Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Arkady Martines Teixcalaan-Dilogie erzählt von einer Botschafterin, die zwischen ihrer Heimat und einem mächtigen Imperium steht. Während Mahit Dzmare versucht, ihren Platz in dieser fremden Welt zu finden, geraten die politischen Spannungen zunehmend außer Kontrolle. Und dann schleicht sich da noch eine ganz neue Bedrohung von außen an.

Arkady Martine legte mit Im Herzen des Imperiums nicht nur ihren ersten Roman vor, sondern schaffte damit direkt einen außergewöhnlich erfolgreichen Einstieg in die Science-Fiction. Der Roman wurde 2020 mit dem Hugo Award als bester Roman ausgezeichnet. Zwei Jahre später erhielt auch der zweite Band Am Abgrund des Krieges den Hugo Award und bestätigte damit den großen Erfolg der Dilogie. Dabei setzt Martine weniger auf klassische Weltraumschlachten als auf politische Intrigen, kulturelle Spannungen und die Frage, wie sehr Sprache und Erinnerung unsere Identität prägen.

Grund genug also, sich die preisgekrönte Dilogie noch einmal genauer anzusehen. Diesmal in deutscher Übersetzung.

Triggerwarnungen

Tod wichtiger Figuren, Krieg, Fremdenfeindlichkeit

[Einklappen]

Story

Mahit Dzmares Traum wird wahr, als sie überraschend als neue Botschafterin nach Teixcalaan entsandt wird, ins Herz des Imperiums. Dort soll sie die Interessen ihrer Raumstation Lsel vertreten und herausfinden, was mit ihrem Vorgänger Yskander Aghavn geschehen ist.

Wie alle wichtigen Funktionsträger*innen auf Lsel wird Mahit zum Antritt eine sogenannte Imago-Maschine implantiert. Auf dieser werden Erinnerungen und Erfahrungen früherer Personen gespeichert und an die nächste Generation weitergegeben. Im Idealfall wachsen die Persönlichkeit der neuen Träger*innen und die Erinnerungen der Vorgänger*innen nach und nach zusammen. Für Mahit wird diese Technik jedoch ausgerechnet in dem Moment zum Problem, in dem sie sie am dringendsten braucht. Yskanders letzte Update ist bereits fünfzehn Jahre alt. Alles, was er seitdem über die politische Situation in Teixcalaan erfahren hat, fehlt ihr. Als wäre das nicht Schwierigkeit genug, fällt kurz nach ihrer Ankunft ihre Imago vollständig aus. Mahit steht damit praktisch allein in der Hauptstadt eines Imperiums. Und schnell wird ihr klar, Yskander war in seiner Zeit als Botschafter nicht untätig und hat so manche Intrige gesponnen.

Denn Teixcalaan befindet sich in einer äußerst instabilen Situation. Der Kaiser liegt im Sterben und verschiedene Akteur*innen kämpfen um seine Nachfolge. Gleichzeitig muss Mahit herausfinden, weshalb Yskander sterben musste und welche Rolle er in den Machtkämpfen am Kaiserhof gespielt hat. Unterstützung erhält sie unter anderem von Drei Seegras, ihrer teixcalaanischen Kulturvermittlerin. Doch selbst mit ihrer Hilfe bleibt Mahit eine Außenseiterin. Für die Menschen des Imperiums ist sie trotz ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse und ihrer Begeisterung für teixcalaanische Literatur in erster Linie eine Barbarin von einer kleinen Raumstation.

Gerade darin liegt einer der interessantesten Konflikte des ersten Romans: Mahit liebt eine Kultur, die ihr gleichzeitig immer wieder zu verstehen gibt, dass sie niemals wirklich dazugehören wird. Teixcalaan besitzt nicht nur militärische Macht, sondern übt auch eine enorme kulturelle Anziehungskraft aus. Gedichte, historische Texte und sprachliche Anspielungen bestimmen den gesellschaftlichen Alltag. Politische Botschaften können in Versen verborgen werden, und wer bestimmte literarische Bezüge nicht versteht, bleibt automatisch von einem Teil der Kommunikation ausgeschlossen. Martine zeigt dadurch sehr überzeugend, dass ein Imperium nicht allein durch Waffen expandiert. Ebenso mächtig kann eine Kultur sein, die andere dazu bringt, ihre Geschichten und ihre Vorstellungen von Zivilisation zu übernehmen.

Der zweite Band Am Abgrund des Krieges führt diese Themen konsequent weiter, verschiebt aber gleichzeitig den Maßstab. Nach den Ereignissen des ersten Bandes ist Mahit nach Lsel zurückgekehrt. Doch auch dort fühlt sie sich nicht mehr vollständig zu Hause. Ihre Zeit im Zentrum Teixcalaans und die Ereignisse rund um ihre Imago haben sie verändert, während man ihr auf der Station zunehmend mit Misstrauen begegnet. Damit steckt sie nun endgültig zwischen zwei Welten: Für Teixcalaan bleibt sie eine Außenseiterin, auf Lsel gilt sie beinahe schon als zu stark vom Imperium beeinflusst.

Während Mahit mit dieser Situation kämpft, steht Teixcalaan vor einer neuen Bedrohung. An den Grenzen des Imperiums ist eine fremde intelligente Spezies aufgetaucht, deren Angriffe ganze Stationen vernichten können. Niemand versteht, wer diese Wesen sind, wie sie denken oder ob eine Verständigung mit ihnen überhaupt möglich ist. Mahits ehemalige Kulturreferentin Drei Seegras wird mit dem Versuch beauftragt, Kontakt aufzunehmen, und bittet Mahit um Hilfe.

Damit entwickelt sich aus dem politischen Machtkampf des ersten Bandes ein Erstkontakt-Szenario, das die zentralen Fragen der Dilogie noch einmal erweitert. Ging es zuvor darum, ob zwei menschliche Kulturen einander wirklich verstehen können, geht es nun um die Kommunikation mit Wesen, deren Denken scheinbar vollkommen fremd ist. Ausgerechnet Mahit und Drei Seegras, die selbst ständig mit kulturellen Missverständnissen und unausgesprochenen Erwartungen kämpfen, sollen nun einen Weg finden, einen Krieg zu verhindern.

Schreibstil

Arkady Martines erzählt eine Geschichte, in der Sprache selbst ein wesentlicher Bestandteil der Handlung ist. Besonders in Im Herzen des Imperiums wird deutlich, wie eng Sprache, Kultur und Macht in Teixcalaan miteinander verbunden sind.

Die teixcalaanische Gesellschaft ist geradezu von Literatur durchdrungen. Gedichte und historische Texte gehören zum politischen und gesellschaftlichen Alltag, und wer ihre Anspielungen versteht, besitzt einen entscheidenden Vorteil. Mahit hat die Sprache und Literatur des Imperiums seit ihrer Kindheit studiert. Trotzdem muss sie nach ihrer Ankunft feststellen, dass es einen großen Unterschied macht, eine Sprache zu beherrschen oder wirklich Teil der Kultur zu sein, in der sie gesprochen wird.

Martine setzt diese Unterschiede sehr detailliert um. Namen folgen eigenen Regeln, Höflichkeitsformen verraten etwas über Beziehungen zwischen Figuren und selbst kleine sprachliche Abweichungen können politische Bedeutung besitzen. Mahit achtet deshalb ständig darauf, welche Formulierungen ihre Gesprächspartner*innen wählen, welche literarischen Anspielungen sie verwenden und was damit möglicherweise unausgesprochen gemeint ist. Mahit verliert sich dabei immer wieder in Gedanken über mögliche Bedeutungen und politische Konsequenzen. Dadurch entstehen einige Passagen, die sich etwas wiederholen und das Tempo bremsen. Wer eine klassische, schnell erzählte Space Opera erwartet, muss deshalb etwas Geduld mitbringen.

Gleichzeitig liegt genau darin die Stärke der Bücher. Martines Welt fühlt sich nicht deshalb komplex an, weil ständig neue Planeten, Technologien oder politische Fraktionen eingeführt werden, sondern weil ihre Kulturen tatsächlich unterschiedliche Vorstellungen davon besitzen, was einen Menschen oder eine richtige Art zu kommunizieren ausmacht.

Für die deutsche Übersetzung ist das eine besondere Herausforderung. Schließlich basiert ein großer Teil der Wirkung auf Bedeutungsnuancen und kulturellen Anspielungen. Zum Teil mussten auch Gedichte ins Deutsche übertragen werden. Den ersten Band übersetzte Jürgen Langowski, dem es sehr gut gelingt, diese sprachliche Komplexität ins Deutsche zu übertragen. Für den zweiten Band übernahm Bernhard Kempen die Übersetzung. Trotz des Wechsels bleibt der besondere Ton der Reihe erhalten, sodass sich beide Bände auch auf Deutsch stimmig als zusammengehörige Dilogie lesen.

Die Autorin

Arkady Martine ist das Pseudonym der US-amerikanischen Historikerin und Autorin AnnaLinden Weller. Sie promovierte 2014 im Bereich der byzantinischen Geschichte und arbeitete außerdem als Stadtplanerin. Seit 2012 veröffentlicht sie Science-Fiction-Kurzgeschichten. Im Herzen des Imperiums ist ihr Debütroman und gewann den Hugo Award 2020. 2022 wurde Am Abgrund des Krieges ebenfalls mit dem Hugo Award ausgezeichnet. Seit dem Abschluss der Dilogie hat Martine unter anderem die Science-Fiction-Novelle Rose/House veröffentlicht, die erstmals 2023 erschien.

Erscheinungsbild

Auch optisch passen die beiden Bände gut als Dilogie zusammen. Die Cover greifen die unterschiedlichen Schauplätze und Stimmungen der Romane auf und vermitteln bereits auf den ersten Blick den Eindruck einer groß angelegten Science-Fiction-Welt.

Bei der Verarbeitung merkt man allerdings, dass es sich um Paperback-Ausgaben handelt. Wer die Bücher häufig mit sich herumträgt, muss damit rechnen, dass sich die Folierung an den Rändern mit der Zeit etwas ablöst. Dafür ist das Papier angenehm dick und fühlt sich beim Lesen hochwertig an. Die Druckqualität schwankt stellenweise leicht: Einzelne Absätze wirken etwas blasser beziehungsweise dünner gedruckt als der restliche Text. Das fällt zwar auf, stört den Lesefluss aber kaum.

Im Herzen des Imperiums_1 Umschlag

Die harten Fakten Band 1:

  • Verlag: Heyne
  • Autorin: Arkady Martines
  • Erscheinungsdatum: 11.11.2019
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Langowski)
  • Format: Paperback
  • Seitenanzahl: 608
  • ISBN: 978-3-453-31993-6
  • Preis: 16,00 EUR (Print) + 6,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (deutsch, englisch)

 

Am Abgrund des Krieges_2 Umschlag

Die harten Fakten Band 2:

  • Verlag: Heyne
  • Autorin: Arkady Martines
  • Erscheinungsdatum: 10.08.2022
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen)
  • Format: Paperback
  • Seitenanzahl: 704
  • ISBN: 978-3-453-31994-3
  • Preis: 16,00 EUR (Print) + 6,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (deutsch, englisch)

 

Bonus/Downloadcontent

Beide Bände kommen mit einem ausführlichen Glossar und einer Danksagung. Gerade bei dieser Dilogie ist das Glossar besonders hilfreich, da Arkady Martine eine Vielzahl eigener Begriffe, Titel und Namenskonventionen verwendet. Vor allem, wenn zwischen dem Lesen des ersten und zweiten Bandes etwas Zeit liegt, erleichtert es die Orientierung in der komplexen Welt von Teixcalaan und Lsel und bietet die Möglichkeit, unbekannte Begriffe noch einmal nachzuschlagen.

Fazit

In Im Herzen des Imperiums und Am Abgrund des Krieges begleiten Lesende Mahit Dzmare von ihrer gefährlichen Mission als Botschafterin im Herzen eines mächtigen Imperiums bis hin zum Versuch, einen Krieg mit einer völlig fremden Spezies zu verhindern.

Die Dilogie ist dabei ganz klar der Soft-Science-Fiction zuzuordnen und richtet sich vor allem an Leser*innen, die Freude an politischen Intrigen und komplexen kulturellen Zusammenhängen haben. Statt technischer Details oder großer Raumschlachten stehen Sprache und die Frage nach Identität im Mittelpunkt.

Vor allem Mahits Position zwischen Lsel und Teixcalaan macht die beiden Romane spannend. Sie bewundert das Imperium und dessen Kultur, bleibt dort aber immer eine Außenseiterin. Im zweiten Band wird dieser Konflikt noch einmal erweitert, wenn aus kulturellen Missverständnissen zwischen Menschen die Frage entsteht, ob eine Verständigung mit einer vollkommen fremden Spezies überhaupt möglich ist. Dadurch greifen die beiden Bücher thematisch sehr schön ineinander und funktionieren besonders gut als zusammenhängende Dilogie.

Ganz leicht zugänglich sind die Romane allerdings nicht. Die vielen politischen Überlegungen, sprachlichen Feinheiten und kulturellen Anspielungen verlangen Aufmerksamkeit, und gerade Mahits Gedankengänge können sich stellenweise etwas wiederholen und das Tempo bremsen. Wer eine actionreiche Space Opera erwartet, könnte daher enttäuscht werden.

Wer hingegen gerne über politische Systeme, kulturelle Zugehörigkeit und die Frage nachdenkt, was Identität eigentlich ausmacht, bekommt hier eine ungewöhnliche und sehr durchdachte Science-Fiction-Dilogie mit einer faszinierenden Welt und starken Ideen.

  • Politische Intrigen
  • Spannender Umgang mit Sprache
 

  • Langsames Erzähltempo

 

Artikelbilder: © Heyne
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Nina Horbelt
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein