Die Welt ist voller Rollenspiel, es begegnet uns öfter als man im ersten Moment vermuten mag. Damit ist nicht nur das bewusste Spielen wie beim Pen-and-Paper, Videospiel oder Larp gemeint, sondern auch Situationen, mit denen man tagtäglich zu tun hat.

In der Ludologie, wie die Spielwissenschaft bezeichnet wird, bezeichnet das Rollenspiel eine Spielform, in der die Spielenden in die Rollen realer oder fiktiver Figuren schlüpfen. Dies können humanoide Gestalten wie zum Beispiel andere Menschen, Elfen oder Zwerge, tierische wie Katzen, Mäuse oder Drachen oder auch nicht-biologische, beziehungsweise künstliche Wesen wie Roboter, sein. Auch eine Mischform aus diesen ist möglich, wie zum Beispiel Cyborgs.
Psychische Erkrankungen
Inhaltsverzeichnis
Rollenspiel im Wandel der Zeit
Heutzutage denkt die Allgemeinheit beim Begriff Rollenspiel meist an eine Gruppe bebrillter Spielender an einem Tisch, mit Charakterbogen und Würfeln vor sich liegend oder die Einzelperson, die vor dem Computer sitzt und spielt. In manchen Köpfen ist auch das Bild verkleideter Personen, die in pseudo-mittelalterlicher Kleidung und „Gummiwaffen“ herumlaufen. Dazu haben Serien wie The Big Bang Theory oder Hawkeye beigetragen, bei Computerspielen auch der große Hype um World of Warcraft. Der Mensch neigt dazu, in Klischees zu denken und Menschen in Schubladen zu stecken, ob diese Klischees stimmen mögen oder nicht.
Man kann aber sagen, dass die Gesellschaft heutzutage der Rollenspielszene offener gegenübersteht als noch vor einigen Jahren, als Rollenspieler*innen zum Teil als Freaks, Nerds oder Realitätsflüchtige tituliert wurden.
Dabei existieren Rollenspiele, wenn man sich die Definition ansieht, schon weitaus länger. Rollenspiele sind Teil der kindlichen Entwicklung, denn sie dienen dazu, uns zu ermöglichen, andere Perspektiven einzunehmen. Es gibt frei assoziierte und spontane Rollenspiele, die mit der Fantasie der Spielenden gestaltet werden, auch unter Zuhilfenahme von Spielzeug, wie zum Beispiel Räuber-und-Gendarm oder Kaufmannsladen, das mit Spielzeug wie Holzobst oder leeren Verpackungen unterstützt wird. Solche Spiele werden gerne von Kindern in spontanen Szenarien und immer wieder neu gespielt.

Konträr zu dieser Art gibt es reglementierte Rollenspiele, die festen Regeln, Plänen oder Drehbüchern folgen. Hierzu zählen auch Pen-and-Paper, Liverollenspiel und Computerrollenspiele. Eine sehr alte Art des Rollenspiels ist das Theater, wo die Darsteller*innen eine Rolle annehmen und diese (nach Drehbuch) bestmöglich darstellen, unterstützt durch Kostüme und Requisiten (das Spielmaterial).
Weitere bekannte Arten eines Rollenspiels im oben genannten Sinne findet man beim Cosplay oder im BDSM-Bereich.
Formen des Rollenspiels
Es gibt verschiedene Formen des Rollenspiels, die in drei Kategorien eingeteilt sind. Zu einen gibt es das didaktische Spielen, hierbei wird das Rollenspiel zum Erreichen einer pädagogischen Zielsetzung genutzt. Dies findet als methodische Maßnahme fast ausschließlich in Rahmen des Unterrichts oder der Erziehung statt, und wird oft mit Lernspielen verbunden. Dies bedeutet, dass das Rollenspiel von einer außerhalb des eigentlichen Spiels stehenden Personen initiiert wird, dies können Spielleitende, Lehrende oder Erziehende sein, die ein pädagogisches Interesse an diesem Spiel haben. Gerade Lehrende und Erziehende sind in Methodik und Didaktik fachlich ausgebildet, um Fehler zu vermeiden.

Die zweite Kategorie ist das rituelle Rollenspiel, welches vor allem dort stattfindet, wo noch starke, religiöse Traditionen verankert sind. Dies sind meist Maskenspiele, bei denen sich die Spielenden in festgelegte Rollen begeben, wie Dämonen, Götter und gute Geister. Diese Spiele finden sich zum Beispiel in Bhutan, Indonesien oder auch Österreich. Dort gibt es einmal im Jahr den Krampuslauf, bei denen sich Männer als furchteinflößende Krampusse verkleiden und mit Ruten und Glocken lärmend durch die Stadt laufen, um böse Nebel- und Wintergeister zu verjagen. Des Weiteren gehören im Christentum auch die Sternsinger oder das Krippenspiel dazu. Zu dieser Kategorie gehören auch japanische oder chinesische Marionettenspiele. Im europäischen Raum nehmen gerade Kinder im spontanen Spiel gerne die Rollen von Gespenstern, Kobolden, Hexen, Feen und Zauberern an, im reglementierten Rollenspiel erfreuen sich auch Erwachsene an diesen Rollen.
In die dritte Kategorie gehören die Kriegsspiele, wobei hier nicht gemeint ist, dass Schrecken, Leid und Elend des Krieges nachgespielt werden, sondern das Spiel auf der Symbolebene. Die spielenden Personen versetzen sich in die Rolle von Bogenschütz*innen, Jedis oder Ritter*innen und benutzt dazu entsprechende Requisiten. Während Kinder dazu meist auf Äste als Schwerter und Rüstungen aus Pappkartons zurückgreifen, geben sich Erwachsene weitaus mehr Mühe. Sie investieren unter anderem in Schwerter aus Schaumstoff mit Latexüberzug und aufwändigem, an die Realität angelehntem Design und echte Metallrüstungen, bis hin zu einer detailgetreuen Nachstellung der Szenerie im Reenactment. Dieses Spiel findet nicht mit der Absicht statt, real zu verletzen, zu töten oder selbst zu sterben. Sogar Kinder sind sich darüber schon voll im Klaren. Die Symbolebene wird erst dann verlassen, wenn Grenzen überschritten werden, und aus dem Spiel Ernst wird, was eher selten im jugendlichen Alter passieren kann. Jedoch ist die Gefahr statistisch irrelevant, dass aus einem spielenden Kind ein Militarist wird. Das Risiko der Gefahr der Grenzüberschreitung wird eher durch die individuellen jeweiligen familiären Verhältnisse, das Lebensumfeld und die (versagte) Erziehung der*des Einzelnen bestimmt.
Pen-and Paper kann man sowohl zum didaktischen Spiel nutzen, als auch, um Kriegsspiel im obigen Sinne zu spielen, wobei hier die Requisite der Charakterbogen ist. Im weiteren Sinne kann man es bedingt auch zum rituellen Spiel nutzen, wobei es beim Pen-and-Paper mehr darum geht, die Rollen phantastischer Gestalten anzunehmen, statt sie mit einem realen spirituellen Kontext zu verbinden.
Rollenspiel in der Psychotherapie
Unabhängig von der psychologischen Ausrichtung der*des Therapeut*in wird unter anderem zum Rollenspiel gegriffen, wenn der*die Patient*in eine neue Routine oder Handlung in den Alltag integrieren soll. Stark stressbehaftete Situationen werden „durchgespielt“ und der oder die Betroffene lernt anhand seiner*ihrer Reaktionen und Handlungen Vorgehensweisen kennen, die entweder besser durch das Umfeld akzeptiert werden oder die einen neuen, positiveren Effekt als bisher bewirken. Zudem kann durch das Einüben einer bestimmten Reaktion oder Handlung der empfundene Stresslevel reduziert werden, denn die betroffene Person lernt, wie sie reagieren oder agieren kann. Durch das vorausschauende Agieren werden zudem die Chancen erhöht, Situationen bewusst zu den eigenen Gunsten zu lenken.

Das therapeutische Rollenspiel entstammt der Theater- und Dramatherapie, erfordert allerdings keinerlei schauspielerisches Talent, kann daher in allen psychosozialen Feldern angewendet werden. Anwendungsbeispiele sind unter anderem Ängsten, Depressionen, Zwänge, Traumata, Burn-Out, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, bis hin zu Psychosen. Das Rollenspiel wird ebenso zur Selbsterfahrung eingesetzt bei Problemen mit der Kommunikation und sozialem Verhalten, Schwierigkeiten bei der Auslebung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse und mangelndem Selbstvertrauen. Auch angewandt wird es bei Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Konflikten, Macht- und Autoritätsproblemen und dem Aufarbeiten von Kindheitserlebnissen. Es wird sich der eigenen Stärken bewusst gemacht, und man erfährt dadurch eine Bestätigung seiner eigenen Handlungsfähigkeit.
Das Rollenspiel wird nicht nur in der Gruppentherapie eingesetzt, sondern auch in der Einzeltherapie, wobei der*die Therapeut*in aktiv eine Rolle übernimmt, zum Beispiel wenn ein Gespräch mit spezifischem Inhalt durchgespielt wird. Die behandelnde Person nutzt sich hierbei als Projektionsfläche und führt so dem*der Patient*in bewusst vor Augen, welchen Effekt sein Handeln hat.
Das Rollenspiel ermöglicht auf intensive Weise, für den*die Betroffene aber in einem völlig geschützten Rahmen, für das individuelle Problemfeld neue Erfahrungen spielerisch zu sammeln. In kleinen strukturierten Szenen können Patient*innen ihre eigene Ausdrucksweise entwickeln, und es erfolgt eine Distanzierung vom Hintergrund des*der Behandelten, da nicht an einer real lebensgeschichtlichen Szene gearbeitet wird, sondern an einer fiktiven Konstellation. Dadurch kann eine größere Annäherung an die Grundthematik erfolgen.
Durch den sprachlichen Einsatz von Metaphern, Symbolen und Archetypen durch die*den Therapeut*in kann man so folgende Ziele erreichen: die eigene Rolle erkennen, sich in andere Rollen versetzen und Handlungsalternativen erproben, mit Menschen in Kontakt kommen und diesen auch halten, Gefühle ausdrücken und belastende Erlebnisse verarbeiten. Man kann sich in unvertrauten Situationen üben und erleben und sich selbst von außen sehen und beobachten.
Fazit

Rollenspiele gibt es in viel mehr Bereichen unseres Lebens als man auf den ersten Blick meinen mag. Sie haben sich im Laufe der Zeit entwickelt, verändert, weiterentwickelt und sind stets wichtiger Teil unseres Lebens. Man kann also sagen, dass jeder erwachsene Mensch schon einmal mit Rollenspielen in Berührung gekommen ist. Nicht jeder wird automatisch zum Pen-and-Paper-Spielenden, Larper*in oder spielt am Computer, doch diejenigen, die es tun, erhalten sich ein kleines Stück ihrer Kindlichkeit in einer nicht immer schönen Welt.
Wenn man am Spieltisch sitzt, das Congelände betritt oder sich einloggt, betritt man einen Teil einer fiktiven Welt, in der man bewusst eine andere Rolle einnimmt. Die Krankenschwester wird zu einer quirligen Gauklerin, der Anwalt zu einem garstigen Diener des Chaos oder der Gebäudereiniger wird zu einer stolzen Amazone. Man kann die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, soziale Konstellationen, die in der Realität nur schwer funktionieren, werden verändert, und es ist möglich, einfach mal in seiner zeitlich begrenzten, anderen Rolle aufzugehen und abzuschalten.
Zudem lässt sich aus Rollenspielen vielerlei Dinge für den Alltag erlernen, man kann an ungewöhnlichen Situationen wachsen und vielleicht auch aus sich heraus gehen. Man kann Leute mit ähnlichen Interessen und einem gemeinsamen Hobby kennenlernen und Wege gemeinsam gehen.
Artikelbilder: © paulzhuk, © firn, © NewAfrica, © digmas, © Mr_Ptica, © creatista | depositphotos.com
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Sabrina Plote


















