Als wäre es hierzulande nicht schon kalt genug, machen sich die Imperial Settlers auf den Weg in den hohen Norden, um dort ihre neuen Reiche zu errichten. Empires of the North heißt das aktuelle Standalone aus dem Imperial Settlers-Universum, das wir uns mal näher angesehen haben.
Die ursprüngliche Version von Imperial Settlers ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Seitdem wurde sie um einige Erweiterungen ergänzt und um ein paar eigenständige Roll and Writes erweitert. Mit Empires of the North ist seit Kurzem ein neues Standalone auf dem Markt, das sich die Grundtugenden des ursprünglichen Imperial Settlers zunutze macht.

Spielablauf
Zu Beginn entscheidet sich jeder für einen von sechs verschiedenen Clans, die sich alle unterschiedlich spielen. Sie besitzen auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, wobei dies relativ ist. Im Regelheft werden den sechs Clans zwar Schwierigkeitsgrade von eins bis acht zugewiesen. Doch hängt es sicherlich auch vom Spielertyp ab, wer welchen Clan als schwer empfindet. Auch wenn man mit einigen schneller Punkte macht als mit anderen, so macht man nicht zwangsläufig mehr. Zu keinem Zeitpunkt hatten wir das Gefühl, dass das Spiel unbalanciert wäre.
Jeder Clan besitzt einen eigenen Kartenstapel, von dem der Spieler im Verlauf des Spiels Karten zieht. Zudem erhält jeder Spieler unter anderem Schiffe für spätere Raubzüge, Arbeiter sowie einen Marker, um den Punktefortschritt festzuhalten. So schön und lustig das gesamte Material illustriert ist, so störend ist es, dass gerade die Schiffe und Punktemarker nicht ohne Weiteres den Clans zugeordnet werden können. Die Figuren auf den Schiffen sind nur schwer zu erkennen, und die Hintergründe der Punktemarker entsprechen nicht eins zu eins denen der jeweiligen Clan-Karten.

Vor allem vor der ersten Partie dieses Engine Builders haben wir längere Zeit damit verbracht, herauszufinden, welche Schiffe und Punktemarker zu welchem Clan gehören. Im Endeffekt ist es egal, wenn man sich einfach merkt, welches Plättchen man sich genommen hat. Dennoch möchte man das zu seinem Clan gehörige Material verwenden. Die Macher haben diese unglückliche Design-Problematik offenbar erkannt und stellen in den offiziellen FAQs eine Übersicht zur Verfügung, aus der sich ergibt, welches Schiff und welcher Punktemarker zu welchem Clan gehört.
Erschwerend kommt zum einen noch hinzu, dass die Punktemarker so klein sind, dass das Weiterziehen auf der Punkteleiste manchmal einer Fuddelei gleicht. Das gilt vor allem dann, wenn mehrere Spieler die gleiche Punktzahl haben und man die Plättchen übereinanderstapelt. Zum anderen gibt es die sogenannten Ruheplättchen, auf denen die Spieler im Verlauf des Spiels eingesetzte Arbeiter ablegen, in genau vier Farben. So kann es dann zum Beispiel sein, dass das eigene Ruheplättchen blau, der Hintergrund des Punktemarkers aber grün ist und man so durcheinanderkommt.

Hat man diese kleinen Hürden überwunden, ist die Vorbereitung auch schon fast abgeschlossen. Vor dem eigentlichen Beginn legt jeder die drei Basiskarten seines Clans in seine Auslage und erhält die auf diesen abgebildeten Rohstoffe oder Gold. Zum Schluss zieht jeder Spieler fünf Karten von seinem Stapel, von denen er drei behalten darf.
Danach kann das eigentliche Spiel beginnen, dessen Runden sich in vier Phasen unterteilen. In der ersten, der Kartenphase, zieht jeder Spieler vier Karten von seinem Nachziehstapel und darf pro Arbeiter, den er ermüden lässt, eine Karte behalten. Ermüden bedeutet, den Arbeiter auf sein Ruheplättchen zu legen. Unter normalen Umständen darf dieser in der Runde dann nicht mehr eingesetzt werden. Die erste Phase können alle Spieler gleichzeitig abhandeln, so dass es hier zu keinen Wartezeiten kommt.
Hauptsächlich spielt sich Imperial Settlers: Empires of the North in der Aktionsphase ab. In dieser führen alle Spieler nacheinander genau eine Aktion aus. Diese kann unterschiedlicher Natur sein. So kann man zum Beispiel Orte bauen, indem man die hierfür benötigten Rohstoffe zahlt und die entsprechende Karte dann in seine Auslage legt. Die meisten Orte haben Fähigkeiten oder erlauben weitere Aktionen, die man dann wieder in der Aktionsphase nutzen kann. Hat man eine Ortsaktion genutzt, dann dreht man die jeweilige Karte um 90 Grad, um anzuzeigen, dass diese in der aktuellen Runde bereits benutzt wurde.
Gute Ergänzungen zum ursprünglichen Spiel
Das Besondere an dem Spiel und der größte Unterschied zum ursprünglichen Imperial Settlers ist das Aktionsrad, das die fünf Aktionen
- Errichten,
- Bevölkern,
- Ernten,
- Entdecken und
- Segeln
erlaubt.

Das Rad besteht aus fünf einzelnen Teilen, die für jedes Spiel neu angeordnet werden, was eine große Variabilität mit sich bringt. In der Aktionsphase kann jeder ein Feld dieses Rades nutzen und die entsprechende Aktion ausführen. Hat man eine Karte, die in der linken oberen Ecke eine der Aktionen namentlich ausweist, dann darf man diese Karte zunächst auslegen bzw. abhandeln, ehe man die eigentliche Aktion ausführt
Auf dem Feld Ernten erhält man die Rohstoffe oder Gold, die auf einer der Rohstoffkarten abgebildet sind. Anders als bei Imperial Settlers, wo man in der Produktionsphase die Rohstoffe einfach so bekommt, ist das Ernten in diesem Spiel die so ziemlich einzige Möglichkeit, an neues Material zu kommen.
Ebenfalls erwähnenswert ist die Aktion Segeln, die es im ursprünglichen Imperial Settlers nicht gibt und die damit einen weiteren großen Unterschied mit sich bringt. Denn wer diese Aktion nutzt, der kann in der dritten Phase mit einem seiner Schiffe zu einer nahen oder entfernten Insel reisen und diese plündern oder erobern. Wenn der Spieler entfernte Inseln bereisen will, dann muss er sein Schiff in jedem Fall mit Nahrung ausstatten. Die Vorkehrungen hierfür muss er aber schon in der Aktionsphase treffen.
Für das Nutzen des Rades stehen jedem Spieler zwei Steine zur Verfügung. Unter Abgabe einer Nahrung kann man jeden dieser Steine bis zu zweimal nutzen. Allerdings ist das zweite Benutzen eines bereits eingesetzten Steines auf das Feld links oder rechts der bereits gewählten Aktion beschränkt.

Viele Aktionen dauern wirklich nur wenige Sekunden, so dass es zu fast keiner Downtime kommt. Das ist beim ursprünglichen Imperial Settlers teilweise anders. Dort kann es eher mal zu etwas längeren Wartezeiten kommen.
Den Überblick über die Orte in der Auslage der Mitspieler zu behalten, kann mitunter schwierig sein. So verliert man leicht aus dem Auge, welche Vorteile die Orte den Mitspielern bringen bzw. welche Aktionen sie ihnen ermöglichen. Dabei ist das durchaus von Bedeutung, da man in seinem Zug in der Aktionsphase auch Orte seiner Mitspieler plündern kann, die dann von diesen in der aktuellen Runde nicht mehr genutzt werden können.

Im Anschluss an die Aktionsphase findet die Expeditionsphase statt, in denen die Spieler zu den nahen oder entfernten Inseln reisen können. Je nach zuvor gewählter Ausstattung können sie diese erobern und damit in ihre Auslage legen. Sie gelten dann als weiterer Ort und ermöglichen weitere Aktionen oder bringen neue Fähigkeiten. Man kann die Inseln aber auch plündern. In diesem Fall erhält man die auf der Inselkarte abgebildeten Boni.
In der Aufräumphase werden dann nur noch die Vorbereitungen für die neue Runde getroffen, indem ermüdete Arbeiter oder eingesetzte Spielsteine zurück in den eigenen Vorrat genommen werden etc.
Das Spiel geht so lange, bis jemand 25 Punkte erreicht hat. Wird diese Punktzahl in der Aktionsphase erreicht, dann wird die aktuelle Runde noch zu Ende gespielt. Wird sie dagegen erst in der Expeditionsphase erreicht, dann wird noch eine komplette Runde gespielt, ehe der Sieger ermittelt wird.
Punkte gibt es am Ende für jeden Ort in der Auslage sowie für überschüssige Rohstoffe und Gold.
Das Spiel beinhaltet auch einen Solo-Modus, der eine Kampagne mit verschiedenen Szenarien bietet. In jedem Szenario werden einige Veränderungen am Spielaufbau, an den Regeln und am Spielende vorgenommen. Ziel ist es, den Siegpunkte-Schwellenwert des jeweiligen Szenarios zu übertreffen und dabei auch seinen persönlichen Highscore zu überbieten.
Ausstattung
Hauptbestandteil von Imperial Settlers: Empires of the North sind die insgesamt 220 Karten. 198 davon entfallen auf die sechs Clans, denen jeweils 33 Karten zugeordnet sind. Die übrigen Karten stellen die nahen und entfernten Inseln dar. Daneben gibt es den Wertungsplan, auf dem die Punkte der Spieler festgehalten werden, sowie den Expeditionsplan, auf dem die Schiffe und die Karten für die Inseln platziert werden. Abgerundet wird das Spiel von den Arbeiterfiguren, einer Reihe von Plättchen für unter anderem das Aktionsrad und Markern für Rohstoffe, Gold, etc.
Die Probleme bei der Zuordenbarkeit der Schiffe und Punktemarker wurden bereits angesprochen. Abgesehen davon ist das gesamte Spielmaterial optisch ein echter Hingucker. Man merkt, dass viel Liebe in die Illustrationen hineingesteckt wurde. Schön und lustig sind zwei der Attribute, welche die Karten am besten beschreiben. Teilweise wirkt es aber so, als ob die Macher zu viele Details auf den kleinen Plättchen und Karten unterbringen wollten. Manchmal muss man schon genauer hinsehen, um wirklich alles zu erkennen.
- Verlag: Portal Games, Pegasus
- Autor: Joanna Kijanka, Ignacy Trzewiczek
- Erscheinungsjahr: 2019
- Sprache: Deutsch/Englisch
- Spieldauer: 45-90 Minuten
- Spieleranzahl: 1 2 3 4
- Alter: 10+
- Preis: 61,41 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel,Amazon (Englisch), idealo
Bonus/Downloadcontent
Zu Empires of the North existiert die auch schon im Handel erhältliche Erweiterung Japanese Islands. Sie bringt zwei japanische Clans mit entsprechenden Karten sowie 14 neue Inseln ins Spiel, ist bisher aber noch nicht auf Deutsch erschienen. Die zweite Erweiterung Roman Banners steht auch in den Startlöchern und soll im ersten Quartal 2020 auf den Markt kommen. Sie wird das Grundspiel um zwei römische Clans sowie ebenfalls neue Inselkarten erweitern.
Die Regeln in englischer Sprache können auf der Homepage von Portal Games heruntergeladen werden. Dort findet man auch die FAQs. Die deutschen Regeln sind auf der Homepage von Pegasus zu finden.
Fazit
Imperial Settlers: Empires of the North ist ein optisch schöner Engine Builder, der viele Stärken und kaum Schwächen hat. Die größten Makel liegen in der Zuordenbarkeit und der Aufmachung mancher Teile des Spielmaterials. Dieses ist ausnahmslos schön illustriert. Allerdings sind die Figuren aus den einzelnen Clans teilweise so klein auf den Plättchen abgebildet, dass man sich jedes Mal aufs Neue fragt, welche zu welchem Clan gehören. Hier wäre es von Vorteil gewesen, wenn man jedem Clan eine Farbe zugeordnet und es auch sechs Ruheplättchen in sechs Farben gegeben hätte. So aber trübt diese Tatsache die Freude über das an sich optisch sehr gelungene Spiel.
Das Aktionsrad ist eine Bereicherung und bringt eine große Variabilität ins Spiel. In jeder neuen Runde sind die Aktionen neu angeordnet, so dass man seine Taktik auch entsprechend anpassen bzw. anders ausrichten muss. Hinzu kommen die sechs verschiedenen Clans, aus denen man jedes Mal aufs Neue wählen kann, wenn man für sich selbst ein wenig Abwechslung hineinbringen will.
Interaktiv ist das Spiel vor allem dadurch, dass man Orte seiner Mitspieler plündern kann und damit verhindert, dass sie ihre Vorteile nutzen können. Anders als bei vielen Spielen, in denen man sich scheut, dem Gegner etwas Schlechtes zu tun, weil man dafür eine Aktion verbraucht, mit der man sich selbst etwas Gutes tun könnte, muss man bei diesem Spiel nur ein Axtplättchen opfern, das man oftmals vorrätig hat. Außerdem verschwendet man keine Aktion, da man so oft an die Reihe kommt, solange man Aktionen machen kann.
Allerdings fällt es schwer, den genauen Überblick darüber zu behalten, welche Orte den Mitspielern welche Vorteile bringen. Teilweise bekommt man es auch gar nicht so richtig mit, was die anderen Spieler eigentlich machen bzw. kann es nicht so ohne weiteres nachprüfen. Dazu müsste man schon die vielen Karten mit ihren Kartentexten kennen.
Manchmal erwischt man sich selbst auch dabei, dass man den anderen Mitspielern gar keine Beachtung schenkt, weil man in der Zwischenzeit bereits seine nächste Aktion plant. Wenn man dann wieder an der Reihe ist, weiß man nicht, was die anderen Spieler gemacht haben. Das liegt aber an jedem selbst und ist nicht zwangsläufig ein Nachteil des Spiels. Dafür ist das Spiel schnelllebig und lange Wartezeiten kommen so gut wie nie vor.
Im Vergleich mit dem ursprünglichen Imperial Settlers bringt Empires of the North einige tolle Ergänzungen mit sich, ohne das grundlegende Konzept völlig auf den Kopf zu stellen. Wer die ursprüngliche Version mochte, der wird auch dieses Standalone mögen.
Artikelbild: Portal Games, Fotografien: David Saller, Bearbeitet von Verena Bach
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.




















