Stolz und Vorurteil, Bridgerton, Queen Charlotte – die Regency-Zeit verkauft sich gut. Ein Regency-Ableger, von dem man vielleicht nicht wusste, dass man ihn braucht, ist Regency Cthulhu. Mit diesem Quellenband lässt sich ein Ballbesuch mit dem kosmischen Grauen von H.P. Lovecrafts Cthulhu verbinden.
Einige der Romane der englischen Autorin Jane Austen zählen zu Klassikern romantischer Liebesromane. Mehr als eins ihrer Bücher wurde als Film oder Serie adaptiert und bis heute erfreut sich ihr Werk großer Beliebtheit. Damit hat sie zumindest eine Sache gemein mit dem amerikanischen Autoren H.P. Lovecraft, welcher die ersten Werke des Cthulhu-Mythos verfasste. Augenscheinlich enden damit auch bereits die verbindenden Elemente, hätte Chaosium sich nicht entschieden, den Quellenband Regency Cthulhu herauszubringen, welcher von Pegasus Spiele auf Deutsch übersetzt wurde. Zwei scheinbar gegensätzliche Welten finden auf fast 220 Seiten zusammen – aber wieso sollte ein Großer Alter auch Halt vor der britischen Ballsaison machen?
Horror, Tod, Geisteskrankheiten
Die Spielwelt
Hochverehrte Leserschaft,
Welch eine Ballsaison! Gerade einmal wenige Tage dauert sie an und schon gibt es so einiges zu berichten. Auf dem Ball der Northlakes im beschaulichen Tarryford am letzten Wochenende hat der Baronet Sir James höchstpersönlich einen hetzenden Schrecken mit seinem Gewehr erschossen und damit die junge Miss Jane Radcliffe vor Schlimmstem bewahrt (…)
So oder so ähnlich könnte man sich in Regency Cthulhu eine Ausgabe von Lady Whistledown vorstellen. Natürlich würde die feine Gesellschaft niemals über solch unsägliche Schrecken in aller Öffentlichkeit sprechen und die meisten von ihnen wissen glücklicherweise auch recht wenig darüber. Dennoch wird in Regency Cthulhu eine Spielwelt beschrieben, in der jene romantischen Geschichten der Regency-Zeit einen dunkleren Anstrich erhalten.
Regency Cthulhu ist ein Quellenband für das Spielsystem Cthulhu, welches ebenfalls auf Deutsch bei Pegasus Spiele erscheint. Darin enthalten ist ein ausführliche Beschreibung Englands im Regency-Zeitalter. Dieses dauerte circa von 1811 bis 1820, wobei dies kein absolut fester Rahmen ist und je nach Sichtweise variieren kann.
In dieser Zeit ist de facto noch George III. König des Vereinigten Königreichs Großbritanniens und Irlands. Der Name dieser Zeit rührt jedoch vom „Regency Act“ her, der seinen Sohn George zum Prinzregenten bis zum Tod seines Vaters 1820 ernannte. Der Quellenband enthält jedoch nicht nur für diese Zeit, sondern bereits ab 1714 bis 1837 geschichtliche Informationen, die dabei helfen können, das kosmische Grauen in dieser Zeit zu verankern. Neben einem Zeitstrahl gibt es diverse Hintergrundinformationen wie beispielsweise zu Frauen in der Gesellschaft, Regeln des Anstands und Romantik in der Regency-Zeit. Damit werden wichtige Grundsteine der Welt gesetzt.

Diese werden in der Beschreibung des beschaulichen Dorfes Tarryford weiter verfeinert. Auf etwa 30 Seiten wird der Ort und das umliegende Land mit den wichtigsten NSC beschrieben. Zum Beispiel wäre da Mrs. Millicent Fortham, welche die resolute Geschäftsführerin von Fortham’s Drapers ist oder auch der gutaussehende Schmied Mr. Martin Johnson – welcher sich seiner Qualitäten durchaus bewusst ist. Die Anzahl der NSC ist nicht zu knapp und ermöglicht es, dem kleinen englischen Dorf Leben einzuhauchen. Neben den bürgerlichen Bewohnern werden auch die Angehörigen des örtlichen (Land-)Adels beschrieben – zu denen womöglich auch die Investigator*innen gehören.
Im Quellenband sind außerdem zwei Abenteuer enthalten: Der lange Korridor und Die innere Leere. Diese sind so angelegt, dass sie nacheinander gespielt werden können und die Investigator*innen zunächst durch einen Ball miteinander in Kontakt bringen. Im Verlaufe der Abenteuer finden sie mehr über die Geschichte des Adels in Tarryford und den Ort selbst heraus. Denn auch wenn das Dorf idyllisch erscheint, blickt es auf eine lange – und düstere – Geschichte zurück.
Die Regeln
Grundlegend gelten für Regency Cthulhu die gleichen Regeln wie sie auch im Grundregelwerk von Cthulhu beschrieben werden. Ergänzt wird dies mit zusätzlichen und geänderten Fertigkeiten sowie angepassten Regeln, damit diese zur Regency-Zeit passen.

Einige Fertigkeiten wie elektrische Reparaturen oder Naturwissenschaft mit allen Spezialisierungen stehen in Regency Cthulhu nicht zur Verfügung. Manche sind ersatzlos gestrichen, andere, wie Naturwissenschaften, werden durch Fertigkeiten ersetzt, die besser zum Setting passen. Naturwissenschaften ist hier Naturphilosophie und hat keine Spezialisierung. Damit wird darauf eingegangen, dass die Wissenschaften in den 1810er Jahren noch viel einfacher sind, als es in den 1920er Jahren und später der Fall ist.
Aber auch neue Fertigkeiten, die für das Setting wichtig und passend für die bespielte Zeit sind, enthält der Quellenband. Beispielsweise spiegelt Etikette wider, wie gut sich die Charaktere der Spielenden innerhalb der Gesellschaft zu benehmen und bewegen wissen. Ein guter Wert in Etikette kann so manche Gelegenheit eröffnen, die anderen verwehrt wäre. Und was wäre die Regency-Zeit ohne die Ballsaison, um die sich auch so manch Geschichte der Popkultur dreht. Auch hierfür gibt es neue Fertigkeiten: Tanzen und Kartenspielen bilden beispielsweise ab, wie sich manch Angehörige*r des Adels die Zeit vertrieben hat.
Auch Spezialisierungen für Fertigkeiten sind leicht anders in Regency Cthulhu, so gibt es für Kunst beispielsweise die Spezialisierungen Musik (Klavier) und Sticken. Damit wird den typischen Zeitvertreiben des Adels weiter Rechnung getragen.
Zusätzlich zu den Fertigkeiten gibt es optionale Regeln, welche für Regency Cthulhu angewendet werden können. Neben der Erläuterung von Glückspunkten, welche bereits als optionale Regel im Grundregelwerk enthalten sind, wird ein System für Reputation vorgestellt. Dieser neue Wert spiegelt den Ruf der Investigator*innen wider und kann hinderlich oder hilfreich im Spiel sein. Ein Charakter mit besonders guter Reputation könnte bei manchen Würfen etwa einen Bonuswürfel erhalten, während solche mit schlechter Reputation Strafwürfel bekommen können. Wer der eigenen Reputation innerhalb eines Tages oder Abenteuers zu viel Schaden zufügt könnte eventuell sogar gesellschaftliche Folgen davontragen – wie etwa, dass man von anderen gemieden wird oder auch, Klatsch und Tratsch ausgesetzt zu sein.
Charaktererschaffung
Auch zur Charaktererschaffung gelten die Regeln des Grundregelwerks. Ergänzt werden diese durch einen neuen optionalen Schritt: das Berechnen der Anfangs-Reputation. Außerdem gibt es erweiterte Möglichkeiten für die Ausrüstung der Investigator*innen und zusätzliche oder abgeänderte Berufe, um auch hier die Regency-Zeit abzubilden.

Diese neuen Berufe sind beispielsweise Gentleman oder Gentlewoman, welche die typischen Mitglieder des Adels darstellen sollen. Diese sind nach Geschlecht unterschiedlich, wobei es einen Abschnitt im Quellenband darüber gibt wie die typische Rolle der Frau in der Zeit des Settings ist. Natürlich kann die Spielgruppe sich entscheiden historische Gegebenheiten außen vor zu lassen, sodass unabhängig vom Geschlecht des Charakters alle Berufe zur Auswahl stehen.
Manche Berufe stehen auch als Freizeitaktivität Verfügung. Hier wird als Beruf Gentleman oder Gentlewoman gewählt, wobei dieser dann nur die Finanzkraft bestimmt, die Berufsfertigkeiten ergeben sich aus der gewählten Freizeitbeschäftigung und werden auch entsprechend berechnet. So kann man zum Beispiel eine Investigatorin erschaffen, welche als Gentlewoman zur feinen Gesellschaft gehört, in ihrer Freizeit jedoch so manches geschichtliche Buch liest und daher als Altertumsforscherin zu betrachten ist.
Generell schlägt der Quellenband vor, für die beigefügten Abenteuer und das volle „Regency-Erlebnis“ Charaktere zu erstellen, welche dem Adel oder zumindest der Oberschicht angehören. Aber es gibt auch Hinweise, wie die enthaltenen Abenteuer mit Investigator*innen niedrigeren Standes gespielt werden können unter dem Stichwort „Treppengeflüster“. Im Band selbst sind sechs Charaktere enthalten, welche bereits Verknüpfungen zu den Abenteuern enthalten.
Erscheinungsbild
Das vorliegende Hardcover macht einen für Cthulhu gewohnt wertigen Eindruck. Es ist auf fast 220 Seiten in Vollfarbe gestaltet und ähnelt in Aufteilung und Layout bisherigen Erscheinungen. Damit fügt es sich gut in andere Bände der siebten Edition ein und sticht im Regal nicht hervor, was bei einer Reihe wünschenswert ist – niemand mag andersfarbige Buchrücken, die das Bild unterbrechen.
Ergänzt werden die langen Textpassagen im Quellenband durch viele Illustrationen, die entweder das Setting oder NSC zeigen. Sehr positiv fällt auf, dass fast alle im Buch beschriebenen NSC tatsächlich auch ein Bild haben, auch wenn diese teilweise sehr düster sind, um zum Cthulhu-Setting zu passen. Neben Charakterbildern gibt es einige schöne Illustrationen, die gut die Welt des britischen Regency Adels mit der des Cthulhu-Mythos vereinen und den Quellenband stimmungsvoll unterstützen.

Die harten Fakten:
- Verlag: Pegasus Spiele
- Autor*in(nen): Lynne Hardy, Andrew Peregrine
- Übersetzer*innen: Thomas Benn, Miriam Viehler
- Illustrator*in(nen): Aaron Acevedo, Alida Saxon mit Lynne Hardy
- Erscheinungsjahr: 2026
- Sprache: Deutsch
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 216
- ISBN: 978-3-96928-174-1
- Preis: 29,95 EUR (Hardcover), 19,95 EUR (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, DriveThruRPG, Sphärenmeister, Pegasus
Bonus/Downloadcontent
Auf Pegasus Digital können zum Quellenband die Handouts und Karten kostenlos heruntergeladen werden. Mit dabei sind digitale Charakterbögen für Regency Cthulhu und eine Pulp-Variante.
Fazit
In der Welt des Adels in der Regency-Zeit ist vieles anders, als es in den 1920ern war oder heute ist und dies wird gut in den ergänzenden und neuen Regeln in Regency Cthulhu eingefangen. Gerade das System zur Reputation sowie manche neue Fertigkeit und Spezialisierung passen sehr gut zu Themen, die auch in Büchern von Jane Austen oder Serien wie Bridgerton vorkommen.
Gerade Fans der eben genannten Geschichten, die dem kosmischen Grauen des Cthulhu-Mythos nicht abgeneigt sind, dürften mit diesem Quellenband auf ihre Kosten kommen. Es finden sich darin neben passenden Anpassungen eines bestehenden Regelsystems auch Anspielungen, wie etwa einen Charakter mit dem Nachnamen „Bennet“. So lassen sich verschiedene Interessen miteinander verbinden. Und wer weiß, vielleicht ist das Umwerben der Debütantinnen auf dem abendlichen Ball, gefolgt vom Aufdecken der grausigen Familiengeheimnisse genau das, was in der eigenen Rollenspiel Erfahrung noch gefehlt hat.
In diesem Sinne, liebe Leser*innenschaft, hoffen wir, dass diese Ballsaison noch so einiges zu bieten hat und geben diesem Tanz mit dem Grauen fünf von fünf möglichen Tanzschuhen.
Dieser Ersteindruck basiert auf dem Lesen des Quellenbandes sowie dem Querlesen der enthaltenen Abenteuer. Ein Spieltest ist aktuell nicht geplant.

- Sehr gute Ergänzung bestehender Regeln
- Umfassende Beschreibung des Settings
- Viele (Charakter-)Illustrationen
Artikelbilder: © Pegasus Spiele
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Giovanna Pirillo
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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