Dunkle Nächte in Sizilien: In Vampire: The Masquerade – Palermo Conspiracies schlüpfen wir in die Rolle von Archonten der Camarilla. Auf digital unterstützten Pfaden ermitteln wir im Fall eines verschwundenen Vampirprinzen und erleben bereits im Demo-Spiel, wie tief uns dieses Brettspiel in seinen Bann zieht.
Palermo im Jahr 2025: Der Fürst der sizilianischen Vampirgesellschaft ist spurlos verschwunden. In dieser eigenständigen Fortsetzung von Vampire: The Masquerade – Milan Uprising übernehmen wir die Rollen von Camarilla-Archonten, die in den Gassen Palermos nach Antworten suchen. Hinter dem neuen Spiel steht erneut das italienische Studio Xplored mit seinem hybriden Teburu-System. Dieses verknüpft traditionelle Brettspiel-Mechanik mit digitaler Unterstützung – ein Konzept, das wir bereits in unserem ersten Teburu-Test als „neue Form des immersiven Spielens“ erlebt haben.
Die Entwicklung von Palermo Conspiracies steht ganz im Zeichen seines Vorgängers, bricht aber inhaltlich zu neuen Ufern auf: Statt anarchischer Aufständischer spielen wir diesmal die Ermittler*innen der etablierten Vampirgesellschaft. Trotz dieses Perspektivwechsels bleibt das Spiel der dichten Erzählweise der Welt der Dunkelheit treu. Ähnlich wie das rein analoge Kampagnen-Brettspiel Vampire: Die Maskerade – CHAPTERS unsere Gruppe ohne Spielleitung durch eine verzweigte Story führte, übernimmt hier eine App diese Rolle. Das ermöglicht komplexe Narrative mit verzweigten Entscheidungspfaden, ohne dass wir uns durch Wälzer von Regeln arbeiten müssen und auch der Verwaltungsaufwand der Charaktere ist überschaubar. Wir hatten auf der SPIEL Essen 2025 und dank eines Demo-Kits bereits Gelegenheit, rund eine Stunde in ein Szenario reinzuschnuppern. Dabei konnten wir nicht nur den neuen Schauplatz und die Charaktere kennenlernen, sondern auch schon Blut lecken.
Gewalt, Horror-Themen, Blut, Mord
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
In Palermo Conspiracies erwartet uns ein Erzählspiel für ein bis vier Personen. Unsere Spielgruppe verkörpert vier vorgefertigte Vampir-Charaktere, sogenannte Archons, die im Auftrag der Justikarin Diana Iadanza die Straßen Palermos unsicher machen. Über das modulare Stadtspielbrett – das sich je nach Storyverlauf nach und nach aufdeckt – bewegen wir unsere „intelligenten“ Miniaturen durch verschiedene Stadtteile. Dank der unter dem Brett integrierten Sensorik weiß die App stets, wo sich jede Figur befindet, und präsentiert uns automatisch die passenden Szenen: Von Dialogen mit zwielichtigen Informanten über das Untersuchen mysteriöser Spuren bis hin zu hitzigen Kämpfen gegen Widersacher werden alle Aktionen digital abgehandelt.
Noch nicht in der Demo, aber zum Marktstart: Nach dem Aufbau (Brett ausklappen, Figuren platzieren, App starten) führt uns Palermo Conspiracies mit einem Tutorial in die Situation ein – genauso nahtlos, wie wir es vom Vorgänger kennen. Die App erklärt die wichtigsten Regeln, während wir bereits in der Geschichte voranschreiten. So entfällt die klassische Regel-Lektüre fast vollständig. Stattdessen stehen wir bald vor unserem ersten großen Rätsel: Was ist mit Fürst Marc de Clécy geschehen? Die Story entfaltet sich kapitelweise. Gemeinsam diskutieren wir unsere nächsten Schritte, doch im Gegensatz zu Milan Uprising ist Palermo Conspiracies semi-kooperativ, das heißt neben dem Gruppenerfolg kann auch die persönliche Agenda eine Rolle spielen. Ähnlich wie bereits Milan Uprising mit versteckten Informationen und individuellen Zielen arbeitete, hat hier jede*r Archon eigene Motive, die nicht immer vollständig aufgedeckt sind. Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser, gerade unter Blutsaugern.
Auf den ersten Blick werden Kenner*innen von Milan Uprising vieles wiedererkennen: Wir bewegen uns rundenweise auf dem Spielbrett, interagieren via App mit Orten und NSCs, und ab und zu kommt es zu brenzligen Kämpfen oder sozialen Konflikten, die über Würfelwürfe (natürlich mit den Smart Dice) ausgetragen werden. Doch Palermo Conspiracies erweitert die Formel an entscheidenden Stellen. Eine der auffälligsten Änderungen betrifft das Ressourcen-Management: Anders als in Mailand, wo unsere Gruppe ein gemeinsames Inventar und Budget verwaltete, verfügt hier jeder Vampir über individuellen Besitz. Geld, Ausrüstung oder angeheuerte Helfer*innen sind nicht mehr automatisches Gemeingut – wir müssen also taktisch abwägen, wer was beisteuert oder für sich hortet.
Ebenfalls neu ist die Verdachts-Leiste: Je mehr Unruhe wir in Palermo stiften, desto stärker ziehen wir die Aufmerksamkeit der Sterblichen auf uns. Lassen wir etwa rivalisierende Fraktionen zu lange gewähren oder verursachen durch unvorsichtiges Jagen blutige Zwischenfälle, steigt die Verdachtsanzeige unaufhaltsam. Dieses System wirkt wie ein stetig tickender Countdown im Hintergrund und verlieh schon unserer kurzen Demo-Partie eine angenehme Dringlichkeit: Wir mussten Prioritäten setzen und konnten uns nicht in endlosen Diskussionen verlieren.
Auch auf dem Stadtplan selbst hat sich etwas getan. Konnte Mailand phasenweise wie ein Area-Control-Spiel wirken, fühlt sich Palermo noch dynamischer an. Zwei neue vampirische Fraktionen – die exzentrische Malkavianer-Blutlinie Geni und die altehrwürdigen Ventrue der Familie Mancini – kämpfen im Machtvakuum um die Vorherrschaft. Gleichzeitig mischen sich neue Ereignistypen ins Geschehen. Das Zusammenspiel all dieser Mechaniken – vom persönlichen Inventar über die Verdachts-Uhr bis zu Einzelereignissen – verleiht Palermo Conspiracies einen spürbaren strategischen Tiefgang. Gleichzeitig bleibt das grundsätzliche Spielgefühl vertraut: Wir befinden uns in einer interaktiven Vampirgeschichte, in der unsere Entscheidungen den Verlauf der Kampagne prägen. Genau das macht den Reiz aus.
Die technische Umsetzung verdient besonderes Lob. Schon Milan Uprising demonstrierte, wie flüssig App und Brett verzahnt werden könnten, hatte aber ja seine bekannten Schwächen. Palermo Conspiracies setzt hier einen drauf. Die App-Oberfläche wurde weiter verbessert und bietet nun zum Beispiel einen Übersichtsbildschirm. Dieses Feature erwies sich als ungemein hilfreich, um bei verzweigten Handlungssträngen den Überblick zu behalten. Auch das audiovisuelle Erlebnis hat zugelegt: Atmosphärische Sounds untermalen unser nächtliches Treiben, von fernen Polizeisirenen bis zum unheilvollen Flüstern alter Palazzo-Gemäuer. Sogar die früher bemängelte (zu Beginn) fehlende deutsche Sprachausgabe wurde angegangen – laut Publisher wird es neben englischer auch eine deutsche und italienische Voice-Over-Narration geben. Bleibt nur zu hoffen, dass in der deutschen Sprachausgabe auf etwas weniger Dramaturgie gesetzt wird, da die später nachgelieferte deutsche Narration des Vorgängers unerträglich ist.
Ausstattung
Die zukünftigen Inhalte der Core-Box umfassen alles, was man für die Kampagne benötigt: ein großformatiges Spielbrett von Palermo (modular aufgebaut mit aufdeckbaren Stadtteilen), vier hochwertige Miniaturen mit integrierten RFID-Tags, dazu diverse Gegner- und NSC-Miniaturen. Insgesamt hinterlässt die Materialqualität einen robusten Eindruck: Die Miniaturen sind detailliert gestaltet, und das Brett wie auch die Tokens bestehen aus solidem, beschichtetem Karton.
Besonderes Augenmerk verdient das Herzstück, das Teburu-Board selbst (falls ihr es nicht bereits aus einem vorherigen Spiel besitzt). Dieses elektronische Brett samt Teburu Core-Modul und Würfeln gehört nicht standardmäßig dazu, kann aber über die Crowdfunding-Kampagne mitbestellt werden. Wir empfehlen diese Investition nur, wenn ihr solche hybriden Spiele wirklich ausreizen wollt – das System funktioniert einwandfrei und bereichert das Erlebnis spürbar für diejenigen die sich darauf einlassen, ist aber auch kostspielig.
Die harten Fakten:
- Verlag: Xplored
- Autor*in(nen): Davide Garofalo, Riccardo Landi, Paolo Tajé
- Illustrator*in(nen): Jarrod Castaing
- Erscheinungsjahr: vermutlich März 2027
- Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch
- Spieldauer: 40 – 60 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 4 Personen
- Alter: ab 18 Jahren
- Preis: Core Pledge 80 EUR, Story Pledge 170 EUR, All-In Pledge 295 EUR
- Bezugsquelle: Gamefound
Fazit
Nach einer Demo-Erfahrung von knapp einer Stunde ist es immer schwer bei einem solchen Story-Schwergewicht eine fundierte Meinung kundzutun. Aber nach meiner bisherigen Erfahrung gelingt Vampire: The Masquerade – Palermo Conspiracies das Kunststück, den positiven Eindruck seines Vorgängers nicht nur zu bestätigen, sondern an vielen Stellen noch auszubauen. Die Mischung aus pointierter Erzählung, clever verzahnter Spielmechanik und stimmungsvoller Technik-Integration hat uns schon im Demo-Spiel regelrecht mit den Fangzähnen knirschen lassen vor Spannung. Palermo bietet eine facettenreiche Bühne und nutzt das Potential der World of Darkness voll aus: Intrigen, Machtkämpfe und moralische Dilemmata warten an jeder Ecke. Besonders bemerkenswert finden wir die Verbesserungen in den Gameplay-Details: Individualisierte Ressourcenverwaltung, ein wesentlich bedrohlicheres Verdachtssystem und neue Zufallsereignisse zeigen, dass Xplored aus Milan Uprising gelernt hat. Wenn die volle Kampagne hält, was die Vorschau verspricht, steht uns ein echtes Highlight für Horror-Fans und Technik-Nerds ins Haus.
- Dichte, atmosphärische Story im World of Darkness-Setting
- Innovative Verzahnung von Brett und App
- Verbesserte Mechanik im Vergleich zu Milan Uprising
- Hohe Anschaffungskosten
- Technik-Abhängigkeit
Artikelbilder: © Xplored
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Giovanna Pirillo
Screenshots: Tim Billen
Das Demo-Kit wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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