Der Mantikore Verlag bietet diesmal zwei Spielbücher, die beide in die Untiefen klassischer Horrorliteratur locken. Choose Cthulhu 3 – Schatten über Innsmouth führt in eine von H. P. Lovecrafts bekanntesten Geschichten. Dracula – Interaktiver Horror-Roman lässt uns über die Grenzen des Romans hinaus Dracula bekämpfen – oder selbst zum König der Vampire werden.
Rassismus, Gewalt, Mord, Untote, Sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Kinder, Tod von Protagonisten
Inhaltsverzeichnis
Choose Cthulhu 3 – Schatten über Innsmouth
Handlung
Im dritten Teil der Choose Cthulhu – Spielbuch-Reihe führt Giny Valrís die Lesenden/Spielenden in eine der bekanntesten und einflussreichsten Geschichten von H. P. Lovecraft: Schatten über Innsmouth. Wie üblich für die Reihe enthält das Buch zuerst die Spielbuch-Adaption der Kurzgeschichten, und in der zweiten Hälfte die Kurzgeschichte selbst.
Schatten über Innsmouth verfolgt in beiden Fällen einen namenlosen Erzähler im Juli 1927. Der junge, historisch interessierte Student feiert seine Volljährigkeit mit einer Tour durch Neuengland. Auf dem Weg zur Universitätsstadt Arkham, aus der die Familie seiner Mutter stammt, gerät er in das Fischerdorf Innsmouth. Dort deckt er schreckliche Geheimnisse über das Dorf auf, und kommt knapp mit dem Leben davon – in der Kurzgeschichte. In der Spielbuchadaption reist man auch nach Innsmouth, wie genau der Aufenthalt abläuft, hängt aber von den eigenen Entscheidungen ab. Nur angenehm wird er nie…

Der Anfang des Spielbuchs gleicht dem der Geschichte: Nach der Ankunft in Innsmouth erfährt man, dass der Bus repariert werden muss und erst am nächsten Morgen losfährt. Danach kann man einigermaßen frei losziehen und die Stadt erkunden: Die Kirche von Vater Dagon und Mutter Hydra, den Hafen, das Gilman-Hotel, oder einfach durch die Straßen ziehen. Bei der begrenzten Zahl der Abschnitte ist natürlich keine gänzlich offene Welt wie etwa in den Vulcanverse-Spielbüchern möglich. Trotzdem erzeugt es ein Gefühl von Spannung und Freiheit, wenn man durch die feindselige Stadt wandert.
Ein großes Problem ist allerdings die Enthüllung des Geheimnisses von Innsmouth. Für Fans von Call of Cthulhu oder Horror allgemein kann der der ursprüngliche Twist mittlerweile als Allgemeinwissen angesehen werden. Das Spielbuch ist aber inkonsistent, wie es damit umgeht. Einige der Handlungsstränge deuten die schockierende Wahrheit um die Bewohner von Innsmouth nur an, und die ganze Wahrheit wird nur in wenigen Handlungsverläufen teils unerwartet, in „Infodumps“, aufgedeckt. Dadurch stellt sich einfach die Frage, für wen das Spielbuch gedacht ist. Wer sich ohne Vorwissen heranwagt, wird mit den ersten Durchläufen unzufrieden sein und vermutlich wenig über die Stadt aufdecken. Das weckt Lust, die Kurzgeschichte in der neuen deutschen Übersetzung zu lesen, kann aber auch frustrieren. Leute, die die Geschichte bereits gelesen haben und nachspielen wollen, oder alternative Verläufe austesten möchten, dürften daran ihren Spaß haben, sollten aber auch nicht zu viel erwarten. Gegeben durch die Umstände der Originalgeschichte weicht das Spielbuch letztendlich nicht übermäßig davon ab. Ob es nun besser ist, unvorbereitet das Spielbuch zu spielen, und dann die Geschichte zu lesen, oder andersherum, kann nicht endgültig entschieden werden. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

Regeln
Schatten über Innsmouth ist ein regelloses Spielbuch, bei dem nur entschieden werden muss, wo es weitergehen soll. Werte, Würfel, Inventare gibt es nicht. Das Spielbuch hat 110 Abschnitte auf 109 Seiten und ist damit ungefähr gleich lang wie die Originalgeschichte mit 118 Seiten.
Schreibstil
Die Übersetzung ist gut gelungen und meistert auch einige der Hürden von Lovecrafts berüchtigt altmodischer Schreibe. Der Text des Spielbuchs orientiert sich an dem der Geschichte, einige Szenen sind natürlich fast deckungsgleich übernommen. Insgesamt ist der Schreibstil aber etwas deutlicher und zweckgebundener als Lovecrafts Prosa. An einigen Stellen gelingt jedoch der Übergang zwischen den Abschnitten nicht gut. Der neue Abschnitt erweckt den Eindruck, etwas abgehackt zu beginnen, ohne richtig an den Vorherigen anzuschließen.
Erscheinungsbild
Das Taschenbuch ist solide verarbeitet. Das dicke Papier fühlt sich beim Lesen gut an und die Schrift ist deutlich, groß gedruckt und gut zu lesen.

Die harten Fakten:
- Verlag: Mantikore Verlag
- Autor*in(nen): Giny Valrís / H. P. Lovecraft
- Erscheinungsjahr: 2022
- Sprache: Deutsch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 244
- ISBN: 978-3-96188-152-9
- Preis: 13,95 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Als kleinen Anhang für nach dem Spielbuch gibt es ein „Bestiarium“, in dem wichtige Figuren und Wesen vorgestellt werden.
Fazit
Auch dieser Teil der Choose Cthulhu-Reihe steht wieder ein wenig zwischen den Stühlen. Der Spielbuch-Teil ist grundsätzlich unterhaltsam und bietet die Möglichkeit, auf aktive Art mit der Geschichte zu interagieren. Die Qualität ist aber mittelmäßig und kann ohne Vorwissen frustrieren, mit Vorwissen mangelt es aber an Spannung und Überraschung. Dafür ist die Kurzgeschichte selbst immer noch eine von Lovecrafts besten Werken. Für Fans und solche, die es werden wollen, bietet Choose Cthulhu 3 – Schatten über Innsmouth daher zur bloßen Kurzgeschichte immerhin eine illustrierte Alternative mit etwas mehr Interaktion.

- Eine von Lovecrafts größten Geschichten
- Einfach zu spielen
- Die Geschichte interaktiv erweitert
- Kurzes Spielbuch
- Reihenfolge Spielen/Lesen oder andersherum hat immer Nachteile
Dracula – Interaktiver Horror-Roman
Handlung
Das Spielbuch Dracula: Interaktiver Horror-Roman von Jonathan Green nimmt sich im Vergleich mehr vor. Nach OZ und Alice im Düsterland wendet Green sich diesmal einem Klassiker der Schauerliteratur zu. Das dicke, 700-seitige Spielbuch folgt nicht nur den Ereignissen von Stokers einflussreichem Klassiker, sondern erweitert die Geschichte um eigene Nebenhandlungen und arbeitet viele Anspielungen auf andere Dracula-Adaptionen und Horrorklassiker ein.

Zu Anfang gilt es, sich für die Spielfigur zu entscheiden. Zur Wahl stehen der junge Anwalt Jonathan Harker, seine Verlobte Mina Murray und der Psychiater John Seward. Die drei Vampirjäger*innen haben jeweils unterschiedliche Werte und Fähigkeiten und beginnen ihre Handlungen an verschiedenen Stellen der Geschichte. Sobald sich die Figuren treffen, kann auch zwischen ihnen gewechselt werden. Als vierte Möglichkeit kann aber auch Dracula selbst gespielt werden.
Die Geschichte im Buch entspricht grob der Handlung des Originals. Allerdings gibt es einige zusätzliche Abenteuer, die die Held*innen im Kampf gegen das Böse bestehen müssen. Dracula agiert hier nicht allein, sondern schickt niedere Vampire und übernatürliche Wesen, um England zu infiltrieren und die Macht zu übernehmen. Wenn man stattdessen Dracula spielt, beginnt die Handlung noch zu dessen Lebzeiten. Als Vlad Tepes ist er im Krieg gegen das ottomanische Reich und geht schließlich einen höllischen Pakt ein, der ihn zum Untoten macht. Jahrhunderte später ist seine Gier nach Macht ungebrochen, und er nimmt das britische Empire in den Blick.

Die Handlung ist unterhaltsam und wird durch die zusätzlichen Nebenabenteuer der Jäger*innen, aber auch Draculas, aufgelockert und erweitert. So haben auch Kenner*innen der Originalgeschichte Spaß und können nicht alles vorhersehen. Jonathan Green erweitert dabei das Universum von Dracula durch viele Anspielungen, ähnlich wie das viktorianische Spielbuch 1888 – Wer ist Jack the Ripper?, Penny Dreadful oder Van Helsing. Vlad Tepeshs Hintergrundgeschichte erinnert an den Film Dracula Untold, während später Vampire wie Graf Orlok, Varney, Carmilla oder Yorga erwähnt werden. Eine Nonne namens Schwester Agatha spielt auf eine andere Dracula-Adaption an, und Draculas Rolle als Monster beherrschender Fürst der Finsternis kann Assoziationen an Castlevania wecken. Diese Beispiele sollen jedoch keinen falschen Eindruck erzeugen: Die Anspielungen und Querverweise sind organisch in die Handlung eingebaut und stilistisch und atmosphärisch an den Stil von Bram Stokers Vampirhorror angepasst. Für Horror- und Vampir-Nerds schöne Eastereggs, für Andere dürften sie nicht negativ herausstechen.
Regeln
Die Spielregeln entsprechen simplen Pen-and-Paper Regeln. Alle Figuren haben vier Werte: Gewandtheit, Kampf, Ausdauer (Lebenspunkte) und ASW (außersinnliche Wahrnehmung). Jäger*innen haben dazu einen Angstwert, der sie in manchen Situationen behindern kann. Dracula hat stattdessen einen Blutwert, der seine satanische Macht repräsentiert. Proben werden mit 2W6 geworfen, bei kleiner/gleich dem Wert besteht man. Im simplen Kampfsystem vergleichen Spieler*in und Gegner*in 2W6+Kampfwert. Alternativ kann ein normales Spielkarten-Deck benutzt werden, was allerdings weniger ausbalanciert ist: Neben den anderen Wahrscheinlichkeiten ist ein Ass ein automatischer Erfolg, den es bei Würfeln nicht gibt. Ein Inventar gibt es nicht, dafür aber ein Codewort-System. Durch bestimmte Entscheidungen werden Codewörter angekreuzt, die an anderer Stelle abgefragt werden und dann zu einem anderen Ergebnis führen.

Schreibstil
Das Spielbuch ist natürlich in der zweiten Person geschrieben. Der Schreibstil trifft eine gute Mitte aus praktisch kurz, aber auch längeren Beschreibungen, wo es passt. Dadurch bleibt der Lese- und Spielfluss gewahrt, ohne dass die Atmosphäre verloren geht. Der allgemeine Sprachstil ist allerdings eher neutral-modern. Historisch anmutende, altmodischere Ausdrucksweisen gibt es teils im direkten gesprochenen Dialog, aber nicht immer. Das schadet der Atmosphäre nicht unbedingt, insgesamt wird diese aber mehr durch Handlung als Schreibstil erzeugt.
Erscheinungsbild
Das Cover des Gothic-Horror-Spielbuchs sieht aus wie blutbefleckter Marmor, ein gelungener Blickfang. Der Umschlag und die Seiten fallen allerdings etwas dünn aus. Die Druckqualität ist gut, aber mit kleinen Buchstaben und besonders das Papier der Seiten ist nicht sonderlich dick. Die Schrift auf der Rückseite kann durchscheinen. Einerseits verständlich, da bei über 700 Seiten das Spielbuch sonst sehr dick ausfallen würde. Beim Testspiel gab es zwar keine Probleme, allerdings wirkt es, als könnten die Seiten langfristig bei ständigen Hin-und-Her-blättern einrissgefährdet sein.

Die harten Fakten:
- Verlag: Mantikore Verlag
- Autor*in(nen): Johnathan Green
- Erscheinungsjahr: 2023
- Sprache: Deutsch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 704
- ISBN: 978-3-96188-163-5
- Preis: 19,95 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Online gibt es vom Mantikore Verlag die Charakterbögen und Kampftabellen zum Download.
Fazit
Dracula: Interaktiver Horror-Roman ist eine gelungene Spielbuch-Adaption des Gothic-Horror-Klassikers. Durch Stokers Originalhandlung werden geschickt kleinere und größere Nebenabenteuer geführt, die die Handlung spannend und frisch halten. Die verschiedenen Handlungsstränge halten einige Überraschungen bereit. Das Regelsystem ist simpel, aber dafür auch einfach und schnell. Die Möglichkeit, auf der Seite des Guten zwischen drei Charakteren wechseln zu können ist spannend und ungewöhnlich für Spielbücher. Dracula zu spielen und die Geschichte aus der Sicht des Bösen zu verfolgen, ist eine gelungene Abwechslung, ohne dass Dracula zu einem mitleidheischenden Anti-Held verwässert wird.
Alles in allem ein gelungenes Spielbuch und eine Empfehlung für alle Fans von Dracula und Gothic Horror.

- Gothic Horror Abenteuer
- Spielbar als Held*in oder Dracula
- Spannende Erweiterung der klassischen Geschichte
- Lang
- Easter Eggs sind nett, aber für viele überflüssig
Artikelbilder: © Mantikore Verlag, © innervision | depositphoto.com
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Paul Menkel
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