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KF - SebaGemeinsam schreiben macht Spaß: Auf dem kollaborativen Rollenspiel-Blog Kritischer Fehlschlag geben Spielleitungen seit 2024 Einblicke ins Schreiben von Abenteuern. Wir haben mit Sebastian Hahn, Gründer des Projekts, über die Entstehung des Blogs, die Rückmeldungen der Community und aktuell erschienene Abenteuer gesprochen.

Sebastian Hahns Berührungspunkte mit fantastischen Welten und Rollenspielen reichen bis ins Kinderzimmer zurück. Als kleiner Junge lasen seine Eltern ihm aus Der Hobbit vor, mit circa zwölf Jahren entdeckte er über den großen Bruder eines guten Freundes die große Welt von DSA. Heutzutage hat der Familienvater seine Begeisterung für Mythen, Dungeons und fremde Welten ins Internet verlagert. Seit 2024 betreibt er gemeinsam mit einigen anderen Autor*innen den kollaborativen Rollenspielblog Kritischer Fehlschlag. Dort werden regelmäßig Beiträge für Abenteuer veröffentlicht, die zum Teil gemeinsam mit der Community entwickelt werden. Neben kostenlosen Regelwerken und anderen Spielmaterialien werden außerdem Tipps und Tricks für Spielleitungen präsentiert.

Im Gespräch blickt Sebastian, der im Netz als „Seba“ bekannt ist, auf die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre zurück, spricht über Veröffentlichungen seiner eigenen Ideen beim Uhrwerk-Verlag und erklärt, was für ihn den Reiz am Projekt ausmacht.

keine typischen Trigger

Interview

Teilzeithelden: Hallo Sebastian. Was hat dich dazu bewogen, selbst Abenteuer zu schreiben?

Seba: Ich und mein bester Kumpel haben früh angefangen, allerlei Sachen zu machen, Monster malen, ein eigenes Rollenspiel ausdenken und so weiter. Ich war an dem kreativen Teil des Ganzen schon immer sehr interessiert. Während des Studiums gab es dann eine zeitliche Unterbrechung, in der ich mich mit Rollenspiel nicht wirklich beschäftigt habe.

Vor etwa zwölf Jahren hat meine zweite Rollenspielphase begonnen. Damals bin ich als Spielleitung gestartet und habe direkt angefangen, eigene Sachen zu spielen. Ich habe auch mal gekaufte Abenteuer genutzt, aber die meist so stark angepasst, dass die meinem Stil mehr entsprachen, und aufgeschrieben. Dass meine Texte für andere relevant sind, kam erst relativ spät und eher auf Umwegen.

Teilzeithelden: Was hat dich gereizt, deine Texte online zu präsentieren?

Seba: Als ich anfing, war mein Kind circa zwei Jahre alt. Ich habe das ein bisschen als Ausgleich gebraucht. Sehr viele andere Hobbys waren komplett auf null gedreht. Ich habe das Schreiben als Ventil genutzt und das hat mir sehr große Freude bereitet. In der Folge sind dann einige Sachen entstanden, hauptsächlich Abenteuer im OSR-Stil, also Old School Renaissance D&D.

Teilzeithelden: Kritischer Fehlschlag ging dann 2024 an den Start. Wie kam es dazu?

Seba: Das war die Konsequenz aus dem Online-Austausch. Ich hatte einen kreativen Outlet zum Schreiben gefunden und dann überlegt, dass ich eventuell auch bloggen könnte. Ich habe zu vielen Dingen eine Meinung, habe aber von Anfang an gesagt, dass ich das nicht so ausführlich oder so regelmäßig machen kann, dass der Blog konsequent beziehungsweise konsistent geführt wird. Es ist immer schade, wenn man auf Blogs trifft und sieht, dass der letzte Post von vor neun Monaten erstellt wurde.

Deshalb habe ich von Anfang an versucht, Leute zu finden, die Lust haben, gemeinsam etwas zu machen. Kritischer Fehlschlag entstand aus dieser Idee heraus. Es haben sich dann einige Leute zusammengefunden, die gesagt haben: „Ja, ich kann mir das vorstellen, ab und an mal was zu schreiben.“ Mittlerweile haben wir rund 15 Autor*innen, von denen einige aktiver und andere weniger aktiv sind. Es gibt einige „Vielschreiber“ und dann wieder Leute, die nur ein oder zwei Posts gemacht haben. Genau so ist es gedacht. Praktisch gesehen ist der Blog für alle offen.

KF - DL

Teilzeithelden: Es darf also jede*r mitmachen? Gibt es irgendwelche Einschränkungen?

Seba: Eigentlich nicht. Grundsätzlich sollte es irgendetwas mit dem Thema Pen-and-Paper zu tun haben. Ich freue mich immer besonders, wenn Leute kreativ tätig werden und in irgendeiner Form spielbares Material dabei herauskommt. Das ist aber nicht die Voraussetzung. Was wir nicht machen, sind Rezensionen.

Teilzeithelden: Wie würdest du die Entwicklung des Blogs in den vergangenen zwei Jahren beschreiben? Was läuft gut?

Seba: Das Spannende an Kritischer Fehlschlag ist die Community drumherum und nicht unbedingt das, was auf der Seite geschrieben wird. Das ist natürlich ebenfalls cool und toll. Aber es ist unbeschreiblich, dass es eine Community gibt, die kreativ gemeinsam tätig ist. Es sind schon einige Sachen entstanden, die ein bisschen größer geworden sind, etwa von Grannus. Er hat ein großes Abenteuer geschrieben mit der Hilfe einiger anderer Community-Mitglieder, das mittlerweile in einigen Läden zu erwerben ist: Der lange Weg aus der Dunkelheit.

Aktuell schreibt Rackhir an einer großen Kampagne, die   heißt. Im Blog wird über die Hintergründe und den Schaffensprozess erzählt. Der Ort, wo die Magie der Community liegt, ist tendenziell eher auf dem Discord-Server.

Teilzeithelden: Wie können sich die Mitglieder denn einbringen, beispielsweise bei Erde und Wasser?

Seba: Die Leute können Vorschläge geben, wie es weitergehen könnte oder Tipps geben, wie sich die Handlung spannender gestalten lässt. Wir hatten schon Projekte, die in einem sehr frühen Status offen designt worden sind. Andere geben ihre Abenteuer ab und fragen, ob mal ein paar Leute drüberlesen können. Man kann sich bei uns sehr ehrliche Meinungen abholen. Das ist nicht einfach in der Szene. Einige sind zu höflich, da wird schnell auf die Schulter geklopft und gesagt: „Das kannst du so machen.“

Teilzeithelden: Weisen die Mitglieder dann Autor*innen auf Plotlöcher oder Schwierigkeiten hin?

Seba: Wir haben ein paar Spiele, die im Umfeld des Blogs entstanden sind. Da wird manchmal klar gesagt: „Das ist Bullshit, das wird nicht funktionieren.“ Es wird auch miteinander getestet. Das ist natürlich super und wirklich etwas, was mich besonders freut. Ich selbst versuche immer so offen wie möglich, mit Vorschlägen umzugehen und mir auch früh möglichst viele Meinungen einzuholen. Es macht einfach Spaß, der Vibe ist super.

Teilzeithelden: Auf eurer Internetseite habt ihr einen ganzen Bereich für „Spielleitung lernen“. Aus deiner eigenen Erfahrung: Worauf kommt es an, wenn eine Person die Spielleitung übernimmt?

Seba: Man muss die richtigen Leute finden, die an den gleichen Dingen Spaß haben wie man selbst. Das ist denke ich das Wichtigste. Viele hinterfragen sich, wenn etwas nicht wie gewünscht läuft. Das kann einfach daran liegen, dass für dich nicht die gleichen Dinge wichtig sind wie für deine Spielenden.

Teilzeithelden: Und was ist für dich unverzichtbar bei der Vorbereitung eines Abenteuers?

Seba: Eine Übersicht für die NSC, die ich in der Spielrunde vermutlich brauchen werde. Wenn ich Spielleitung bin, brauche ich für jeden NSC eine Idee, wie ich die Person rüberbringen möchte. Ich spiele sehr aus dem Kopf heraus. Das Abenteuer habe ich irgendwo liegen, aber ich versuche mich eigentlich auf mein Gedächtnis zu verlassen. Wenn dann nicht alles so passiert, wie es im Abenteuer steht, dann ist das nicht so wichtig. Notizen mache ich nur dann, wenn ich mich irgendwo verfranzt habe. Das kommt aber nicht so oft vor, weil ich selten komplizierte Geschichten spiele. Damit meine ich Handlungen mit vielen Informationen, die vermittelt werden müssen.

Teilzeithelden: Im Rahmen von Kritischer Fehlschlag hast du auch ein eigenes Regelwerk veröffentlicht, das mittlerweile sogar beim Uhrwerk-Verlag erschienen ist: Slumdogs. Was genau steckt dahinter?

Seba: Grob gesagt ist es eine Art Hack von Shadowrun Anarchy. Es gab damals eine Diskussion über Shadowrun im Discord-Server und was davon spielbar ist. Ich habe mich dazu hinreißen lassen und gesagt: „Ich habe lange Shadowrun Anarchy gespielt und das Regelwerk etwas umgestellt, sodass es besser für mich lief als System.“ Als mein Gegenüber das sehen wollte, habe ich erstmal eine lose Blattsammlung aus einem Leitz-Ordner geholt, etwas in den Computer getippt und dann ist Slumdogs entstanden. Das System ist so stark verändert, dass es mit der Bais nicht mehr viel zu tun hat.

Teilzeithelden: Und was zeichnet Slumdogs nun aus?

Seba: Es ist kein inhärentes Setting, hat aber einen Baukasten, mit dem jemand ein Setting bauen kann. Das ganze Spiel hat nur 32 Seiten. Es hilft dabei, eine Cyberpunk-Stadt inklusive seiner Bewohner und Fraktionen schnell auf die Beine zu stellen. Dazu kommt ein W6-Pool-System, welches aber sehr geglättet wurde. Mit dem Original-System gibt es nur wenige Berührungspunkte.

Teilzeithelden: Wo gibt es das System zu finden?

Seba: Das kann entweder bei Uhrwerk oder im Rollenspielladen des Vertrauens gedruckt erworben werden. Die alte Version ist ebenfalls im Blog zum Download erhältlich. Es gibt nur ein paar Änderungen, die für die Druck-Fassung gemacht wurden, die sind relativ marginal.

Teilzeithelden: Passend zur Veröffentlichung über den Uhrwerk Verlag hast du nun einen Wettbewerb dazu aufgerufen. Magst du den kurz vorstellen?

Seba: Neben dem Setting-Baukasten hat Slumdogs auch einen Abenteuer-Baukasten. Das ist natürlich nicht für jeden etwas. Daher können die Teilnehmenden selbst Abenteuer einreichen. Es gibt auch etwas zu gewinnen: meine alte Ausgabe von Shadowrun 2, die bei mir im Regal steht.

Teilzeithelden: Magst du etwas zu Mini D20 sagen, dass ebenfalls bei Kritischer Fehlschlag zu finden ist?

Seba: Das ist ein W20-basiertes System, wie der Name schon sagt. D&D, aber in extrem runtergebrochen. Ich habe mehrere Versionen gespielt, bis hin zum ersten Dungeons & Dragons und der Advanced-Variante. Daraus habe ich ein eigenes System geschaffen, welches aber nicht unbedingt danach aussieht. Es gibt zum Beispiel keine Attribute. Es ist sehr einfach zu erlernen und bietet ein anderes Spielgefühl, als man vermuten würde. Ich kann nur dazu einladen, es selbst auszuprobieren. Bisher waren alle Personen, mit denen ich gespielt habe, ziemlich begeistert. Neben dem Regelwerk gibt es auch Abenteuer, man kann direkt losspielen und braucht nichts Weiteres. Das System hat eine gute Komptabilität zu alten und neuen Abenteuern.

Die aktuelle Version ist bei Uhrwerk zu finden und auf dem Blog. Das war der Deal: Alle Sachen bleiben in der ursprünglichen Version immer frei verfügbar. Wenn du es gedruckt haben willst, kannst du es in einem Laden kaufen. Das freut mich persönlich sehr.

KF - SL ler

Teilzeithelden: Was löst es in dir aus, das eigene Abenteuer im Regal stehen zu sehen?

Seba: Das ist schon cool, auf jeden Fall. Ich habe schon früher kleine Auflagen für Interessierte gemacht, aber die Zusammenarbeit mit Uhrwerk war ein besonderer Moment. Man kann es nicht anders sagen. Natürlich ist es kein Millionen-Deal. Aber ich freue mich, wenn Leute das gerne haben wollen.

Teilzeithelden: Was sind deine Wünsche und Erwartungen für dieses Jahr? Worauf freust du dich noch?

Seba: Ich freue mich auf einen Setting-Band, der für das Spiel Gassenhunde herauskommt. Das ist ein System, dass nicht bei Uhrwerk und auch sonst bei niemandem erscheinen wird. Ich arbeite gerade mit ein paar Leuten, die ganz fantastisch sind, an so einem Stadt-Setting-Band. Das wird glaube ich ein ziemlich cooles Ding. Für den Blog erhoffe ich mir, dass es wie bisher weitergeht. Es läuft vor sich hin und das ist ganz cool.

Teilzeithelden: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast.

Seba: Dankeschön, sehr gern.

 

Artikelbilder: © Kritischer Fehlschlag
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Hendrik Pfeifer

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