Zeit ist relativ – das hat Einstein in seiner Relativitätstheorie begründet. Doch das Vergehen von Zeit kann auch durch Anderes als bekannte Effekte beeinflusst werden. Der Frage, wie dies mit Lovecraft zusammenhängt, haben sich zehn Autor*innen in der Anthologie Horrologium in kurzen Horrorgeschichten gewidmet.
2014 wurde die Deutsche Lovecraft Gesellschaft e.V. (dLG) gegründet. Zur Feier des 10-Jährigen Bestehens gab es einen Aufruf an den Autorenzirkel der dLG und Schreibende im ganzen Land, Kurzgeschichten zur Thematik Zeit einzureichen. Diesem folgten knapp 100 Autor*innen. Am Ende ist daraus eine Anthologie des kosmischen Grauens entstanden, in der zehn dieser Geschichten sich in einem 144-seitigen Band zusammengefunden haben.
Die Deutsche Lovecraft Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein, der im August 2014 gegründet wurde. Mit mehr als 400 Mitgliedern widmet sich der Verein kulturellen Veranstaltungen, sowohl fachjournalistischen, wissenschaftlichen als auch kulturellen Publikationen und dem internationalen Austausch rund um den amerikanischen Autor H.P. Lovecraft. Dabei wird auch die Auseinandersetzung mit Lovecrafts rassistischer und antisemitischer Weltanschauung gefördert.
(Body)Horror, Tod, Gewalt, Suizid, Krieg, (Implizierte) Gewalt gegen Kinder
Zehn kurze Geschichten
In der vorliegenden Anthologie finden sich insgesamt zehn Kurzgeschichten, die sich in unterschiedlicher Weise und Ausprägung mit dem Thema Zeit auseinandersetzen. Durch die unterschiedlichen Perspektiven und Schreibstile der Autor*innen ist eine große Bandbreite an Geschichten entstanden, die verschiedene Geschmäcker treffen. Jede der Geschichten ist auf ihre eigene Weise einzigartig und setzt sich sowohl mit dem Cthulhu-Mythos als auch mit der Dimension Zeit auseinander.
In Im Vorzimmer Gottes von Sarah Mann durchläuft eine Seele unzählige Wiedergeburten, bevor ihr ihr eigenes grausiges Schicksal bewusst wird. Manuel O. Bendrin setzt sich in Wo alles Licht vergeht mit den Eigenschaften von Licht und Antilicht und deren Einfluss auf die Zeit auseinander.
Maximilian Wusts Geschichte Nach dem Ich zerstückelt das Leben des Hauptcharakters in Zeitfragmente und -achsen, die dieser in scheinbar zufälliger Reihenfolge durchlebt. In Uchronie von Andreas Zwengel wird ein mögliches Weltbild gezeigt, in dem der Kult um Cthulhu tatsächlich existiert und dieser die Geschicke der Welt lenkt.
Eine merkwürdige Grube am Rand eines Bauernfeldes und deren Einfluss auf das Vergehen von Zeit stehen im Mittelpunkt von Tilmann Löschs Eine andere Zeit. Felix Machka erinnert mit seiner Geschichte Die Kantate der Unendlichkeit oder das Meisterwerk des Monsieur Duvalier stark an Die Musik von Erich Zann, eine Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft, die auch im Rollenspiel-Abenteuer Der Nachtexpress aufgegriffen wird.
In Das verlorene Haus von Sophia Rosenberger scheint für ein Haus und seinen Bewohner die Zeit plötzlich viel schneller zu vergehen als für alle anderen. Anna Riedl begibt sich mit ihrer Geschichte Zerissen in die Zeit eines Krieges, der langfristige Spuren mentaler und körperlicher Art beim Hauptcharakter hinterlässt.
Wie es sich anfühlt, wenn die Welt kollektiv ihr Gedächtnis verliert und die Geschichte sich neu erschaffen muss, dem geht Julia Brandun in Einholen und laufen lassen auf den Grund. Den Abschluss des Bandes macht Erich Wimmers Geschichte Der Fremde am Friedhof, in der ein alter Mann einen schrecklichen Unfall verursacht hat und ein anderer nun versucht Schlimmeres zu verhindern.
Doch meine Erleichterung währte nicht lange. Um mich herum brodelte die Finsternis. Kleine Blasen formten sich und stoben davon. Sie dehnte sich aus, verschlang mich für eine kleine Ewigkeit, ehe sie in sich zusammenfiel und zerplatzte.
Manuel o. Bendrin in Wo alles Licht vergeht
Insgesamt lässt sich auf gewisse Weise in jeder dieser Geschichten die Dimension Zeit wiederfinden. Manche, wie etwa Im Vorzimmer Gottes und Nach dem Ich spielen mit unterschiedlichen Zeitstrahlen, die die Charaktere erleben. Bei anderen Geschichten ist die Zeit als solche insofern ausgestaltet, dass sie plötzlich schneller vergeht, als sie sollte, entweder für die Charaktere der Geschichte wie in Eine andere Zeit oder Das verlorene Haus oder aber für die Umwelt, wie in Wo alles Licht vergeht.
Bei allen Kurzgeschichten fand sich zwar ein inhaltlicher Bezug auf Lovecrafts Werk wieder, dennoch fehlte vielen davon das unterschwellige Grauen, dass manche Geschichte des Autors auszulösen vermag. Möglicherweise liegt dies an der Kürze, dennoch wurde genau dieses Gefühl etwas vermisst.
Auffällig war beim Lesen, dass in acht von zehn Geschichten der Hauptcharakter männlich ist. Nur in einer ist es nicht spezifiziert, aber vermutlich eine Frau und in der letzten Geschichte – Im Vorzimmer Gottes – handelt es sich um eine Seele, die viele Leben lebt und entsprechend unterschiedliche Geschlechter hat. Auch weibliche Nebencharaktere sind insgesamt wenig präsent, was sehr schade ist. Die Darstellung des Frauenbildes fällt in einer Geschichte sogar sehr negativ auf, da hier Frauen wiederholt auf ihre Geschlechtsmerkmale und Funktion als Bettgespielin reduziert werden. Für einen Kurzgeschichtenband im Jahr 2026 zeichnet sich hier insgesamt ein sehr unter- und sogar falsch repräsentiertes Bild von weiblichen Figuren – sei es nun als Haupt- oder Nebencharakter.
Schreibstile

Da es sich um zehn unterschiedliche Autor*innen handelt, sind die Schreibstile auch ebenso unterschiedlich. Dies führt dazu, dass man die Geschichten nicht unbedingt in einem Rutsch durchlesen kann – obwohl es nur 144 Seiten sind –, da man manchmal einen Augenblick braucht, sich auf die jeweilige Geschichte einzustellen.
Die meisten der Geschichten sind insgesamt sehr angenehm zu lesen und fokussieren sich eher auf die Erzählung als auf übermäßig bildhafte Beschreibungen, was vermutlich an der vorgegebenen Kürze liegt. Bei einem Autor fiel neben dem dargestellten Frauenbild der äußerst saloppe und umgangssprachliche Schreibstil auf. Dieser, in Kombination mit dem bereits erwähnten klischeehaften Frauenbild, wirft die Frage auf, ob das ein ganz bewusst gewähltes Stilmittel ist, um eine absichtliche Überzeichnung hervorzuheben. Ohne weiteren Kontext ist das aber eher eine wohlwollende Interpretation, um über den Aspekt der Geschichte hinwegsehen zu können, der aus einem emanzipierten und feministischen Blickwinkel sonst hochgradig problematisch sein könnte.
Allgemeines zum Buch
Der Kurzgeschichtenband ist ein schmales Softcover, dass im Self Publishing durch die Deutsche Lovecraft Gesellschaft veröffentlich wurde. Er ist auch nur über deren Shop erhältlich. Auf dem Titelbild findet sich eine Illustration von Dennis Kolisch, die eine Sanduhr zeigt, welche von einem dahinter lauernden Wesen mit einem tentakelartigen Fangarm umschlungen wird.
Sowohl das Layout als auch die gesamte Gestaltung ist insgesamt relativ einfach gehalten, wobei die Schriftgröße sehr groß ausfällt und der Zeilenabstand etwas größer hätte sein können.
Unterstützt werden die zehn Geschichten durch Titelillustrationen von Felix Machka. Die schwarz-weißen Bilder zeigen stets Elemente, welche auch in den jeweiligen Geschichten vorkommen und unterstützen diese sehr gut.
Die harten Fakten:
- Verlag: Deutsche Lovecraft Gesellschaft e.V.
- Autor*innen: Sarah Mann, Manuel Otto Bendrin, Maximilian Wust, Andreas Zwengel. Tillmann Lösch, Felix Machka, Sophia Rosenberger, Anna Riedl, Julia Barandun, Erich Wimmer
- Erscheinungsdatum: 21.07.2026
- Sprache: Deutsch
- Format: Softcover
- Seitenanzahl: 144
- Preis: 17,95 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Deutsche Lovecraft Gesellschaft e.V.
Fazit
Mit nur 144 Seiten und großer Schriftgröße ist Horrorlogium ein Kurzgeschichtenband, welcher sich recht zügig lesen lässt. Die zehn enthaltenen Geschichten sind in ihren Inhalten und Schreibstilen sehr vielfältig. Dadurch ist für jeden Geschmack etwas enthalten. Zwar wusste nicht jede Geschichte die Autorin dieses Artikels zu überzeugen – oder gar zu gruseln – aber dies ist durch die Unterschiedlichkeit wenig verwunderlich.
Wo die Themen der Geschichten durch Vielfalt zu glänzen vermögen, fehlt diese jedoch bei der Repräsentation unter den Charakteren. Hier finden sich hauptsächlich männliche Charaktere und weibliche spielen häufig eine sehr nebensächliche oder gar keine Rolle. Teilweise werden diese sogar sehr klischeehaft dargestellt.
Alles in allem blieb am Ende des Lesens die Frage zurück, warum Frauen im Horrorgenre häufig noch in Schubladen gesteckt werden, wo doch gerade eine Frau – Mary Shelley – eine der Wegbereiterinnen eben dieses Genres war. Im Jahr 2026 würde man erwarten, dass bei der Auseinandersetzung mit einem Autor mit problematischen Weltanschauungen, wie H.P. Lovecraft es ist, Diversität und Vielfalt in den Charakteren auch eine Rolle spielen. Stattdessen finden sich sehr traditionelle oder gänzlich überzeichnete Rollenbilder in den Kurzgeschichten. Als kurzweilige Unterhaltung funktioniert die Anthologie jedoch und hat für etwas Abwechslung bei einer langen Zugfahrt gesorgt.

- Für jeden Geschmack etwas dabei
- Kurzweilige Geschichten
- Sehr wenige weibliche Charaktere
Artikelbilder: © Deutsche Lovecraft Gesellschaft, depositphotos © agsandrew
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Verena Kröger
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.


















