Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Unter dem Titel The Lost Mountain Saga findet sich der Actual Play Podcast von Ellinor DiLorenzo bei den einschlägigen Diensten. Schauplatz ist das 19. Jahrhundert im Schweden der Spielwelt von Vaesen, in der die Charaktere Donnerstagskinder sind. Jetzt ist daraus ein Kampagnenband mit fünf zusammenhängenden Mysterien geworden.

In Vaesen geht es um die namensgebenden „Wesen“, die mythischen Mitbewohner der Menschen. Lange lebte man miteinander mehr oder weniger im Einklang, doch die Industrialisierung und das sich ausbreitende Christentum graben sich unaufhaltsam in dieses labile Gleichgewicht. Ein paar wenige Menschen haben „den Blick“, können Vaesen also sehen. Man nennt solche Menschen manchmal auch Donnerstagskinder. Einige von ihnen – so auch die Charaktere – sammeln sich in Gesellschaften oder Organisationen und versuchen, Missstände aufzulösen, die Kreaturen zu befrieden und notfalls auch zu vertreiben oder zu töten.

In jedem Fall warten spannende Mysterien lebensbedrohlichen Ausmaßes auf die Charaktere. The Lost Mountain Saga verknüpft fünf Mysterien zu einer kleinen Kampagne, die weit größere Machenschaften offenbart, als es zu Beginn den Anschein hat.

Autorin DiLorenzo ist eine in den USA lebende Schwedin, die das Buch selbst als „love letter to my home country, celebrating both the good and the bad“ beschreibt – durchaus passend.

Triggerwarnungen

Horror, Tod, Gewalt, Drogen, Kindesentführung, Kindstod, Gore, Misshandlung

[Einklappen]

Inhalt

Das Kampagnenbuch enthält neben einer Einleitung und den fünf Mysterien noch ein paar Seiten mit Handouts und ein kurzes Glossar.

Die Einleitung beschreibt den Hintergrund der Geschichte, der sich erst langsam entfalten wird. Denn im Idealfall werden diese Zusammenhänge den Spielenden erst später im Verlauf der Kampagne klar, während sie auf dem Weg dahin nur einer gut gelegten Brotkrumenspur folgen.

Franzibald Hansen ist ein aus Dänemark stammender Erfolgsautor und Mitglied der Gesellschaft.
Franzibald Hansen ist ein aus Dänemark stammender Erfolgsautor und Mitglied der Gesellschaft.

Wichtige Schlüsselfiguren werden eingeführt, wie der sympathisch-verschrobene Autor Franzibald Hansen, der die Charaktere gegebenenfalls mit in die „Gesellschaft für Studien der Unsichtbaren und Schutz der Menschheit“ (kurz: „die Gesellschaft“) eingeführt haben könnte. Er ist selbst Mitglied und den Vaesen durchaus wohlgesonnen. Um ein überraschendes Ende nicht vorwegzunehmen, wird über die anderen Charaktere in diesem Artikel nichts verraten.

Auf wenigen Seiten wird der harte Kern sinnvoll vermittelt. Die zentralen Schauplätze sind auf einer Karte vermerkt und der Überblick hilft, die Kampagne kohärent vorzubereiten. Tatsächlich ist es sinnvoll, die fünf Mysterien nicht ausschließlich zu bespielen, sondern mit anderen Mysterien zu mischen oder andere „Filler-Folgen“ einzustreuen, da sich manche Themen in den Mysterien sonst auffällig ähneln könnten.

Spoiler

Das Konzept „älterer Mann, junge Frau“ kommt in den ersten beiden Mysterien vor und hat in der Testrunde für Irritationen gesorgt. Mit etwas mehr Abstand und Zwischenabenteuern könnte man das abschwächen, denn allzu schnell wird ein vermeintliches Muster entdeckt, wo keines ist.

[Einklappen]

Die einzelnen Mysterien sind, von diesen kleinen Ausnahmen abgesehen, sehr unterschiedlich gestaltet, zeigen verschiedene Motive und überraschende Wendungen. „Duty and Despair“ führt die SCs per Zug nach Falun, einer überalterten Kupferminenansiedlung nordwestlich von Uppsala. Dort gibt es nicht nur die leckere schwedische Fika (Kaffeepause) mit Zimtbrötchen, sondern auch Reverend Bruselius, der sich hilfesuchend an Franzibald Hansen gewandt hat. Gotteslästerliche Dinge scheinen zu geschehen und in seiner Not ist die Gesellschaft der letzte Rettungsanker. Franzibald hat die SCs im Gepäck und es wird gewohnt schnell ziemlich düster um die Kupfermine, den Ort und die Menschen, die dort leben.

Nach dem packenden Start führen die anderen Mysterien unter anderem durch Uppsala mit seiner Nervenheilanstalt, die vielen Charakteren durch ihren ersten Kontakt mit der Gesellschaft bekannt sein könnte. Denn dort ist auch immer wieder Linnea Elfeklint anzutreffen, die den Schlüssel zum Anwesen der Gesellschaft überreicht haben könnte: Schloss Gyllenkreutz.

Die schwedische Kaffeepause.
Die schwedische Kaffeepause.

Die Charaktere stolpern über immer mehr Hinweise, besuchen eine Insel und verstricken sich immer weiter in den Hintergrund. Der stetig wiederkehrende Aufbau der Mysterien in Vaesen ermöglicht dabei einen guten Rahmen, eine Art Geländer zum Festhalten, während die Geschichte an Fahrt aufnimmt. Nach der „Einladung“ zum Mysterium gibt es die Möglichkeit, sich vorzubereiten, Boni zu erspielen und dann die Reise anzutreten. Nach der Ankunft findet sich eine Art Abenteuerlandschaft, die die Spielenden erforschen können. Im besten Fall finden sie eine Lösung für das dort herrschende Problem, im schlimmsten Fall sterben die Charaktere.

Die wunderschöne und reichhaltige Welt ist dabei teils gnadenlos: Stumpfes Drauflosrennen oder -prügeln ist in der Regel der Weg in den sicheren Tod und vor allem in dieser Kampagne ist dies wahrer denn je.

Das fünfte Mysterium bildet das große Finale, welches die Handlungsstränge verbindet, Charaktere einbindet, die auf dem Weg kennengelernt wurden, und Entscheidungen von massiver Tragweite von den Spielenden fordert.

Erscheinungsbild

Manche Bilder sind bereits bekannt, aber das macht sie nicht weniger schön.
Manche Bilder sind bereits bekannt, aber das macht sie nicht weniger schön.

Wie gewohnt sind die Illustrationen hervorragend, was kein Wunder ist, da Vaesen im Prinzip auf den Werken von Johan Egerkrans beruht. Der düstere Norden wird schmerzhaft gut abgebildet – mit dem richtigen Anteil an mystischer Ungenauigkeit. Einige Illustrationen sind aus vorigen Veröffentlichungen wiederverwertet, was aber nicht negativ auffällt. Die Karten tragen größtenteils sinnvoll zu den Abenteuern bei, sind leider aber eher nur für die Spielleitung, da sich darauf Markierungen befinden, die den Spielenden etwas vorwegnehmen würden.

Eine kleine, aber feine Ergänzung sind die „Content Warnings“ am Anfang der Mysterien. Das generiert ein zusätzliches Sicherheitsnetz, falls einige Themen doch nicht bespielt werden sollen.

Der Einband ist wie das (englische) Grundregelwerk rau und fasst sich gut an. Auch die Seiten entsprechen dieser angenehmen Haptik. Am Ende finden sich die Handouts für die Spieler*innen. Sie sind sehr passend gestaltet, wobei es dadurch manchmal schwierig ist, die Informationen zu entnehmen, weil die Handschrift erst entziffert werden muss. Den kleinen Index bräuchte es bei den übersichtlichen 84 Seiten nicht einmal.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Free League Publishing
  • Autor*in(nen): Ellinor DiLorenzo, Tomas Härenstam, Kiku Pukk Härenstam
  • Illustrator*in(nen): Johan Egerkrans, Anton Vitus, Christian Granath
  • Erscheinungsjahr: 2023
  • Sprache: Englisch
  • Format: Hardcover, PDF
  • Seitenanzahl: 84
  • ISBN: 9789189765146
  • Preis: 36,95 EUR (Hardcover), 18,77 EUR (PDF)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, idealo, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Bonus/Downloadcontent

Es wird an vielen Stellen darauf verwiesen, dass unter anderem Handouts auf der Internetseite von Free League herunterladbar sind, aber das ist bis zum Zeitpunkt des Erscheinens des Artikels leider nicht der Fall.

Die Homepage des zugrundeliegenden Podcasts gibt ein wenig zusätzliches, aber nicht nötiges Hintergrundwissen zu den Ursprüngen der Saga.

Fazit

Der mythische Norden fasziniert über die Grenzen von Vaesen hinaus viele Menschen. Rollenspieltechnisch ist es eine interessante Dämmerzeit zwischen Alt und Neu, Folklore und Wissenschaft. Und dann ist da noch das Christentum. Man erlebt eine wilde Reise durch das Schweden des 19. Jahrhunderts, in der die Charaktere Ruhe bewahren müssen, so sehr sie die Schrecken auch verfolgen.

Die Kampagne The Lost Mountain Saga ist nicht lang, aber intensiv. Besonders in Kombination mit weiteren Mysterien kann sie eine großartige Erfahrung für Gruselfans sein, aber gleichzeitig auch Mythologiebegeisterte abholen. Der Grad des Schreckens ist steuerbar – auch durch die Content Warnings – und die Geschichte gut erzählt.

Wenn sich alle Facetten entfaltet haben, kommen die Aha-Momente zum Tragen, die Rollenspiele so gut machen. Ob mit bestehenden Charakteren mit einem gut ausgebauten Hauptquartier oder ganz frisch erstellten: Franzibald Hansen zählt darauf, dass man ihn begleitet. Wer könnte dem putzigen Bonvivant diesen Wunsch jemals abschlagen?

Für die Rezension haben sich drei frisch erstellte Charaktere im Schloss Gyllenkreutz zusammengefunden und inzwischen fast alle Mysterien gelöst. Aus einer kleinen Testrunde, um die Kampagne besser einschätzen zu können, die nur das erste Mysterium umfassen sollte, ist mehr geworden, weil die Geschichte alle am Tisch gefesselt hat. Das allein spricht für The Lost Mountain Saga.

Wir vergeben fünf Zimtbrötchen und wünschen eine angenehme Fika.

 

  • Spannende Mysterien
  • Gut geflochtene Geschichte
  • Glaubhafte Charaktere

 

 

 

Artikelbilder: © Free League Publishing
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Katrin Holst
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein