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Die Große Illusion 1: New York, 1938 vom Reprodukt Verlag führt genau dorthin: An der Seite der jungen Diana Morgan entdecken wir die Stadt am Ende der Großen Depression und die Geburtsstunde der modernen Comicindustrie. Ein Comic über den Anfang von Comics: Spielerei oder spannender Geschichtsabriss?

Die Große Illusion 1: New York, 1938 will beides: ein Zeitbild der späten 30er Jahre in New York und den USA liefern, aber auch eine spannende Geschichte über eine junge Frau zeigen, die in dieser schweren Zeit ihren Platz sucht. Der besondere Fokus liegt dabei auf der Trivialliteratur, von Pulp/Groschenheftchen bis vor allem zu Comics. New York zu Ende der 30er Jahre war eine wilde Stadt: Die extreme Arbeitslosigkeit und Armut der Großen Depression führten zu politischer Radikalität und Verbrechen. Kann diese Zeit mit der Comic-Industrie als Aufhänger angebracht dargestellt werden?

Triggerwarnungen

Polizeigewalt, Rassismus, Sexismus, Gewalt, Faschismus, Genozid-Erwähnung

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Handlung

Die Große Illusion folgt der jungen Diana Morgan, die, wie so viele damals, von zu Hause ausriss, um in der großen Stadt ihr Glück zu suchen. Sie stammt aus Kansas, das im Rahmen des sogenannten Dust Bowl Mitte der 30er von verheerenden Dürren und Staubstürmen geplagt wurden. Diana sieht sich dort mit ihrer Familie und deren eben verstorbenem Esel gefangen. Ihre einzige Flucht sind Pulp-Hefte – Groschenhefte, die vor allem mit ungezügelter und wilder Darstellung (jedenfalls für die Zeit) von Gewalt und Sex punkten. Jedenfalls, bis sie es tatsächlich wagt und in den Zug nach New York steigt.

Dort angekommen ist das Mädchen vom Land von der Riesenmetropole völlig überwältigt. Sie will eine neue Identität als „Roberta Miller“ beginnen, aber ihr kleiner Koffer wird sofort gestohlen, und sie landet in einer Armenmission. Glück im Unglück: Ihr begegnet Agnes, ein Mitglied der kommunistischen Partei. Roberta wird ihre Zimmergenossin und beginnt bei Rise the Masses, einer kleinen kommunistischen Zeitung, zu arbeiten – natürlich unbezahlt, die Revolution geht vor. Angesichts der katastrophalen Arbeitslosigkeit ist Roberta schnell von den kommunistischen Idealen überzeugt, ihre Leidenschaft bleiben aber weiterhin Pulps – und auch die neueste Form der Trivialliteratur: Comichefte.

In der Armut des Dust Bowls war jede Fluchtmöglichkeit willkommen © Reprodukt Verlag
In der Armut des Dust Bowls war jede Fluchtmöglichkeit willkommen © Reprodukt Verlag

In den heruntergekommenen, billigen Kaschemmen New Yorks trifft sich damals allerhand zwielichtiges Gesindel: Gangster*innen, Kommunist*innen, Tatort-Fotograf*innen und natürlich auch arme Künstler*innen – wie Comiczeichner*innen. Weit entfernt von modernen Comic-Superstars wie Jim Lee waren Comics damals die unterste Stufe, für Leute, die sonst nichts bekamen. Dazu gehört auch Frank Battarelli, ein italo-amerikanischer Künstler mit typischem Werdegang: Als klassischer Maler für Kirchengemälde ausgebildet, fand er keine Arbeit und musste sich bald als Comiczeichner durchschlagen. Zufällig stößt er auf Roberta und erkennt ihr Talent – oder jedenfalls ihre Fähigkeit, in kürzester Zeit solide Comic-Skripts abzuliefern. Nach einigen Verwicklungen werden Roberta und der moralisch ungefestigte Frank Partner*innen und starten eine Karriere – auch wenn Roberta unter männlichem Pseudonym schreiben muss.

Die Geschichte wird dabei nicht gänzlich linear erzählt. Der Aufhänger besteht darin, dass Roberta zu Beginn bei einer Demonstration von Polizist*innen niedergeknüppelt wird. In der Bewusstlosigkeit erscheinen ihr ihre Figuren, wie der Superheld Dogman oder die Schurkin Arachna, die Roberta durch ihre eigene Geschichte führen. Die Idee wird geschickt genutzt: Es stellt sich im Lauf der Erzählung heraus, dass Robertas Figuren aus ihrem Leben kommen.

Roberta erhält von Frank einen Crashkurs in der Comicproduktion © Reprodukt Verlag
Roberta erhält von Frank einen Crashkurs in der Comicproduktion © Reprodukt Verlag

Dogman erfand sie, um ihren hundeliebenden Comicverleger zu überzeugen. Der Verleger war ursprünglich Alkoholschmuggler, der nach der Prohibition auf Softporno-Schmuddelhefte umstieg, und in dem Comic-Boom eine Möglichkeit sah, noch billiger noch mehr Geld zu verdienen. Das ist historisch fundiert, viele der Pulp- und Comicverlage in den 30ern hatten Verbindungen zu zwielichtigen Gestalten und betrieben wenigstens nebenher etwas Geldwäsche. Aus demselben Grund waren auch so viele der damaligen Comic-Künstler*innen, wie Frank, Migrant*innen. Die Leute waren froh über jeden Hungerlohn, egal wie sehr sie ausgebeutet wurden.

Arachna wiederum basierte auf Robertas Liebe zu einer Burlesque-Tänzerin. Zusätzlich zur Kommunistin und Comic-Autorin ist Roberta auch lesbisch. Für moderne Verhältnisse mag es überraschend scheinen, dass Roberta das offen ausleben kann. Aber auch das beruht auf einer traurigen Wahrheit: Wer damals ganz unten an der sozialen Leiter stand, war den anderen Ausgegrenzten der Gesellschaft gegenüber oft offen – das gemeinsame Leid ließ über solche Unterschiede hinwegblicken. Allerdings war das keine Sicherheit für diskriminierte Gruppen, eher ein unsicherer Waffenstillstand, der auch jederzeit brechen konnte.

Wie viele kreative Branchen verbirgt auch die Comicindustrie hinter den Traumwelten eine besonders dunkle Realität © Reprodukt Verlag
Wie viele kreative Branchen verbirgt auch die Comicindustrie hinter den Traumwelten eine besonders dunkle Realität © Reprodukt Verlag

Die Geschichte, und die sie erzählenden Figuren, werden außerdem von Robertas Unterbewusstsein beeinflusst. Manche Dinge, die sie lieber verdrängen will, werden erst übergangen, oder ironisch angesprochen, während die Wahrheit erst später offenbart wird.

Als Geschichte einer jungen Frau, die in einer schwierigen Zeit in New York landet, ist Die Große Illusion durchaus gelungen. Im Lauf der Geschichte werden aber zu viele Nebenhandlungen eröffnet. Die Geschichte von Roberta an sich ist gut. Roberta, die in der kommunistischen Partei landet, wäre auch gut. Die Geschichte von Roberta, die in der zwielichtigen Comic-Industrie landet, wäre auch gut. Die Geschichte von Roberta, die als lesbische Frau im queeren Untergrund von New York landet, wäre ebenfalls gut. Zusammen werden die Geschichten aber zu unübersichtlich. Der fortlaufende Nebenplot der kommunistischen Zeitung, die im Angesicht interner und externer Streitigkeiten um ihr Leben kämpft, hätte eine unabhängige Geschichte für sich sein können. Robertas Liebesleben wird in diesem Band zwar nur gestreift, das hinterlässt aber trotzdem das Gefühl, dass dazu mehr Zeit sein sollte. Das Leben von Frank, dem erfolglosem Künstler, nimmt auch eine sehr große Rolle ein. Wäre es nur die Geschichte von Roberta als Comiczeichnerin, wäre das eine Balance zwischen Autorin und Zeichner, mit den anderen Geschichten zusammen liest es sich aber nur unausgewogen: Noch eine Nebenhandlung mehr.

Charaktere

Die Hauptfiguren der Geschichte sind eindeutig Roberta und Frank. Neben den beiden spielen aber auch Agnes, Mickey und Jules eine Rolle.

Amerikanische Kommunisten, die mit der Sowjetunion brechen, bieten genug Material für eine eigene Geschichte © Reprodukt Verlag
Amerikanische Kommunisten, die mit der Sowjetunion brechen, bieten genug Material für eine eigene Geschichte © Reprodukt Verlag

Diana Morgan alias Roberta Miller alias Bob Smoke (ihr Pseudonym) ist eine typische Einführungsfigur. Sie ist am Anfang ein unschuldiges, behütetes Mädchen vom Lande, das nichts von der „echten Welt“, deren Gefahren oder Politik versteht. In New York muss sie das schnell nachholen und findet Unterstützung bei Agnes und Frank, die ihr mehr oder weniger eigennützig helfen. Schließlich bildet sich Roberta, typisch für Coming-of-Age-Geschichten, durch ihr Erlebtes ihre eigene Persönlichkeit aus. An Robertas Seite werden die Leser*innen, genauso wie sie selbst, in das damalige New York eingeführt. Sie bleibt aber nicht völlig unbeschrieben, im Lauf der Geschichte zeigt sich nämlich, dass Roberta doch nicht ganz so unschuldig war …

Bei Frank ist das andererseits von Anfang an klar. Er ist ein sexistischer Frauenheld, mindestens latent rassistisch und ein jähzorniger Angeber, dem es nur auf den eigenen Vorteil ankommt. Trotzdem verhilft er Roberta zu ihrem Traumjob. Zu Anfang aus Eigennutz, im Lauf der Zeit erlebt er aber etwas Ungewohntes: Er beginnt Roberta als eine Partnerin zu sehen, vielleicht sogar gleichberechtigt – etwas völlig Neues für den italienischen Klischee-Macho.

Agnes spielt zu Anfang eine wichtige Rolle, da sie Roberta aufnimmt und in die kommunistische Partei und die Zeitung einführt. Im Laufe der Geschichte leben die beiden sich aber auseinander, auch weil Agnes kulturell eher snobistisch veranlagt ist und auf Pulp und Comics herabschaut.

Mit Jules wird auch die nächste Generation von Comics inspiriert © Reprodukt Verlag
Mit Jules wird auch die nächste Generation von Comics inspiriert © Reprodukt Verlag

Mickey war eigentlich der Zeichner für Rise the Masses. Wie Roberta wurde aber auch er von der Comic-Industrie abgeworben – auch die größten Idealisten müssen mal essen. Er hilft Frank bei den Zeichnungen. Sein Abgang unterstreicht aber vor allem die Probleme, denen die kommunistische Zeitung ausgesetzt ist.

Jules ist ein Junge, der im selben Haus wie Frank wohnt. Er spiegelt Roberta wider: Er lebt zwar in der Großstadt, aber genau wie Roberta in bitterer Armut, scheinbar ohne Chancen oder Ausblick. Aber genau wie Roberta ist Jules ein begeisterter Comic-Fan, der vor allem Superman liebt. Seine Versuche, sein Lieblingscomic nachzumalen, werden bald von Frank bemerkt. Aber kann das Jules ebenso wie Roberta die Tore in sein Traumleben öffnen? Denn ein weiterer Zeichner kommt Frank zwar immer gelegen, aber ein Kind bekommt statt Gehalt doch höchstens ein Taschengeld … oder?

Zeichenstil

Alessandro Tota schrieb Die Große Illusion nicht nur, er zeichnete es auch. Sein Zeichenstil ist simpel gehalten. Figuren haben wenige Details, die dafür aber comic-artig überspitzt sind. Große, runde Augen, Nasen, oder wenige markante Falten im Gesicht. Das Aussehen der Zeit trifft Tota ebenso in simplen, aber effektiv dargestellten Gegenständen oder Kleidungsstücken. Die teils etwas (absichtlich?) ungelenke Komposition und die freihändig-unruhige Linienführung weckt aber auch Assoziationen an die tatsächlichen US-Comics der 30er. An einigen Stellen ahmt er sehr gut gelungen tatsächliche Zeichnungen von 1938, wie aus Superman oder Little Nemo, nach. Das passt hervorragend zum Setting, allerdings zeigt der Vergleich mit Totas eigentlichem Stil dann doch, dass er selbst zeichnerisch eher aus der europäischen Tradition entstammt.

Erscheinungsbild

Die Große Illusion 1 wurde vom Reprodukt Verlag als hochwertiger Hardcover-Band aufgelegt. Die Druck- und Farbqualität der besonders dicken Seiten ist hervorragend. Das Titelbild schafft es, die wichtigsten Aspekte der Geschichte künstlerisch vereint darzustellen, ohne überladen zu wirken. Der feste Einband macht einen wertigen Eindruck und muss sich in keinem Regal verstecken.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Reprodukt Verlag
  • Autor*in(nen): Alessandro Tota
  • Zeichner*in(nen): Alessandro Tota
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Format: 20x27cm Hardcover
  • Seitenanzahl: 248
  • Preis: 29 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Fazit

Die große Illusion 1: New York, 1938 ist ein vielschichtiger Comic, der unterhaltsam in eine Zeit voller Umbrüche entführt. Die frühe Comicindustrie dient dabei nicht nur als historischer Hintergrund, sondern als Spiegel einer Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Not, politischer Radikalisierung und kreativer Aufbruchsstimmung.

Die Hauptfigur Roberta eröffnet vielfältige Perspektiven auf das Leben am Rand der Gesellschaft – ob als Frau, Kommunistin, in der armen Unterschicht, als kreative Stimme oder auch als Teil queerer Subkulturen. Besonders gelungen ist die Kombination aus persönlicher Entwicklung und Zeitporträt.

Die große Illusion 1 will dabei keine akribische Geschichtsstunde oder Anekdotensammlung über die Anfänge der Comicindustrie wie Howard Chaykins Hey Kids! Comics! sein, sondern ein Stimmungsbild der damaligen Zeit und Zustände abbilden.

Trotz gelegentlicher Überfrachtung durch zahlreiche Nebenhandlungen bleibt der Band eine lohnende Lektüre – sowohl für Comic-Neulinge als auch für historisch Interessierte. Die Illusionen, die Comics ihren Leser*innen damals boten, werden hier auf mehreren Ebenen greifbar: Als Traumwelt und als Karrierechance boten Comics Realitätsflucht, aber auch reale Perspektiven. Ebenso präsent sind aber auch die Schattenseiten der harten Realität von prekärer Arbeit, kreativer Ausbeutung und gesellschaftlicher Ablehnung.

Die dichte Atmosphäre, die klugen Metaebenen und viel Gefühl für das unterschätzte Medium Comic machen Die große Illusion 1 nicht nur zu einem gelungenen Band, sondern auch Lust auf mehr.

  • Vielseitige Geschichte mit historischem Tiefgang
  • Gelungene Einführung in Comics und New York der 30er Jahre

 

  • Verzettelung durch zu viele konkurrierende Handlungsstränge

 

Artikelbilder: © Reprodukt Verlag
Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Sabrina Plote
Fotografien: Paul Menkel
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