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Aus Versehen den eigenen Doktorvater getötet, bevor die Promotion durch ist? Kein Problem, denkt sich Alice Law und beschließt kurzerhand, in die Hölle zu reisen und ihn zurückzuholen. In Katabasis folgen wir Alice auf ihrem Abstieg in die Hölle, doch gibt es von dort überhaupt eine Wiederkehr?

Rebecca F. Kuang hat in den letzten Jahren immer wieder für Aufsehen mit ihren Büchern gesorgt. Sei es das düster akademische Highlight Babel, welches wir als Mischung aus Phantastik- und Historienroman auch Phantastikneulingen empfohlen haben, oder der satirische Bestseller Yellowface, welcher sich nicht mit Kritik an der Verlagsbranche und sozialen Medien zurückhält. Mit Katabasis erscheint nun ihr neuster Roman als Einzelband und die Prämisse klingt erst einmal nach Highlight-Potenzial. Warum also kann das Buch letztendlich den hohen Erwartungen doch nicht gerecht werden und ist im Vergleich zu ihren vorherigen Werken deutlich schwächer?

Triggerwarnungen

problematisches Essverhalten, Sexismus, Suizid (erwähnt)

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Story

Alice Law studiert analytische Magie an der renommierten Universität von Cambridge in England. Als Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln und als Frau hat sie es hier nicht immer leicht, doch sie lässt sich nicht von ihrem Ziel abbringen, bei Jacob Grimes, dem berühmtesten Magier dieser Zeit, ihren Abschluss zu machen. Als ihr jedoch völlig erschöpft von langen Lerntagen und Experimenten ein Fehler unterläuft, der ihrem Professor das Leben kostet, sieht sie alle Möglichkeiten auf einen erfolgreichen Abschluss dahin schwinden. Doch Alice rühmt sich nicht ohne Grund als eine der cleversten Studentinnen des Magiers und plant einen kurzen Besuch in die neun Kreise der Hölle. Begleitet wird sie dabei unfreiwillig von ihrem größten Rivalen an der Universität, Peter Murdoch.

Gemeinsam beginnen sie den Abstieg in die Hölle, die sich nur ganz anders darstellt, als sie es aus den Schriften von Dante, Vergil oder den Erlebnissen von Orpheus in Homers Odyssee erwartet haben. Zur Zusammenarbeit gezwungen, müssen Alice und Peter nicht nur die unsicheren Ebenen der Unterwelt bezwingen, sondern vor allem ihre Differenzen. Dabei tauchen sie immer tiefer in ihre gemeinsame Vergangenheit mit ihrem Doktorvater ab und stellen sich die Frage: Ist die Reise eine Rettungsmission oder ein Racheakt?

DANTE'S INFERNO, um 1520 Holzschnitt aus einer venezianischen Ausgabe der „Göttlichen Komödie“, um 1520.
DANTE’S INFERNO, Holzschnitt um 1520 aus einer venezianischen Ausgabe der „Göttlichen Komödie“. © gemeinfrei

Katabasis ist ein altgriechisches Wort und bedeutet frei übersetzt den Abstieg in die Hölle und genau das bekommen Lesende als zentrales Element des neuen Romans von R. F. Kuang serviert. Die Geschichte enthält viele spannende Bausteine. Angefangen von der Darstellung der Unterwelt und den unterschiedlichen Ebenen dort, über die Auseinandersetzung der beiden Protagonist*innen mit sich selbst, ihrer Beziehung zueinander und ihrer akademischen Laufbahn, als auch eine neue und kreative Art der Magienutzung. Leider bleiben insgesamt alle Teilelemente hinter den Erwartungen zurück. Die Hölle wird immer wieder mit Referenzen zu bekannten historischen Werken wie Dante’s Inferno oder der Aeneis von Vergil verglichen, jedoch schafft es die Autorin nicht, ihr ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Oftmals werden nur einsame Wüsten und karge Landschaften beschrieben. Hier wurde viel Potenzial im Erschaffen einer eigenen Interpretation liegen gelassen.

Die Beziehung zwischen Alice und Peter beginnt vielversprechend als akademische Rivalität um ihren gemeinsamen Professor. Schnell wird klar, dass hier niemand nur gut oder böse ist, sondern sich alle Charaktere in Graustufen bewegen. Besonders Alice ist häufig durch ihre Unehrlichkeit und Verschlagenheit unsympathisch und man möchte sich gar nicht mit ihr identifizieren. Im Laufe der Handlung machen alle Charaktere jedoch Entwicklungen durch, die großteils gut nachvollziehbar sind. Allein die Liebesgeschichte zwischen Alice und Peter hätte es nicht gebraucht. Es wirkt eher so, als wäre diese, durch die mögliche Vermarktung als „Enemies to Lovers“, der Autorin aufgezwungen worden.

Das Magiesystem wiederum bietet viel Potenzial, da es auf Logikrätseln und mathematischen sowie philosophischen Theorien basiert. Ein Beispiel hierfür ist das Lügenparadoxon, welches einige Male dafür genutzt wird, um Gegner magisch gefangen zu nehmen, wenn sie sich aus dem Paradoxon nicht befreien können. Leider werden viele Konzepte nur grob angerissen und teilweise gar nicht näher beschrieben. Lesende sind oftmals also für das vollständige Verstehen auf eigene Recherche angewiesen. Dies hätte man besser, wie in Babel mit eingefügten Fußnoten lösen können.

Schreibstil

Der akademische Hintergrund Kuangs kommt auch in Katabasis wieder stark durch ihre Erzählweise zum Tragen. Dieses Mal hat sie ihren angestammten historischen Hintergrund verlassen und das Buch in Zusammenarbeit mit ihrem Partner geschrieben, der die philosophische Komponente beigesteuert hat. Die nüchterne und wenig ausschweifende akademische Sprache wird daher ergänzt durch die Beschreibung einiger eher trockener logischer Theoreme. Dies kann man mögen, liest sich allerdings in einem Roman der Phantastik oftmals sperrig. Vor allem für die Beschreibung der Umgebung in der Hölle hätte etwas mehr Kreativität nicht geschadet. So fällt Lesenden die Vorstellung eher schwer und die Unterwelt wirkt wie eine leblose Kulisse.

Die Übersetzung der beiden Übersetzerinnen Alexandra Jordan und Heike Franck, welche schon Babel gemeinsam übersetzt haben, ist gut gelungen. Auch das Lektorat hat einen hervorragenden Job gemacht.

Die Autorin

Rebecca F. Kuang ist US-Amerikanerin chinesischer Herkunft und hat in ihrer kurzen Karriere schon diverse Preise, unter anderem den Nebula-Award, für ihre Werke gewonnen. Im Zeichen der Mohnblume ist ihr Erstlingswerk, weitere Romane sind Babel und Yellowface. Katabasis ist ihr neuester Roman.

Erscheinungsbild

Für das deutsche Cover wurde die amerikanische Cover-Illustration wiederverwendet, welche eine unendliche Treppe nach Penrose darstellt und somit sehr gut zum Inhalt von Katabasis passt. In der Erstauflage wird der Buchschnitt mit klassischem Gold verziert. Die Innenklappen sind mit Symbolen, Formeln und weiteren theoretischen Konzepten zur Hölle versehen, was ebenfalls gut zum akademischen Grundton passt. Die Gestaltung ist somit stimmig, wenn auch für den Preis des Hardcovers etwas dürftig, da es im Buch keine zusätzlichen Extras gibt.

Cover Katabasis © Eichborn
Cover Katabasis © Eichborn

Die harten Fakten:

  • Verlag: Eichborn
  • Autorin: R. F. Kuang
  • Erscheinungsdatum: 26. August 2025
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Alexandra Jordan und Heike Franck)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 657
  • ISBN:978-3847902164
  • Preis: 28,00 EUR (Print) + 19,99 EUR(E-Book)
  • Bezugsquelle:Fachhandel, Amazon (deutsch), Amazon (englisch)

 

Fazit

Am Institut für analytische Magie in Cambridge will Alice Law ihren Abschluss machen, als bei einem magischen Experiment ihr Doktorvater ums Leben kommt. Nicht ganz unschuldig an der Misere, beschließt Alice, ihn aus der Hölle zurückzuholen. Dabei wird sie unfreiwillig von ihrem größten akademischen Rivalen Peter begleitet. Gemeinsam schlagen sie sich durch die Ebenen der Unterwelt, welche sich für die beiden Studierenden als größte Herausforderung ihres Lebens entpuppt.

Katabasis entführt die Lesenden in eine Welt voller spannender Themen, die leider schriftstellerisch alle etwas zu flach bleiben. Die Ansätze der Magie, welche auf Logik und Philosophie basiert, ist außergewöhnlich, jedoch zu oberflächlich behandelt. Mit der in die Handlung gepressten Liebesgeschichte, hat sich die Autorin keinen Gefallen getan. Das Gesamtfazit ist daher frei nach dem Motto: gute Ideen, aber nicht zu Ende umgesetzt. Wer mit den entsprechenden Erwartungen das Buch liest, kann sich trotzdem gut unterhalten fühlen, sollte vielleicht aber auf die günstigere Taschenbuchausgabe warten.

  • Interessante Grundidee
  • Kritische Auseinandersetzung mit Misogynie in Eliteuniversitäten
 

  • Langweilige Umsetzung der Hölle
  • Unausgereifte Darstellung der Magie

 

Artikelbilder: Hortus Deliciarum | Herrad von Landsberg (1180) © gemeinfrei, DANTE’S INFERNO © gemeinfrei, © Eichborn
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Lidia Strauch
Dieses Produkt wurde privat finanziert.

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