Mit Herz des Imperiums erzählt Everina Maxwell in ihrem Debütroman eine queere Slow-Burn-Romanze vor dem Hintergrund galaktischer Konflikte. Nach einer überstürzten Hochzeit müssen Kiem und Jainan ein galaktisches Bündnis retten und die Wahrheit über einen tödlichen Unfall herausfinden. Lernen sie einander zu vertrauen, bevor die Resolution zerbricht?
In den vergangenen Jahren haben immer mehr Geschichten ihren Weg von Onlineplattformen ins traditionelle Verlagswesen gefunden. Texte, die zunächst kapitelweise im Internet erschienen und dort bereits eine feste Leser*innenschaft aufgebaut haben, wie beispielsweise der Mega-Bestseller Alchemised, werden überarbeitet und schließlich als Romane bei etablierten Verlagen veröffentlicht.
Einen solchen Weg nahm auch der Debütroman Herz des Imperiums von Everina Maxwell. Unter dem Namen Avoliot veröffentlichte die Autorin die Geschichte ab 2016 zunächst in einzelnen Abschnitten und stellte sie später unter dem Titel The Course of Honour auf der Fanfiction-Plattform Archive of Our Own (AO3) online. Dort wurde eine Literaturagentur auf den Text aufmerksam. Für die Veröffentlichung als Roman wurde die Geschichte umfassend überarbeitet. Vor allem das Worldbuilding und die politischen Konflikte erhielten dabei mehr Raum.
Herz des Imperiums erzählt von Prinz Kiem und Graf Jainan, die nach dem plötzlichen Tod von Jainans Ehemann aus politischen Gründen miteinander verheiratet werden. Während sie versuchen, sich in ihrer arrangierten Ehe zurechtzufinden, stoßen sie auf Hinweise, dass hinter dem Todesfall mehr stecken könnte als zunächst angenommen.
Ist es gelungen, die ursprüngliche Liebesgeschichte überzeugend um eine komplexere Science-Fiction-Handlung zu erweitern?
gewaltvolle toxische Beziehung, Entführung
Inhaltsverzeichnis
Story
Im Vergleich zur gesamten Galaxis ist Iskat kaum mehr als ein kleines Reich. Der winterliche Planet steht einem lockeren Bündnis mehrerer Welten vor, dessen Sicherheit von einem Abkommen mit der Resolution abhängt. Dieser galaxisweite Zusammenschluss schützt Iskat vor größeren und mächtigeren Reichen. Doch der Vertrag muss alle zwanzig Jahre erneuert werden und genau dieser Zeitpunkt rückt immer näher.
Als „Ihro Prinzliche Hoheit Kiem“ zum Oberhaupt seiner Familie gerufen wird, ahnt er nicht, dass er bereits am nächsten Tag heiraten soll. Bisher ist das wohl unbeliebteste Enkelkind der Herrscherin vor allem durch öffentliche Fehltritte aufgefallen. Nun soll ausgerechnet Kiem das gefährdete Bündnis mit Thea retten und Graf Jainan heiraten. Dieser hat erst vor wenigen Wochen seinen Ehemann, Kiems Cousin Taam, bei einem Flugunfall verloren. Auch ihre Verbindung war politisch arrangiert, denn Iskat besiegelt seine Bündnisse traditionell durch Ehen mit der Herrschendenfamilie. Nach Taams Tod muss die Verbindung zu Thea deshalb schnell neu gefestigt werden. Doch der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein: Auf dem rohstoffreichen Planeten wächst der Widerstand gegen die Ausbeutung durch Iskat, während die bevorstehende Verlängerung des Abkommens mit der Resolution keinerlei politische Unruhe duldet.
Damit bringt Herz des Imperiums Kiem und Jainan in eine klassische Forced-Proximity-Situation. Die beiden müssen nicht nur heiraten, sondern der Öffentlichkeit auch eine glückliche Beziehung vorspielen. Kiem begegnet seinem neuen Ehemann offen und bemüht sich, ihm möglichst viel Freiheit zu lassen. Jainan geht dagegen pflichtbewusst und ausgesprochen verschlossen mit der Situation um. Er versucht vor allem, keine Umstände zu machen und sämtliche Erwartungen zu erfüllen, die vermeintlich an ihn gestellt werden. Dass die beiden immer wieder aneinander vorbeireden, ergibt sich glaubhaft aus ihren unterschiedlichen Erfahrungen und wirkt nicht wie ein künstlich eingesetztes Mittel, um zusätzliche Spannung zu erzeugen. Parallel dazu kommen Zweifel an Taams Unfall auf. Plötzlich steht Jainan selbst unter Verdacht, während die politischen Spannungen auf Thea weiter zunehmen und das Abkommen mit der Resolution zu scheitern droht.
Das Worldbuilding in Herz des Imperiums bietet zahlreiche interessante Ansätze. Auf Iskat wird Geschlecht durch die Ressourcen Feuerstein, Holz und Glas ausgedrückt und unter anderem durch Schmuck, Anstecknadeln oder Haarteile sichtbar gemacht. Dabei sind nicht binäre Personen keine Seltenheit. Thea besitzt dagegen ein komplexes Clansystem, das mit unterschiedlichen Verpflichtungen einhergeht und von dem Jainan durch seine Ehe weitgehend abgeschnitten wurde. Ebenso spannend ist die Resolution, durch die man einen kleinen Ausblick auf die Verhältnisse in der gesamten Galaxie bekommt. Viele dieser Aspekte werden zwar nur angerissen, vermitteln aber das Gefühl einer größeren Welt, die das Potenzial bietet, in Folgebänden weiter ergründet zu werden.
Schreibstil
Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive von Kiem und Jainan erzählt. Obwohl Lesende einen direkten Einblick in ihre Gedanken erhalten, wissen Kiem und Jainan längst nicht alles übereinander und auch für Lesende werden nicht alle Geheimnisse direkt offengelegt. Obwohl die romantische Beziehung klar im Vordergrund steht, geht es vor allem um den Umgang miteinander und die Rollen, die sie erfüllen müssen. Auch intime Momente bleiben eher zurückhaltend erzählt; Sexuelles wird nicht explizit beschrieben.
Besonders die Dialoge gehören zu den Stärken des Romans. Die Übersetzung von Sabine Elbers konnte den lockeren Ton auch gut ins Deutsche übertragen. Kiems Offenheit und sein manchmal etwas unbeholfener Humor treffen auf Jainans zurückhaltende und überlegte Art, wodurch sich ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten auch sprachlich deutlich zeigen.
Umso auffälliger sind allerdings die zahlreichen Flüchtigkeitsfehler. Immer wieder fehlen Personalpronomen oder einzelne Füllwörter, stellenweise wird sogar ein Name verwechselt. Das stört den Lesefluss zwar nicht dauerhaft, fällt aber häufig genug auf. Eine weitere sorgfältige Korrekturrunde vor dem Druck hätte dem Buch deutlich gutgetan.
Die Autorin
Everina Maxwell wuchs im englischen Sussex auf und lebt heute in Yorkshire. Unter dem Namen Avoliot veröffentlichte sie ab 2016 erste Texte auf LiveJournal und später auf AO3, wo eine Literaturagentur auf sie aufmerksam wurde. Ihr zweiter Science-Fiction-Roman Echo der Welten erschien Ende 2024 und spielt im selben Universum wie Herz des Imperiums, erzählt jedoch eine eigenständige Geschichte. Für Dezember 2026 ist mit Call Me Traitor ihr erster Romantasy-Roman angekündigt.
Erscheinungsbild
Das Cover von Herz des Imperiums passt mit seiner futuristischen Gestaltung gut zum Genre der Space Opera und vermittelt auf den ersten Blick den Eindruck einer weitläufigen, politischen Science-Fiction-Geschichte. Die Taschenbuch-Ausgabe liegt angenehm in der Hand, lässt sich bei der Dicke jedoch kaum lesen, ohne dass der Buchrücken bricht und sichtbare Leserillen entstehen.
- Verlag: Cross Cult
- Autorin: Everina Maxwell
- Erscheinungsdatum: 06.06.2024
- Sprache: Deutsch (Aus dem britischen Englisch übersetzt von Sabine Elbers)
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 530
- ISBN: 978-3-98666-450-3
- Preis: 18,00 EUR (Print)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (englisch, deutsch)
Fazit
Im Mittelpunkt von Herz des Imperiums stehen Kiem und Jainan, deren arrangierte Ehe zunächst vor allem diplomatischen Zwecken dient, sich aber langsam zu einer echten Beziehung entwickelt. Besonders ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten, die lebendigen Dialoge und die nachvollziehbaren Missverständnisse machen den Reiz des Romans aus. Kiems Offenheit und Humor treffen auf Jainans zurückhaltende, pflichtbewusste Art und sorgen immer wieder für berührende und unterhaltsame Momente.
Der Fokus der Geschichte liegt ganz klar auf der Beziehung der beiden Hauptfiguren, während die politischen Intrigen und die Ermittlungen für zusätzliche Spannung sorgen. Leser*innen, die politische Intrigen, humorvolle Dialoge und eine langsam entstehende Liebesgeschichte mögen, dürften viel Freude an dem Roman haben. Wer bereits von John Scalzis Kollaps-Trilogie begeistert war, wird höchstwahrscheinlich auch an Herz des Imperiums Gefallen finden.

- Glaubwürdige Beziehungsentwicklung
- Lebendige Dialoge
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Auffällige Flüchtigkeitsfehler im Text
Artikelbilder: © Cross Cult
Layout und Satz: <Bitte vom Layout selbst eintragen>
Lektorat: Laura Pascharat
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