Jack the Ripper ist heute noch einer der berühmtesten Serienmörder und seine Identität unbekannt. In 1888 – Wer ist Jack the Ripper? vom Mantikor-Verlag begeben wir uns auf seine Spuren und wollen den Mörder endlich aufspüren. Kann das Krimi-Horror-Spielbuch für Erwachsene im Stil von From Hell auch uns überführen?
Jack the Ripper ist der Ur-Typ des Serienkillers. Seine brutalen Morde versetzten um 1888 ganz London in Angst und Schrecken. Dass er nie gefasst oder identifiziert wurde, verlieh ihm (wenn es denn ein Er war) eine besonders mysteriöse Aura, die bis heute eine düstere Faszination ausübt. Das tat sie schon zu Lebzeiten, denn seit damals gibt es neben einer Unzahl an Theorien über die wahren Täter*innen auch zahlreiche fiktive Werke, die sich der Ripper-Morde annehmen.

1888 – Wer ist Jack the Ripper? nimmt sich der Thematik als Spielbuch an oder als interaktiver Roman, wie es sich selbst bezeichnet. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielbüchern ist 1888 eindeutig an ein erwachsenes Publikum gerichtet. Aber kann es dieses Publikum auch überzeugen?
Mord, Gewalt, Drogensucht, Sexismus, Prostitution, sexuelle Gewalt, Rassismus
Handlung
London, 30. August 1888: Ein unbekannter Mörder tötet eine Prostituierte auf bestialische Weise. Doch das ist nur der Anfang, bald sucht eine Mordserie den Slum Whitechapel heim und versetzt ganz London in Angst und Schrecken.
Doch zwei Personen sind dem Mörder auf der Spur: Inspektor Fredderick Abberline vom Scotland Yard will für Gerechtigkeit sorgen. Die „Näherin“ Ada Wilson hingegen überlebte selbst einen brutalen Mordanschlag nur knapp und wird von Rache getrieben.
Als Spieler*in schlüpfen wir in eine der beiden Figuren und begeben uns in den viktorianischen Metropol-Morast, auf der Suche nach dem Mörder. Dabei schlagen die beiden Figuren naturgemäß sehr unterschiedliche Wege ein, die sich doch immer wieder begegnen oder spiegeln. Abberline hat als Scotland Yard-Inspektor natürlich Polizei-Kollegen auf seiner Seite und freien Zugang zu Fallakten und Leichenbeschauern. Da ihn die Ermittlungen in die Unterwelt von London führen, kann seine offizielle Position aber auch hinderlich sein.
Ada Wilson hingegen lebt selbst in dieser Unterwelt. Offiziell eine Näherin, tatsächlich muss sie sich aber oft prostituieren, um über die Runden zu kommen. Sie hat zwar nicht den Polizeiapparat auf ihrer Seite wie Abberline, dafür kennt sie aber viele Leute persönlich. Das kann ihr Türen öffnen, die Abberline verschlossen bleiben.
1888 erzählt dabei eine spannende Geschichte, die durch zwei Aspekte besonders punktet. Zum einen ist da die sorgfältige Recherche seitens des Autors, die sich überall ausdrückt. Fredderick Abberline war der tatsächlich ermittelnde Inspektor im Fall Jack the Ripper. Ada Wilson war wirklich eine Prostituierte, die im März 1888 von einem Unbekannten überfallen und mit zwei Stichen in den Hals verwundet wurde. Auch die historische Ada überlebte und wird von einigen als ein früher Mordversuch des Rippers gesehen. So tauchen an jeder Ecke tatsächlich historische Personen auf, von Mary Pearcey bis Michael Ostrog. Auch wenn die Personen in 1888 nicht immer ganz historisch korrekt dargestellt sind, lohnt sich das Googeln der Namen allemal. Dazu drückt sich die Recherche auch in der detaillierten Darstellung von London und Whitechapel aus, bis auf den Straßenverlauf genau. Schließlich werden auch historische Dokumente wie die Briefe, die Jack vermutlich selbst schrieb, im Anhang abgedruckt.
Der andere Aspekt ist die Vorliebe des Autors Steinmetz für „Penny Dreadfuls“. Damit ist nicht die Fernsehserie von 2014 gemeint, sondern die Groschenromane des viktorianischen Englands, nach denen sich auch die Serie benannte. Durch Schreibstil und düstere Atmosphäre, in der bald alle um ihr Leben bangen, verleiht der Einfluss 1888 einen besonderen Charakter. Außerdem gibt es auch einige Anspielungen auf noch heute berühmte Figuren der englischen Schauerromane. Ein Chemiker und ein deutscher Gastarzt in einem Arbeiterhospital in Whitechapel könnten ebenso bekannt klingen wie ein gewisser hedonistischer Adeliger.
An diesen Stellen weicht 1888 freilich vom direkten historischen Setting ab und schlägt eigene Wege ein. Von Anfang an spielt auch der Aberglaube ein Thema, der sich in den dunklen Nebeln von London ausbreitet. Historisch verankert im damaligen Aufkommen esoterischer Orden erinnert dieser Aspekt auch an den Jack-the-Ripper-Film From Hell. Abberline begegnet in 1888 einem opiumsüchtigen Inspektor, der an Johnny Depps in okkult-esoterischem Opiumrausch verzweifelnden Inspektor aus dem Film erinnert.
Inhaltlich erzählt 1888 eine gut recherchierte, höchst atmosphärische Geschichte um Jack the Ripper. Die Auflösung macht im Kontext des Spielbuchs durchaus Sinn, kann als Theorie für den „echten“ Jack the Ripper jedoch nicht ganz überzeugen. Für die gute Geschichte leidet aber die Interaktivität des „interaktiven Romans“ etwas. Die Geschichte ist in mehrere Akte gegliedert, an denen die vorherigen Entscheidungen jedes Mal zusammenlaufen. Außerdem ist 1888 letztlich doch mehr ein interaktiver Roman als ein Krimi-Spiel. Natürlich überlegt und kombiniert man selbst beim Spielen/Lesen, der tatsächliche Handlungsverlauf hängt aber nicht davon ab, welche Zusammenhänge man kombiniert. Außerdem gibt es ein gewisses „Railroading“. Es kommt öfter vor, dass eine Entscheidung keine großen Auswirkungen hat, sondern die Situation immer zum selben Ergebnis führt. Ob man sich beispielsweise in ein Zimmer schleicht, die Wache überwältigt, überredet oder im Kampf gegen die Wache verliert. In jedem Fall landet man im Zimmer und führt das (fast) selbe Gespräch. Der Wiederspielwert ist durch die zwei Hauptfiguren gegeben, aber darüber hinaus nur begrenzt.
Regeln
Die Regeln sind im Vergleich zu anderen Spielbüchern wie der Einsamer Wolf-Reihe eher simpel. Es gibt neun Eigenschaften, Skills, auf die man zu Beginn zwischen 3 und 10 Punkte verteilt. Die Skills sind Geschick, Auftreten, Überzeugen, Freunde, Glaubwürdigkeit und Empathie. Dazu kommen die drei Kampfskills Nahkampf, Schießen und Überwältigen. Auf diese Skills werden 35 Punkte plus die Summe von Geburtstag und -monat der Spieler*innen verteilt. Dabei dürfen nur zwei Werte auf das Maximum von 10 gesteigert werden, und einer muss auf dem Minimum von 3 bleiben. Zwei Werte auf 10, einer auf 3, sechs auf 9 ergeben insgesamt ein mögliches Maximum von 68 Punkten, alle Punkte darüber verfallen.
Der echte Fredderick Abberline wurde beispielsweise am 8. Januar geboren und erhielte dadurch, würde er 1888 spielen, 35+8+1=44 Punkte. Wer am ersten Januar geboren ist, erhält nur 37 Punkte, Silvesterkinder dürfen sich bei 35+31+12=78 Skillpunkten über einen Überschuss von zehn Punkten freuen. Das Buch behauptet zwar, das würde sich relativieren, tatsächlich ist es aber doch ein großer Vorteil. Im Minimum liegt der durchschnittliche Skillwert bei 4 Punkten. Ab 68 Punkten hat man aber zwei Skills auf dem Maximum von 10, und alle anderen auf 9, bis auf den einen Skill auf 3 Punkten.
Das macht einen erheblichen Unterschied, da die Regeln eher simpel sind: Bei einer Probe wird der Skillwert mit einem „Contra-Skill“ verglichen. Ist der eigene Wert höher, ist die Probe bestanden. Ist der eigene Wert kleiner oder gleich, ist sie verloren.
Zusätzlich können im Lauf des Spieles Skillpunkte gewonnen oder verloren werden. Das System ist simpel und schnell, allerdings auch sehr stark vorgegeben. Zufall wie durch einen Würfelwurf, der auf den Skill addiert wird, gibt es hier nicht. Außerdem gibt es einen Suchtwert, der entscheidet, ob man in manchen Situationen Drogen oder Alkohol verfällt oder einen kühlen Kopf bewahrt.
Als System funktionieren diese Regeln leidlich. Die Spieler*innen bewegen sich durch die Geschichte und versuchen, wenn möglich, ihre hohen Skills zu verwenden. Für ein Spielbuch können das Fehlen des Zufallsfaktors bei Proben und die ungleiche Punkteverteilung aber als Schwächen gesehen werden
Schreibstil
Im Gegensatz zu Spielbüchern wie den Vulcanverse-Büchern, bei denen der Schreibstil eher zweckdienlich ist, hat 1888 einen sehr ausgeprägten Stil. Hier schlägt sich das von Steinmetz angedeutete Interesse an Penny Dreadfuls nieder. Der Stil ist absichtlich rauh und dreckig, mit einem Hang zu morbiden Metaphern. Teils ist das freilich eher eine künstlerische als realistische Darstellung, die beabsichtigte Atmosphäre des brutalen Slums Whitechapel, in dem alle in Angst und Gewalt leben, fängt die Schreibe aber sehr gut ein. Dazu kommt auch unterstützend, dass sich Abschnitte in 1888 gerne über mehr als eine Seite erstrecken und sich der Schreibstil dadurch entfalten kann. Für das Setting passt der Stil hervorragend und hebt 1888 in diesem Aspekt über viele andere Spielbücher heraus.
Erscheinungsbild
Das Buch macht einen guten Eindruck. Es ist ein dickes Taschenbuch mit 642 Seiten und einem ansprechenden Cover, bei dem eine Karte von Whitechapel von roten Blutspritzern bedeckt ist. Das Papier hat eine gute Dicke und die Druckqualität ist auch bei Bildern und den grau hinterlegten Anhangsseiten gut. Auf lange Sicht ist der Einband für so ein dickes Buch aber vielleicht etwas zu dünn und könnte verknicken. Dafür kann man bei dem Preis aber nichts aussetzen. Einige der Briefe im Anhang verwenden einen handschriftlich aussehenden Font, der unter Umständen nicht für alle gut lesbar sein könnte.
- Verlag: Mantikore-Verlag
- Autor*in(nen): H. Steinmetz
- Erscheinungsjahr: 2023
- Sprache: Deutsch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 642
- ISBN:978-3-96188-162-8
- Preis: 16,95 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Auf der Internetseite des Mantikore-Verlags gibt es mehrere Downloads zu 1888. Dazu gehören Charakterbögen für Inspector Fredderick Aberline und Ada Wilson, eine Karte von Whitechapel sowie die Anhänge des Buches. Diese enthalten Zeitungsartikel, Polizeiakten und Abschriften der echten Briefe von Jack the Ripper. Von Zeit zu Zeit wird man im Buch auf diese verwiesen.
Fazit
In 1888 – Wer ist Jack the Ripper? übernimmt man die Rolle von zwei sehr unterschiedlichen historischen Figuren. Entweder jagt man Jack the Ripper als Inspektor Fredderick Abberline, der auch in Wirklichkeit die Jagd nach dem Ripper leitete. Oder man begibt sich als Ada Wilson, die historisch einen Angriff eines unbekannten Täters überlebte, auf Rachefeldzug gegen den unbekannten Mörder.
In beiden Fällen ist die Handlung äußerst atmosphärisch und inhaltlich sehr spannend. 1888 vereint dabei gründliche historische Recherche mit unterschwelligem viktorianischem Horror á la From Hell und Penny Dreadful. Die Entscheidungen und verschiedenen Wege in der Handlung sind durchaus unterhaltsam und keinesfalls störend, wenn auch teils begrenzt. Bloß das Ende kann leider nicht ganz überzeugen. Die Regeln sind simpel und problemlos ausgeführt, allerdings können die Charakterwerte etwas unausgewogen sein.
Insgesamt liegt der Fokus hier mehr auf der Geschichte des interaktiven Romans als der freien Interaktivität wie in einem Sandbox-Spielbuch, wie zum Beispiel die Legenden von Harkuna.
Das sollte im Vorhinaus klar sein. Wer gerne eine spannende Geschichte erlebt und das grausige Setting des viktorianischen Londons mag, ist bei 1888 richtig. Wer offenere Spielbücher mit mehr „Spiel“ mag, wird mit 1888 eher weniger Spaß haben. Wer sich noch nicht sicher ist, kann bei den preiswerten 16,95 EUR für 1888 den Versuch aber bedenkenlos wagen.

- Spannende Story
- Gut recherchiert
- Düster-Atmosphärisch
- Teilweise „railroading“
- Regeln etwas unausgewogen
Artikelbilder: © Mantikore-Verlag
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Maximilian Düngen
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