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Spiele mit ökologischem Thema liegen voll im Trend und Flügelschlag ist eines der ersten erfolgreichen Spiele aus diesem Themenbereich. Mit Biome ist vor einiger Zeit ein Spiel erschienen, das dem Meisterwerk in vielerlei Hinsicht ähnelt. Ist Biome eventuell das bessere Flügelschlag? Im folgenden Artikel werden wir diese Frage beantworten.

Auf der Spiel 24 hatten wir die Gelegenheit, Biome genauer unter die Lupe zu nehmen und es am Stand von Lioness Games, gemeinsam mit der Autorin Leonie Grundler, auf Herz und Nieren zu prüfen. Und schon damals haben wir uns, ihr Erstlingswerk betreffend, im Nachbericht zur Messe zu der Aussage hinreißen lassen, es sei das bessere Flügelschlag.

Mit ein wenig Abstand, fernab der Messe-Euphorie, haben wir nun einen objektiveren Blick auf das Spiel werfen können. Es ähnelt in einigen Punkten dem preisgekrönten Flügelschlag. Biome ist ebenfalls ein Engine Builder, bei dem neben Vögeln auch andere Tiere und sogar Pflanzen im Mittelpunkt stehen. Es werden ebenfalls Lebensräume gefüllt und Sonderaktionen ausgelöst. Biome bringt jedoch einige Spielelemente mit, die sich stark vom preisgekrönten Pendant unterscheiden.

Welche Unterschiede es gibt und ob wir mit unserem ersten euphorischen Urteil richtiglagen, werden wir euch im folgenden Artikel näherbringen.

Triggerwarnungen

keine besonderen Trigger

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Spielablauf

Bei Biome ist es die Aufgabe der Spielenden, die Lebensräume Sumpf, Prärie und Dschungel mit Tieren und Pflanzen zu beleben. Das Spiel bietet dabei eine breite Auswahl, die dafür sorgt, dass sich langsam eine vielfältige Flora und Fauna auf dem Spielbrett ausbreitet.

Spielaufbau für zwei Spielende
Spielaufbau für zwei Spielende

Das Spiel ist in drei Runden eingeteilt, welche drei aufeinanderfolgende Jahre darstellen. Diese Jahre sind wiederum in die vier Jahreszeiten unterteilt. In jeder Jahreszeit folgen die Spielenden einem immer gleichbleibenden Ablauf an Aktionsmöglichkeiten, die nach kurzer Zeit so verinnerlicht sind, dass ein sehr flüssiger Spielverlauf entsteht.

Zunächst wird gleichzeitig überprüft, ob die Spielenden das Handkartenlimit von acht Karten überschritten haben; überzählige Karten müssen abgeworfen werden.

Dann ziehen alle gleichzeitig zwei neue Karten, wodurch das Handkartenlimit überschritten werden darf.

Nun suchen sich alle zwei beliebige Ressourcen aus, wobei die letztplatzierte Person ab dem zweiten Jahr zum Ausgleich eine Ressource oder Karte mehr nehmen darf.

In der folgenden Phase spielen alle parallel eine Karte in ein Biom aus und bezahlen dafür die benötigten Ressourcen. Im Spielverlauf spielt das Ressourcenmanagement eine entscheidende Rolle. Es ist daher sogar möglich, Spielkarten gegen Nahrungsmarker einzutauschen. Durch das Ausspielen der Tiere und Pflanzen erhält man bereits Punkte.

Beispiele für Spielkarten
Beispiele für Spielkarten

In zwei Jahreszeiten, dem Frühjahr und dem Sommer, gibt es besondere Sonderaktionen, die das Spiel nahezu einzigartig machen.

Ganz wie in der Natur kommen die Jungtiere im Frühjahr zur Welt. Gelingt es den Spielenden, in einem Lebensraum Vögel oder Kaninchen an entsprechende Pflanzen anzulegen, können Nester platziert werden. Die Nester aus Naturmaterialien liegen dem Spiel bei und werten es optisch sehr auf. Je nachdem, wie viel Nachwuchs die Elterntiere haben können, werden dann Küken oder kleine Kaninchen in die Nester platziert.

Die Natur kann mitunter grausam sein, und so gehen im Sommer Raubtiere auf die Jagd. Wer einen Räuber im selben Biom wie das Nest eines Mitspielenden hat, darf durch einen Würfelwurf ermitteln, ob Jungtiere gefressen wurden und für Punkte sorgen.

Nun müssen die übrigen Tierchen in den Nestern noch ernährt werden. Pro Nachwuchs muss eine zu den Elterntieren passende Nahrungsressource ausgegeben werden. Die überlebenden Küken oder Kaninchen geben ebenfalls Siegpunkte.

Kaninchennester mit viel Nachwuchs
Kaninchennester mit viel Nachwuchs

Das Spiel geht sogar noch einen Schritt weiter. Wer einen Aasfresser im selben Biom wie Mitspielende hat, bekommt Punkte für alle Tiere, die nicht gefüttert werden konnten.

Dieser Mechanismus ist sehr gut durchdacht und fühlt sich thematisch äußerst stimmig an, und sorgt so für eine hervorragende Verschmelzung des Themas mit dem Spielablauf.

Auf den Karten befinden sich, neben Informationen zu den Tieren und Pflanzen auch Sonderaktionen, die Boni bringen. Diese dürfen in der letzten Phase der Runde aktiviert werden. Der Clou ist, dass diese Aktionen pro Karte nur ein einziges Mal im Spielverlauf aktiviert werden können. Sie sind dementsprechend sehr wertvoll. Wann welcher Bonus genutzt wird, will also gut überlegt sein, da es durchaus Synergieeffekte gibt, die es zu nutzen gilt. Das sorgt gelegentlich für Downtime, was den Spielverlauf etwas ausbremst. Durch viele Aktionen erhalten zudem auch die Mitspielenden einen Vorteil, was gut abgewägt werden muss. Diese Phase ist die einzige, die nicht gleichzeitig abgehandelt wird.

Die Ergebnisse einiger Aktionen werden außerdem, äußerst ungewöhnlich, durch Münzwurf entschieden.

Beispiel für ein Raubtier und einen Aasfresser
Beispiel für ein Raubtier und einen Aasfresser

Des Weiteren können die Spielenden allgemeine, offene Ziele verfolgen. Wer zuerst diese Ziele, wie beispielsweise eine Reihe mit unterschiedlichen Tierarten, erreicht, bekommt entsprechend mehr Siegpunkte. Bei Gleichstand erhalten alle beteiligten Spieler die höchste verfügbare Punktzahl und legen ihren Marker auf dasselbe Feld.

Biome macht in keinerlei Hinsicht den Anschein, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Es ist hervorragend ausbalanciert; allein dass viele Aktionen immer auch Boni für alle geben, sorgt für ein ausgeglichenes Spielgefühl. Zu keiner Zeit fühlt man sich außen vor. Im Gegensatz zu Flügelschlag wird hier Interaktion großgeschrieben.

Man könnte den Glücksfaktor durch Würfel- beziehungsweise Münzwurf bemängeln, aber auch hier findet das Spiel immer einen Weg, die Spielenden nicht ohne irgendeine Belohnung frustriert zurückzulassen. Es bleibt zudem bis zum Ende immer spannend und ausgeglichen. Nie hat man auch nur ansatzweise das Gefühl, man habe schon frühzeitig verloren.

Auch ist es mitunter durch die Menge an Karten schwer, die zur eigenen Strategie passenden Karten auf die Hand zu bekommen. Das kann frustrierend sein und sorgt ein ums andere Mal dafür, dass eine geplante Strategie einfach nicht aufgeht. Dies empfinden wir jedoch eher als Anforderung, jederzeit im Spielverlauf die eigene Strategie anpassen zu müssen. Hier sehen wir eher eine Bereicherung für den Wiederspielwert, da so das Entwickeln von ultimativen Spielweisen unterbunden wird.

Die offen ausliegenden Zielkarten
Die offen ausliegenden Zielkarten

Aus unserer Sicht ist Leonie Grundler ein hervorragendes Spiel gelungen, das leider zu Unrecht etwas unter dem Radar geblieben ist. Biome muss sich nicht hinter Flügelschlag verstecken.

Ausstattung

Die Ausstattung ist außerordentlich gut. Das fängt schon mit den Sortiereinsätzen an, die komplett aus gepresstem Papier bestehen. Hier hat man nicht nur das Thema ernst genommen, es wird gelebt, was absolut löblich ist und für Authentizität sorgt. Zudem werden 5% der durch das Spiel erzielten Gewinne an das Wildlife Conservation Network gespendet.

Die Spielsteine sind aus Holz und vor allem die Ressourcenmarker sind schön gestaltet. Aber der absolute Augenschmaus sind die kleinen Nester, in denen im Frühjahr die Vögelchen und die kleinen Kaninchen abgelegt werden. Diese sind aus Naturmaterialien gefertigt und verleihen dem Spiel eine Haptik, die ihresgleichen sucht. Diese Nester erfüllen eigentlich keinen spielerischen Zweck im engeren Sinne, sind aber, nachdem man sie einmal verwendet hat, nicht wegzudenken.

Ressourcenmarker und die Metallmünze
Ressourcenmarker und die Metallmünze

Damit man den bei einigen Kartenaktionen verbundenen Münzwurf stilecht ausführen kann, liegt dem Spiel außerdem eine eigens produzierte geprägte Metallmünze bei. Wertiger kann ein Brettspiel kaum präsentiert werden.

Leider sind jedoch einige der Zielkarten in der ursprünglichen Fassung der Anleitung nicht ausreichend gut erklärt worden. Die Ikonografie ist hier nicht eindeutig. Mittlerweile bietet Lioness Games jedoch eine überarbeitete Version des Regelwerkes zum Download an, in der einige dieser Zielkarten erklärt werden.

Neben dem oben beschriebenen Grundspiel ist auch eine fortgeschrittene Variante enthalten, bei der Aktionen in den übrigen Jahreszeiten hinzukommen. Zusätzlich enthält das Spiel eine Mini-Erweiterung, bei der durch ein Drehrad zufällige Naturkatastrophen ausgelöst werden. Außerdem kann man Biome mit speziellen Zusatzkarten aufbessern. Durch diese Erweiterungen ist auf lange Sicht für Spielspaß gesorgt.

Ein Wort sollte man zum Artwork verlieren. Neben den genannten Illustratoren findet sich auch ein besonderer Name im Regelwerk: Dall-e. Die Darstellungen wurden mithilfe von KI entwickelt; laut Anleitung wurden aber mehr als 500 Stunden menschliche Kunst- und Designarbeit der Illustratoren in das Spiel investiert. Da dies klar benannt wird und auch in Gesprächen mit dem Thema transparent umgegangen wurde, empfinden wir dies nicht als problematisch.

Bei der von uns getesteten Version handelt es sich um die Deluxe Kickstarter-Edition. In der Standardvariante fehlen die Erweiterungen und die hölzernen Tier-Meeple-Punktezähler, ansonsten ist die Ausstattung nahezu identisch.

Die harten Fakten:Produktbild

  • Verlag: Lioness Games
  • Autor*in(nen): Leonie Grundler
  • Illustrator*in(nen): Jessica Appel, Grzegorz Siewek
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch, Englisch
  • Spieldauer: 60 – 90 Minuten
  • Spieler*innen-Anzahl: 2 bis 4 Personen, am besten zu zweit oder dritt
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Preis: circa 70 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel

 

Bonus / Download-Content:

Ein überarbeitetes Regelwerk kann bei Lioness Games heruntergeladen werden.

Fazit:

Die Frage, ob für uns Biome das bessere Flügelschlag ist, lässt sich klar mit Ja beantworten. Obwohl es sehr ähnlich ist, macht es vieles besser.

Zum einen ist es nicht nur für ornithologisch interessierte Spielende spannend. Die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten sind sehr abwechslungs- und lehrreich präsentiert. Auf jeder Karte findet sich immer ein kleiner Abschnitt mit wissenswerten Fakten. Häufig haben wir uns gegenseitig diese stimmungsvollen Texte vorgelesen und nicht schlecht über die Wunder der Natur gestaunt.  

Zudem gestaltet sich das Spiel interaktiver; man ist ständig auch mit den anderen Spielenden beschäftigt. Bei vielen Aktionen profitieren auch die Mitspielenden, und die gesamte Mechanik rund um die Raubtiere und den Nachwuchs sorgt für viel Austausch untereinander. Hier wird nicht nur gemeinsam, sondern tatsächlich miteinander gespielt, was im Vergleich ein deutlicher Pluspunkt ist.

Trotz des vorhandenen Glücksfaktors kommt zu keiner Zeit Frustration auf, da alle Mechanismen des Spiels darauf ausgelegt sind, zu belohnen. Es bleibt bis zum Schluss ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen, da es vorbildlich ausbalanciert ist. Auch wenn es gelegentlich aufgrund der vielen strategischen Möglichkeiten zu Wartezeiten kommt.

Wer also Flügelschlag mochte, sollte sich Biome unbedingt anschauen. Das Spiel ist rundum gelungen und landet des Öfteren auf unserem Spieltisch. Wir vergeben 5 von 5 grünen Daumen.

  • Schönes, qualitativ hochwertiges Spielmaterial
  • Tolle thematische Umsetzung
  • Sehr gut ausbalanciert
 

  • Kleinere Unklarheiten in der Anleitung

 

Artikelbilder: © Lioness Games
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Lidia Strauch
Fotografien: Andreas Memmert

Das Spiel wurde privat finanziert.

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