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Das Buch, der Klassiker der Gaben zum Fest. Am allerliebsten verschenken Teilzeitheld*innen Bücher aus dem phantastischen Genre. Welche Bücher können aber für liebe Menschen, die bisher noch wenige Berührungspunkte damit hatten, unter den Baum gelegt werden? Unsere Roman-Redakteur*innen verraten ihre Favoriten.

Dass Bücher wundervolle Weihnachtsgeschenke abgeben, ist allgemein bekannt. Die unterschiedlichsten Romane wurden das Jahr über auf teilzeithelden.de vorgestellt. Für Lesende der Phantastik findet sich hier sicherlich die ein oder andere Geschenkidee.

Doch wenn Menschen bisher noch nicht in unserem Lieblingsgenre unterwegs sind: Welches Buch eignet sich zum Verschenken? Idealerweise begeistert sie ein solches Geschenk für das facettenreiche phantastische Angebot, ohne allzu große Einstiegshürden. Einige Ideen für unterschiedliche Zielgruppen werden garantiert auch bei (Noch-)Nicht-Fantasy-Lesenden für strahlende Augen im Weihnachtslichterglanz sorgen.

Triggerwarnungen

Da verschiedene Bücher vorgestellt werden, sind an dieser Stelle keine Angaben möglich. Solltet ihr an Triggerwarnungen zu einem Titel interessiert sein, schreibt gerne die jeweilige Redakteur*in an.

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Redakteurin Bianca empfiehlt:

Babel – R. F. Kuang (Eichborn)

Die Universität von Oxford ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts die wichtigste Institution für Wissenschaft und Fortschritt im britischen Empire und der einzige Ort, wo die Kunst des Silberwerkens gelehrt wird – eine Magie, welche sich aus der Macht der Sprache speist. Die Geschichte folgt dem Protagonisten Robin Swift, einem chinesischen Waisenkind aus der Region Kanton, welcher die Möglichkeit bekommt an der renommierten Fakultät für Übersetzung, auch genannt Babel, in Oxford zu studieren. Dort lernt Robin nicht nur andere Studierende aus verschiedensten Kulturen, sondern auch die Geheimnisse hinter der Macht der Sprache und der Manipulation dieser kennen. Doch schon bald wird Robin mit den moralischen Dilemmata konfrontiert, welche mit der Kolonialisierung und Ausbeutung eben dieser Kulturen verbunden sind. Er muss entscheiden, wem gegenüber er loyal ist und welche Rolle er in einer Welt spielen will, die von Ungerechtigkeit und Machtkämpfen geprägt ist.

Babel ist eine Geschichte über die Magie der Sprache und das Finden der eigenen Identität, aber ebenso über die Auswirkungen von Kolonialismus, Rassismus und die Opfer des Widerstands. Im Englischen trägt der Roman zusätzlich den Untertitel Or the Necessity of Violence (Die Notwendigkeit von Gewalt,) was deutlich macht, dass man es hier nicht mit einer leichtfüßigen Fantasy-Geschichte zu tun hat. Und doch ist die Erzählung ein guter Einstieg in das phantastische Genre, gerade weil die phantastischen Elemente sehr dezent sind und sich wunderbar in die historische Atmosphäre des Buches einfügen. Am Ende könnte man sich fragen, ob die Geschichte damals nicht genau so hätte passieren können, inklusive aller magischen Elemente. Lesende, die sonst eher dem historischen Roman zugewandt sind, oder sich für Sprache begeistern können, sollten hier auf jeden Fall einen Blick hineinwagen. Die im Buch behandelten Motive wie Widerstand, Meinungsbildung und Identitätsfindung im Angesicht einer ungerechten Übermacht sind heute weiterhin relevant. Babel bietet den Lesenden eine tiefgründige Auseinandersetzung mit diesen Themen im historischen Gewand mit phantastischen Elementen.

Die harten Fakten

  • Verlag: Eichborn
  • Autorin: R. F. Kuang
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Heide Franck und Alexandra Jordan)
  • Seitenanzahl: 736
  • ISBN: 978-3847901433
  • Preis:18,00 EUR (Print) + 14,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Redakteurin Janina empfiehlt:

Der verschwundene Buchladen – Evie Woods (Adrian & Wimmelbuchverlag)

In einer Welt, in der Frauen oft nur als Nebenfiguren ihrer eigenen Geschichten existieren, kämpfen Opaline und Martha darum, ihre Stimmen zu finden. Während sie in unterschiedlichen Zeiten leben, verbindet sie ein geheimnisvoller Buchladen, der wie ein Schatten über ihren Leben schwebt – manchmal nur flüchtig erwähnt, manchmal als unerreichbarer Traum. Der verschwundene Buchladen ist ein fesselnder Roman, der die Lesenden auf eine Reise durch die Herausforderungen und Erwartungen mitnimmt, denen Frauen im Laufe der Geschichte gegenüberstanden. Opaline, eine leidenschaftliche Träumerin im 19. Jahrhundert, gefangen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen träumt von der Freiheit, als Frau selbst über ihr Leben zu bestimmen. Auf der Flucht vor ihrem Bruder, der sie zwangsverheiraten möchte, stößt sie auf den geheimnisvollen Buchladen. Dem gegenüber steht Martha als Frau der Gegenwart, die mit unsichtbareren Zwängen zu kämpfen hat. Erstmals schaffte sie es, aus dem Teufelskreis auszubrechen, in dem sich ihr Leben und ihre Ehe befinden, und flieht in eine verschlafene Kleinstadt. Hier ist sie zwar frei von den Zwängen ihres Lebens, doch muss sie sich trotzdem ihren Ängsten und Zweifeln stellen.

In dieser Low Fantasy-Erzählung entfaltet sich eine magische Atmosphäre, die Liebhaber*innen von Belletristik und Romance gleichermaßen anspricht. Denn die Liebe kommt in diesem Roman keinesfalls zu kurz. Trotzdem weist das Werk auch Charakteristiken der Belletristik im Sinne guter Unterhaltungsliteratur auf. Die Geschichten der beiden Frauen bauen sich langsam auf, sodass es gegen Ende durchaus spannend wird. Besonders ist der Aspekt der (Low) Fantasy in diesem Roman, denn er würde genauso auch ohne ihn funktionieren. Tatsächlich ist der magische Buchladen mehr ein Symbol der Hoffnung und Selbstentdeckung, als ein für die Handlung notwendiger Ort. Der Buchladen ist dort, wo die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Gleichzeitig bringt gerade dieser leicht phantastische Anteil des Buches einen Zauber mit sich, der das Buch von einem guten zu einem besonderen Buch macht. Und vielleicht entfaltet dieser Zauber eine so ansprechende Wirkung, dass er weiter in die Welt der Phantastik entführt, die mit noch so viel mehr Magie aufwarten kann.

Die harten Fakten

  • Verlag: Adrian & Wimmelbuchverlag
  • Autorin: Evie Woods
  • Sprache: Deutsch (Aus dem britischen Englisch übersetzt von Ivonne Senn)
  • Seitenanzahl: 464
  • ISBN: 978-398-58521-16
  • Preis: 14,95 EUR (Print) + 9,95 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Redakteurin Jessica empfiehlt:

Krabat – Otfried Preußler (Thienemann)

Junge Lesende an Phantastik heranzuführen, scheint eine vermeintlich leichte Aufgabe. Die Regale in den Läden sind voll von Jugendliteratur mit übernatürlichen Elementen. Und zugleich ist diese Tatsache die Krux an der Sache: Quantität ist nicht gleich Qualität, und sehr schnell sind die Jugendlichen dann gelangweilt, wenn sie wieder eine gewöhnliche Zauberschule vorgesetzt bekommen oder sich irgendjemand in Tiere verwandelt. Doch gerade diese zwei Motive können sehr faszinierend sein, wenn sie gut erzählt werden. Aus diesem Grund wird für jugendliche Lesende mit Krabat ein Klassiker empfohlen, mit dem nichts falsch gemacht werden kann, zieht er doch seit Generationen in seinen Bann und hat bis heute von seiner Faszination nichts eingebüßt.

Krabat erzählt die Geschichte des titelgebenden Zauberlehrlings. Von mysteriösen Mächten wird er an die Mühle gerufen, in dem der unerbittliche Meister seinen Zöglingen das Müllern und die Magie lehrt. In der Gemeinschaft der Jungen absolviert Krabat seine Lehrjahre. Erst nach einiger Zeit blickt er hinter den Vorhang dessen, was die eigentlichen Vorgänge in der Mühle im Koselbruch sind, und welch finsteres Spiel der Meister treibt. Als er sich in Kantorka verliebt, gelingt es ihm, sich zu lösen und mit ihrer Hilfe dem schwarzmagischen Treiben zu entkommen.

Liebe, Freiheit und die Auflehnung gegen Macht sind die Motive, die die Handlung von Krabat vorantreiben. Preußler selbst bezeichnete das Werk als seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Gerade in der heutigen Zeit ist eine weitere Auseinandersetzung mit diesen Themen wichtig. Krabat wirkt dabei hintergründig und wirkt lange nach, da Preußler die Thematik sehr gut in die nahbare Gesamthandlung einbettet.

Der Thienemann-Verlag brachte 2023 eine durch den Künstler Mehrdad Zaeri kongenial illustrierte Schmuckausgabe heraus, die die Düsternis und das Mysteriöse von Krabat sehr gekonnt umsetzt. Selbst wenn irgendwo noch eine alte Ausgabe des Klassikers zu finden sein sollte, ist diese wunderschöne Ausgabe es wert, verschenkt zu werden.

Die harten Fakten

  • Verlag: Thienemann
  • Autor: Otfried Preußler
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN: 978-3-522-20285-5
  • Preis: 28 EUR (Print)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Redakteur*in Julie empfiehlt:

Die Kolonie– Jinkang Wang (Heyne)

In den 1970er Jahren, während der chinesischen Kulturrevolution, werden Millionen von Jugendlichen aus der Stadt aufs Land geschickt, um dort „umerzogen“ zu werden. Die Studentin Guo Qiuyun ist eine von ihnen und findet sich auf einer abgelegenen Farm in der Provinz Henan wieder. Dort trifft sie überraschend auf ihre Jugendliebe Yan Zhe. Angesichts der harten Lebensbedingungen und der Ungerechtigkeiten auf der Farm weiht Yan Zhe Guo Qiuyun in einen gewagten Plan ein. Er hat die Forschung seines Vaters mitgebracht, eine mysteriöse Substanz, die den selbstlosen Altruismus von Ameisen auf Menschen übertragen kann. Getrieben von dem Wunsch, die Situation auf der Farm zu verbessern und den blutigen Wirren der Kulturrevolution etwas entgegenzusetzen, beschließen sie, die Substanz an den Bewohner*innen zu testen. Ihr Experiment soll eine harmonische Gemeinschaft schaffen, doch es wirft bald komplexe ethische Fragen auf. Wie weit dürfen sie gehen, um ihre Vision von einer besseren Gesellschaft zu verwirklichen? Die Grenzen zwischen Idealismus und moralischer Verantwortung beginnen zu verschwimmen.

Die Kolonie ist ein eindringlicher Roman, der historische Ereignisse mit wissenschaftlicher Fantasie verknüpft. Wang Jinkang, geboren 1948, zählt neben Cixin Liu und Han Song zu den bedeutendsten chinesischen Science-Fiction-Autor*innen. Nach seinem Ingenieurstudium arbeitete er zunächst in der Ölförderindustrie, bevor er in den 1990er Jahren mit seinen Kurzgeschichten literarischen Erfolg erlangte. Bisher wurde eine seiner Kurzgeschichten in dem Sammelband Quantenträume auf Deutsch veröffentlicht.

Der Roman liest sich über weite Strecken wie eine historische Erzählung der Kulturrevolution. Wang Jinkang schafft es, die Atmosphäre dieser turbulenten Zeit eindringlich einzufangen und die Leser*innen mitten in das Geschehen zu versetzen. Der phantastische Aspekt, das Ameisenserum, wird behutsam und glaubwürdig in die Handlung eingeflochten, sodass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Dies macht das Buch ideal für Phantastik-Einsteiger*innen, die eine tiefgründige Geschichte mit subtilen phantastischen Elementen suchen. Wang Jinkang nutzt wissenschaftliche Spekulation, um eine alternative Sicht auf die Geschichte zu bieten und grundlegende Fragen über die menschliche Natur zu stellen, die einen noch lange nach dem Lesen beschäftigen können.

Die harten Fakten

  • Verlag: Heyne
  • Autor: Jinkang Wang
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Chinesischen übersetzt von Marc Hermann)
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN: 978-3-453-32133-5
  • Preis: 16,00 EUR (Print) + 13,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Redakteurin Marie empfiehlt:

Der mexikanische Fluch – Silvia Moreno-Garcia (Blanvalet)

Im Mexiko der 1950er verbringt die junge, schöne Noemí ihre Zeit mit einem verwöhnten Leben voller Feiern. Dann erreicht sie ein Brief ihrer frisch verheirateten Cousine Catalina, die sie um Hilfe anfleht. Ihr Ehemann wolle sie vergiften. Ohne zu zögern, reist Noemí zu Catalina nach High Place, doch auf dem einsam gelegenen Herrensitz der Familie Doyle ist Noemí nicht willkommen. Ansehen und Reichtum der englischen Familie sind verblasst, die Silbermine in Mexiko ist erschöpft und das gespenstische High Place ist ein Ort der Geheimnisse. Alle scheinen etwas vor Noemí zu verbergen, beobachten sie oder kommandieren sie herum, auch mit Catalina kann sie nicht ungestört sprechen. Andererseits interessiert sich der gealterte Familienpatriarch Howard auffällig für sie. Die junge Heldin hat jedoch keine Angst und ist entschlossen, herauszufinden, was wirklich auf High Place vor sich geht. Dafür muss sie jedoch die verschlungenen Geheimnisse der Familie Doyle entschlüsseln und das ist alles andere als ungefährlich. Denn je tiefer Noemí in das Geflecht aus Lügen, Inzucht und Wahn eintaucht, desto weniger kann sie zwischen Realität und Illusion unterscheiden.

Der mexikanische Fluch, Originaltitel Mexican Gothic, war ein Bestseller und hat den Schauerroman wiederbelebt. Es ist ein stimmungsvolles Buch, das mit wenig phantastischen Elementen auskommt und sich deshalb wunderbar als Geschenk für die Verwandtschaft eignet, die mit Orks, Elfen, Zwergen und Zauberschüler*innen nichts anfangen können. Die Schauergeschichte um die junge Heldin in dem einsam gelegenen Herrenhaus mit seinen eigenartigen, ablehnenden Bewohner*innen entfaltet sich in den nebligen Bergen Mexikos und erinnert an Bücher wie Daphne du Mauriers Rebecca oder Anne Radcliffes Udolpho. Wer ein Geschenk in diesem Stil sucht oder allgemein ein gruseliges Buch, sollte bei Der mexikanische Fluch zugreifen.

Die harten Fakten

  • Verlag: Blanvalet
  • Autor*in: Silvia Moreno-Garcia
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Frauke Meier)
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN: 978-3734112850
  • Preis: 22,00 (Gebunden) + 13,00 EUR (Taschenbuch)+ 9,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

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Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Giovanna Pirillo
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