Eine neue Kampagne für das Wohlfühl-Horror-Rollenspiel Vaesen führt Charaktere nach Stockholm. Dort, in der schwedischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, wird gerade die Autorität des Königs infrage gestellt. Die Charaktere aber haben ganz andere Sorgen, denn sie wurden gerufen, um einen Mörder zu fangen, dem die Polizei nicht habhaft werden kann.

City of my Nightmares bezieht sich mit dem Titel auf die Novelle Mina drämmars stad („City of my Dreams“) des schwedischen Autors Per Anders Fogelström aus den 1960ern. Darin geht es um eine Gruppe aus der Arbeiterklasse, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in Stockholm ihr Glück sucht. Im Zentrum steht Henning, der nicht nur um Freundschaft und Liebe kämpft, sondern auch mit Drogen, Armut und Krankheit. Das Buch ist Teil eines Quintetts, das die Stadt Stockholm der Zeit schonungslos und dennoch mit inbrünstiger Sehnsucht abbildet und damit eine perfekte Referenz für die Vaesen-Variante von Stockholm liefert.
Blut, Verstümmelung, Drogen, Mentale Gesundheit, Tod, Gewalt, Misshandlung, Mord, schwere Krankheit, Verletzung von Kindern, Gedankenkontrolle
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Typisch für eine Kampagne in Vaesen ist der Aufbau über ein Jahr mit verschiedenen Jahreszeiten. Dass Kampagnen über einen längeren Zeitraum hinweg angesetzt sind, hat auch bei The Lost Mountain Saga zur Stimmung beigetragen und hilft, andere Mysterien dazwischenzuschieben oder persönliche Momente der Charaktere einzuflechten. Für City of my Nightmares ist es außerdem wichtig, dass die vier einzelnen Mysterien in der vorgegebenen Reihenfolge gespielt werden. Nur so ergibt sich eine sinnvolle Geschichte.
Im Buch finden sich neben einer allgemeinen Einführung in die Kampagne und einem Überblick über die Stadt die vier Mysterien, welche nachfolgend besprochen werden. Es versteht sich von selbst, dass dies nicht spoilerfrei geschehen kann. Das Fazit ist jedoch auch für Spielende lesbar, ohne dass sie sich etwas vorwegnehmen.
Stockholm
Die Beschreibung Stockholms umfasst nicht einmal ganz zwei Seiten. Das ist etwas dürftig, bedenkt man, dass sie der Mittelpunkt einer vierteiligen Kampagne ist. Erst in den einzelnen Abenteuern werden die Schauplätze beschrieben, die für das jeweilige Mysterium von Bedeutung sind. Diese Methode ergibt Sinn, weil die Schauplätze dann eng mit Story-Informationen verknüpft werden können, sorgt aber dennoch zu Beginn für eine Art luftleeren Raum für die SL. Aber die SCs sind ja auch nicht dazu angehalten, Stockholm ohne Agenda zu erkunden, wie sich schnell herausstellen wird.

Die allgemeinen Beschreibungen stellen einige Orte und Regionen vor: den Palast oder das neu gegründete Polizeihauptquartier, die Königliche Oper oder die großen Zeitungshäuser. Jeweils ein Absatz ist ihnen gewidmet. Genauso finden sich auch einige namhafte Bewohner*innen der Stadt genannt. Darunter der Schriftsteller August Strindberg, Alfred Nobel oder die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Fredrika Bremer. Auch Vilma af Zimt, die Vaesen-Spieler*innen bereits im Mysterium A Winter’s Tale aus Seasons of Mystery bekannt sein könnte, hat erneut einen Auftritt. Sie ist eine junge lokale Künstlerin und Spiritualistin.
Mit diesen einführenden Informationen und einer Karte der Stadt bewaffnet kann es dann losgehen. Hinter den vier Mysterien steckt natürlich ein Metaplot, der über das konkret zu lösende Problem hinausgeht.
Scent of a Killer
Im ersten Mysterium folgen die Charaktere einer Einladung von Korkmagnat August T. Lysander, einem alten Gönner der Gesellschaft, nach Stockholm. Die jüngst aus der Stadtwache weiterentwickelte Polizeitruppe ist mit einer Mordserie überfordert, und Lysander versucht mit seinem Kontakt zur Gesellschaft Commissioner Gabriel Utterson zu unterstützen.
Es wird davon ausgegangen, dass die Gruppe mit dem Dampfzug anreist. Darin können sie dann in der „City Gazette“ schmökern, die als Handout beiliegt. Ein hervorragendes Mittel, um die Luft der Stadt noch vor der eigentlichen Ankunft atmen zu können.
Während ihrer Untersuchungen nächtigen die Charaktere im Golden Peace, einem Hotel mit Gastraum. Sie besuchen das Polizeihauptquartier und die Slums, aber auch das Opernhaus. Die Anzahl der Orte, die untersucht werden können, ist in diesem Mysterium exorbitant hoch, während die grauenvolle Mordserie nicht abreißt.

Die vielen Möglichkeiten sind richtiggehend erschlagend und erfordern viel Feingefühl bei der SL. Gleichzeitig spiegelt es die wilde und vielfältige Stadt mit ihren wohlhabenden Bürger*innen und der heruntergekommenen Arbeiterschaft wider. Es ist hektisch und laut, unübersichtlich. Zudem lernen Spielende die Stadt dadurch direkt besser kennen.
Der Verlauf des Mysteriums ist an mehreren Stellen von Überraschungen gesäumt. Und auch wenn die Gefahr relativ schnell erkannt sein könnte, ist die Lösung nicht so offensichtlich wie man denken mag. Am Ende ist es sehr leicht, zu einem sehr schlechten Ausgang zu kommen, was das Mysterium aber nicht schlecht macht, sondern nur den Einsatz erhöht.
Song to the Moon
Im Sommer brodelt die Revolution gegen den König noch immer als die Einladung zu einer ganz besonderen Veranstaltung die Charaktere erreicht: Lysander richtet ein Conclavium Sub Rosa aus, ein Geheimtreffen. Er lädt dazu nicht nur Mitglieder der Gesellschaft ein, sondern auch andere Persönlichkeiten mit Wissen über das Übernatürliche. Ein weiterer bekannter Name aus A Winter’s Tale taucht auf: Konstantin Konstantinovich, Count of Yamburg in der Nähe von St. Petersburg. Auch wenn sich die Schreibweisen leicht unterscheiden: Gemeint ist die gleiche Person.
Diesmal führt die Reise auf eine Insel des Stockholmer Schärengartens, also der felsigen Insellandschaft. Dort gastiert man in einer wunderschönen Villa und ist von Fachkundigen des Übernatürlichen umgeben, während zuerst ein Dampfbootingenieur ertrinkt und darauf weitere Angriffe für Unbehagen sorgen.

Ausgelöst durch die Angriffe beschäftigen sich die Charaktere langsam aber sicher mit einem sehr persönlichen Drama, an dessen Ende die Konfrontation eines der neuen Vaesen aus dem Buch Mythic Carpathia steht. Alle wichtigen Informationen wurden aber trotzdem im Mysterium nochmal abgedruckt, damit nicht beide Bücher zum Spielen notwendig sind. Findige Spieler*innen können außerdem noch Informationen über den Metaplot aus den Geschehnissen mitnehmen, die sich ihnen wahrscheinlich erst später erschließen werden.
Im Gegensatz zum ersten Mysterium grenzt dieses fast an ein Kammerspiel: Goose Island ist sehr kompakt mit nur 200 Metern Breite und knapp über einem halben Kilometer Länge. Es hat etwas Beengtes, aber gleichzeitig befreit der Personenkreis, in dem es sich frei über all die mystischen Dinge reden lässt, die man sonst lieber nicht laut ausspricht, um nicht als verrückt zu gelten oder unangenehmen Besuch von der Kirche zu erhalten. Selbstverständlich warten auch in dieser Geschichte wieder einige Überraschungen, die sich erst auf den zweiten Blick offenbaren.
The Haunted Library
Ein halbes Jahr später, im späten Herbst, führt die Charaktere erneut eine Einladung von Lysander nach Stockholm. Er berichtet davon, dass er auf der Spur der Geschichte von Carl Linnaeus ist. Das plötzliche Verschwinden des Gründers der Gesellschaft ist noch immer ein Mysterium für sich. Unter dem Druck, dass auch die Rosenberger hinter das Geheimnis von Linnaeus kommen könnten, beschwört er erneut die Hilfe der Charaktere.
Bei einem guten Essen berichtet Lysander, dass er ganz kurz davorsteht, Homo Ferus, das berühmte Buch von Carl Linnaeus, zu finden. Es soll sich in einem geheimen Bereich unter dem neu errichteten Nationalarchiv befinden. Doch dieser Bereich sei nur von jenen auffindbar, die den Blick haben: Er braucht die Hilfe der Donnerstagskinder der Gesellschaft.
So tauchen die SCs in die Archive ein, finden hoffentlich den Weg in die geheimen Kammern und müssen dort einige Rätsel lösen. Das Mysterium entspricht überhaupt nicht dem klassischen Aufbau eines Vaesen-Abenteuers. Es gibt keine Konfliktherde, die in das Zentrum der Erzählung rücken und durch deren Offenbaren die Charaktere der Wahrheit näherkommen können. Nichtsdestotrotz gibt es ein Vaesen und, wen mag es wundern, mehr als nur eine Überraschung.
Das Mysterium ist sehr gewöhnungsbedürftig, holt aber Rätselfreund*innen ab, und es ist sehr spannend, etwas zur Hintergrundgeschichte von Linnaeus zu hören. Lysander verspricht, sich um die geheime Büchersammlung zu kümmern und ihre Türen den Charakteren immer offenstehen zu lassen.
City of My Nightmares
Zur Abwechslung stammt die Einladung zum letzten Mysterium nicht von Lysander, sondern von der jungen Spiritualistin Vilma af Zimt. Die SCs kehren im Mai in ein Stockholm zurück, dessen Straßen unruhig sind und in dem Revolution in der Luft liegt. Mit af Zimt werden sie eine Séance abhalten und von einem starken Geist kontaktiert werden. Dieser eröffnet ihnen den Diebstahl eines mächtigen Gegenstandes und warnt vor einer großen Bedrohung.

Die Charaktere müssen in der aufgeheizten Stimmung Stockholms einem Artefakt nachjagen und herausfinden, wie sie den mächtigen Feind bezwingen können. Das Kampagnenfinale kommt wie der Widerstand gegen die Monarchie in Schweden, und beides findet am Ende der Kampagne seinen Höhepunkt.
Wie auch immer die Charaktere das Finale auflösen, ist ihnen überlassen. Es gibt verschiedene Konsequenzen und Schicksale, die daraus resultieren. Das Mysterium fühlt sich hektisch an, und die Charaktere rasen durch die Geschichte. Das ist wieder ein wenig entgegen den gewohnten Mustern von Vaesen, passt aber gut zur Stadt und Kampagne. Besonders in Abgrenzung zum vorigen Abenteuer steigert sich dieser Eindruck. Nach dem Finale gibt es noch die Möglichkeit auf ein versöhnliches Nachspiel.
Erscheinungsbild
City of my Nightmares ist wie gewohnt für die Vaesen-Reihe in ein hervorragendes Hardcover gebunden und mit allerlei Illustrationen von Johan Egerkrans, aber auch Anton Vitus und Moreno Paissan versehen. Der Inneneinband ist ebenfalls gestaltet und zeigt vorne eine Marktszene und hinten die Karte der Stadt. Es gibt viele NSC-Bilder, Darstellungen der Umgebung und Gebäude in Dreiviertelansicht mit dargestelltem Innenraum.
Zur besseren Übersicht sind die wichtigsten Hinweise mit einem roten Kreis mit weißem C markiert. Das steht für „central clues“ (im Gegensatz zu „peripheral clues“). Damit ist es für die SL leichter, die Hinweise zur Lösung der Geschichte von anderen, nicht ganz so wichtigen, zu unterscheiden. Eine klare Verbesserung zu vorigen Veröffentlichungen.
Struktur und Aufbau inklusive eines Inhaltsverzeichnisses und Indexes sind wie für Vaesen üblich gut. Hervorzuheben ist noch die doppelseitige Karte (etwa A3-Format), die dem Buch beiliegt. Auf der einen Seite ist dabei Stockholm ohne SL-Anmerkungen zu sehen und auf der anderen die City Gazette abgedruckt, das wohl bisher schönste Handout in Vaesen.
Die harten Fakten:
- Verlag: Free League
- Autor*in(nen): Kiku Pukk Härenstam, Tomas Härenstam
- Illustrator*in(nen): Johan Egerkrans, Anton Vitus, Moreno Paissan
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover/PDF
- Seitenanzahl: 120
- ISBN: 9789189765719
- Preis: 44,95 EUR (Hardcover)/ 17,10 EUR (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG, Sphärenmeister
Bonus/Downloadcontent
Die Handouts gibt es zum Download auf der Free League-Seite.
Fazit
Mit City of my Nightmares erhält man eine Kampagne, die vieles anders als vorige Kampagnen für Vaesen macht. Der zentrale Handlungsort ist Stockholm an der Schwelle zur Revolution gegen die Monarchie. Die Stadt ist mit viel Liebe gezeichnet und stimmig dargestellt, auch wenn die Informationen über die verschiedenen Mysterien hinweg im Buch verteilt sind.
Der Verlauf der Kampagne geht viel auf Hintergründe der Gesellschaft ein, beleuchtet Personen aus anderen Mysterien und vertieft den Metaplot von Vaesen, indem einige weiße Stellen auf der „Storykarte“ verschwinden. Die einzelnen Mysterien sind gut erzählt, und keines davon kommt ohne Überraschung(en) aus, die man nicht hat kommen sehen. Selbst, wenn man vorher gedacht hat, alles zu durchschauen, setzen Kiku Pukk und Tomas Härenstam immer noch einen drauf.

Empfehlenswert ist die Kampagne aber nicht uneingeschränkt. Für die SL sind zwar die neuen Markierungen der wichtigsten Hinweise eine enorme Erleichterung, aber gerade dadurch, dass das erste Mysterium enorm reich an Handlungsorten ist und das dritte ohne typischen Konfliktaufbau auskommt, ist es ratsam, sowohl als SL als auch als Spieler*in bereits Erfahrung im System zu haben. Hinzu kommt, dass die Erforschung der Hintergrundgeschichte viel mehr Einfluss auf die Spielenden hat, wenn diese bereits einige Zeit in der Gesellschaft sind und sich mit den bisherigen Informationen etwas vertraut gemacht haben.
Die Illustrationen und die generelle Gestaltung sind gewohnt hervorragend, besonders beeindruckt natürlich die Karte beziehungsweise das Zeitungs-Handout. Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Charaktere im Zugabteil lesen und einen frühen Eindruck von Stockholm erhalten, bevor sie dann in das facettenreiche Pulverfass fahren und es irgendwann mit einem Knall wieder verlassen.

- Dichte, aufgeladene Atmosphäre
- Spannende Kampagne mit vielen Überraschungen
- Erweiterung der Hintergrundgeschichte der Gesellschaft
- Mysterienaufbau ungewöhnlich
- Für Anfänger*innen nur bedingt geeignet
Artikelbilder: © Free League
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Rick Davids
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