Mailand kommt nicht zur Ruhe. Mit Playable Characters, Prospero’s Legacy und Mystical Milan erhält Vampire: The Masquerade – Milan Uprising gleich drei Erweiterungen auf einen Schlag. Wir haben eine neue Kampagne gestartet und verraten, ob sich die Rückkehr in die nächtliche Lombardei lohnt.
Vor gut einem Jahr haben wir das digitale Spielbrett Teburu ausführlich unter die Lupe genommen und dabei auch einen ersten Blick auf Vampire: The Masquerade – Milan Uprising geworfen. Schon damals zeigte sich: Das erzählerische Aushängeschild aus dem Hause Xplored nutzt die World of Darkness-Lizenz klug und beweist, dass die Technik nicht nur Bosskämpfe verwalten, sondern auch Geschichten erzählen kann. Als Klüngel rebellischer Anarchen stemmen wir uns gegen Prinz Prospero und die übermächtige Camarilla, treffen Entscheidungen mit Langzeitfolgen und erleben Mailand als Stadt voller Intrigen, Blut und Verrat. Dass die World of Darkness auch ganz analog am Spieltisch funktioniert, hat zuvor schon Vampire: Die Maskerade – CHAPTERS in Montreal bewiesen.
Pegasus Spiele legt nun nach: Seit April stehen unter anderem mit Playable Characters, Prospero’s Legacy und Mystical Milan gleich drei Erweiterungen im Handel, die das Grundspiel um vier neue Charaktere und rund acht (vier pro Erweiterung) Stunden zusätzlichen Story-Inhalt ergänzen. Es gibt sogar eine zweite gute Nachricht: Die App spricht inzwischen Deutsch. Was im Ersteindruck noch die größte Einstiegshürde war, ist damit Geschichte. Grund genug für uns, eine komplett neue Kampagne zu starten: mit einem gezielten Schnelldurchlauf durch bereits bekannte Kapitel. So konnten wir prüfen, wie gut sich die Neuzugänge ins Spielgefüge einfügen und wie viel Wiederspielwert wirklich in der Chronik steckt.
Blut, Gewalt, Tod, Manipulation, Machtmissbrauch, Horror-Elemente
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Das Grundprinzip bleibt unangetastet: Die kostenlose App führt durch die Chronik, das Teburu-Board erkennt Figuren und Würfel in Echtzeit, und unsere Entscheidungen merkt sich das System gnadenlos. Genau hier docken alle drei Erweiterungen an. Keine neuen Regelhefte, keine zusätzlichen Mechaniken zum Auswendiglernen: Die Boxen enthalten sogenannte Smart Minis, also Miniaturen mit eingebautem Sensor. Einmal auf das Brett gestellt, erkennt die App den Neuzugang automatisch und schaltet die zugehörigen Inhalte frei. Aufstellen, weiterspielen.
Für alle, die seit dem Ersteindruck nicht mehr am Brett saßen, eine kurze Auffrischung: Eine Sitzung gliedert sich in Szenen, in denen wir unsere Charaktere über die Viertel Mailands bewegen, Aufträge verfolgen, Spuren nachgehen und immer wieder vor Entscheidungen stehen, deren Konsequenzen oft erst Kapitel später sichtbar werden. Würfelproben entscheiden über Erfolg und Rückschlag, die Disziplinen genannten Vampir-Fähigkeiten geben jedem Charakter seine individuelle Note, und über allem schwebt die Maskerade: Wer zu offensichtlich die Zähne zeigt, lockt die falschen Leute an. Nach 40 bis 90 Minuten speichert die App den Stand der Chronik, und beim nächsten Mal geht es exakt dort weiter, wo wir aufgehört haben.
Playable Characters: Vier neue Anarchen
Playable Characters erweitert den Pool spielbarer Charaktere um je ein Mitglied der Klans Lasombra, The Ministry, Hecata und Tzimisce. Jede Figur bringt ein eigenes Profil, eigene Disziplinen und eine eigene Perspektive auf die Geschehnisse in Mailand mit. Beeindruckt hat uns, wie vollständig die App die Neuzugänge integriert: Dialoge, Zwischensequenzen und Story-Reaktionen behandeln die vier, als wären sie von Anfang an Teil der Chronik gewesen. Nichts wirkt nachträglich angeflanscht. Für uns war die Box der perfekte Anlass für einen Neustart der Kampagne, und weil die App die komplette Verwaltung übernimmt, lassen sich auch zu zweit problemlos vier Charaktere gleichzeitig steuern.
Die Auswahl ist dabei alles andere als beliebig: Mit den Schattenmanipulatoren der Lasombra, den Verführer*innen des Ministry, den totenkundigen Hecata und den fleischformenden Tzimisce ziehen vier Klans ein, die der World of Darkness eine deutlich kantigere Note verleihen. Wer sich im Rollenspiel-Vorbild zu Hause fühlt, wird beim Anblick der Namen wissend nicken; alle anderen lernen vier herrlich unbequeme Spielstile kennen, die sich spürbar von den Charakteren der Grundbox abheben.
Unser bewusster Schnelldurchlauf durch bereits bekannte Passagen entpuppte sich dabei als Härtetest für den Wiederspielwert. Das Ergebnis: Die Chronik bleibt auch im zweiten Durchgang spannend. Andere Charaktere provozieren andere Reaktionen, alternative Entscheidungen öffnen Pfade, die wir beim ersten Mal links liegen gelassen haben. Wer das Spiel bereits kennt, erlebt keine bloße Wiederholung, sondern eine Variation mit eigenem Reiz.
Ein Wort zur Konstellation: Zu zweit mit vier Charakteren zu spielen, hat sich für uns als besser als gedacht herausgestellt. Jede Person führt zwei Untote, die App übernimmt Buchhaltung und Initiative, und am Tisch bleibt genug Raum, um Entscheidungen wirklich auszudiskutieren. Gerade in den moralisch grauen Momenten, in denen die Chronik ihre stärksten Szenen hat, will schließlich niemand allein entscheiden, wessen Loyalität geopfert wird. Größere Gruppen profitieren dafür vom Schlagabtausch am Tisch, müssen sich die großen Auftritte aber teilen.
Prospero’s Legacy: Das Erbe des Prinzen
Die Story-Erweiterung Prospero’s Legacy knüpft an die Ereignisse der Hauptchronik an: Alte Rival*innen aus den Reihen des Sabbat drängen in die Stadt, um Anspruch auf das Erbe des Prinzen zu erheben, und lüften dabei weitere Geheimnisse aus Prosperos Vergangenheit. Rund vier Stunden neuer, vollständig vertonter Inhalt warten hier. Materiell fällt die Box mit einer Verbündeten-Mini, sechs Sabbat-Kontrollminis und sechs Einflusswürfeln, die die wachsende Präsenz der Sekte auf dem Brett abbilden, übersichtlich aus. Der eigentliche Inhalt steckt in der App. Tonal wird es spürbar düsterer und politischer, ganz so, wie es sich für einen Machtkampf mit dem Sabbat gehört. Schön gelöst: Wer die Hauptchronik bereits abgeschlossen hat, bekommt hier einen handfesten Grund, nach Mailand zurückzukehren, ohne dass sich die neuen Kapitel wie ein Anhängsel anfühlen.
Mystical Milan: Da Vincis dunkles Erbe
Mystical Milan schlägt leisere, dafür geheimnisvollere Töne an: Unser Klüngel erkundet das mystische Erbe Mailands und des großen Erfinders Leonardo da Vinci, während uns die fanatische Hand des Heiligen Ambrosius noch verbissener jagt. Auch hier warten rund vier Stunden zusätzlicher Inhalt, die sich in die laufende Chronik verweben. In der Box stecken eine Verbündeten-Mini, eine Ghul-Mini und acht Plättchen. App-gestützte Story-Kampagnen gibt es inzwischen einige, und ISS Vanguard hat eindrucksvoll gezeigt, wie viel Atmosphäre eine vertonte Begleit-App erzeugt. Milan Uprising geht aber noch einen Schritt weiter, weil die Technik nicht nur vorliest, sondern den kompletten Spielzustand verwaltet und auf jede Entscheidung reagiert.
Transparenz muss sein: Beide Story-Erweiterungen haben wir bislang angespielt, aber noch nicht abgeschlossen. Doch die ersten Kapitel entwickeln einen Sog, dem wir uns gar nicht entziehen wollen. Die Frage ist nicht, ob wir weiterspielen. Nur wann.
Ausstattung
Wer die schmalen Schachteln zum ersten Mal in der Hand hält, dürfte stutzen: ein paar Miniaturen, Würfel, Plättchen. Das war es an physischem Material. Die Minis selbst sind ordentlich modelliert und stehen den Figuren des Grundspiels in nichts nach, ihr eigentlicher Trick steckt aber im Inneren: Dank Sensor meldet sich jede Figur selbstständig beim Board an, die App quittiert den Neuzugang, und das Brett bindet ihn in seine Lichteffekte ein. Eine Anleitung sucht man vergebens und vermisst sie auch nicht, denn die App erklärt alles Nötige im Spielfluss.
Die drei kompakten Boxen folgen dem Look des Grundspiels, nehmen im Regal kaum Platz weg und machen mit ihren stimmungsvollen Covern durchaus etwas her. Trotzdem bleibt beim Auspacken ein zwiespältiges Gefühl, denn gemessen am Karton ist erstaunlich viel Luft enthalten. Hier rächt sich die Erwartungshaltung, die wir von klassischen Erweiterungen kennen: Wo sonst Kartenstapel, Tableaus und Regelhefte stecken, liegt hier eben der Großteil des Inhalts unsichtbar auf den Servern beziehungsweise in der App.
Der eigentliche Gegenwert ist ohnehin digital: ausgearbeitete Szenarien, verzweigte Entscheidungspfade und eine vollständige Vertonung. Letztere gibt es inzwischen auch auf Deutsch, und der Sprecher macht seine Sache gut, auch wenn er die Dramatik stellenweise etwas überspitzt. Verglichen mit der rein englischen Sprachausgabe zum Start des Grundspiels ist das dennoch ein gewaltiger Schritt nach vorn und senkt die Einstiegshürde deutlich. Die Kehrseite bleibt bestehen: Ohne funktionierende App und ohne Teburu-Board läuft hier gar nichts. Das wachsende Ökosystem spricht allerdings dafür, dass sich die Investition trägt, denn mit Sword & Sorcery steht bereits das nächste Schwergewicht für die Plattform in den Startlöchern.
Die harten Fakten:
- Verlag: Pegasus Spiele, Xplored
- Autor*in(nen): Davide Garofalo, Riccardo Landi, Paolo Tajé
- Illustrator*in(nen): Jarrod Castaing, Marco Fornaciari, Andrea Stanga
- Erscheinungsjahr: 2026 (deutsche Ausgabe)
- Sprache: Deutsch (App inzwischen mit deutscher Sprachausgabe)
- Spieldauer: 40 bis 90 Minuten pro Partie; je Story-Erweiterung rund 4 Stunden zusätzlicher Inhalt
- Spieler*innen-Anzahl: 1–4 Personen
- Alter: ab 18 Jahren
- Preis: je 54,99 EUR (UVP)
- Bezugsquelle: Fachhandel
Bonus/Downloadcontent
Die Chronik ist mit diesen drei Boxen nicht am Ende: Aus der internationalen Crowdfunding-Kampagne stammt mit The Unending Dream bereits eine vierte Story-Erweiterung. Die zugehörige App samt deutscher Lokalisierung gibt es kostenlos für alle gängigen Plattformen, Updates eingeschlossen. Und wer wissen will, wohin die Reise der World of Darkness auf dem Teburu als Nächstes führt, wirft einen Blick auf Vampire: The Masquerade – Palermo Conspiracies, den kommenden Ableger rund um die sizilianische Nacht.
Fazit
Drei Boxen, ein Befund: Diese Erweiterungen machen genau das, was gute Erweiterungen tun sollen. Sie fügen sich nahtlos ins Grundspiel ein, respektieren dessen Stärken und liefern dort nach, wo wir es uns gewünscht haben. Playable Characters ist für uns der heimliche Star, weil vier neue Charaktere der kompletten Chronik einen zweiten Frühling schenken und den Wiederspielwert spürbar erhöhen. Prospero’s Legacy und Mystical Milan liefern Stoff für viele weitere lange Nächte, und die neue deutsche Sprachausgabe räumt die letzte große Hürde des Grundspiels ab.
Der Wermutstropfen bleibt der Preis. Knapp 55 EUR pro Box, also circa 165 EUR für das komplette Paket: Das ist happig. Wer nur auf das physische Material schaut, fühlt sich schnell übervorteilt, schließlich bezahlt man hier vor allem die Ausarbeitung der Szenarien, die Vertonung und die nicht eben günstige Sensorik gleich mit. Fair eingeordnet ist der Preis trotzdem zu hoch, denn für dasselbe Geld bekommt man anderswo zwei bis drei ausgewachsene Videospiele mit deutlich mehr Spielstunden.
Auf eine Daumen-Wertung verzichten wir diesmal bewusst, denn Erweiterungen für ein Hybrid-System, das Grundspiel und eigene Hardware voraussetzt, lassen sich schlecht isoliert bewerten. Stattdessen gibt es eine klare Empfehlung: Wer Milan Uprising samt Teburu-Board besitzt und die nächtliche Lombardei liebgewonnen hat, kann bedenkenlos zugreifen, am besten zuerst bei Playable Characters. Alle anderen beginnen beim Grundspiel. Mailand ist eine Reise wert. Zumindest bei Nacht.
- Nahtlose Integration ins Grundspiel
- Hoher Wiederspielwert durch neue Charaktere
- Endlich deutsche Sprachausgabe
- Stolzer Preis
- Sprecher überspitzt mitunter
Artikelbilder: © Pegasus Spiele
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Tim Billen
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