Ein Sohn, der seinem Vater Ehre bereiten will. Eine Ehefrau, die ihre kämpferische Vergangenheit zugunsten ihrer Familie aufgibt. Und ein Ehemann, der sich nicht traut, Traditionen zu hinterfragen. Können sie in The Sword of Kaigen über sich und ihre Rollen hinauswachsen, oder wird der Krieg sie verschlingen?
Geschichten im asiatischen Setting sind seit Jahren aus der Phantastik nicht mehr wegzudenken. In der hochgelobten Green-Bone-Saga von Fonda Lee folgen wir einer Familie, welche an chinesischen Gangster- und Kung-Fu-Filme erinnert, oder in der Im Zeichen der Mohnblumen-Reihe von R.F. Kuang einer jungen Frau auf ihrem Weg durch die Wirren eines Krieges. The Sword of Kaigen kombiniert das Familiendrama mit dem Krieg im asiatischen Setting innerhalb eines Einzelbandes und ergründet die Fragestellung, wie eine Familie aus Krieger*innen überleben kann, wenn der Kampf auf der Schwelle ihres Hauses stattfindet.
Fehlgeburt, Krieg, Suizid, Tod von Kindern, Vergewaltigung
Inhaltsverzeichnis
Story
Mamoru ist mit seinen 14 Jahren der älteste Sohn der Matsuda-Familie. Seit er ein Schwert halten kann, übt er für einen Krieg, der niemals kommen soll. Doch als Erbe des Matsuda-Clans hat er eine Aufgabe und seinen Vater Takeru stolz zu machen, ist sein größtes Ziel. Als ein Junge aus einem fernen Teil des Landes an seine Schule kommt und er erstmals von den Möglichkeiten außerhalb des traditionellen Dorfes hört, wird er neugierig. Besonders, als der Junge ihm vom Verlauf des Krieges vor etlichen Jahren berichtet, und dieser Bericht so gar nicht mit den Erzählungen zusammenpassen will, welche ihm die Geschichtsschreibenden bisher gelehrt haben.
Takeru ist der Verwalter des Dorfes auf der Kusanagi-Halbinsel, besser bekannt als das Schwert des Kaiserreichs Kaigen. Die Tradition der Familien im Dorf sieht vor, dass sie im Falle eines Angriffs auf das Reich die erste undurchdringliche Verteidigungslinie sind. Er und sein Bruder sind die Meister der flüsternden Klinge, einer Schwertkampftechnik, welche Eis in eine unzerbrechliche Klinge verwandelt. Doch der Krieg scheint weit entfernt und in Friedenszeiten gibt es wenig für einen Krieger zu tun.
Misaki hat neben Mamoru noch drei weitere Söhne zu Welt gebracht, der kleinste ist noch ein Säugling. Ihr Leben besteht daraus, Ehefrau und Mutter zu sein. Doch immer wieder gerät sie mit ihrem Ehemann aneinander, denn aufgewachsen ist sie ganz anders. Als junges Mädchen ging sie auf eine Schule in der modernen Welt, weit weg von den Traditionen und patriarchalen Strukturen ihrer Heimat. Hier lernte sie nicht nur Menschen aus allen Regionen Dunas kennen, sondern auch des Nachts mit ihren Freund*innen Verbrechen zu bekämpfen. Doch ihre Freiheit endete, als sie in dem Matsuda-Clan einheiratete. Seitdem liegt ihr Schwert, staubig und vergessen, verborgen unter den Dielen der Küche.
Doch dann werden Berichte laut über Stürme, die ganze Landstriche verwüsten und Familien, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Als die Matsuda-Familie beginnt, die Puzzleteile zusammenzusetzen, ist es beinahe zu spät, denn der Krieg klopft an ihrer Tür und droht, die Familie zu zerreißen.
The Sword of Kaigen ist im Kern ein Familiendrama im Gewand einer phantastischen Kriegsgeschichte. Die Welt ist voller Gegensätze und Magie. Einerseits gibt es die hochtechnologischen Länder, wo Misaki zur Schule ging, doch in dem Dorf, wo der Roman bis auf wenige Rückblenden spielt, ist davon kaum etwas zu spüren. Hier wirkt alles wie aus einem Setting des Japans der Edo-Zeit. Die dominierende Macht ist nicht die Technologie, sondern die Verbundenheit der Bewohner*innen zum Eis des Berges und damit auch zum Kern ihrer Magie. Doch vieles in der Welt bleibt Kulisse oder reines Hintergrundwissen, denn im Zentrum der Geschichte steht ganz klar die Familie Matsuda und was der drohende Kampf für sie bedeutet. Sei es Mamoru, der sich trotz seiner jungen Jahre beweisen will oder sei es Misaki, welche die Entscheidung treffen muss, ob sie ihre kämpferische Vergangenheit wieder aufnehmen kann. Dabei schlägt das Buch einen ganz besonderen Ton an, in welchem es eben nicht um das Retten der Welt geht, sondern um den Zusammenhalt einer Familie in Krisenzeiten.
Dabei werden im Laufe der Geschichte viele verschiedene Thematiken beleuchtet. Patriarchale Familienstrukturen und der blinde Glaube an eine Regierung sind nur einige davon. Besonders herausragend ist hierbei die Rolle von Misaki, welche sich oft die Frage stellt, inwiefern sie sich selbst verloren hat, seitdem sie „nur noch“ Ehefrau ist. In diesen ruhigen Momenten mit ihren Freundinnen glänzt die Geschichte besonders. Aber auch außerhalb ist der Spannungs- und Handlungsbogen sehr gut gelungen. Emotionale Höhepunkte finden sich vor allem in der Mitte des Buches, und auch ausführlich choreographierte Schwertkampfduelle und magische Kampfhandlungen kommen nicht zu kurz. Ungewöhnlich für einen Einzelband wird das Buch zum Ende hin ruhiger und hinterlässt sicher bei einigen Lesenden aufgrund eines eher offenen Endes der Handlung ein unbefriedigendes Gefühl. Mit dem Wissen, dass diese Geschichte ursprünglich einmal die Vorgeschichte zu einer von der Autorin mittlerweile abgebrochenen Reihe ist, lässt sich das Ende etwas besser verdauen.
Schreibstil
Außergewöhnlich am Stil von The Sword of Kaigen ist der häufige Gebrauch von japanischen Wörtern. Teilweise sind ganze Sätze in japanischer Sprache verfasst. Die Begrifflichkeiten lassen sich im angehängten Glossar nachschlagen. Wer der japanischen Sprache oder zumindest typischen Bezeichnungen, bekannt aus Anime und Manga, mächtig ist, wird immersiv in die Welt gezogen. Für alle anderen Lesenden kann das ständige Nachschlagen allerdings mühsam und immersionsbrechend sein. Der Weltenbau wird durch die fremde Sprache und teils extra für die Welt erfundene Begrifflichkeiten unterstützt und bekommt dadurch eine besondere Tiefe. Dabei wird vieles, was außerhalb des Dorfes als Haupthandlungsort existiert zwar kurz beschrieben, findet allerdings oftmals im Laufe der Geschichte kaum weitere Anwendung oder Erwähnung. So gibt es beispielsweise neben der Eismagie der Matsudas auch noch Feuer-, Wind- und sogar Blutmagie, doch diese spielen eine weit weniger große Rolle im Rahmen der Handlung.
Der Roman wird hauptsächlich aus Mamorus und Misakis Sicht geschrieben. Dies unterstützt die besondere Tiefe und Nachvollziehbarkeit der Handlungen der beiden Charaktere. Der emotionale Schreibstil der Autorin wurde von der Übersetzerin Henrietta Ahrent sehr gut eingefangen und das Lektorat hat dieses Mal gute Arbeit geleistet. Das haben wir bei diesem Verlag auch schon anders erlebt.
Die Autorin
Die Autorin M. L. Wang lebt in Wisconsin in den Vereinigten Staaten. The Sword of Kaigen ist ihr zweites ins Deutsche übersetzte Werk. Über ihr herausragendes Debüt auf dem deutschen Markt, Blood over Bright Haven, haben wir bereits berichtet. Mehr Informationen zu ihren Werken und neue Ankündigungen gibt es auf ihrer Website zu lesen.
Erscheinungsbild
Das Cover von The Sword of Kaigen entspricht dem englischen Originalcover und wurde bis auf die Übersetzung unverändert übernommen. Einen Schutzumschlag gibt es nicht. In der deutschen Erstausgabe des Hardcovers werden die Farben und das japanische Erscheinungsbild noch durch einen wellenartigen Farbschnitt stilistisch sinnvoll ergänzt.
Die harten Fakten:
- Verlag: Adrian & Wimmelbuchverlag
- Autorin: M. L. Wang
- Erscheinungsdatum: 17. Dezember 2025
- Sprache: Deutsch (Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Henrietta Ahrent)
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 624
- ISBN: 978-3985852741
- Preis: 24,95 EUR (Print) + 9,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (deutsch), Amazon (englisch)
Bonus
Der Geschichte ist eine übersichtliche Karte der Welt Duna vorangestellt, gefolgt von einer detaillierten Karte des kaigenesischen Reiches und seiner verschiedenen Inseln. Dies unterstützt Lesende dabei, die Übersicht über die erwähnten Ortschaften und ihre geografische Lage zueinander nicht zu verlieren. Außerdem besitzt The Sword of Kaigen sowohl ein Personenverzeichnis als auch ein überaus umfangreiches Glossar, welche am Ende des Buches verortet sind. Vor allem das Glossar ist unter anderem mit den Erklärungen der ursprünglich aus dem Japanischen entnommenen Begrifflichkeiten unersetzlich, wenn man der Sprache nicht mächtig ist.
Fazit
Die Matsuda-Familie lebt auf der als Schwert von Kaigen bekannten Halbinsel des Kaiserreiches in Frieden. Ihre Traditionen liegen im Schwertkampf und der Verteidigung des Reiches mit ihrer Eismagie. Doch der Krieg scheint weit entfernt. Mamoru, ältester Sohn der Familie, hadert mit der fehlenden Anerkennung seines Vaters, während Misaki, seine Mutter, damit kämpft, ihre Vergangenheit ruhen zu lassen und sich in die Rolle einer traditionellen Ehefrau zu fügen. Doch alles gerät durcheinander, als plötzlich eine feindliche Nation Kaigen angreift und den Frieden stört.
The Sword of Kaigen ist ein besonderes Buch. Nicht nur ist es emotional ergreifend und wartet mit einer komplexen Welt und tollen Geschichte auf. Es legt den Fokus auf eine Familie in Kriegszeiten und welchen Einfluss diese Situation auf die einzelnen Mitglieder hat. Es wird ausführlich beschrieben, welche schweren Entscheidungen sie treffen müssen. Entscheidungen, die manchmal das Wohl der Familie vor ihr eigenes stellen. Wer eine Geschichte lesen möchte, welche diese Fassette in einer dichten, japanisch-inspirierten Welt mit rasanten Schwertkämpfen und Katanas aus Eis beleuchtet, wird mit The Sword of Kaigen viel Freude habe.

- Starke weibliche Protagonistin über 30
- Ungewöhnlicher Fokus auf Familien im Krieg
- Emotionale Achterbahnfahrt
- Zu offenes Ende für einen Einzelband
Artikelbilder: © Adrian Verlag
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Sabrina Plote
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.



















