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2112 ist Hamburg überflutet, Robos und Neuroimplantate sind alltäglich und Gaming füllt Stadien. Überraschend kann Go [Stuntboi] Kazumi für zwei Gaming-Stars arbeiten, die Chance ihres Lebens – bis zu einem Bombenanschlag. Und was ist mit ELL, an die Go ständig denken muss?

Aiki Mira ist seit einigen Jahren aus der deutschsprachigen Science-Fiction nicht mehr wegzudenken. Miras Texte experimentieren mit Sprache und Identitäten, mehrere wurden mit Preisen ausgezeichnet und der letzte Roman Denial of Service erschien im renommierten FISCHER Tor-Verlag. Zeit, dass wir uns endlich einmal ausführlicher einem von Miras Werken widmen.

Triggerwarnungen

Tod von Familienangehörigen, Drogensucht, Hochwasser, Terroranschläge, Polizeigewalt, Aneurysma, Stalking, Kidnapping, Folter, Rassismus, Sexismus, Transphobie

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Story

Hamburg 2112 nach der Klimakrise, ein Teil ist überflutet und manche Stadtteile sollten nicht ohne Atemmaske betreten werden. Tech-Konzerne beherrschen die Welt, die Menschen leben teilweise in schwimmenden Containern und Wohnungen aus dem 3-D-Drucker und über allem thront das Schwimmende Stadion – die Arena für die bedeutendsten Gaming-Turniere. Dabei tauchen die Spieler*innen durch das geleeartige Neurosubstrat in die virtuelle Spielwelt ein, um sich in Zweierteams zu bekämpfen. Die größten Stars der deutschen Glam-Gamer*innen sind die gerade erwachsenen Rashmani-Geschwister Ash und Phoenix, die sich bald im internationalen Turnier der Legenden in Hamburg messen werden.

Go [Stuntboi] Kazumi ist 18 und hadert mit dem eigenen Leben. Die Mutter als Hacktivistin nach dem Gefängnis abgetaucht, der Vater schweigsam und ruhelos, kontrolliert er doch als Leiharbeiter private Chats auf anstößige Inhalte. Vor allem aber hadert Go mit der eigenen Identität. Junge? Mädchen? Wofür entscheiden? Außerdem ist da noch Elba [ELL] Lovric, an die Go seit einem Treffen bei einem Job ständig denken muss.

Dann bekommt Go sehr plötzlich einen neuen Job, diesmal direkt im Stadion für die Rahmanis. Das Leben der beiden Stars ist nicht so großartig wie es von außen aussieht, ihre Karrieren und ihre Zukunft gehören dem ZONE-Konzern. Einen Teil ihrer Zeit verbringen sie mit illegalen Wettkämpfen und Konzerten, bei denen auch ELL wieder auftaucht. Vorsichtige Freundschaften bahnen sich zwischen den vier jungen Menschen an, dann kommt es zu einem Bombenanschlag. Plötzlich ist vieles anders und die Gefahr weiterer Anschläge sehr konkret. Stecken vielleicht die Tech-Aktivist*innen dahinter, zu denen auch Gos Mutter gehört? Aber trotz aller Sicherheitsbedenken rückt das Turnier der Legenden weiterhin näher und Go hat die eigene Identität immer noch nicht gefunden.

Das Buch ist chronologisch erzählt, springt dabei jedoch immer wieder zwischen den verschiedenen Personen. Dadurch wissen die Leser*innen mehr und haben einen anderen Überblick über die Handlungsmotivation der Figuren. Dabei sind nicht alle Personen sympathisch, aber immer sehr glaubhaft und in ihrem Handeln nachvollziehbar. Dennoch möchte man einige zwischendurch schütteln und sie dazu bringen, endlich miteinander zu reden.

Besonders Gos Weg zum passenden Umgang mit der eigenen geschlechtlichen Identität ist mit viel Fingerspitzengefühl geschildert. Dennoch ist Neongrau keine reine Coming-of-Age-Geschichte, dafür haben alle anderen Personen zu viel Raum.

Trotz des Anschlags, der Drohung weiterer und der daraus entstehenden Anspannung ist Neongrau jedoch auch kein Thriller im eigentlichen Sinne. Die Ermittlung steht nicht im Zentrum der Handlung, auch wenn einige Figuren nach den Verursacher*innen des Anschlags suchen. Für Go, ELL und die Rahmanis geht es vor allem um den eigenen Platz in einer Welt, die von Konzernen und KI bestimmt wird. Dabei gibt es erzählerisch keine Pause. Rasant geht es immer weiter und nie ist klar, ob sich eine der kleinen oder großen Katastrophen noch abwenden lässt oder nicht.

Schreibstil

Neongrau ist im Präsens aus einer außenstehenden Perspektive geschrieben. Dadurch wissen die Leser*innen immer mehr als die Figuren, was besonders ab dem Bombenanschlag die Spannung erhöht. Der Schreibstil zieht einen unmittelbar ins Geschehen. Teilweise erinnert er an moderne Poesie oder ein Computerspiel, wenn beispielsweise eine Figur ins Gesicht geboxt wird und der nächste Satz lautet „Farbblitze“, statt auszuführen, dass die geschlagene Person Farbblitze sieht. Dabei sind die Sätze meistens kurz und prägnant, kein einziges Wort scheint überflüssig.

Hin und wieder verwenden die Figuren Begriffe aus dem Yoruba, dem Slang Arabo-Reverse oder der Gamingsprache. Gerade letztere werden auch aktuell im E-Sport-Bereich verwendet. Einige Begriffe sind auch neu erfunden, besonders für technische Begriffe wie das Neurosubstrat. Vieles ist dabei selbsterklärend und erschließt sich aus dem Kontext wie die „frisierte Limo“ oder der „Medimat“. Für alle Fälle gibt es dennoch ein Glossar am Ende des Buches.

Spezifischer Weltenbau wird nicht betrieben, lange technische Beschreibungen gibt es hier nicht. Gesellschaft und Zukunftsvision werden nebenbei eingeflochten und bleiben dennoch teils beklemmend im Gedächtnis.

Wirklich spezifisch für Hamburg ist das Buch letztlich nicht. Eine teilüberflutete Stadt mit Hochbahn, verlassenen Häusern, Hausbooten und einer High Tech-Arena kann es an vielen Orten geben. Andere Aspekte dagegen wie der Elbtunnel sind sehr charakteristisch für Hamburg. Ein besonders schönes Detail ist der Stadtteil Blank, der sich vom noblen Blankenese zum Containerslum Blank gewandelt hat. Etwas mehr davon wäre schön gewesen, ist aber nicht notwendig.

Der*die Autor*in

Aiki Mira ist ein*e deutschsprachig*e Autor*in und lebt in Hamburg. In journalistischen Essays und Science-Fiction beschäftigt sich Mira mit Fragen nach dem Körper, queeren Zukünften, künstlicher Intelligenz und dem Umgang miteinander. Mira gewann dreimal in Folge den Kurd Laßwitz Preis für die Romane Neongrau, Neurobiest und Proxi.

Erscheinungsbild.

Das Cover von Christin Giessel mit den harten Farben und der Hand, die einem Roboter oder einem Menschen mit Roboterhandschuh gehören kann, zeigt das Genre sofort und passt perfekt zum Inhalt. Ein besonders passendes Detail sind die kleinen Symbole, die über alles drüber gestreut wirken. Es handelt sich dabei um Dreiecke, Quadrate, Kreise und Kreuze, die sicher nicht zufällig den Tasten auf dem Playstation-Controller nachempfunden sind. Ein paar dieser Symbole sind auch als Kapitelzier eingesetzt.

© Polarise
© Polarise

Die harten Fakten:

  • Verlag: Polarise
  • Autor*in: Aiki Mira
  • Erscheinungsdatum: 05.12.2022
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Taschenbuch
  • Seitenanzahl: 528
  • ISBN: 978-3949345289
  • Preis: 18 EUR (Print) + 16,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Im Anhang befindet sich ein Glossar, dessen verspätete Entdeckung der Lektüre keinen Abbruch tut. Es wird für das Verständnis des Romans also nicht benötigt, alles lässt sich aus dem Kontext erschließen, besonders wenn aktuell übliche Gamingbegriffe bekannt sind. Dennoch macht auch das Glossar Freude beim Lesen.

Außerdem enthält das Buch Content Notes und Tags. Erstere weisen auf potenziell triggernde Themen hin, letztere neutral auf inhaltliche Aspekte.

Zudem wurde Neongrau von der ARD als Hörspielserie adaptiert.

Fazit

In Neongrau geht es ins Hamburg der nahen Zukunft. Aiki Mira erzählt vom Erwachsen werden, von erster Liebe und dem Finden der eigenen Geschlechtsidentität. Go [Stuntboi] Kazumi und ELL müssen zwischen Gaming-Stars und illegalen Wettkämpfen, komplizierten Familien, Tech-Aktivist*innen und Bombenanschlägen ihren Platz finden. Alle Figuren sind glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt. Miras Schreibstil ist prägnant, knapp und wirkt teilweise wie ein Computerspiel und Poesie zugleich. Hier ist kein Wort zu viel oder an der falschen Stelle.

Wer ausführliche Beschreibungen zukünftiger Technik oder eines futuristischen Hamburgs sucht, ist hier falsch. Im Zentrum der Handlung stehen die Figuren, ihre Handlungen und ihre Suche nach ihrem Platz in einer hoch technisierten, unfreundlichen Welt. Wer eine rasante Coming-of-Age-Geschichte sucht, sich mit der Zukunft des Gamings beschäftigen will oder einfach richtig gute, teils beklemmende Science-Fiction in einem Cyberpunk-Setting lesen will, sollte hier unbedingt zugreifen.

  • Glaubhafte Figuren
  • Prägnanter Schreibstil
 

  • Etwas wenig Hamburg-Flair

 

Artikelbilder: © Polarise
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Hendrik Pfeifer

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