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In einer Stadt unter einer magischen Kuppel versucht Sciona, als erste Frau in den Rang einer Hochmagierin aufgenommen zu werden. Der Roman Blood Over Bright Haven begleitet sie auf dem Weg ins Hohe Magisterium und stellt die Frage, welchen Preis sie für die Magie zu zahlen bereit ist.

Es gibt Bücher innerhalb der Phantastik, welche sich mit Themen auseinandersetzen, die man ohne weiteres in unsere moderne Welt übertragen kann. Blood Over Bright Haven ist so ein Buch. Im Laufe der doch für das Genre ungewöhnlich kurzen Seitenzahl von 480 Seiten wird innerhalb des Einzelbandes eine Welt erschaffen und eine Geschichte erzählt, die schockierend viele Ähnlichkeiten mit bekannten Problemen aus der Realität hat.

Dies kann für einige sicher abschreckend wirken, wenn man nach einem Buch sucht, bei dem man in eine phantastische Welt abtauchen kann, um die reale einmal hinter sich zu lassen. Doch wer sich während der Lesereisen mit tiefgründigen gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Fragen auseinandersetzen will, wird im neusten Roman vom M. L. Wang ein Highlight finden, welches so nur selten auf den Markt kommt.

Triggerwarnungen

Emotionale/Körperliche Misshandlung, Fehlgeburten/Unfruchtbarkeit (erwähnt), Feuer, Genozid, Krieg, Kolonisierung, Mord, Panikattacken/Angststörungen, Rassismus, Sexismus, Sexuelle Übergriffe, Sklaverei, Suizid (erwähnt), Tod eines Elternteils, Tod wichtiger Charaktere

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Story

Sciona arbeitet seit über zwanzig Jahren auf genau ein Ziel hin: die Prüfung zur Hochmagierin abzulegen, was nur einer einzigen Frau alle zehn Jahre gestattet wird. Bisher hat noch keine es geschafft, diese Prüfung auch zu bestehen, doch Sciona hat nicht umsonst alles ihrem Bestreben untergeordnet und schafft es, den begehrten Platz unter den einhundert mächtigsten und einflussreichsten Magiewirkenden zu erlangen. Doch damit fangen ihre Probleme erst an, denn die rein männliche Gilde akzeptiert die junge Frau in ihren Rängen nur widerwillig und legt ihr Steine in den Weg, wo es nur möglich ist. Somit bekommt sie als Assistenten für ihre erste Aufgabe den Hausmeister der Akademie als Hilfskraft an die Seite gestellt, statt eine*n professionell ausgebildete*n Jungmagier*in.

Thomil ist ein Kwen – so werden alle Menschen bezeichnet, die von außerhalb der Kuppel in die Stadt Tiran geflüchtet sind: jene Kuppel, welche die Stadt vor der schlimmsten Plage der Menschheit, dem Feuerbrand, schützt, der Thomils Familie und so viele weitere Menschen im Umland ausgelöscht hat. Seit Jahren versucht er, sein Dasein in einer Welt zu fristen, welche ihn bestenfalls als Bürger zweiter Klasse und schlimmstenfalls als Tier ansieht. Als er plötzlich der neuen Hochmagierin Sciona zugeteilt wird, um ihr zu assistieren, hält er dies für einen weiteren schlechten Scherz des Schicksals, denn ungebildet in der Magie dieser Welt kann er ihr kaum von Hilfe sein.

Nach anfänglichen Vorurteilen und Misstrauen, fangen Sciona und Thomil an, zusammenzuarbeiten. Sciona erklärt ihm die Funktion der Magie und ihre erste zugewiesene Aufgabe als Hochmagierin. Sie soll den Schutzschild der Stadt erweitern, damit mehr Menschen vor den Plagen der Kälte und des Feuerbrandes geschützt werden. Doch je tiefer sie sich gemeinsam in die Welt der Magie vorwagen, desto mehr Geheimnisse werden enthüllt, bis sie zu der alles entscheidenden Frage vordringen: Welchen Preis für die Macht der Magie ist Sciona bereit zu zahlen?

Die beiden Hauptcharaktere von Blood Over Bright Haven sind von der Autorin absichtlich ambivalent angelegt. Beide, aber vor allem Sciona als Protagonistin, haben Ecken und Kanten und Lesende werden immer wieder Situationen erleben, in denen der Grad zwischen Held*in und Antiheld*in sich verschiebt. Sciona ist eine starke weibliche Figur, aber auch unbequem und unsozial. Von der Autorin wird sie in einem Interview auch als „girlboss feminist“ (zu Deutsch in etwa: Chefin und Feministin) bezeichnet. Sie bringt nicht nur selbst Opfer, sondern ist auch bereit, ihre ethischen und moralischen Grenzen auszudehnen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie ist unfassbar klug, aber auch verblendet, und zu sehen, wie sie sich im Angesicht der Wahrheit weiterentwickelt und ihr bisheriges Weltbild hinterfragt, lässt die Lesenden mitfiebern und mitleiden. Thomil hingegen ist als Charakter schon von Beginn an von Hass und Rache zerfressen, kann diese Gefühle aber aufgrund seiner eingetrichterten Konformität mit der Realität seiner sozialen Klasse nicht zeigen. Die Entwicklung zwischen diesen beiden Menschen von unfreiwilligen Verbündeten zu Freunden und Vertrauten ist glaubwürdig aufgebaut und lässt die Lesenden an beiden Schicksalen Anteil nehmen.

Besonders hervorzuheben ist ebenfalls, neben den gut ausgearbeiteten Haupt- und Nebencharakteren, das innovative Magiesystem. Dieses basiert auf Mathematik und ähnelt einer Art Programmiersprache. Magische Formeln werden aus verschiedenen Bestandteilen mit unterschiedlichen Bedeutungen in eine Art Schreibmaschine getippt. Dieser Formelograph kartiert Energie aus einer Dimension, die Anderswelt genannt wird, und lässt die gewünschte Magie entstehen. Die gesamte Funktion der Magie kann hier nur oberflächlich beschrieben werden. Der Roman nimmt sich allerdings viel Zeit, um dieses System ausführlich und verständlich zu erklären und webt dies sinnvoll in die Geschichte mit ein, als Sciona dem unwissenden Thomil (und damit gleichzeitig den Lesenden) die Geheimnisse der Magie erklärt. Die Art und Weise, wie Zusammenhänge, Aufbau und Wirkung der Zauberformeln und das Magiesystem erläutert werden, sind einzigartig.

Wichtig zu erwähnen ist bei diesem Buch die Schwere der aufgegriffenen Themen. Für Lesende, die eher fröhliche Geschichten bevorzugen, ist ein Blick in die Triggerliste ratsam. Diese ist durchaus umfassend, denn es werden viele Themen angesprochen, die man nicht zwingend in einem Buch der phantastischen Literatur erwartet. Dennoch ist es ebenso ein herausragendes Merkmal des Romans, diese Problemstellungen in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen und somit zum Nachdenken anzuregen.

Schreibstil

Die Stadt Tiran, welche die Kulisse in Blood Over Bright Haven bildet, ist gut beschrieben und erinnert an das Gaslamp-Setting von Romanen, die in der Zeit des viktorianischen Englands spielen. Gaslamp-Romane sind ein Subgenre des Steampunk – in diesem Fall mit Magie statt mit Dampfkraft. Dem Aufbau der Welt wird genau so viel Platz eingeräumt, dass man sich ein Bild von der Umgebung machen kann, ohne zu ausschweifend zu sein. Der Fokus des Romans liegt klar auf der Handlung, den Charakteren und der Magie. Trotzdem spürt man die Liebe zum Detail in der Ausarbeitung der Magie und der Welt, in welcher die Handlung spielt. Vor allem Lesende mit einem naturwissenschaftlichen Herz und Entdeckerdrang werden hier ihre Freude haben.

Durch die Kürze des Romans und die Tatsache, dass es sich um einen Einzelband handelt, besticht die Geschichte durch ein konstant hohes Tempo. Wer allerdings epische Kämpfe erwartet, wird enttäuscht werden, denn durchaus typisch für Bücher, welche im wissenschaftlichen Umfeld einer Akademie spielen, ist die Handlung von langen Dialogen geprägt. Da diese jedoch gespickt sind mit Diskussionen der beiden Protagonist*innen über philosophische, ethische und moralische Fragen, ist es zu keiner Sekunde langatmig geschrieben. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches zieht das Erzähltempo nochmal deutlich an und spätestens ab dort ist ein aus-der-Hand-Legen kaum möglich. Hier kommt es dann auch zu Actionsequenzen und mehrfachen dramatischen Wendungen in der Geschichte, welche die Lesenden auf eine emotionale Achterbahnfahrt schicken.

Generell ist der gesamte Schreibstil der Autorin dadurch geprägt, dass sie es schafft, extreme Gefühle während des Lesens zu wecken. Es gibt Momente im Buch, da möchte man dieses einfach nur an die Wand werfen vor Wut, und kurz darauf werden Taschentücher benötigt. Dies liegt vor allem an der Dichte der angesprochenen Themenfelder, welche von Frauenfeindlichkeit über Rassismus und Klassismus bis zu Gewalt alles enthalten. Obwohl es explizite Darstellungen vor allem von letzterem gibt, driften diese nie ins Übertriebene ab. Dennoch sollte man sich bewusst sein, dass dieses Buch emotional und psychisch aufwühlend sein kann.

Die Übersetzung des Romans von Ulrike Brauns ist gut gelungen. Lediglich das Lektorat hätte an der einen oder anderen Stelle noch Fehler ausmerzen müssen, die es leider in die Druckfassung geschafft haben. Dies reicht von falsch geschriebenen Namen bis zu Tippfehlern und fehlenden Wörtern im Satz, was leider negativ auffällt. Den insgesamt positiven Gesamteindruck kann dies jedoch nicht trüben.

Die Autorin

Die Autorin M. L. Wang lebt in Wisconsin in den Vereinigten Staaten. Blood Over Bright Haven ist ihr erstes ins Deutsche übersetzte Werk. Große internationale Bekanntheit in der Phantastik erlangte sie durch ihren Roman The Sword of Kaigen, welcher ebenfalls noch diesen Herbst beim Adrian Verlag erscheinen wird. Mehr Informationen zu ihren Werken und neue Ankündigungen gibt es auf ihrer Website zu lesen.

Erscheinungsbild

Die Hardcover-Ausgabe von Blood Over Bright Haven erscheint in der Erstauflage mit einem farblich und stilistisch angepasstem und ansprechendem Farbschnitt. Das Cover entspricht dem der englischen Originalausgabe: Abgebildet ist der im Buch oftmals erwähnte Formelograph zur Magieförderung. Teile des Designs sind optisch mit einer Spotlack-Veredlung versehen. Einen Schutzumschlag für das Hardcover gibt es nicht.

Im Inneren setzt sich der positive optische Gesamteindruck fort. Die einzelnen Kapitel haben um die Nummerierung und Kapitelüberschriften herum eine passend zum Farbschnitt in Flammen gestaltete Illustration bekommen. Vor den Kapiteln eingefügte kurze Auszüge, aus in der Handlung erwähnten literarischen Werken, runden die Besonderheiten des Erscheinungsbildes ab.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Adrian & Wimmelbuchverlag
  • Autorin: M. L. Wang
  • Erscheinungsdatum: 25.02.2025
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Ulrike Brauns)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN:978-3985852437
  • Preis: 22,00 EUR (Print) + 9,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (deutsche Ausgabe), Amazon (englische Ausgabe)

 

Bonus/Downloadcontent

Die vordere Innenklappe des Buches ist mit einer Karte der Stadt Tiran und Teilen des Umlandes von Elwira Pawlikowska monochrom illustriert. Einzig farblich durch eine gold-gelbe Einfärbung hervorgehoben sind wichtige Handlungsorte innerhalb der Stadt. Die gleiche Illustratorin hat eine Blaupause des Formelographen erstellt, welche dem ersten Kapitel des Buches vorangestellt ist. Diese Grafik ist sehr hilfreich bei der Vorstellung des Magiehilfsgeräts, welches in der Erzählung nur mit sehr technischen Formulierungen beschrieben wird.

Dem Buch nachgestellt ist ein Glossar, welches als Auszug eines Lehrbuchs innerhalb der Geschichte getarnt ist. Hier werden alle Begrifflichkeiten zum Verständnis des Magiesystems, aber auch der Hierarchie innerhalb der magischen Welt, ihre Ränge und weitere Spezialgebiete und Berufe kompakt erläutert.

Fazit

Mit Blood Over Bright Haven entführt uns die Autorin M. L. Wang in eine sehr düstere Welt. Sciona versucht, in der Stadt Tiran als neue Hochmagierin Fuß zu fassen und mit den Schikanen und Anfeindungen ihrer männlichen Kollegen umzugehen, während sie den ihr unfreiwillig zugewiesenen Hausmeister als Assistenten in die Magie einführt. Dabei kommen sie einem wohlbehüteten Geheimnis auf die Schliche, welches für beide lebensgefährlich werden kann und die Frage aufwirft, wie weit sie für die Wahrheit über die Magie bereit sind zu gehen.

Ein hohes Erzähltempo, vor allem ab der zweiten Hälfte des Buches, eine emotionale Achterbahnfahrt der Gefühle und eine Menge Themen zum Nachdenken – dies sind hier die Zutaten zu einem absoluten Highlight der Phantastik. Der Roman bietet tiefgründige Auseinandersetzungen mit Frauenfeindlichkeit in patriarchalen Strukturen, Ausbeutung unterdrückter Minderheiten und wie Geheimnisse und Desinformationen Macht erhalten. Die oftmals aus Philosophie und Moral basierenden Diskussionen der Protagonist*innen tragen zum positiven Gesamteindruck bei. Das komplexe und innovative Konzept hinter der im Buch praktizierten Magie runden das positive Gesamtbild ab.

Wer eine sehr emotionale Reise in die grausame Welt von Sciona und Thomil nicht scheut, wird mit diesem Einzelband möglicherweise ein neues Lieblingsbuch finden. Für alle anderen ist es zumindest ein spannender Ausflug in die Abgründe der Menschheit im phantastischen Gewand.

 

  • Innovatives und komplexes Magiesystem
  • Starke Haupt- und Nebencharaktere
  • Aufarbeitung ernster und wichtiger Themen

 

  • Teils schwaches Lektorat

 

Artikelbilder: © Adrian Verlag
Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Alexa Kasparek
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