Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

One Piece zählt mit über 600 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Manga-Reihen der Welt. Anime, Filme und Live-Action-Serie haben den Hype weitergetragen. Doch wie schafft es Eiichirō Oda seit fast 30 Jahren, immer neue Generationen in den Bann seiner Geschichte zu ziehen?

Ein Junge macht sich auf, um Pirat*innenkönig zu werden. Was zunächst nach einer klassischen Abenteuererzählung klingt, ist längst zu einem der größten Phänomene der Popkultur geworden: One Piece begeistert seit 1997 Leser*innen weltweit. Eiichirō Oda gehört damit zu den meistverkauften Autor*innen der Welt und liegt in einer Größenordnung, die sonst Namen wie Harry Potter oder Superman vorbehalten ist.

Der Manga erscheint wöchentlich im japanischen Magazin Weekly Shōnen Jump und umfasst aktuell 114 Sammelbände; in Deutschland veröffentlicht Carlsen die Reihe. Daneben läuft seit 1999 der Anime, der inzwischen über 1000 Episoden umfasst. Dazu kommen zahlreiche Filme, Videospiele und seit 2023 auch eine von Netflix produzierte Live-Action-Serie.

Doch wie gelingt es dieser Geschichte, über Jahrzehnte hinweg nicht nur ihre ursprünglichen Fans zu halten, sondern immer wieder neue Generationen zu begeistern? Was macht den Reiz von One Piece aus – und wo stößt die Reihe heute vielleicht auch an ihre Grenzen?

Triggerwarnungen

keine typischen Trigger vorhanden

[Einklappen]

Leinen los und volle Fahrt voraus

In One Piece begleiten wir Monkey D. Ruffy, einen jungen Piraten mit einem großen Traum: Er will den sagenumwobenen Schatz des ehemaligen Pirat*innenkönigs Gol D. Roger finden und selbst zum König der Pirat*innen werden. Dabei hilft ihm die Kraft seiner Teufelsfrucht. Wer von einer solchen Frucht isst, erhält je nach Sorte übermenschliche Fähigkeiten. In Ruffys Fall bedeutet das, dass sein Körper dehnbar wie Gummi ist. Mindestens genauso wichtig wie Ruffys eigene Kraft ist jedoch die Unterstützung seiner Crew, der Strohhutbande, die gemeinsam mit ihm von Insel zu Insel segelt. Gemeinsam erleben sie die scheinbar unmöglichsten Abenteuer.

Ruffy selbst ist ein klassischer Shōnen-Held, der seinen Feind*innen ins Gesicht lacht und niemals aufgibt. Mit seinem unerschütterlichen Optimismus, seiner Energie und seinem grenzenlosen Vertrauen in seine Freund*innen zieht er die unterschiedlichsten Menschen an. Nach und nach versammelt er eine Crew um sich, die genauso eigenwillig ist wie er selbst. Dazu gehören unter anderem der ehemalige Pirat*innenjäger Zorro, der sich ständig verläuft und mit drei Schwertern selbst stärkste Gegner*innen herausfordert; Nami, die clevere und trinkfeste Navigatorin, die aus fast jedem Handel einen Vorteil schlägt; Lysop, der ängstliche Schütze mit großem Herzen; und Sanji, der Frauen liebende Koch mit gefährlich kräftigen Tritten.

Die Erzählung ist in sogenannte Story-Arcs gegliedert. Jeder Arc führt die Strohhutbande an einen neuen Ort, stellt neue Figuren vor und erzählt eine in sich geschlossene Geschichte. Gleichzeitig streut Oda Hinweise auf größere Zusammenhänge ein. Figuren, Namen oder Ereignisse werden oft lange angedeutet, bevor sie eine Rolle in der Geschichte spielen. Außerdem gibt es immer wieder kurze Panel-Abfolgen, die zu wichtigen Ereignissen oder Charakteren des Metaplots springen und die Spannung auf das, was kommt, zusätzlich steigern. So erwarten Fans beispielsweise seit Jahren sehnsüchtig das Aufeinandertreffen zwischen Ruffy und seinem großen Vorbild Shanks, den er zuletzt als Kind gesehen hat. Aufmerksames Lesen wird belohnt, und One Piece schafft es, selbst nach Hunderten von Kapiteln noch Vorfreude auf kommende Enthüllungen zu wecken.

Auf den Zwischenseiten des Mangas beantwortet Oda Fragen oder gibt zusätzliche Details preis, für die im eigentlichen Manga kein Platz geblieben ist.

Der Zeichenstil von One Piece ist unverwechselbar. Oda setzt auf dynamische Panels, übertriebene Körperformen und ausdrucksstarke Gesichter. Gerade dadurch besitzt die Reihe einen extrem hohen Wiedererkennungswert. Die Welt wirkt bunt und voller Fantasie. Während die frühen Kapitel noch vergleichsweise übersichtlich wirken, sind spätere Seiten oft voll von Details und visuellen Gags.

Auch das Coverdesign der Reihe hat sich über die Zeit hinweg verändert.

Selbstverständlich nehmen die Kämpfe, wie für das Genre üblich, viel Raum ein. Sie sind ein zentrales Element der Erzählung und sorgen für ordentlich Spannung. Doch auch in ernsten Kämpfen verliert die Reihe ihren spielerischen Ton nie vollständig. Hier sind Odas Panels besonders stark: Schattierungen, gut gesetzte Lautwörter und große Bildkompositionen verleihen den Szenen Gewicht, während die Bewegungen der Figuren dynamisch wirken.

Wenn aus Abenteuer Ernst wird

Besonders deutlich zeigt sich die erzählerische Stärke von One Piece in den Story-Arcs rund um Water 7 und Enies Lobby. Hier wird die Strohhutbande erstmals ernsthaft von innen heraus erschüttert. Bis zu diesem Punkt folgt die Reihe einem vertrauten Muster: Die Crew erreicht eine neue Insel, trifft auf Menschen in Not, stellt sich übermächtigen Gegner*innen entgegen und wächst am Ende enger zusammen. In Water 7 gerät genau dieses Vertrauen ins Wanken.

Im Zentrum steht zunächst die Frage, wie stabil die Gemeinschaft der Strohhüte wirklich ist. Besonders Lysop, der zuvor häufig als ängstlicher Schütze und komische Figur auftritt, wird hier deutlich ernster genommen. Seine Unsicherheit, sein Stolz und seine Angst, mit den stärkeren Mitgliedern der Crew nicht mithalten zu können, werden nicht einfach als Gag behandelt, sondern als echter Konflikt. Gleichzeitig rückt das neustes Crewmitglied Nico Robin stärker ins Zentrum der Handlung und mit ihr der Einfluss der Weltregierung. Größere Zusammenhänge werden sichtbar, und die Geschichte gewinnt an Tiefe. Beim Lesen entsteht zum ersten Mal das Gefühl, bisher nur an der Oberfläche dieser Welt gekratzt zu haben.

Enies Lobby wird dadurch zu einem Wendepunkt der Reihe. Neue Kampftechniken, stärkere Gegner*innen und große Bildkompositionen sorgen für Spannung, doch die emotionale Wirkung entsteht aus der Beziehung der Figuren zueinander. Die Konflikte innerhalb der Strohutbande und Ruffys Unerschütterlichkeit, sobald er für seine Crew kämpft, berühren beim Lesen immer wieder.

In diesem Abschnitt zeigt Oda besonders deutlich, wie ernst die Geschichte rund um das One Piece ihre Figuren und Konflikte nehmen kann. Von hier ab werden die Story-Arcs häufig länger und die Zusammenhänge komplexer, ohne dass die Reihe den Charme ihrer Anfänge verliert. In dieser Mischung liegt ein großer Teil der Faszination, die One Piece auch nach Hunderten von Kapiteln noch trägt.

Das Problem mit dem Power Scaling

Es gibt einige Klischees, die einem sofort in den Kopf kommen, wenn man an Shōnen-Manga denkt: Ein gewöhnlicher Junge begibt sich auf ein großes Abenteuer, trifft auf immer stärkere Gegner*innen und muss selbst immer mächtiger werden, um mit ihnen Schritt zu halten. Dazu kommen unerschütterliche Freundschaften, Feind*innen, die gerne mal zu Verbündeten werden, epische Trainingsphasen, übertriebene Körperbilder und natürlich Essen. Sehr viel Essen.

All das kann großen Spaß machen, solange die Geschichte mehr zu bieten hat als die nächste Steigerung. Denn gerade bei actionlastigen Shōnen-Reihen entsteht schnell ein Problem; das sogenannte Power Scaling. Jede*r neue Gegner*in muss gefährlicher sein als der*die vorherige, jede neue Herausforderung verlangt nach einem größeren Kraftsprung. Reihen wie Dragon Ball haben dieses Prinzip geprägt: Training, Transformation, stärkerer Gegner*innen, noch härteres Training, noch größere Transformation. Das kann spektakulär sein, führt aber auch schnell zu einer Spirale, ohne Abwechslung; und hebelt letztendlich die innere Logik der Geschichte aus. Wenn Figuren ganze Städte oder Inseln zerstören könnten, die Folgen ihrer Kämpfe aber weiterhin wirken wie zu Beginn der Reihe, entsteht ein Bruch zwischen behaupteter Stärke und erzählter Konsequenz.

Auch Ruffy findet immer wieder kreative Wege, seine Teufelskraft zu nutzen.

One Piece umgeht dieses Problem nicht vollständig. Natürlich werden auch Ruffy und seine Crew im Laufe der Geschichte stärker. Sie trainieren, entwickeln neue Techniken und besiegen immer wieder Gegner*innen, die ihnen zunächst weit überlegen scheinen. Trotzdem folgt Stärke in One Piece nicht nur einer klaren Hierarchie. Die Teufelsfrüchte sorgen von Anfang an für sehr unterschiedliche Fähigkeiten, die nicht automatisch stärker oder schwächer wirken, sondern oft kreativ eingesetzt werden müssen. Eine Fähigkeit, die zunächst albern erscheint, kann in der richtigen Situation entscheidend sein, während scheinbar übermächtige Kräfte durch Strategie oder eine (un)passende Umgebung überraschend ausgehebelt werden können.

Es kommt auch durchaus vor, dass einzelne Kämpfer*innen ganze Flotten in den Schatten stellen. Dadurch stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Rolle gewöhnliche Piratenbandenmitglieder und Marineeinheiten überhaupt noch spielen. Hier versucht die Reihe, das Ungleichgewicht zumindest teilweise durch den Einsatz von Seestein einzudämmen. Dieses besondere Material schwächt Nutzer*innen von Teufelsfrüchten bei dauerhaftem Kontakt und unterdrückt ihre Kräfte. Dadurch können selbst mächtige Figuren, sobald sie einmal gefangen genommen wurden, dauerhaft festgesetzt werden. Gerade der Marine verleiht Seestein deshalb eine Macht, die nicht allein von der Stärke einzelner Admiral*innen abhängt.

Innerhalb der Crew sorgt vor allem der Umstand, dass die Strohhüte ihre gemeinsame Stärke selten einfach gebündelt ausspielen können, dafür, dass die Spannung langfristig erhalten bleibt. Sanji wird durch seine Schwäche für Frauen regelmäßig ausgebremst, sobald er einer Gegnerin gegenübersteht. Durch Ruffys und Zorros Neigung, sich zu verlaufen, müssen sich die Crewmitglieder andauernd getrennt voneinander beweisen. Auch durch äußere Umstände oder strategische Aufteilungen entstehen immer wieder einzelne Kämpfe, in denen auch schwächere Charaktere glänzen können.

Eine Geschichte nur für Jungen?

One Piece hat viele Fans jeglichen Geschlechts, das ist bei dieser Bekanntheit keine Frage. Trotzdem merkt man der Reihe deutlich an, dass sie aus einem Genre stammt, das sich ursprünglich an Jungen richtet. Besonders sichtbar wird das in der Darstellung der weiblichen Charaktere.

Oft bewegen sich weibliche Figuren optisch zwischen zwei Extremen: stark sexualisierte Schönheit oder, wenn man auch gegen sie kämpfen können soll, grotesk überzeichnete Karikatur. Auch erzählerisch bleibt die Reihe nicht frei von problematischen Mustern. Frauen geraten immer wieder in Situationen, in denen sie beschützt, gerettet oder an den Rand gedrängt werden. Nami und Robin sind zwar feste Mitglieder der Strohhutbande, in Kämpfen bekommen sie jedoch seltener die gleiche Bühne wie Ruffy, Zorro oder Sanji. Häufig treten sie gegen weibliche Gegnerinnen an oder übernehmen Aufgaben, die weniger im Zentrum der großen Auseinandersetzungen stehen. Noch deutlicher wird das außerhalb der Hauptcrew: Wirklich große weibliche Hauptgegnerinnen sind selten. Ausnahmen wie Big Mom bestätigen eher die Regel, zumal sie durch ihre groteske Darstellung weniger als Frau gelesen wird. Besonders Sanjis Verhalten verstärkt dieses Problem. Seine Schwäche für Frauen ist als Running Gag angelegt, wirkt aber auf Leser*innen nicht immer harmlos. Oft überschreitet sein Verhalten die Grenze zur Belästigung, auch wenn es innerhalb der Geschichte als höflich oder komisch dargestellt wird. Ähnlich problematisch wirkt sein Verhalten auf Momoiro Island, wo gendernonkonforme Figuren als aufdringliche Karikaturen inszeniert werden und der Humor stark aus Sanjis panischer Abwehr entsteht.

Vielleicht liegt genau hier der Widerspruch zwischen Odas eigener Absicht und der Wahrnehmung vieler Fans. Oda hat durchaus betont, dass er keine Geschichte erzählen wollte, in der Frauen nur dafür da sind, gerettet zu werden. Deshalb gibt es Figuren wie Robin, die durch ihre Intelligenz und ihr Wissen unverzichtbar für die Crew ist, oder Nami, deren Fähigkeiten als Navigatorin die Reise überhaupt erst möglich machen. Und auch in der Darstellung queerer und gendernonkonformer Figuren ist Emporio Ivankov ein Beispiel für eine positiv besetzte Figur, die trotz aller Überzeichnung erzählerisch ernst genommen wird.

Trotzdem wird Oda seinem eigenen Anspruch nicht immer gerecht. Gerade weil One Piece so viele interessante Frauenfiguren hat, fällt auf, wie oft sie im entscheidenden Moment stärker sexualisiert werden oder erzählerisch und in Kampfszenen hinter männlichen Figuren zurücktreten. Damit ist One Piece keineswegs das problematischste Beispiel des Genres; Kōta Hiranos Drifters etwa zeigt, wie viel aggressiver diskriminierende Elemente in Action-Manga ausfallen können. Doch gerade im Vergleich zu heutigen westlich-europäischen Vorstellungen von Geschlechterrollen und Repräsentation wirkt One Piece an vielen Stellen nicht zeitgemäß.

Mit der Zeit gehen…

Ein Manga, der seit 1997 läuft, kann für Neueinsteiger*innen schnell einschüchternd wirken. Über 1000 Anime-Episoden, zahlreiche Filme und eine jahrzehntelange Handlung sind beeindruckend – aber eben auch eine Hürde. Dass Fans bei der momentan laufenden weltweiten Beliebtheitsabstimmung zu One Piece aus über 1.500 Figuren wählen können, zeigt, wie riesig und lebendig Odas Universum geworden ist.

Die Live-Action-Serie von Netflix kommt deshalb genau zur richtigen Zeit. Sie hat nicht nur viele bestehende Fans positiv überrascht, sondern auch eine neue Zielgruppe erreicht, die vorher kaum Berührungspunkte mit Manga oder Anime hatte. Besonders das Casting, die Kostüme und die liebevolle Ausstattung tragen dazu bei, dass die bunte Welt von One Piece auch in Realverfilmung funktioniert. Natürlich lässt sich nicht alles eins zu eins übertragen: Ruffys Gummikräfte wirken stellenweise ungewohnt, und manche der überdrehten Kampftechniken des Mangas müssen zwangsläufig angepasst werden. Trotzdem gelingt es der Serie, den Abenteuergeist und den Charme der Vorlage einzufangen.

Auch das geplante Anime-Remake The One Piece zeigt, dass die Reihe mit der Zeit gehen will. Die neue Version soll die frühen Kapitel noch einmal mit moderner Animation und strafferem Erzähltempo aufbereiten. Gerade für jüngere Zuschauer*innen oder Menschen, die bisher vor der Länge des ursprünglichen Anime zurückgeschreckt sind, könnte das ein idealer Einstieg werden.

Vielleicht ist genau das eine der größten Stärken von One Piece: Die Reihe findet immer wieder neue Formen, ohne ihren Ursprung aus den Augen zu verlieren. Dass sie nach all den Jahren noch immer neue Fans gewinnt, liegt nicht nur an den spektakulären Kämpfen oder der gut geplanten Story. Es liegt an dem Gefühl, Teil einer Reise zu sein, die ständig weitergeht.

Artikelbilder: © Carlsen
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Rick Davids
Fotografien: Julie Tabea Fiona Wolz

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein