Pinocchio ist keine Geschichte, die man normalerweise mit Sex und Gewalt in Verbindung bringt. Doch der mit Preisen überhäufte Pinocchio von Winshluss nutzt eben diese Stilmittel, um zu provozieren und die Handlung ganz neu zu interpretieren. Der Comic kommt dabei fast ohne Worte aus. Doch kann er uns auch überzeugen?
Das Märchen von Pinocchio ist auch durch die Verfilmung von Walt Disney eine der bekanntesten Geschichten aus Italien. Eine Marionette, die lebendig wird und ein echter Junge werden möchte. Sie lügt, macht Fehler und ist leicht beeinflussbar. Dadurch lernt sie aber moralisches Handeln und Verantwortung zu übernehmen, wofür sie am Ende belohnt und in einen Menschen verwandelt wird. Doch was wäre, wenn Pinocchio ein Roboter wäre, der von seinem Schöpfer an das Militär verkauft werden soll, aber von dessen Frau als Sexspielzeug benutzt wird? Was, wenn der Geschichte jegliche Moral entzogen und daraus ein sarkastisches Werk würde, das vor Nichts halt macht? Wir besprechen die Graphic Novel Pinocchio, die ursprünglich 2009 erschienen ist und lange Zeit ausverkauft war. Der Band wurde mit dem Max-und-Moritz-Preis in Erlangen, als bestes Album in Angoulême ausgezeichnet und von Moebius als Meisterwerk bezeichnet. Der avant-Verlag hat nun eine wertige Neuauflage herausgebracht. Wir erzählen euch, für wen dieser Comic gedacht ist und wer lieber die Finger davon lassen sollte.
Gewalt, Mord, Selbstmord, Sex, Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt, Kinderarbeit, Drogen, Faschismus, Krieg, Rassismus
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Ein betrunkener Polizist sitzt zu Hause und überlegt, sich das Leben zu nehmen, während er lüstern die attraktive Nachbarin beobachtet. Doch er tötet stattdessen seine Katze, die um Futter bettelt. Schon bald muss er einen Mordfall lösen, denn die Frau des Erfinders Geppetto wurde ermordet. Sogleich sehen wir, was wirklich geschah: Nachdem Geppetto einen Roboter namens Pinocchio erfunden hat, fährt er zum Militär, um seine Wunderwerk zu verkaufen. Seine Frau nimmt währenddessen zu Hause ein Sonnenbad. Sie nutzt Pinocchio, um sich einzucremen und nutzt danach seine lange Nase als Massagestab. Was sie nicht weiß, ist, dass die Nase als Flammenwerfer konzipiert wurde. Sie verbrennt und als Geppetto die Leiche findet, versteckt er sie im Wald.
Pinocchio zieht durch das Land und kommt an unzählige fremde Orte: in eine Spielzeugfabrik, die durch Kinderarbeit betrieben wird, einen leerstehenden Freizeitpark, in dem ein Clown eine faschistische Bewegung gründet oder zu den sieben Zwergen, die über wehrlose Frauen herfallen und sie vergewaltigen wollen. All diese Geschichten funktionieren ganz ohne Text, sie werden unterbrochen durch Comicstrips von Jiminy Wanze, einer Zigarre rauchenden Kakerlake, die als erfolgloser Schriftsteller in Pinocchios hohlem Kopf lebt. Jiminy ist nicht die moralische Instanz des Roboters, sondern sorgt höchstens einmal für den ein oder anderen Kurzschluss. Diese Zwischensequenzen wirken wie der Versuch eines Schriftstellers mit Schreibblockade, genau über dieses Thema zu erzählen, ohne ihm etwas Wertvolles hinzuzufügen.
Die gesamte Handlung springt wild von einem Thema zum nächsten. Es wird mit einem Dutzend Figuren jongliert, die nur marginal miteinander interagieren. Winshluss bedient sich hier der Motive aus den Disney-Filmen Pinocchio und Schneewittchen. Es mag bezweifelt werden, dass er das Kinderbuch von Carlo Collodi wirklich gelesen hat. Pinocchio selbst trifft keinerlei Entscheidungen und ist nur passiver Zuschauer. Er muss nie lügen, da er auch nicht spricht und er hat auch kein Ziel im Leben. Dadurch fehlen auch die bekannten Motive der wachsenden Nase oder der Verwandlung in einen Menschen. Der ganze Band funktioniert durch seinen makaberen Humor, eine gehörigen Portion Misanthropie, Nihilismus und seine provokante Interpretation der Disney-Klassiker.
Zeichenstil
Wie auch die Handlung springt der Zeichenstil wild umher. Der größte Teil erscheint in einem rauen Zeichenstil, der an franko-belgische Indie-Comics wie Donjon erinnert. Immer wenn Erotik, Brutalität oder Ekel dargestellt wird, können die Zeichnungen auch sehr detailliert werden. Abgelöst werden diese Sequenzen durch wunderschöne Bleistiftzeichnungen, verwaschene Wasserfarben und Neuinterpretationen klassischer Motive. Die Bilder können besonders in den textlosen Passagen ihre volle Wirkung erzielen. Die Comicstrips um Jiminy Wanze wirken dabei bewusst wie ein Fremdkörper. Sie enthalten sarkastische Textpassagen in einfachen schwarz-weiße Skizzen. Auch einige andere Nebenfiguren haben manchmal etwas Text, wie der Inspektor Javer oder der blinde dunkelhäutige Kleinkriminelle, der auf der Figur der Katze basiert, der nach einem gescheiterten Mordversuch seines Partner zur Religion findet.
Wer die Graphic Novel vor allem wegen der Illustrationen konsumieren will, findet hier unzählige Zitate und viele Details, die den Lesegenuss sehr kurzweilig machen. Gerade die besonders ästhetisch ansprechenden Zeichnungen, die oft auch die ganze Seite einnehmen, durchbrechen geschickt die provokante Erzählung und könnten auch gut als Poster funktionieren.
Erscheinungsbild
Die Graphic Novel kommt als Paperback in einem hochwertigen Din-A4-Band daher. Die Seitenqualität ist dick und das Buch liegt gut in der Hand. Die Klebebindung ist gut und erschwert nicht das Lesen. Durch das große Format und die dicken Seiten ist der Band für ein Paperback mit ungefähr einem Kilo relativ schwer, sodass er nicht ideal in der Hand liegt.
Hinten gibt es noch ein gutes Dutzend weiterer Skizzen und Zeichnungen, die das Gesamtbild abrunden. Der avant-Verlag hat hier eine würdige Version des Comics herausgebracht, auch wenn einige das Hardcover der Ausgabe von 2009 vermissen werden.
Die harten Fakten:
- Verlag: avant-verlag
- Autor und Zeichner: Winshluss
- Erscheinungsjahr: 2022
- Sprache: Deutsch
- Format: Softcover
- Seitenanzahl: 208
- Preis: 30 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Fazit
Trotz all der Lorbeeren hat mir die Graphic Novel wenig zugesagt. Das Buch sprudelt nur so von anarchistischer Energie und verrückten Einfällen. Es verweigert sich dabei jeglicher Interpretation oder Moral. Dies kann funktionieren, wenn der Humor zündet. Dieser ist aber durch sehr makabere Töne und einen misanthropischen Unterton gekennzeichnet, der viel häufiger Schock als Schmunzeln hervorruft. Die Gewalt, der Konsum und die Unmoral werden nahezu zelebriert. Zwar bekommen die meisten Schurken ihre Strafe, doch dies führt nicht zu einer Auflösung der Handlung, die etwas zu unstrukturiert aufgebaut ist. Teilweise werden Figuren eingeführt, die erst sehr viel später wieder aufgegriffen werden und bei denen zunächst keine Verbindung zu Handlung zu erkennen ist.
Positiv hervorzuheben sind die Zeichnungen und der Versuch, die Handlung fast ausschließlich wortlos zu erzählen. Der Band zeigt vor allem, zu was das Medium Comic in der Lage ist, und es macht Spaß, einige der besonders detaillierten Illustrationen genauer zu erkunden.
Die Rahmenhandlung von Pinocchio wurde voraussichtlich gewählt, um zu provozieren und bewusst mit den positiven Kindheitserinnerungen der Lesenden zu brechen. Die Provokation verfolgt dabei aber keinen zusätzlichen erzählerischen Nutzen, sondern zeugt höchstens von einem nihilistischen Weltbild. Es ist bezeichnend, dass die Figur Jiminy Wanze im Gegensatz zu Jiminy Grille bei Disney keine moralische Instanz ist, sondern im Kopf von Pinocchio sein ganz eigenes Abenteuer erlebt. Seine Zwischensequenzen wirken wie Fremdkörper und erschweren dadurch den Zugang zur Handlung. Winshluss’ Pinocchio ist kein Wohlfühlbuch, sondern zeigt ein entmenschlichtes Individuum in einer zunehmend verstörenden Welt. Wer diese Form der Gesellschaftssatire kombiniert mit schwarzen Humor sucht, findet hier eine eindrucksvolle Graphic Novel. Allen anderen sei von dem Band abgeraten, da er es nicht schafft, einem negativen Weltbild etwas Neues hinzuzufügen.

- Fast wortlose Geschichte
- Detailreiche Illustrationen
- Makaberer Humor
- Zusammenhanglose Handlung
- Unpassende Comicstrips
- Provokation als Selbstzweck
Artikelbilder: © avant-Verlag
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Maximilian Düngen
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