise zu Beginn üblich.

So lernen sie durch das Blättern im Codex Occultum schnell viele Vaesen kennen und können dann das Problem sehr kompetent angehen. Dadurch fällt ein Teil des Mysteriums und Herumrätselns weg, das viele andere Abenteuer prägt. Dennoch ist es ein insgesamt gut spielbares Abenteuer mit ausgezeichnetem Material, das einige Lücken des Grundregelwerkes schließt.
Mit dem überarbeiteten Grundregelwerk werden einige Freiheiten gewährt, indem optionale Regeln vorgestellt werden, die Spielende vielleicht aus anderen Systemen bereits kennen- und lieben gelernt haben. Während die Auswirkungen von Furcht massiv eingeschränkt werden, sind einige Verbesserungen des Hauptquartiers unattraktiver und weniger stark. Für Neueinsteiger*innen sind die klärenden Passagen aber eine große Hilfe. Donnerstagskinder der letzten Generation müssen beim neuen Grundregelwerk aber nicht unbedingt zuschlagen.
Wir vergeben vier von fünf verzauberten Lichtern.
Ein kleiner Tipp zum Abschluss: Das neue Grundregelwerk hat die gleiche ISBN wie das alte. Beim Kauf sollte man unbedingt darauf achten, das richtige Buch zu erwischen. Als Tipp kann man hier auf das Inhaltsverzeichnis achten, bei dem die Life Path Tables, der Character Sheet, der Headquarter Sheet und der Index separat aufgelistet sind, während es in der alten Version noch gemeinsam als „Background Tables“ verzeichnet war. Alternativ hilft ein Blick auf die Charakterbögen: hochkant alt, quer neu.

- Einfacher Einstieg ins System
- Schließt einige Lücken der Erzählung um die Gesellschaft
- Ausgezeichnetes und hübsches Material
- Abenteuer nur bedingt repräsentativ
- Zu wenige Neuerungen im CRB, um eine Neuanschaffung zu rechtfertigen
- Optionale Regeln nur bedingt sinnvoll
Artikelbilder: © Free League
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Gloria Puscher
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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